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1938 wechselte man nicht nur die Straßenseite
EXKURS

Österreich war als eines der letzten Länder Kontinentaleuropas auf der linken Straßenseite unterwegs. Nach dem Anschluss an Hitler-Deutschland wurde per 1.7.1938 auf Rechtsverkehr umgestellt. Dies brachte auch Probleme etwa im Straßenbahnverkehr mit sich, weshalb in Wien und seinem Einzugsgebiet - z.B. Mariazell - länger links gefahren wurde.

Linksverkehr in der Grazer Herrengasse
Linksverkehr in der Grazer Herrengasse
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Der Umstand, dass der Rechtsverkehr in der Steiermark früher eingeführt wurde als in Niederösterreich, übte, wie der Maler Franz Breiter aus Neunkirchen in seiner Biografie erzählt, einen besonderen Reiz aus: „Wir Freunde machten uns einen Spaß daraus, mit dem Fahrrad auf den Semmering zu fahren, um das Gefühl auszukosten, auf der Passhöhe, wo die Landesgrenze verläuft, einfach die Seiten zu wechseln und von der linken auf der rechten Seite weiterzufahren."  Mit der Begründung der notwendigen Adaptierungsarbeiten an der Wiener Straßenbahn wurde in der Bundeshauptstadt erst mit 18. September umgestellt. Dies galt auch für Niederösterreich und die Wiener Ausflugsgebiete, zu denen auch das Mariazeller Land gezählt wurde.  

Davor war die Regelung verwirrend: Ende 1914 rang sich Österreich-Ungarn zu einer einheitlichen Lösung durch - und setzte mit der Linksfahrordnung prompt aufs falsche Pferd. Zahlreiche Länder, die bereits rechts gefahren waren, wurden "umgepolt": Dalamtien, Triest, Istrien, Görz, Tirol und Kärnten. Die einzige Ausnahme mit Rechtsverkehr blieb - unter Hinweis auf die Regelung bei den Nachbarn Deutschland und Schweiz - Vorarlberg.


Herrengasse, 1933
Herrengasse, 1933
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Im Westen fuhr man rechts, im Osten links
Als sich immer mehr Länder für rechts entschieden, kam in den 1920er-Jahren die Debatte erneut auf. Der vehementeste Widerstand gegen eine Änderung kam aus der Straßenbahn-Stadt Wien. 1929 wollte das Parlament dennoch Klarheit schaffen und rang sich zu einem Grundsatzbeschluss für die allgemeine Rechtsfahrordnung durch. Doch in den folgenden Jahren war man mit anderen Dingen beschäftigt und überließ die Regelungen den Ländern. Diese folgten im Westen dem Beschluss, nicht so jedoch im Osten, was dazu führte, dass Österreich in Sachen Fahrbahnseitennutzung zweigeteilt war.

In einer seiner letzten Reden kündigte Bundeskanzler Kurt Schuschnigg an, dass die Umstellung nun wirklich allgemein umgesetzt werde. Abgesehen von Österreich fuhren am Kontinent nur noch Ungarn, die Tschechoslowakei und Schweden auf der linken Seite, wobei letztere beiden Länder schon die entsprechenden Änderungsbeschlüsse gefasst hätten, hieß es damals in einem Zeitungsbericht. (In Schweden erfolgte die tatsächliche Umsetzung allerdings erst 1967, in der Tschechoslowakei war es 1938/39 so weit, in Ungarn 1941, Anm.)

Grund für die schleppende Umsetzung in Österreich waren die damit verbundenen Kosten und die insgesamt marode Finanzlage des Staates und der Gebietskörperschaften. Die Kosten für die Änderungen im Tram-System (Lage der Gleise und der Ein- und Ausstiege), in Beschilderung, bei Signalanlagen udgl. wurden von Schuschnigg mit 20 Mio. Schilling veranschlagt, weshalb er damit rechnete, dass die Änderung erst im Herbst 1939 in Geltung treten werde.

Verschlechterungen für RadlerInnen
Doch zu dieser Investition kam es nicht mehr. Der "Anschluss" an Nazi-Deutschland, der politische "Seitenwechsel" sozusagen, beschleunigte auch jenen auf der Straße. Mit der Rechtsfahrordnung wurden auch andere, seit Anfang 1938 in Deutschland geltende Verkehrsvorschriften übernommen, die den Status der RadlerInnen nachhaltig verschlechterten: Abgesehen vom Verbot des Nebeneinanderfahrens (außer in geführten geschlossenen Verbänden) waren dies die Einführung der - erst 2013 in einer StVO-Novelle gelockerten - Radwegebenützungspflicht sowie die generelle Vorfahrt für Kraftfahrzeugen an Kreuzungen. Zudem wurden Tempolimits abgeschafft: „Die bisher bestehenden ziffernmäßig bestimmten Geschwindigkeitsgrenzen stellen besonders im Innerortverkehr eine unbegründete Behinderung des motorisierten Verkehrs dar", lautete die Begründung. Stattdessen wurde der Generalpassus eingeführt, wonach die Geschwindigkeit so zu wählen ist, dass der Bremsweg nicht größer ist, als die Übersicht über die Fahrbahn reicht.

