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Mit Rad und Tat
"Falter" Nr. 16/05 Steiermark vom 20.04.2005

Eine Radlerhauptstadt ist Graz längst nicht mehr. Doch jetzt bewegt sich wieder etwas.

Im Büro des Grazer Radbeauftragten Helmut Spinka stapeln sich die Aktenberge. Auf dem Boden an die Wand gelehnt ist ein großer Stadtplan von Graz, voll mit gelben und roten Pinnnadeln. Rot bedeutet "geplant", gelb "durchgeführt". Gelb überwiegt knapp, aber die roten Nadelköpfe sind interessanter: Schließlich gilt es die Frage zu klären, ob Graz noch immer dem Ruf als Radhauptstadt gerecht wird. Am Plan sieht es so aus, als ob viel zu tun wäre.

Seit drei Jahren ist Spinka nun damit beauftragt, sich um den Radverkehr in Graz zu kümmern. Die Erfolge der letzten Jahre sprechen für seinen Einsatz: Der erste Teil der Radverbindung Richtung FH Joanneum ist ausgebaut. In der Annenstraße Richtung Eggenberger Gürtel zeugt ein rot gepflasterter Streifen davon, dass den Radfahrern endlich ein Stückchen Gehweg zur Verfügung gestellt wurde. Und "in ein, zwei Monaten kommt die neue Radkarte", versichert Spinka mit einem entschuldigenden Blick auf seinen Aktenberg.

In den späten Siebziger-, frühen Achtzigerjahren hat sich in Graz eine kleine verkehrspolitische Revolution ereignet. Einige Umweltaktivisten haben beim ehemaligen Vizebürgermeister Erich Edegger eine Radverkehrsplanung durchgesetzt, die Graz zur "Radlerhauptstadt" Österreichs machte. Einer der damaligen Aktivisten ist der heutige grüne Landtagsabgeordnete Peter Hagenauer. Gemeinsam mit drei Mitstreitern ist er für das Fahrradlogo verantwortlich, das in Graz auch heute noch die Radwege schmückt. "Vorher hat es nur Beteuerungen gegeben, dass das alles sehr schwierig sei und es rechtliche Hürden gäbe", erzählt Hagenauer. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion haben einige Aktivisten diese Barrieren überwunden und im Juni 1980 das Radlogo mit einer Schablone im Stadtpark aufgesprayt. Die Polizei bekam Wind von der Sache, es kam zu Festnahmen wegen Amtsanmaßung und Sachbeschädigung. Für Letzteres musste eine Strafe berappt werden, die dadurch symbolisch ihre Gültigkeit verlor, dass Edegger die Schablone kaufte.

Damit war der Durchbruch geschafft, Graz kam dann lange Zeit eine Vorreiterrolle unter den europäischen Städten zu. "Am Schicksal der Radwege zeigt sich auch das Schicksal von Graz. Graz ist damals sichtbar geworden", sagt Hagenauer. Nicht nur dass die Einbahnen geöffnet und Radwege gebaut wurden: "Radfahren war Kult. Im Bewusstsein und in der Stimmung der Stadt hat es eine Bewegung gegeben. Das war ein großer Brocken, psychologisch. Aber leider ist rasch der Einbruch gekommen."

Dass in den Neunzigern, insbesondere nach dem frühen Tod Edeggers 1992, wenig passierte, findet auch Ben Hemmens, seit 1998 bei der Radlobby Argus und seit 2002 Leiter ihres Grazer Büros: "Das System aus den Siebzigern wurde nie fertig gestellt." Vor allem die letzte Gemeinderatsperiode sei in dieser Hinsicht sehr unproduktiv gewesen, sagt Hemmens. Jetzt sei es aber ein wenig besser, nicht zuletzt deswegen, weil Argus an der Planung beteiligt ist und Vorschläge beim Verkehrsstadtrat Gerhard Rüsch (ÖVP) einbringen kann. Dass Graz einen Radbeauftragten hat, kann Hemmens nur begrüßen, doch seiner Ansicht nach bräuchte es ein ganzes Büro für Radverkehrsfragen: "Herrn Spinka müsste man klonen."

Zur neuen Radlermetropole hat sich jedenfalls Salzburg aufgeschwungen. Während Graz heute auf einen Radwegeanteil von nur 14 Prozent kommt, kommt Salzburg mittlerweile auf 19 Prozent. Nach Jahren der Stagnation scheint jetzt aber wieder etwas Leben in die "Radlerhauptstadt" zu kommen. Verkehrsstadtrat Gerhard Rüsch spricht von der neuen Keplerbrücken-Unterführung als einem "symbolträchtigen Großprojekt". An der linken Murseite soll eine Geh- und Radwegunterführung gebaut werden, damit Radfahrer ohne Unterbrechung in die Stadt bzw. aus ihr herauskommen. Die Verbindung beginnt beim Schwimmschulkai und geht beim Kaiser-Franz-Josef-Kai in den Radweg über. Zurzeit muss man noch dreimal die Straßenseite wechseln oder verbotenerweise auf dem Gehweg fahren. Der Bau der Unterführung wird ab diesem Sommer zwei Jahre dauern und Land, Stadt und EU 1,5 Millionen Euro kosten. Ungefähr 860.000 Euro werden aus dem 1-Millionen-Budget kommen, das für den Grazer Radverkehr 2005 vorgesehen ist. Rund 6000 Radfahrer passieren täglich diese Stelle. Die Entschärfung der Gefahrenstelle kommt etwas spät; geplant ist sie schon länger, konnte aber aus finanziellen Gründen bislang nicht umgesetzt werden.

Bei der Planung und Umgestaltung von Hauptverkehrswegen spielen die Radwege in Graz derzeit eine untergeordnete Rolle. Sie fallen Parkplätzen zum Opfer oder wegen ihnen zu schmal aus. Worin die Stadtplaner gut seien, sei "das Ausnützen von Schleichwegen", sagt Ben Hemmens. Problematisch finde er fehlende Bodenmarkierungen und Wegweiser, die das "Fragmentiersystem zusammenstückeln" sollten. Eine durchgehende Radroute wäre für Leute, die aus den Außenbezirken in die Stadt fahren, eine wesentliche Erleichterung. Vor allem in 30er-Zonen hält Stadtrat Rüsch andererseits eine durchgehende Beschilderung für "unnötig" und zu teuer. Auch auf Haupteinzugsstraßen, wie dem Eggenberger Gürtel, wird es keine Maßnahmen geben; dort könne man schwer etwas ändern, sagt Spinka.

Wo es aber zu einer für Radfahrer günstigen Wahlmöglichkeit kommen wird, ist bei der Neutorgasse/ Albrechtgasse und am Franziskanerplatz. Für die Neutorgasse Richtung Innenstadt ist ein Radweg geplant, der alternativ zur Route über den Franziskanerplatz gedacht war. Kollisionen zwischen Fußgängern und Radfahrern sind vor allem in der Sommerzeit zu befürchten, wenn die Gastgärten geöffnet haben. Diese Strecke werde dennoch bleiben und "nur bei Großveranstaltungen in der Innenstadt gesperrt werden", versichert Rüsch. Obwohl Übergänge nicht gelöst, Teilstrecken nicht verknüpft und Gefahrenstellen nicht entschärft sind oder entschärft werden können: Wird Graz den Rad-Hauptstadt-Titel wieder erringen? Die Hoffnung lebt.

MARIJANA MILJKOVIC