Ernst Brömer-Elmerhausen, Gründungsmitglied des Wiener Bicycle Club und "Pfadfinder des Radsports in Wien", war Anfang September 1882 per Hochrad (Marke Howe) nach Graz unterwegs. Er legte die 213 km in zwei Tagen in einer Fahrzeit von 12 h und 10 min. zurück, retour brauchte er an einem Tag gar nur 11 h 40 min., was die "Allgemeine Sport-Zeitung" zu der Bemerkung veranlasste:
"Es ist eine Leistung, die sich schon guten englischen Performances zur Seite stellen kann."
Graz war damals, zu einer Zeit, als das neue Gefährt von England aus schon seinen Siegeszug durch halb Europa angetreten hatte, von der neuen Trendsportart noch so gut wie unberührt. Nur vom Hörensagen bzw. aus kleinen Zeitungsmeldungen hatte man an der Mur bisher davon mitbekommen.
Wie die Überlieferung besagt, traf Brömer an der Grazer Nordeinfahrt bei der Weinzödlbrücke (sie befand sich in etwa auf der Höhe des heutigen Kraftwerkswehrs; die neue Weinzödlbrücke befindet sich 600 Meter flussabwärts, Anm.) auf einige Mitglieder des Klagenfurter Ruderclubs "Nautilus", die an ihrem Studienort Graz einen Ruderclub formieren wollten. Zumal sich die Mur für diese Art Wassersport nicht wirklich eignete, ließen sich die jungen Sportsmänner, angetan vom schneidigen Bicyclisten und seinem "Wagen", offenbar rasch überreden und gründeten statt eines Rudervereins einen Radclub.
Schon bevor der Grazer Bicycle-Club (GBC) am 16. November offiziell aus der Taufe gehoben wurde, trat Brömer öffentlich in der Grazer Industriehalle auf, und zwar mit einem Wiener Kollegen und vier Grazer Bicyclisten, was medial geradezu überschwänglich kommentiert wurde. 1883 leitete er dann die erste mehrwöchige Reise, die von österreichischen Radfahrern unternommen wurde, mit dem Ziel Venedig.
Brömer-Elmerhausen blieb auch nach der geleisteten "Geburtshilfe" eng mit Graz verbunden: Er gewann für den GBC Rennen, wurde dessen Ehrenmitglied und unterhielt eine Filiale seiner Fahrradhandelsfirma im alten Postgebäude (heute: Steinfeldhaus) am Jakominiplatz. In Wien betrieb er u.a. die "Waffenradbahn". Als er 1899 im Zuge der ersten Krise der Fahrradindustrie Pleite machte, verliert sich seine Spur.
Kärntner als erster GBC-Obmann
Ernst Wlattnigg (1858 - 1930) war als einer der "gestrandeten" Kärntner Ruderer erster Obmann des GBC. Nach seinem Studium an der Technischen Universität verließ er Graz allerdings schon im Herbst 1884 berufsbedingt wieder. Er wurde Oberinspektor bei der Bahn und spielte in der Folge im sportlichen und gesellschaftlichen Leben seiner Heimatstadt Klagenfurt eine große Rolle.
Wlattnig war aktiver Eisläufer, später Lehrer einiger bekannter Eissportler und Förderer der Volksmusik. Er organisierte zahlreiche große Wohltätigkeitsveranstaltungen. Nach ihm ist eine Gasse in Klagenfurt benannt.
Ruf von Graz als Radsport-Hochburg begründet
Dem GBC ist es zu verdanken, dass Graz Ende des 19. Jahrhunderts den Ruf einer Hochburg des Radsports in der österreichisch-ungarischen Monarchie erwarb. Das erste Straßenrennen in der Steiermark wurde am 14. Oktober 1883 abgehalten, am 14. April 1884 eröffnete der GBC seine eigene Rennbahn im Park der Industriehalle - die erste Österreichs und mit einer Länge von 690,3 m die längste des europäischen Festlandes. Hier fanden bis 1899 die legendären internationalen Pfingstrennen ausgetragen. Auch im Saalsport zeigte die Murmetropole auf: Im Kunstfahren errang Hubert Endemann mehrfach den Meistertitel.
Was die sportlichen Erfolge betrifft, übernahmen in den folgenden Jahren der Grazer Radfahrer Club (GRC) und der Akademisch-technische Radfahrer-Verein (AtRV) - hervorgegangen aus vom GBC abgesprungenen Akademikern - die Federführung. 1894 kam es mit der Gründung des Grazer Bicycle Club von 1894, in dem noch strengere Amateurregeln gepflogen wurden, zu einer weiteren Abspaltung. Die bürgerlichen Vereine gerieten in die Krise, 1899 musste das eigene Clublokal geschlossen werden, die neue, gemeinsam mit GRC und AtRV betriebene Rennbahn wurde schon davor aufgegeben. 1907 stand der GBC knapp vor der Auflösung - diese wurde dann 1938 mit der Eingliederung aller Vereine in den Deutschen Reichsbund für Leibesübungen des NS-Regimes endgültig besiegelt.