Grazer Radfahrer Club
 
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Fahrräder made in Styria

Die Anfänge der Fahrraderzeugung in der Steiermark gehen auf das Jahr 1885, möglicherweise 1884 zurück. Damals übernahm der Schmied Mathias Allmer in Rothleiten eine Zeugschmiede, erweiterte die Produktion auf Velozipedes und Bicycles und richtete in Graz eine Filiale ein. Aus der Reparaturwerkstätte wurde die "erste steiermärkische Velocipede-Fabrikation" (1888), in der Bicycles und Tricycles, Safetys ("Kangaroo") und "steirische Rover" hergestellt und verkauft wurden. Die erste Fahrradwerbung im Grazer Geschäfts- und Adressenkalender wurde 1887 vom Nähmaschinenmechaniker Josef Luchscheider geschaltet.


Bildpostkarte, 1893
Bildpostkarte, 1893
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Plakat Albl, 1893
Plakat Albl, 1893
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Albls "Graziosa", 1898/99
Albls "Graziosa", 1898/99
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Albl und seine erfolgreichen Mechaniker
Der erste Mechaniker, der die Fahrraderzeugung in größerem Stil betrieb, war
Benedict Albl. Der zunächst auf Näh-, Walk- und Waschmaschinen spezialisierte Albl soll 1886 zur "selbständigen Fabrication von Fahrrädern" übergegangen sein. Er meldete nach einer England-Reise 1888 das Mechaniker-Gewerbe an und bot via Inserat "Bicycles, Bicyclettes, Tricycles und Jugendfahrräder". Von der Elisabethinergasse 7 übersiedelte er auf den Lendplatz 14. Albl beschäftigte schon 24 Arbeiter und heimste einen Silbernen Staatspreis für sein "Meteor" ein. Ein bis zwei Jahre arbeitete für Albl auch ein gewisser Externe Verknüpfung Johann Puch, ehe er sich  sich selbstständig machte und von einer kleinen Werkstätte in einem ehemaligen Glashaus in der Strauchergasse 18 (heute 12) am Volksgarten aus seine erfolgreiche Karriere startete.

Der aus Sakuschak bei Pettau im heutigen Slowenien stammende Externe Verknüpfung Janez Puh (1862-1914) lernte bei einem Schlosser im südsteirischen Radkersburg und war während seines Militärdienstes, den er in Graz ableistete, mit dem Bicycle in Berühung gekommen. Er arbeitete zunächst bei Matthias Allmer und Johann Luchscheider als Mechaniker, ehe er es 1889 auf eigene Faust versuchte. Sein "Styria" baute er nach dem System "Humber", und er setzte sich bald, beflügelt durch gut vermarktete Rennerfolge z.B. eines Franz Gerger, gegenüber der Konkurrenz durch.

Ebenfalls bei Albl soll der aus Bischofegg bei Eibiswald stammende Nähmaschinenmechaniker Franz Neger (1859-1944) gearbeitet haben. Er war mit Johann Puch eng befreundet und nahm 1892 in Marburg (Maribor) die Produktion von Fahrrädern auf. Bis zum Ende der Monarchie baute er den Betrieb zur "Marburger Nähmaschinen, Fahrrad- und Motor-Fabrik" aus.



Plakat Neger
Plakat Neger
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Plakat "Aeolus"
Plakat "Aeolus"
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Markenwerbung von Julius G.  Sorg
Markenwerbung von Julius G. Sorg
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Plakat "Electra"
Plakat "Electra"
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Blüte um 1900
Ende des 19. Jahrhunderts galt Graz als das Coventry Österreich-Ungarns. Neben Puch und Albl bedienten mehrere kleine Fahrradmanufakturen wie jene von Julius G. Sorg, Josef Eigler, Alois Riegler, Franz Strametz ("Electra") und Franz Elgetz ("Rocket") den boomenden Markt. Albl und später Carl Franz ("Graziosa") sowie
Cless & Plessing ("Noricum") produzierten auch kettenlose Fahrräder, die nach 1895 in Mode kamen.

Fahrradteile und -zubehör, vor allem Taschen und Sättel, wurden seit 1891 von den Brüder Assmann in Leibnitz gefertigt. Die Brüder Alois und Emmerich waren durch Johann Puch auf die Idee gebracht worden, ihr Lederwaren-Sortiment auf Fahrradzubehör zu erweitern. Die beiden betrieben eine Niederlassung in der Grazer Annenstraße, parallel zur Strauchergasse, wo Puch seine ersten Werkstatt hatte. Beliefert wurde auch Franz Neger in Marburg.

