Pioniere der Provinz
Sucht man nach ersten Belegen über das Bicycle in der Steiermark, stößt man neben Brömer-Elmerhausen und seiner Graz-Fahrt auf dessen Wiener Clubkollegen Theodor Hildebrand, der ebenfalls einen weiteren Wiener, der ebenfalls Anfang September 1882 durch die Obersteirmark unterwegs ist. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass er am 5. September bei einem Halt in Leoben auf einen Bicyclisten trifft, der sich trotz fürchterlicher Straßenverhältnisse auf dem Marktplatz tummelte. Es liegt also die Vermutung nahe, dass das Bicycle in der Obersteiermak schon früher gefahren wurde als in der Landeshauptstadt.
Der erste Verein außerhalb von Graz entstand in der dazumal zweitgrößten Stadt des Kronlandes Steiermark, in Marburg (heute Maribor/SLO). Bei der Gründung des Marburger Bicycle-Club (MBC) am 25.5.1883 wirkte der Grazer BC wesentlich mit. Zweiter Club in der Untersteiermark war der 1886 gegründete Cillier Radfahrer-Verein.
Nach dem Vorbild des Grazer Verbandes für den Wettkampfsport wurde gemeinsam mit Marburger Radfahrer-Club (gegr. 1887) und dem Radfahrer-Club "Schwalben" (gegr. 1890) 1891 der "Verband der Marburger Vereine für den Wettkampfsport" ins Leben gerufen, der eine 333 1/3 Meter lange Rennbahn betrieb. Eine zweite Rennbahn entstand 1896 in Radein.
Um 1892 nahm der aus Bischofegg bei Eibiswald stammende Nähmaschinenmechaniker Franz Neger in Marburg die Produktion von Fahrrädern auf. Neger, ein enger Freund Johann Puchs, baute seine Fabrik bis zum Ende der Monarchie zur "Marburger Nähmaschinen, Fahrrad- und Motor-Fabrik" aus. Die Neger waren in der Branche stark vertreten: Bruder Anton war Fahrradhändler in Cilli, Sohn Ernst war Fahrradteilegroßhändler in Graz und der Vater der Schwiegertochter, der aus Frohnleiten gebürtige Johann Dirnbacher, betrieb in Agram eine Fahrrad- und Motorradwerkstätte.
Das deutsch-nationale und völkische Element war in der deutschsprachigen Minderheit der Untersteiermark stark ausgeprägt: Der Cillier und Pettauer RV führten schon 1898 den Arier-Paragrafen ein. Relativ spät entstanden slowenische Vereine in Celje (Cilli) 1891 und Ljutomer (Luttenberg) 1897.
Liezen voran
Ältester Verein auf dem Gebiet der heutigen Steiermark außerhalb von Graz ist der 1883 gegründete Liezener BC: Er veranstaltete 1884 und im Folgejahr das legendäre "Obersteirische Bicycle-Meeting", löste sich aber schon im Jänner 1888 wieder auf. Aber auch in Murau, "wo das Terrain gerade nichts weniger als für das Bicycle geschaffen ist", fand sich mit Amand Strobl ein früher Radpionier: Er kauft vom Wiener Kunstradfahrer Kistemann eine 48" Howe-Maschine und fuhr im Mai 1883 über Kärnten und Marburg nach Graz.
1884 folgten die Gründungen der Bicycle-Clubs von Knittelfeld, Gleisdorf, Bruck/Mur sowie 1885 jene des Weiz BC. 1896 wurden der Fürstenfelder Zweirad-Club und der Leobner RV aus der Taufe gehoben, 1887 traten der Judenburger RV, die "Wildoner Radfahrer", der Leibnitzer RC sowie der Voitsberger RC an die Öffentlichkeit.
Es ging aber nicht immer nur um sportliches oder geselliges Radeln: Der Weizer BC änderte 1910 die Satzungen und führte den von Turnern erfundenen so genannten "Arier-Paragrafen" ein. Abgesehen vom entsprechenden Zusatz im Vereinszweck, der
"Hebung des völkischen Bewußtseins", wurde der Zugang beschränkt:
"Mitglieder können nur deutsche Stammesgenossen und -Genossinnen arischer Abkunft werden".
Deutsch-national eingefärbt war auch der Radkersburger RV (gegr. 1891), der binnen kurzem zum stärksten Provinz-Club avancierte:
"Auf dem Rad mit frischer Lust/ Deutsches Fühlen in der Brust
Treu in brüderlichem Sinn/ Laßt uns durch das Leben zieh´n".
Insgesamt wurde gerne musiziert und gedichtet, wie etwa beim Fürstenfelder Zweirad-Club:
"Vom Fürstenfelder Zweirad-Club/ Da fährt ein kreuzfideler Trupp,
Im vollen Saus und Braus/ In Gottes schöne Welt hinaus".
Die Ausseer Radler besorgten gleich zur Gründung am 26. Oktober 1891 im Hotel "zum wilden Mann" einen kundigen Fahrmeister aus Graz:
"Die Herren Schüler machen bedeutende Fortschritte in der Radfahrkunst", war kurz darauf in der "Alpen Post" zu lesen,
"sechs Herren wagten sogar schon einen Ausflug und fuhren am 29. October auf Biciclen aus der Fabrik `Eibl´ (Albl, Anm.)
in Graz von Steg nach Ischl."
"Radlmacher" Janisch und andere Vorradler
Mit der Popularität des Radfahrsports entwickelte sich in allen Landesteilen das entsprechende Gewerbe. Die Schlosser und Mechaniker beschränkten sich zumeist nicht auf Reparaturen, sie kauften Komponenten zu, fertigten Teile auch selbst und bauten Räder in Eigenregie.
Der Ilzer Gewerbetreibende Ferdinand Janisch firmierte als "Erste oststeiermärkische Fahrraderzeugung"; seine Nachfahren betreiben - neben dem Handel mit Kfz - heute noch eine Fahrradwerkstätte mit -verkauf. Auch Ferdinand Krobath in Feldbach und Karl Gingl in Fehring fertigten aus in der Regel zugekauften Teilen eigene Marken-Fahrräder.
In Mürzzuschlag zählte die Industriellen-Familie Bleckmann zu den Radpionieren - das Hochrad von Eugen ist noch im Wintersportmuseum erhalten. Fabrikant Walter wurde 1895 Obmann des Mürzzuschlager Radfahrer-Club.
Auch in kleineren Orten bildeten sich Radvereine, etwa 1889 der
Pischelsdorfer RV, der Hausmannstättner und der Gratweiner RV, 1890 die Radfahr-Vereine in Mureck und Ilz, der Burgauer Zweirad- und der Pöllauer Radfahrer-Club, 1891 der RV Aussee, 1893 die Radfahr-Vereine von Zeltweg und Aflenz-Thörl, 1897 der Stainacher RV "Blitz".
Das Radfieber hatte auch das Land erfasst und brachte interessante Radlertypen hervor. So etwa
Rupert Graimer, ein Almhirte aus St. Peter am Kammersberg, der vor der Jahrhundertwende skurril anmutende Holzräder baute, oder der Dreher und Mechaniker
Rupert Riedisser aus Peggau, der Anfang des 20. Jahrhunderts als "Phänomenal Cyclist" durch die Lande tingelte.
WW