Grazer Radfahrer Club
 
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Elise Steininger und die Anfänge des Frauenradfahrens in Graz

Elise Steininger gilt als österreichische Radpionierin. Sie war 1893 Mitbegründerin des Grazer Damen-Bicycle-Club, des ersten Frauenradfahrvereins der Monarchie. 2006 wurde die längste Brücke in Graz, der Geh- und Radwegsteg am linken Murufer unter der Keplerbrücke, nach ihr benannt.

Grazer Radpionierinnen, 1892
Grazer Radpionierinnen, 1892
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C.A. und Elise Steininger
C.A. und Elise Steininger
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Marie Ciganek
Marie Ciganek
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Externe Verknüpfung Elisabeth Rauch (geb. 10.12.1854) stammte aus der Wojwodina, die damals zu Ungarn gehörte (heute Serbien). Sie kam nach Wien und heiratete 1877 den Versicherungsbeamten Carl Anton Steininger. Was das Ehepaar dann nach Graz verschlug, ist nicht bekannt; überliefert ist, dass Elise 1891 Radfahren lernte, also schon 37 Jahre alt war, und damals zu den ersten Radlerinnen an der Mur zählte.

Es war die Zeit, als das Nieder- das Hochrrad ablöste und den Frauen den Zugang zu diesem Sportgerät erleichterte. Zwar übten sich Frauen schon in anderen Sportarten wie dem Turnen, doch nichts fand so öffentlich statt wie das Radfahren. So blieb die Diskussion um die Schicklichkeit des Damenradfahrens lange auf der Tagesordnung. Oft schwang bei den Kritikern auch die Befürchtung mit, die Frauen könnten Herd, Mann und Familie davonradeln. In der "Alpenländischen Sport-Zeitung" belehrte Dr. Otto Gotthilf noch 1900: Radfahren der Gesundheit und des Vergnügens wegen ja, „stecken aber (...) Emancipationsgelüste, Eitelkeit oder Gefallsucht dahinter, dann soll sie sich charakterfest zeigen und es bleiben lassen."

Die soziale, aber durchaus auch praktische Zugangskontrolle zum Straßenraum lag in der Frühzeit bei den Radvereinen. Diese akzeptierten Frauen nur als Aufputz und Bannerpatinnen. Dass sie als ordentliche Mitglieder anerkannt wurden, war die Ausnahme - in Graz erstmals beim 1890 gegründeten RV „Wanderlust". Hier gab es eine für Mädchen ab dem 16. Lebensjahr offene Damenriege und auch Vorstandsfunktionen standen grundsätzlich Frauen offen. Ein Mitglied, Marie Ciganek, trug eine von Wanderlust-Mitglied Franz Skreiner geschneiderte Kniehose  und wurde deshalb als "eine Bahnbrecherin der Radfahrerinnenmode in Österreich" bezeichnet. Wie berichtet wird, trugen auch die beiden Töchter von Benedict Albl, Mitzi und Louise, Beinkleider dieser Machart, und das zu einer Zeit, in der noch lange Röcke üblich waren.



Gründung des Grazer Damen-Bicycle-Club
Auf der Sorg´schen Schulbahn
Auf der Sorg´schen Schulbahn
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Die für Frauen unbefriedigende Situation in der organisierten Radlerszene bildete auch den Hintergrund für die Gründung des Grazer Damen-Bicycle-Club. Die Idee dazu wurde von Elise Steininger und Vicenza Wenderich - Gattin des Rad- und Skipioniers Walther Wenderich - im Herbst 1892 auf einer „fröhlichen Radfahrt von Bruck nach Graz" geboren.



Elise Steininger
Elise Steininger
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Louise Sorg
Louise Sorg
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Vinci Wenderich
Vinci Wenderich
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Die beiden traten sich im Dezember zusammen mit vier weiteren Geschlechtsgenossinnen bei der „Jubiläumsakademie" des Grazer Bicycle-Club erstmals öffentlich auf. Ein Auftritt, der nicht überall gerne gesehen wurde: Weil Elise beim von ihrem Mann mitgegründeten Verein „Tourenradler", dem auch sie als - unterstützendes - Mitglied angehörte, nicht um Erlaubnis gefragt hatte, sollte ihre Teilnahme verhindert werden. Eine an den Veranstalter gerichtete dahingehende Intervention wurde gegenüber Ehemann Carl Anton im Nachhinein so begründet: „Abgesehen davon, dass es sich im vorliegenden Falle um eine Dame handelt, wo das selbstständige Vorgehen umso mehr befremden muss, hätten wir unter keiner Bedingung anders handeln können ..." Carl Anton stand zu seiner Frau und wechselte den Verein.

