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Erich Edegger - Architekt der Radverkehrs-Renaissance

Der Name Erich Edegger ist mit dem Radverkehr in Graz eng verbunden. Als Vizebürgermeister begründete er das Konzept der "sanften Mobilität", baute ab 1980 am Radverkehrsnetz und führte flächendeckend Tempo 30 (ausgenommen Vorrangsstraßen) ein.


Radweg am Glacis in Bau
Radweg am Glacis in Bau
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Edegger radelte voran
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Im Interview
Im Interview
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Erich Edegger (1940-1992), vom Brotberuf Bäckermeister, gehörte seit 1971 dem Gemeinderat an und war seit 1974 zunächst als Planungs- und dann auch als Verkehrsreferent und Vizebürgermeister tätig. Sein erster verkehrspolitischer Wurf war eigentlich kein fahrradfreundlicher: Mit Verkehrsplaner Gerd Sammer (TU Graz, heute BOKU Wien) führte er 1976 das innerstädtische Einbahnsystem ein. Schon bald merkte er, dass mit dieser Maßnahme für die RadlerInnen ungünstige Umwege verbunden waren. Ein Folgeauftrag lautete daher, ein Radverkehrskonzept zu erstellen.

Diese Arbeit mündete 1980 in ein "Sachprogramm Verkehr - fuß- und Radwegenetz", das im Rahmen es "Stadtentwicklungskonzept STEK" vorgelegt wurde. Es sollte Basis werden für die Schaffung einer Radverkehrsinfrastruktur, ausgelegt auf ein 170 km umfassendes Netz an Radwegen und Radrouten. Erstmals wurden Anforderungen an Radverkehrsanlagen, Lösungen in den Kreuzungsbereichen sowie Ausnahmen vom Fahrverbot gegen Einbahnen inklusive Beschilderung und Bodenmarkierung ausgetüftelt. Im Vorwort unterstreicht Edegger die Notwendigkeit der Planung eines Wegesystems für Nichtmotorisierte aus Gründen der Ressourcenschonung, aus gesundheitlichen und sportlichen Überlegungen und auch, um jenen, die kein Auto besitzen, zu ermöglichen, "alle wichtigen Punkte unserer Stadt gefahrlos zu erreichen."

Doch als Planungsstadtrat (der Straßen- und Brückenbau kam erst später dazu) hatte Edegger nur begrenzte Umsetzungskompetenz: Den "veloRutionären" Aktivisten der "Alternativen Verkehrspolitik Graz AVG" grund um
Günther Tischler ging's jedenfalls zu langsam, und im Juli 1980 pinselten sie sich in der Wilhelm-Fischer-Allee im Stadtpark selbst einen Radweg. Edegger kam diese Aktion gar nicht so ungelegen, brachte sie ihm doch Rückenwind über die öffentliche und veröffentlichte Meinung, sprich die Medien.

Tatsachlich kam nun in Sachen Radverkehrs-Infrastruktur einiges in Bewegung: Die erste bedeutende neue Radachse entstand ab 1980 zum Teil auf dem zugeschütteten Mühlgang am linken Murufer nach Andritz. 1981 erfolgte in der Zinzendorfgasse auf der Route zur Uni die erste Einbahnöffnung - damals ein gewagtes Unterfangen, war diese österreichweit einzigartige Maßnahme doch nicht durch die Straßenverkehrsordnung (StVO) gedeckt.




Gutes Gespann: Edegger - Stingl, 1989
Gutes Gespann: Edegger - Stingl, 1989
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"Ed" mit Mascherl
"Ed" mit Mascherl
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"Bäcker des Staus" ließ sich nicht beirren
Weitere ordnungspolitische Schritte wie die Einführung der Parkraumbewirtschaftung ("Blaue Zonen") 1979. Die Ausweitung der Fußgängerzonen und flächendeckend Tempo 30 ausgenommen Vorrangstraßen (1991) waren die Basis für ein neues urbanes Mobilitätsverständnis, das auf die Verbesserung der Lebensqualität ausgerichtet war und der freien Fahrt und dem zunehmenden Flächenverbrauch durch den Kfz-Verkehr eine Absage erteilte.