Puch wurde wichtigster Auftraggeber, in der Zwischenkriegszeit wurde der Fahrradteile-Sektor weiter ausgebaut - die Hälfte des Umsatzes wurde mit Zweirad-Sätteln gemacht, nicht weniger als 34 Typen wurden angeboten. Puch, Styria und Steyr gehörten zu den Kunden, man engagierte sich über Beteiligungen und Gründungen in der Tschechoslowakei und Polen.

Inserat Assmann, um 1900
Inserat Assmann, um 1900
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Die gestiegene Eigenfertigung bei Puch und ein inzwischen fast komplettes Sortiment an Fahrradteilen bewogen die Brüder Assmann 1937, selbst in die Fahrradproduktion einzusteigen. Puch war übermächtiger Konkurrent: Während Puch 85 Prozent des Heimmarktes beherrschte (1939), schaffte Assmann gerade acht Prozent. Bis 1970 produzierte Assmann Fahrradteile.

Ein weiterer Ledersattel- und Taschenerzeuger der Zwischenkriegszeit war die Fa. Robert Bieber in Graz-Lend (Neubaugasse 40).

Mit dem 1. Weltkrieg, der Ausrichtung auf die Rüstungsindustrie und dem danach stark geschrumpften österreichischen Wirtschaftsraum musste auch die Fahrradindustrie erst wieder in die Gänge kommen. Ernst Simson, selbst in der Fahrradbranche als Übernehmer der Meteor-Werke bewandert, attestierte der Fahrradindustrie in der Steiermark Ende 1921, bei gutem Geschäftsgang schon wieder auf hoher Stufe zu stehen. Zwei Drittel der in Österreich hergestellten Fahrräder würden der Steiermark von rund 1.000 Beschäftigten produziert, sämtliche Teile im Lande hergestellt, man exportiere primär nach Nordeuropa (Dänemark, Norwegen, Schweden, England) sowie nach Italien und Jugoslawien.    



Serie "Triumph"
Serie "Triumph"
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Zubehör von Assmann
Zubehör von Assmann
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Inserat Biebersattel
Inserat Biebersattel
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Trikotwerbung
Trikotwerbung
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Eisenportal Bieber
Eisenportal Bieber
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"Styria" gegen "Puch"
1897 beschäftigten die "Johann Puch & Comp., Styria Fahrradwerke" 633 männliche und 83 weibliche Arbeiter sowie 36 Lehrlinge, als es im Zuge eines Rechtsstreit zur Teilung des Unternehmes kam. Das bisherige Werk, in das sich die deutsche Dürkopp & Co. (Bielefelder Maschinen-Fabrik) federführend eingekauft hatte, firmierte weiter unter dem Namen "Puch Joh. & Comp., Styria-Fahrradwerke".

Puch selbst gründete 1899 - nach einem kurzen, in einer Konkurrenzklausel begründeten Intermezzo unter dem Namen seines Mitarbeiters Anton Werner (Marke "Styria Original") - die "Johann Puch, Erste Steiermärkische Fahrrad-Fabriks-Actiengesellschaft". Einige Jahre erzeugten somit zwei Firmen Puch-Fahrräder, was auch zu rechtlichen Auseinandersetzungen führte.

Fassadenplan "Styria-Fahrradwerke", 1896
Fassadenplan "Styria-Fahrradwerke", 1896
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Briefkopf, 1908
Briefkopf, 1908
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Plakat "Styria Original"
Plakat "Styria Original"
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Rivalen: Styria und Puch
Rivalen: Styria und Puch
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Werbesujet (Serie) 1924
Werbesujet (Serie) 1924
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Rahmenmontage bei Puch, Werksfoto um 1937
Rahmenmontage bei Puch, Werksfoto um 1937
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Werbung, 60er-Jahre
Werbung, 60er-Jahre
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Katalogfoto 1985
Katalogfoto 1985
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Austro-Daimler Ultima superleicht
Austro-Daimler Ultima superleicht
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Bei den Styria-Fahrradwerken in der Baumgasse (heute Köstenbaumgasse) 17, von Puchs Ex-Kompagnon Victor Rumpf geleitet, hatte man spätestens mit dem Einstieg von Puch in die Motorrad- und Autoerzeugung (1902 bzw. 1906) technologisch das Nachsehen. Selbst brachte man erst 1904 ein Motorrad auf den Markt. Von einem fünf Monate dauernden Streik 1907/08 erholten sich die Styria-Fahrradwerke nie mehr richtig. 1922 stieg Dürkopp zugunsten der Verkehrsbank aus, 1927 übernahm die Steyr AG das Kommando und konzentrierte die Fahrraderzeugung im Puchwerk. 1932 wurde das Werk in der Baumgasse geschlossen.

