DOSSIER
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Es war die Zeit, als das Nieder- das Hochrrad ablöste und den Frauen den Zugang zu diesem Sportgerät erleichterte. Zwar übten sich Frauen schon in anderen Sportarten wie dem Turnen, doch nichts fand so öffentlich statt wie das Radfahren. So blieb die Diskussion um die Schicklichkeit des Damenradfahrens lange auf der Tagesordnung. Oft schwang bei den Kritikern auch die Befürchtung mit, die Frauen könnten Herd, Mann und Familie davonradeln. In der "Alpenländischen Sport-Zeitung" belehrte Dr. Otto Gotthilf noch 1900: Radfahren der Gesundheit und des Vergnügens wegen ja, „stecken aber (...) Emancipationsgelüste, Eitelkeit oder Gefallsucht dahinter, dann soll sie sich charakterfest zeigen und es bleiben lassen." |
| Gründung des Grazer Damen-Bicycle-Club | ||||
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| "Sport und Pflicht lassen sich leicht vereinbaren" | ||||
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Elise wirkte als Fahrlehrerin und erteilte Frauen und Mädchen aus besseren Kreisen Unterricht, wie ein in der Zeitschrift „Die Radlerin" 1898 veröffentlichter Brief von Therese Gräfin Wurmbrand-Wenckheim dokumentiert. In dieser Würdigung attestierte sie (gegenüber einer offenbar noch immer skeptischen Öffentlichkeit, Anm.), dass Frau Steininger gleichzeitig „schneidige" Radlerin und brave Hausfrau sei: „Wirft man außerdem einen Blick in ihr Heim, so kann man sich dessen ganz besonders überzeugen und muss ihren mit so viel Geschmack und musterhafter Einteilung geführten Haushalt bewundern, der uns der lebhafteste Beweis für eine gediegene Hausfrau ist. Gleichzeitig erinnert uns aber auch dieses Bild daran, dass Sport und Pflicht sich leicht vereinbaren lassen!" Daraus und aus anderen Belegen lässt sich erkennen, dass Elise Steininger keineswegs Emanze oder Frauenrechtlerin war, was im Übrigen auch durch das immer wieder betonte „massvolle Auftreten" ihres Vereins unterstrichen wird. Anlässlich des ersten Gründungstages etwa bilanzierte ein Berichterstatter anerkennend, dass das Radfahren „lediglich als eine der Gesundheit der Damen zuträgliche Leibesstärkung betrieben" werde. Aus diesem Grunde seien auch die wiederholten Einladungen zu Damen-Wettfahren - das erste ist 1893 in Baden bei Wien dokumentiert - abgelehnt worden. Diese Relativierung soll die Verdienste Elise Steiningers für das Frauenradfahren keineswegs schmälern: Sie und ihre Mitstreiterinnen bereiteten vielmehr den Boden dafür, dass sich die Frauen über die Nutzung des Fahrrads auch gesellschaftlich mehr Freiraum eroberten. Dass dabei ideologisch angepasste Argumente wie die gesundheitlichen Vorteile in den Vordergrund gerückt wurden, kann auch als Strategie interpretiert werden, „rückwärtsgewandte Positionen aufzubrechen", wie dies die Grazer Historikerin Heidrun Zettelbauer in einer Untersuchung über den Diskurs um den Frauenkörper im deutschnationalen Milieu um 1900 aufzeigte. Als sich der Grazer Damen-Bicycle-Club nach kaum sechs Jahren Ende 1898 auflöste, war von den Gründerinnen niemand mehr dabei. Die Pionierinnen hatten sich anderen, offenbar familiären Aufgaben zugewandt. Auch waren zu dieser Zeit die bürgerlichen Vereine in eine Krise geraten, was mit der Konkurrenz der Arbeiterradfahrer-Vereine einer- und des Autos andererseits zusammenhängt. Ebenfalls ein Grund für das „Aus": Immer mehr Radvereine nahmen nun schon Frauen als gleichberechtigte Mitglieder auf - der kleine RC „Velo" etwa hatte 1898 bereits zwei Frauen im Vorstand. Freilich war damit ein wirklich egalitärer Zugang zum Radmobilität noch lange nicht erreicht. Über das Privatleben von Elise Steininger ist weiter wenig bekannt: Ihre Ehe blieb kinderlos. Als ihr Mann 1903 an einem Herzleiden im Alter von 51 Jahren während eines Kuraufenthalts in Monte Carlo starb, musste sie für den Grazer Betrieb Konkurs anmelden. Elise wohnte zwar bis Mitte der 1920er-Jahre weiter in der Nähe „ihrer" Schulbahn, sie beschloss ihren Lebensabend aber in Wien, wohin sie zuständig war und wo sie am 11.11.1927 im Versorgungsheim Lainz starb. P.S.: Im Dezember 2005, fast 113 Jahre nach dem Grazer Damen-Bicycle-Club, wurde in Graz der Verein „Velochicks" gegründet, der Mädchen und Frauen eine Plattform für sportliches Radeln bieten soll. P.P.S.: Im Oktober 2006 wurde der unter der Keplerbrücke im Zuge des ostseitigen Murradwegs angelegte neue Radfahr-/Fußsteg nach Elise Steininger benannt. Literatur und Quellen (Auszug): GOTTHILF, Otto: in: Alpenländische Sport-Zeitung, Graz CZEIPEK, Filipp: Der Herren und Damen-Radfahrsport. Ein unentbehlicher Behelf für jeden Radfahrer, Graz 1897. - Ders.: Handbuch für Radfahrer. Ein unentbehrlicher Rathgeber für alle Freunde dieses Sportes, Wien 1898. MATZNER, Josa von: Soll man seine Meinung von Vorurtheilen beeinflussen lassen ? (Eine locale Streitfrage.) Der Grazer Damen-Bicycle-Club. In: Steirische Hausfrauenzeitung Beilage zu Nr. 160 des „Grazer Tagblatt", 34/1893, 1-2 ZETTELBAUER, Heidrun: Widersprüchliche Körper. Diskursive Konstruktionen um den Frauenkörper im deutschnationalen Milieu um 1900, in: Newsletter Moderne. Zeitschrift des SFB Moderne 2, Heft 2 (1999), 18-21. Die Radlerin, Sportblatt der radfahrenden Damen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns, 2. Jg. Nr. 19, 20 (1898), 448. Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes Radfahr-Sport. Organ für das gesammte Radfahrwesen, Nr. 29, Wien 1894 Grazer Adressen- und Geschäftsbuch Grazer Stadtarchiv, Meldekartei der Polizeidirektion Graz (1892 - 1925) LA-Statth. = Landesarchiv, Statthalterei, Vereinsakten Sicherheitsdirektion Steiermark, Vereinsakten (Stmk. Landesarchiv) Nachlass C.A. Steininger, Akten Bezirksgericht, LA A XIII 208/3-2 Protokollbuch Fahrausschuss Radfahrverein „Grazer Tourenfahrer" Wiener Stadt- und Landesarchiv, Meldezettel Bez.Polizei-Koat. Hietzing 1.1.1927, Elisabeth Steininger WOLFGANG WEHAP (leicht modifiziert nach einem Artikel, erschienen im "Drahtesel" 23/5/2006/07, 14, 15) |










