Sie befinden sich:  » Startseite  |  » Medien  |  » 2002

"Stadt für Autos statt Platz für Menschen"
"Kleine Zeitung" vom 29.10.2002, Seiten 20, 21

Gestern vor zehn Jahren starb Erich Edegger. Für seine Politik für weniger Verkehrsbelastung gibt es heute nur noch wenig Gehör.

Am 28. Oktober 1992 starb der damalige Vizebürgermeister und Stadtplaner Erich Edegger, nachdem er eine Gehirnblutung erlitten hatte und 28 Tage im Koma gelegen war. Dem VP-Politiker verdankt die Stadt die Einführung von Tempo 30 in Wohngebieten, viele Radwege, den Ausbau des öffentlichen Verkehrs und einige Fußgängerzonen. Edeggers Credo: "Platz für Menschen durch sanfte Mobilität."

Grund genug für die Plattform Fairkehr, einen kritischen Blick auf den Nachlass des Verkehrspolitikers zu werfen. Und der zeigt ernüchternde Ergebnisse. Aus Edeggers Vision eines "Platzes für Menschen", als den er Graz sah, wurde ein Platz für Autos, wie sich Plattform Fairkehr-Sprecher Martin Unterrichter, Verkehrexperte Gerd Sammer, Naturschutzbund-Chefin Gertraud Prügger, die Stadtkenner Max Mayr und Peter Laukhardt und Verein-fahrgast-Sprecher Helmut Uttentaler einig sind. "Die jungen und mittelalten Politiker kennen den Bahnhof nicht und wissen nicht, wie man eine Straßenbah-Fahrkarte löst", so Mayr, "die fahren lieber mit dem Mercedes vor." Im Gegensatz zu Edegger. Der begeisterte Radfahrer setzte sich vehement für die sanfte Mobilität ein: Für Straßenbahnen, Busse, Fußgänger, Räder. Etwa beim Bau des Radweges von Andritz in die Innenstadt. "Als es um die Planung der Straßenbahnunterführung bei der Andritzer Maut ging, meinte ein Landesbeamter, das da ein paar Narrische einen Radweg mitgeplant haben wollen", erinnert sich Laukhard an einstige Widerstände.

Ähnlich schwierig erwies sich die Einführung von Tempo 30 in Nebenstraßen. "Bei der Einführung 1991 war die eine Hälfte dagegen und die andere Hälfte dafür", so Unterrichter, "2001 lag die Zustimmung bei 80 Prozent." Kein Wunder, konnten doch schon im ersten Jahr von Tempo 30 die Unfälle von 3056 auf 2371 gesenkt werden. Dazu machte sich der VP-Vizebürgermeister für den öffentlichen Verkehr stark. Unter seiner Federführung wurde die Linie 1 zum UKH verlängert - die einzige Straßenbahnverlängerung überhaupt. Und er rief den Naturschutz als magistratsinterne Institution ins Leben. Mit dem Tod Edeggers endete die Aufbruchstimmung. "Heute kapituliert man vor dem Verkehr", so Unterrichter, "die Zulassungen steigen ebenso wie die Unfallzahlen oder die Abgasbelastung." Visionen für die Stadt seien gefragt.

Die Zeit wäre jedenfalls reif, um den Individualverkehr kritisch zu betrachten, so Sammer: "64 Prozent der Bewohner wollen weniger Autos in der Stadt, Tendenz steigend. Die Bevölkerung trägt Prozesse für weniger Kfz-Verkehr mit." Mehr Platz für Menschen ist wieder gefragt.

Ein Visionär mit Kanten
Heftige Proteste begleiteten vor zehn Jahren die Verordnung von Tempo 30/50 für Graz. Wieder stand der damalige Vizebürgermeister Erich Edegger im Kreuzfeuer. Wie schon zuvor wegen der Einführung der blauen Zonen. Wie schon zuvor wegen der Einrichtung von Radwegen gegen die Einbahnrichtung. Die damals umstrittene Temporegelung gilt heute als großer Wurf. Seither herrscht jedoch durchwegs Stillstand in der Grazer Verkehrspolitik.
Erich Edegger war der letzte Kommunalpolitiker, der versuchte, den Verkehr nicht einfach geschehen zu lassen, sondern in für eine Stadt erträgliche Bahnen zu lenken.

Dem damaligen VP-Chef schien sein Ruf, keinem Konflikt aus dem Weg zu gehen, zu gefallen: Ob er den Magistratsbeamten - die mittlerweile üblichen - Stechuhren verordnen wollte, ob er sich mit Bauherren anlegte und sogar vor Gericht duellierte. Erich Edegger hatte auch Schattenseiten. Er stand für Niederlagen vor den Höchstgerichten, weil er versucht hatte, Politik über die Gesetzeslage hinweg zu machen. Er galt als Oberbeamter, der Akten in seinem Büro hortete, weil er sie selbst bearbeiten wollte. In allem aber war Edegger ein Politiker mit Kanten, einer der nicht der Beliebigkeit das Wort redete, sondern einer, der es unerschütterlich in Kauf nahm, auch schroff abgelehnt zu werden. Seine Nachfolger haben sich seines Erbes entledigt. Verkehrspolitik ist in dieser Stadt seit zehn Jahren abgeschrieben. Im Rathaus wird nicht mehr Politik mit Ideen, sondern mit dem Geldbeutel gemacht.

Edegger setzte bei seinem Auftreten auf Bescheidenheit, sein jetziger Nachfolger lässt sogar die Teilnahme an einem Gedenkgottesdienst als öffentlichen Auftritt ankündigen. Edegger gilt in dieser Stadt als Visionär, aber keiner der amtierenden Rathausregierer denkt daran, diese Visionen von einer sanften Mobilität umzusetzen. Denn das würde wieder Konflikte bedeuten - aber heutzutage kuscheln Politiker lieber.