Besser lief es bei Puch in der Laubgasse: Im Todesjahr des Gründers Johann Puch 1914 wurden in der Fabrik von 1.100 Beschäftigten - neben Autos und Motorrädern - 16.000 Fahrräder hergestellt. 1934 brachte man eine eigene Styria-Freilaufbremsnabe heraus, die in den eigenen Markenrädern verbaut und als Zubehör verkauft wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg erholte sich die Branche nur langsam. Ernst Simson, selbst Fahrradfabrikant in Graz, berichtete 1922 zwar von einem "flotten Geschäftsgang" - zwei Drittel der in Österreich hergestellten Fahrräder kamen aus der Steiermark, wo auch alle Teile hergestellt wurden - und Exporten in die nordischen Staaten sowie nach Italien und Jugoslawien, insgesamt waren in den Werken in Graz, Puntigam und Leibnitz aber nur 1000 Mitarbeiter beschäftigt.

Während des Zweiten Weltkriegs (1938-45) produzierte Puchwerk als Rüstungsbetrieb u.a. 140.000 Truppenfahrräder und war mit dem Zweigwerk Radom (77.000 Einheiten) größter Fahrraderzeuger im Großdeutschen Reich. Unter den fast 10.500 Beschäftigten waren auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Den ausgelagerten unterirdischen Produktionsstätten waren Außenlager des KZ Mauthausen als Arbeitskraftreserve angeschlossen. Allierte Bombenangriffe beschädigten das 1942 gebaute Motoren-Werk in Thondorf und auch die Fahrradproduktion am alten Stammsitz Fuhrhofgasse 44 (Puchstraße).
  
Nach dem Krieg wurde zuerst die Fahrradproduktion wieder hochgefahren. Modelle wie "S 60", "Jungmeister", "Bergmeister" oder "Clubman" erfreuten sich über Jahrzehnte eines großen Publikumszuspruchs. Für den USA-Export ließ man den Marktennamen "Austro-Daimler" wieder aufleben, 1973/74 ging das 1953 gestartete Überssee Engagement mit hohen Verlusten zu Ende. Ab 1978 setzte Puch auf die neue Rennradserie "Mistral", bei denen in der Premiumlinie "Ultima" Komponenten von u.a. Cinelli und Shimano verbaut wurden. Das neu geschaffene Design Center unter Externe Verknüpfung 
Fritz Spekner sorgte auch beim Fahrrad für eine zeitgemäße Optik und tüftelte an neuen Konzepten mit Alu- und Karbonrahmen. 

Die Marke Puch behauptete sich auf dem Zweirad-Sektor über viele Jahrzehnte weltweit; ein letzter mengenmäßiger Höhepunkt wurde 1980 erreicht, als über 3.200 Mitarbeiter 310.000 Fahrräder produzierten. Das Ende kam 1987 nach fast 8 Millionen ausgelieferten Fahrrädern: Die gesamte Zweirad-Produktion wurde zu Gunsten der Autofertigung und der Spezialisierung auf Alltadtechnik aufgegeben - eine bis heute umstrittene Entscheidung des damaligen Managements und des damaligen Eigentümers CA Creditanstalt-Bankverein.

Von "Puch" gibt es heute bei Fahrrädern nur noch die Marke als schwacher Abglanz einer großten Tradition im Besitz von wechselnden Firmen. Steyr-Daimler-Puch wurde 1998 vom austro-kanadischen Autozulieferkonzern Magna übernommen, das Grazer Werk firmiert seit 2002 unter Magna-Steyr Fahrzeugtechnik AG & Co KG und fertigt ausschließlich Autos bzw. Komponenten für verschiedene Auftraggeber.

Werbeplakate von "Styria" und Puch

Der letzte Puch-Renner
Der letzte Puch-Renner
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Der Löwe aus Puntigam
Schon eineinhalb Jahrzehnte vor dem Puch-Zweirad ging die Ära des einzigen ernstzunehmenden heimischen Konkurrenten zu Ende: die der Junior-Fahrradwerke.


Plakat, 50er-Jahre
Plakat, 50er-Jahre
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Nach mehreren Pleiten in der Zwischenkriegszeit ("Montana", "Titan") war in Puntigam bei Graz 1935 von Franz Weiß eine Fahrradproduktion aufgezogen worden, und zwar durchaus erfolgreich. Im Zweiten Welkrieg wurden - wie auch von Puch und Assmann - Truppenfahrräder an die Deutsche Wehrmacht geliefert. In den 1950er Jahren konnte Junior einen beachtlichen Aufschwung verzeichnen und Puch mit einer eigenen Rennmannschaft sportlich zeitweilig den Rang ablaufen. 

Bis zu einem Brand 1967 wurde in Graz-Puntigam zunehmend für den US-Markt im Billigsegment produziert. Nach einem Neustart im weststeirischen Köflach, der Übernahme durch einen US-Investor und einem weiteren Großbrand schlitterte "Junior" 1975 in den Konkurs.