Am 16.2.1893 war es dann soweit: Der erste Frauenradfahrclub Österreich-Ungarns, der zweite oder gar erste Kontinentaleuropas (dass der Dresdener Damen-Radfahr-Verein "Velocia" 1890 gegründet wurde, lässt sich quellenkritisch nicht belegen, Anm.), wurde aus der Taufe gehoben. Elise Steininger fungierte als Proponentin und wurde erste Präsidentin des neuen Klubs.

Als Dress wurde eine bodenlange dunkelblaue Schoss, helle Bluse, dunkelblaue Jacke, lichtblauer Gürtel und weißen Schirmkappen festgelegt. Für Ausfahrten wählte frau einen glatten Rock und tauschte die Schirmmütze gegen einen Sommerstrohhut. Schon aus diesem Dresscode ist ersichtlich, dass sich die Grazer Pionierinnen eher an die Konventionen hielten - in der Streitfrage Rock oder Hose blieb man ebenso auf der sicheren Seite wie mit dem (1895 unter der zweiten Präsidentschaft Steiningers aufgehobenen) Beschluss, den Grazer Bicycle-Club als Protektoratsverein zu erwählen.

Die Gründungsmitglieder des GDBC kamen aus einschlägigen und besseren Kreisen: Töchter und Ehefrauen von Radfabrikanten und -händlern sowie Sportpionieren. Drei gehörten dem Adel an, die Zahl der Ledigen und der Verheirateten hielt sich in etwa die Waage. Das mediale Echo auf die Vereinsgründung war durchwegs positiv und reichte über die Landesgrenzen hinaus, etwa bis zum englischen Magazin "Cycling", wo - in dichterischer Freiheit bei den Namen - über "three graceful Austrian lady cyclers" in Wort und Bild berichtet wurde: "The apearance of these ladies is decidetly charming, and their positions perfect. They are all excellent riders an members of the Damen Bicycle Club of All Heil."

In dieser Zeit schien es wie geschmiert zu laufen für die Sache der Radlerinnen. Auch die Industrie entdeckte die Frau: Damenmodelle waren bei Puch seit 1892 im Programm, die Plakatkunst, die durch das und mit dem Produkt Fahrrad einen großen Aufschwung nahm, setzte auf weibliche Reize und selbstbewusste Werbeträgerinnen.

Bemerkenswerte Reisen
Von Mitgliedern des Damen Bicycle-Club wurden schon im ersten Jahr von Clubmitgliedern bemerkenswerte Reisen absolviert, etwa von Vinci Wenderich über 670 Kilometer ins Friaul oder von Fanny Allmeder vom oststeirischen Pöllau über das Strassegg (1.166 m) nach Marburg, wobei sie gemeinsam mit ihrem Vater die Strecke von Klagenfurt nach Marburg (126 km) an einem Tag bewältigte. 1895 unternahm die erste Fahrwartin, Louise Sorg, mit ihrem frisch Angetrauten, dem Radrennfahrer Franz Fuchs, per Tandem die Hochzeitsreise über Triest nach Venedig.

Vorbildlich trat auch die Vorsitzende selbst in die Pedale. Wie zeitgenössische Quellen besagen, hat Elise Steininger es zur „wahren Meisterschaft im Kunst- und Tourenfahren" gebracht und hat durch ihr „schönes, sicheres und ruhiges Fahren ungeteilte Anerkennung und Bewunderung" erhalten. Für 1894 etwa wies ihr Tourenbuch 1.315 km aus.

