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Kerzen auf dem Gehsteig (Kommentar)
"Kleine Zeitung" vom 15.07.2006, Seite 16

Wie viel Zeit verbringen Sie mit der Frage, was im Leben wirklich wichtig ist?

Sie brennen immer noch an der Ecke dieser kleinen Kreuzung, an der ich täglich vorbeifahre: Kerzen auf einem Gehsteig neben Blumen. Vor einigen Wochen ist an dieser Stelle ein blutbeflecktes Leintuch gelegen, das einen Körper bedeckte. Daneben ein auf einen halben Meter zusammengequetschtes Rad.

Am nächsten Tag ist in der Zeitung in einem zehn Zeilen langen "Einspalter" gestanden, dass eine 25-jährige Studentin von einem Lkw überrollt worden ist. Normalerweise überliest man solche Meldungen. Oder sagt zu seinen Kindern, sie sollen beim Radfahren aufpassen, weil da sei wieder etwas Furchtbares passiert. Damit hat es sich dann. So ein blutverschmiertes Leintuch, das eine 25-jährige Studentin bedeckte, die Sekunden zuvor noch gelebt hat, sich gefreut hat, das Leben vor sich hatte, brennt sich aber ins Gehirn ein. Und es stellen sich Fragen, die sich sonst im Alltagsstress zwischen Job, Einkaufen, Kochen kaum stellen. Wie die Frage eines Lebensberaters, wie viel Zeit wir für Urlaubsplanung oder Autokauf aufbringen und wie viel für Gedanken, was uns im Leben wichtig ist. Oder die Frage, welche Reden man sich denn zu seinem 80. Geburtstag wünschen würde.

Da relativiert sich dann vieles. Da wünscht man sich dann eigentlich keine Reden von Ex-Chefs über berufliche Großleistungen. Da wünscht man sich, dass Freunde und Kinder sagen: "Du warst eine tolle Mutter, du bist eine wertvolle Freundin." Und dass sie nicht klagen: "Schade, dass du nie Zeit hattest."

Solche Fragen zwingen zum Innehalten. Wie die Kerzen. Oder der Satz von Thomas Bernhard: Angesichts des Todes wird alles lächerlich.
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carina.kerschbaumer@kleinezeitung.at