Grazer Radfahrer Club
 
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Radfahren wird populär


Damen auf Sociable, Herren auf Bicycles (=> Klick aufs Bild zur Gesamtansicht!)
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Grazer Radpionierinnen, 1892
Grazer Radpionierinnen, 1892
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Hochzeitsreise von Louise Sorg und Franz Fuchs, 1894
Hochzeitsreise von Louise Sorg und Franz Fuchs, 1894
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Abzeichen der Grazer Radorganisationen, 1895
Abzeichen der Grazer Radorganisationen, 1895
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Deutsch-völkischer Radfahrverein, gegr. 1897
Deutsch-völkischer Radfahrverein, gegr. 1897
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Erster Frauenradfahrverein der Monarchie
Mit der Einführung des Niederrades und die Erfindung des pneumatischen Reifens erfuhr das Radfahren eine rasante Popularisierung - auch in Graz, das im internationalen Vergleich spät dran war. Immerhin: Wurden 1886 in zwei Radfahrvereinen erst 89 Hochradfahrer gezählt, lautete eine Schätzung 1894 bereits auf 800 bis 1.000 Radfahrer.

Bemerkenswert war das "Tourenbuch von Steiermark für Radfahrer", das in erster Auflage 1889 (weitere 1894 und 1899) vom Steirischen Radfahrer-Gauverband (gegr. 1887) herausgegeben wurde. Es beschreibt Routen und Sehenswürdigkeiten, fahrradfreundliche Gasthöfe, die Radfahrvereine und ihre Satzungen, die Allgemeine Strassen-Fahrordnung und Transportbestimmungen für die Eisenbahn, die "Freund" genannt wurde.

Das Sicherheits-Niederrad ("Safety"), das in Graz 1887/88 erstmals auftauchte, erleichterte die Nutzung des neuen Verkehrsmittels, insbesondere für Frauen, die bisher fast ausschließlich auf Dreiräder angewiesen waren. Nun sattelte die Weiblichkeit auf und gab sich auch bald nicht mehr mit einem zugewiesenen Platz auf dem Tandem zufrieden: Am 16. Februar 1893 wurde mit dem
Grazer Damen-Bicycle-Club (GDBC) der erste Frauen-Radfahrverein der österreichisch-ungarischen Monarchie und einer der ersten - wenn nicht überhaupt  d e r  erste - in Kontinentaleuropa gegründet. Eine zweischneidige Vorreiterrolle, zeugt sie doch von der Notwendigkeit und der Austerität der alten Herrenradfahrvereine.

Auch wenn der GDBC sich schon 1898 wieder auflöste, war seine Wirkung auf die Öffnung der Vereine und für die Sportausübung von Frauen im öffentlichen Raum von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Festzuhalten ist, dass der Verein immer die gesundheitsfördernde Wirkung des Radfahrens in den Vordergrund stellte und nie an rennsportlichen Bewerben teilnahm.

Mit Aufkommen der industriellen Fertigung und der damit verbundenen Verbilligung wurde das Fahrrad popularisiert und immer mehr zum Fortbewegungsmittel der Massen im Alltag. Mussten für ein Hochrad in den frühen 1880er-Jahren rund 200 Gulden ausgelegt werden und kostete eines der ersten in Österreich angebotenen Sicherheitsräder noch 500 bis 600 Kronen (= 250-300 Gulden), sank der Preis um 1900 auf etwa 120 bis 250 Kronen. Zum Vergleich: Ein Tagelöhner verdiente 1 bis 1,5 Gulden (= 2 bis 3 Kronen), ein Maurer 1,5 bis 2 Gulden (3 bis 4 Kronen) am Tag.

Solcherart erschwinglich geworden, blieb das Radeln nun nicht länger einem elitären Bürgertum und sportbegeisterten Männern vorbehalten. Die weltanschaulich und ständisch begründete  Segmentierung nahm überhand. Die alten (Herren-)Radfahrvereine gerieten in die Krise, die Fahrradindustrie durch Überproduktion und wachsenden Importdruck ebenfalls. 

Starker Auftritt auch am Plakat
Welche Rolle das Fahrrad um die Wende zum 20. Jahrhundert spielte, widerspiegelte sich auch in seiner Verbreitung in der Plakatwerbung, die sich als Massenkommunikationsmittel gerade etablierte und der zeitgenössischen Gebrauchsgrafik zu einem Höhenflug verhalf.