Radfahrschule Steininger
Radfahrschule Steininger
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Steininger Fahrplatz gegen Süden
Steininger Fahrplatz gegen Süden




"Sport und Pflicht lassen sich leicht vereinbaren"
In ihrem Ehemann Carl Anton fand Elise einen gleichgepolten Partner: Als das Radfahren allgemein boomte und in Graz das XII. Bundesfest des Deutschen Radfahrer-Bundes ausgerichtet wurde, stieg man ins Geschäft ein und eröffnete 1895 einen Fahrradhandel mit Reparaturwerkstätte sowie Fahrschule in der Pfeifengasse 18 (heute Kolpinggasse 12-14). In unmittelbarer Nähe zu Rennbahnen und Winterfahrschule in der Industriehalle (heute: Messe Stadthalle) gelegen, war hier bald die erste Adresse in der Grazer Radlerszene und die "Homebase" des Damen-Bicycle-Club.


Plakat Steyr Swift
Plakat Steyr Swift
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Noble Fahrschülerinnen
Noble Fahrschülerinnen
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Picknick anno 1897
Picknick anno 1897
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Der GDBC kurz vor seiner Auflösung
Der GDBC kurz vor seiner Auflösung
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Elise wirkte als Fahrlehrerin und erteilte Frauen und Mädchen aus gutem Hause Unterricht, wie ein in der Zeitschrift „Die Radlerin" 1898 veröffentlichter Brief von Therese Gräfin Wurmbrand-Wenckheim dokumentiert. In dieser Würdigung attestierte sie  - gegenüber einer offensichtlich noch immer skeptischen Öffentlichkeit -, dass Frau Steininger gleichzeitig „schneidige" Radlerin und brave Hausfrau sei:
 
"Wirft man außerdem einen Blick in ihr Heim, so kann man sich dessen ganz besonders überzeugen und muss ihren mit so viel Geschmack und musterhafter Einteilung geführten Haushalt bewundern, der uns der lebhafteste Beweis für eine gediegene Hausfrau ist. Gleichzeitig erinnert uns aber auch dieses Bild daran, dass Sport und Pflicht sich leicht vereinbaren lassen!"

Daraus und aus anderen Belegen lässt sich erkennen, dass Elise Steininger keineswegs Emanze oder Frauenrechtlerin war, was auch durch das immer wieder betonte „massvolle Auftreten" ihres Vereins unterstrichen wurde. Anlässlich des ersten Gründungstages etwa bilanzierte ein Berichterstatter anerkennend, dass vom GDBC das Radfahren „lediglich als eine der Gesundheit der Damen zuträgliche Leibesstärkung betrieben" werde. Aus diesem Grunde seien auch die wiederholten Einladungen zu Damen-Wettfahren - das erste ist 1893 in Baden bei Wien dokumentiert - abgelehnt worden. Auch das Tourenfahren wollte man nur mäßig betreiben, weshalb auch keine Preise für die größten Kilometerleistungen ausgesetzt worden seien. 

Diese Relativierung soll die Verdienste Elise Steiningers für das Frauenradfahren keineswegs schmälern: Steininger und ihre Mitstreiterinnen bereiteten vielmehr den Boden dafür, dass sich die Frauen über die Nutzung des Fahrrads mehr persönlicher Freiraum erobern konnten. Dass dabei gesellschaftlich akzeptierte Argumente in den Vordergrund gerückt wurden, kann auch als Strategie interpretiert werden, „rückwärtsgewandte Positionen aufzubrechen", wie dies die Grazer Historikerin Heidrun Zettelbauer in einer Untersuchung über den Diskurs zum weiblichen Körper im deutschnationalen Milieu um 1900 aufzeigte.

Als sich der Grazer Damen-Bicycle-Club nach kaum sechs Jahren Ende 1898 auflöste, war von den Gründerinnen niemand mehr dabei. Diese hatten sich anderen, vermutlich in erster Linie familiären Aufgaben zugewandt. Auch hatten sich inzwischen die meisten Radvereine für Frauen geöffnet - der kleine RC „Velo" etwa hatte 1898 bereits zwei Frauen im Vorstand -, weshalb ein eigener Frauenradverein wohl nicht mehr als vordringlich angesehen wurde.

Insgesamt waren um die Jahrhundertwende die bürgerlichen Radfahrorganisationen - und dazu ist auch der GBC zu zählen -, in eine existenzielle Krise geraten. Die Protagonisten wandten sich dem neuen Thrill des Motors zu und die 
Arbeiterradfahrer-Vereine nahmen sich in anderer, weniger sportlicher Weise der Sache des Radfahrens an.  