Damit machte sich Edegger freilich nicht nur Freunde: Autofahrerorganisationen und Wirtschaftsflügel seiner eignene Partei - Edegger kam ja selbst aus dem ÖVP-Wirtschaftsbund - klebten Pickerl mit der Schmähung "Bäcker des Staus" auf die Hecks ihrer Autos, und als er 1984 in der Keplerstraße die Fahrbahn zugunsten eines Zweirichtungs-Radwegs verschmälern ließ, sammelte der ÖAMTC Unterschriften gegen ihn. 

Doch "Ed", bestärkt durch ein gutes Wahlergebnis 1993, ließ sich nicht beirren. Dass sein Bemühen, den Alternativen zum Auto Geld, Platz und zum Teil auch Vorrang einzuräumen, "zunehmend ins Grundsätzliche, ja fast Weltanschauliche" ging, war ihm natürlich bewusst. Die von ihm verfolgte Idee war "in Wirklichkeit auch eine neue Dimension von Sozialpolitik", wie der damalige SPÖ-Bürgermeister Alfred Stingl nach Edeggers Tod in einer Trauersitzung des Gemeinderates 1992 sagte. 


Kooperation mit der Polizei
Kooperation mit der Polizei
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Erich-Edegger-Steg
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Kantiger Politiker, kongeniale Begleiter
Begleitet wurde der kantige Kommunalpolitiker von kongenialen Fachleuten, Alois Schützenhöfer (KfV),
Fritz Möstl (Polizei), Manfred Hönig (Stadtplanung), dem schon erwähnten Planer Gerd Sammer und den Radaktivisten um Günther Tischler. Edegger befleißigte sich auch in seinen anderen Zuständigkeitsbereichen nie eines "spekulativen Lobbyismus" (Stingl), er war ein Mann der Praxis, der, wenn es sein musste, seine Beamten schon einmal an die Kandare nahm: So rückte er selbst mit dem Maßband aus, als ihm mitgeteilt wurde, dass sich in der Wickenburggasse bei der Beibehaltung von vier Fahrspuren kein Radweg ausgehe.

Mit seinem frühen Tod am 28. Oktober 1992 - nach drei Wochen im Koma im Gefolge einer Gehirnblutung - verlor Bürgermeister Stingl "seinen" Partner und verkehrspolitischen Kopf. Die autofreundlichen Kräfte in der ÖVP gewannen die Oberhand. Da nutzte auch eine Volksbefragung nichts, in der sich 1995 die Mehrheit zweimal für die Beibehaltung des Modells der "sanften Mobiliät" aussprach.

In den folgenden Jahren wurde es still um Edeggers Konzepte. Erst eine Generation später, mit Gerhard Rüsch, der vom Verkehrsverbund in die ÖVP-Regierungsriege kam, und Kristina Edlinger-Ploder, Verkehrslandesrätin 2007-10, wurden seine Ideen wieder aufgegriffen und die Kooperation mit der 1998 auch in Graz gegründeten Radlobby ARGUS intensiviert.

Nach Erich Edegger benannt ist die Radroute zwischen Mariagrün und Mariatrost sowie - auf Betreiben der ARGUS - seit 2003 der FußgängInnen und RadlerInnen vorbehaltene Steg zwischen Kaiser-Franz-Josef-Kai und Mariahilfer Platz.

Anlässlich seines 20. Todestages gab es am 28.10.2002 einen Gedenkgottesdienst in der Stadtpfarrkirche, an dem u.a. Bgm. Siegfried Nagl (ÖVP) teilnahm. Bemerkenswert eine Presseaussendung der Grazer Kommunisten: "Statt den Beifall der Autofahrer-, Bau- und Immobilienlobby zu suchen, stellte er das gesellschaftliche Interesse in den Vordergrund. Deshalb bleibt er - weit über seine Gesinnungsgemeinschaft hinaus - den Menschen in Graz in guter Erinnerung."  

WW

Literatur
Wolfgang Wehap: Frisch, radln, steirisch. Eine Zeitreise durch die regionale Kulturgeschichte des Radfahrens, Graz 2005, insbes. 195-201, 208f.
Günther Tischler: Das Fahrrad als Metapher für eine andere Verkehrspolitik, in: RadLerleben, Graz 2009, 50-56.