Am Tag der Einführung notierte die „Tagespost" befriedigt, dass eine der neuen Vorschriften, das Verbot des Nebeneinanderfahrens, bereits Früchte trage: „Erfreulich ist es auch, dass die Radfahrer, denen sich die mehrfachen entschiedenen Ankündigungen der Polizei doch ins Gedächtnis geprägt haben, heute schön säuberlich hintereinander fuhren, anstatt, wie es früher war, zu dritt oder viert in traulichem Gespräch nebeneinander die Fahrbahn zu blockieren". In den Zeitungen wurde jetzt wöchentlich über die Unfallstatistik berichtet - die Radfahrerinnen und Radfahrer stellen dabei die größte Gruppe. So wurde vermeldet, dass Kfz-Lenker vermehrt beim Überholen von Radlern Unfälle verschuldeten, weil sie einen zu geringen Seitenabstand einhielten.

Als Zuckerl hatte das NS-Regime die Abschaffung der Fahrradsteuer parat, insgesamt förderte man jedoch die Motorisierung. Doch die Verheißungen konnten keineswegs erfüllt werden. „Statt des propagierten Autos nahm der Kauf von Fahrrädern stark zu, was vor allem auf die gestiegenen Einkommen, die Aussetzung der Fahrradsteuer und eine allgemeine Preisreduzierung für Fahrräder zurückzuführen war", resümiert der Zeithistoriker Stefan Karner. Anstelle des in Aussicht gestellten und von vielen schon angezahlten KDW-Wagens machten sich schon bald Restriktionen auch in der Fahrrad-Verfügbarkeit etwa durch Bezugsscheinpflicht bemerkbar.

Profiteure in der Fahrrad-Branche
Inserate "arischer Fahrradhändler"
Inserate "arischer Fahrradhändler"
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Wie auch in anderen Branchen waren auch Radhändler und -Mechaniker nach der Annexion eilig bemüht, sich "arisch" auszuweisen und sich so dem neuen Regime anzudienen. Auf diesen "Seitenwechsel" machte auch die Externe Verknüpfung  Ausstellung "verfolgt - beraubt - vertrieben" des Kunstvereins <rotor> im Frühjahr 2016 aufmerksam. 

Es gab auch Profiteure durch Enteignungen, etwa den Fahrradgroßhändler Franz Weiß, der Teile der Liegenschaft des Katholischen Gesellenvereins (heute: Kolpingvereins) in der Schießstattgasse 45 erwarb. In dem Objekt, bestehend aus einem Haus mit Kapelle und einem Veranstaltungssaal (Kaiser-Franz-Josef-Saal, errichtet anl. des 50. Regierungsjubiläums 1898, Anm.) richtete er eine Dependance seines in der benachbarten Grazbachgasse angesiedelten Unternehmung ein und verlagerte diese dann überhaupt an diesen neuen Standort. Im Kaiser-Franz-Josef-Saal wurden nunmehr Fahrräder gelagert. Weiss musste nach dem Krieg zwar eine Abschlagzahlung leisten, kam aber um eine Rückgabe herum. Die Gebäude wurden in den 1970er-Jahren abgerissen und durch das Generali-Haus (Ecke Schießstattgasse - Conrad-von-Hötzendorfstraße) ersetzt.

Die Puchwerke und die Junior-Fahrradwerke wurden in die NS-Rüstungsbetriebe aufgenommen; sie bildeten zudem gemeinsam mit Assmann in Leibnitz ein Zentrum der reichsdeutschen Truppenfahrrad-Produktion.


Literatur
Johann BERLAKOVIC, Fahren wir auf der falschen Seite?, in: Die Presse.com 14.12.2007
Stefan KARNER, Die Steiermark im Dritten Reich 1938-1945. Aspekte ihrer politische, wirtschaftlich-sozialen und kulturellen Entwicklung, Graz 1986, 219
Franz BREITER, Lebenserinnerungen, Neukirchen, o.J., 28
Walter ULREICH, Wolfgang WEHAP, Die Geschichte der PUCH-Fahrräder, Gnas 2016, 164f (Truppenfahrräder)
Festschrift 150 Jahre Kolpingsfamilie Graz 1854-2004, 31 (Enteignung); erg. Info: Stefan Salcher, Obmann Kolpingverein Graz, April 2016
Kleine Zeitung 27.2.1938, 7; 16.3.1938, 37, 38
Tagespost 2.7.1938, 5; 14.7.1938, 7


WOLFGANG WEHAP