Mit dem Aufschwung des Kraftfahrzeugs, zunächst des motorisierten Zweirades, dann des Autos in den 1950er- und 1960er-Jahren, wurde das Fahrrad zum "Drahtesel für arme Leute". Dennoch: Ganz abgekommen ist das Tourenfahren, aber auch die Nutzung des Fahrrades als Alltagsverkehrsmittel nie. Ende der 1970er-Jahren fand schließlich eine Renaissance statt, die unter dem Vorzeichen des Umweltschutzes - Energiekrise und Volksabstimmung gegen das Atomkraftwerk Zwentendorf - stand. Im November 1978 trafen sich erstmals verschiedene Alternativgruppen Österreichs auf Einladung der EVG (Erklärung von Graz). Gefordert wurde die Zurückdrängung des Autos und die Förderung des nichtmotorisierten und des öffentlichen Verkehrs sowie eine Umorientierung der Stadt- und Raumplanung. Aus diesem Arbeitskreis ging die Arbeitsgemeinschaft Alternative Verkehrspolitik Graz (AVG) hervor, die sich als "eine Art `Anlaufstelle´ für die bereits reichlich vorhandenen Ideen und Vorstellungen einer humaneren Verkehrspolitik" sah. 1979 und 1980 folgten Aufsehen erregende Demos. Diejenigen, die nichts zu verlieren hatten, außer ihren Ketten, machten klar: "Macht Platz - Fahrrad kommt!". Im Juni 1980 wurde im Stadtpark der erste Radweg illegal bei Nacht von Aktivisten aufgepinselt. Als die Polizei einschritt und die Personalien aufnahm, sahen sich die Ordnungshüter mit lauter Diplomingenieuren konfrontiert. Gegen "Auslieferung" der Rad-Schablone (aus einem Waschmaschinen-Karton, der dann auch für die ersten echten Piktogramme als Vorlage diente, Anm.) setzte sich ein junger Politiker namens Erich Edegger für die "Sünder" ein, die straffrei ausgingen. So wirkte diese Aktion zumindest beschleunigend für die Umsetzung des ersten Radverkehrskonzepts. Graz erlangte 100 Jahre nach der ersten Blüte seinen Ruf als Österreichs Radlerhauptstadt, als "Radnabe(l) Österreichs" (zit. ARGUS-Zeitung "Drahtesel", 1990), wieder zurück. Hand in Hand mit der Fitnesswelle, die das Radfahren für breitere Bevölkerungskreise erschloss, entdeckte nun auch die Politik das Fahrrad. Seit 1990 baute das Land unter Beteiligung der Gemeinden an einem, in erster Linie touristisch ausgerichteten Radwegenetz. Vor allem Flussradwege wie jene entlang von Mur, Raab, Feistritz, Sulm oder Enns wurden und werden stark genutzt. |
Einen großer Promotor fand man in dem ÖVP-Politiker Erich Edegger, der als zunächst als Planungs-, dann auch als Verkehrsreferent und Vizebürgermeister die Basis für das Grazer Radwegenetzes legte. Vor allem unkonventionelle - und zunächst gesetzlich nicht gedeckte - Maßnahmen wie die Öffnung von Einbahnen für Radfahrer (1981) und die Einführung von flächendeckend Tempo 30 ausgenommen Vorrangstraßen (1992) wirkten bahnbrechend und über Österreich hinaus. Unterstützt wurde Edegger dabei von den Verkehrsplanern Gerd Sammer (TU) und Manfred Hönig (Stadt) sowie von Verkehrsinspektor Fritz Möstl (Polizei) und vom Verkehrspsychologen Alois Schützenhöfer (KfV). Ihnen gegenüber standen - in erster Linie als Verbündete - Aktivisten wie Günther Tischler, einem Raumplaner und später Gemeinderat der ersten Grünen-Riege im Rathaus. Nach dem frühen Tod Edeggers 1992 ließ das Engagement der Stadt für den Radverkehr und das Konzept "sanfte Mobilität" deutlich nach. Die Senkung von Parkgebühren, die einführung des gebührenfreien Samstags und der Bau von Parkgaragen zeigte die verkehrspolitische Richtung an. Daran konnte auch die Veranstaltung der Velo City Conference 1999 gemeinsam mit Maribor (Slowenien) nichts ändern. Dennoch radelten die Grazerinnen und Grazer unverdrossen weiter- sie bringen es heute auf einen Wegeanteil von immerhin 14 Prozent, d.h. jeder siebente von Grzaerinnen und Grazern in der Stadt zurückgelegte Weg wird mit dem Fahrrad absolviert. Seine radverkehrspolitische Bedeutung als "Radnabe(l) Österreichs" hat Graz allerdings - wie der "Fahrrad-Klimatest 2002" zeigte - an Salzburg verloren. |
| Grüne am Ruder | |
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