Das Beispiel einer Plakatwand am Grazer Griesplatz soll dies veranschaulichen:
Plakatwand um 1900 am Grazer Griesplatz
Plakatwand um 1900 am Grazer Griesplatz
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Ausschnitt: Fahrradwerbung dominiert
Ausschnitt: Fahrradwerbung dominiert
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siehe auch => Historische Werbeplakate von "Styria" und Puch


"All frei!" statt "All Heil!"
"All frei!" statt "All Heil!"
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ARV "Wanderer" Graz, 1927
ARV "Wanderer" Graz, 1927
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Arbeiterradlerinnen
Arbeiterradlerinnen
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Arbeiterradler formieren sich
Bei der Kundgebung zum 1. Mai 1895 mischten sich in Wien erstmals Radfahrer "mit roten Cravatten und Schärpen" in größerer Zahl unter die Demonstranten und versahen "einen regelrechten Ordonnanzdienst", wie die Zeitschrift "Radfahr-Sport" berichtete.

1896 wurde der Steiermärkische Arbeiter-Radfahrerbund ins Leben gerufen, und zwar vom Chefredakteur des sozialistischen Kampfblattes "Arbeiterwille",
Hans Resel. Im zur Seite standen bei der Gründung in Pöltl´s Gasthaus (Stockergasse 8) Arbeiter der Brauerei Puntigam und der Styria-Fahrradwerke. Einen wesentlichen Impuls für den Zusammenschluss der Werktätigen lieferte die hitzig geführte Debatte über eine neue Radfahrordnung, die auch eine Externe Verknüpfung Registrierung und Besteuerung der RadlerInnen vorsah, letztlich aber - durchaus im Pakt mit z.B. deutschnationalen Kräften - abgewehrt werden konnte. 

Die neue "Kavallerie des Proletriats" war mit verantwortlich dafür, dass die Ära der sportlich-elitären bürgerlichen Radfahr-Hegemonie zu Ende ging.  In den Vereinen rückten ständische und ideologische Interessen immer mehr in den Vordergrund. Im betont deutschnationalen Graz sowie in den Städten der Untersteiermark gewann diese politische Gesinnung die Oberhand, nach dem Vorbild von Turnorganisationen führten auch mehrere Radfahrvereine den sogenannten "Arierparagrafen" ein.

Die früheren Protagonisten waren auf Motorrad und Auto umgestiegen, das Fahrrad erhielt den wenig schmeichelhaften Beinamen "Auto der Armen" oder "Auto des kleinen Mannes".

"Hoch der 1. Mai!!"
"Hoch der 1. Mai!!"




Anschluss da, Fahrradsteuer weg
Die schon Ende des 19. Jahrhunderts gewälzten Überlegungen zur Einführung einer Fahrradsteuer wurden in der Zwischenkriegszeit unter dem Titel der Geldbeschaffung für die Straßensanierung wiederbelebt und tatsächlich - nach kontroversiellen Debatten im ständischen Landtag - 1936 parallel bzw. zeitversetzt zu anderen Bundesländern realisiert. 185.000 Fahrräder waren 1938 in der Steiermark angemeldet; im Vergleich dazu erst bescheidene rund 15.000 Kraftfahrzeuge. Unmittelbar nach dem "Anschluss" an Hitler-Deutschland wurden Fahrradabgabe und  Kennzeichen wieder abgeschafft.

Die schon im Austrofaschismus gleichgeschaltete Radfahrerschaft wurde auch vom NS-Regime instrumentalisiert; obwohl die Nazis die totale Automobilmachung propagierten, kam dem Fahrrad als Alltags- und Reiseverkehrsmittel, zum Teil auch noch im militärischen Einsatz in diesem dunklen Kapitel der Geschichte eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu.

1937 mit Kennzeichen
1937 mit Kennzeichen
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Auffahrt In Graz, 9.4.1938
Auffahrt In Graz, 9.4.1938
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... und vor der Oper
... und vor der Oper
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NS-Propaganda: die steirische Fahrradindustrie profitierte
NS-Propaganda: die steirische Fahrradindustrie profitierte
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