Lebensabend und Nachwirkung
Über das Privatleben von Elise Steininger ist weiter wenig bekannt. Ihre Ehe blieb kinderlos. Als ihr Mann 1903 im Alter von 51 Jahren während eines Kuraufenthalts in Monte Carlo an einem Herzleiden starb, musste sie für den Grazer Betrieb Konkurs anmelden. Sie wohnte zwar bis Mitte der 1920er Jahre weiter in der Nähe „ihrer" Schulbahn, beschloss ihren Lebensabend aber in Wien, wohin sie zuständig war und wo sie am 11.11.1927 im Versorgungsheim Lainz starb.

Im Dezember 2005, fast 113 Jahre nach dem Grazer Damen-Bicycle-Club, wurde in Graz der Verein „Velochicks" gegründet, der Mädchen und Frauen eine Plattform für sportliches Radeln bietet und - freilich unter anderen Vorzeichen - die Idee Elise Steinigers und ihrer Mitradlerinnen wieder aufgriff. Im Oktober 2006 wurde die unter der Keplerbrücke im Zuge des ostseitigen Murradwegs gebaute, FußgängerInnen und RadlerInnen vorbehaltene Längsbrücke nach der Pionierin "Elise-Steininger-Steg" benannt. Als Namenspatronin im Gespräch war sie übrigens auch, als sich 2012 eine Debatte um die Umbenennung des "Ferry Dusika-Stadions" entspann.  

Leider nicht für eine an die Tradition anknüpfende, aber zeitgemäße Verwendung gerettet werden konnte das Objekt in der Kolpinggasse (ehem. Radfahrschule Pfeifengasse): Das historische Gebäude wurde 2010 geschleift und durch einen Wohnblock ersetzt. 

Literatur und Quellen
Otto GOTTHILF, in: Alpenländische Sport-Zeitung I/11/1900, Graz
Filipp CZEIPEK, Der Herren und Damen-Radfahrsport. Ein unentbehlicher Behelf für jeden Radfahrer, Graz 1897.
- Handbuch für Radfahrer. Ein unentbehrlicher Rathgeber für alle Freunde dieses Sportes, Wien 1898.
Josa von MATZNER, Soll man seine Meinung von Vorurtheilen beeinflussen lassen ? (Eine locale Streitfrage.) Der Grazer Damen-Bicycle-Club. In: Steirische Hausfrauenzeitung Beilage zu Nr. 160 des Grazer Tagblatt, 34/1893, 1-2
Heidrun ZETTELBAUER, Widersprüchliche Körper. Diskursive Konstruktionen um den Frauenkörper im deutschnationalen Milieu um 1900, in: Newsletter Moderne. Zeitschrift des SFB Moderne 2, Heft 2 (1999), 18-21.
Cycling Magazine, London, 17.6.1893, 370, 383, 384
Die Radlerin, Sportblatt der radfahrenden Damen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns, 2. Jg. Nr. 19, 20 (1898), 448.
Radfahr-Chronik, Beilage zum Radfahr-Humor, München
Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes
Radfahr-Sport. Organ für das gesammte Radfahrwesen, 5/1894, 2/29 1894, 7 (Marie Ciganek)
Grazer Adressen- und Geschäftsbuch
Grazer Stadtarchiv, Meldekartei der Polizeidirektion Graz (1892 - 1925)
Grazer Tagblatt 14.2.1894, 3, Zweite Jahresversammlung des Grazer Dmaen-Bicycle-Club
Stmk. Landesarchiv, Statth. 53-1164/1893, Statth. 53-17366/1889,
Vereinsakten Grazer Damen Bicycle-Club, RV Wanderlust
- Sicherheitsdirektion Steiermark, Vereinsakten
- Nachlass C.A. Steininger, Akten Bezirksgericht, LA A XIII 208/3-2
Protokollbuch Fahrausschuss Radfahrverein „Grazer Tourenfahrer"
Wiener Stadt- und Landesarchiv, Meldezettel Bez.Polizei-Koat. Hietzing 1.1.1927, Elisabeth Steininger


WOLFGANG WEHAP