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Lisa Rücker verspricht Unkonventionelles

Lisa Rücker ist Vizebürgermeisterin der neuen schwarz-grünen Grazer Stadtregierung und für Umwelt, Verkehr und Wirtschaftsbetriebe zuständig. Zu unserem Intervietermin im Don Camillo am Franziskanerplatz kommt sie mit dem Fahrrad und - etwas ungewohnt - mit Helm.  Ihr "Naja, gutes Vorbild eben" klingt fast entschuldigend.


Lisa Rücker
Lisa Rücker
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ARGUS: Du bist Alltagsradlerin, wie wir gerade gesehen haben. Wird sich daran in deiner neuen Funktion etwas ändern?

RÜCKER: Ich nehme an, dass ich hier und da ins Taxi springen muss, was ich bis jetzt nicht tue. Aber generell werde ich weiter mit dem Radl unterwegs sein. Ein Dienstauto, das mir zustehen würde, habe ich nicht angenommen. Nach Wien, hat mir der Bürgermeister angeboten, kann ich mit ihm mitfahren. Aber so oft werden wir da nicht fahren.

Zum Stellenwert des Radverkehrs. Momentan ist es ja politisch chic, was für den Radverkehr zu tun. Welchen Beitrag kann der Radverkehr leisten?

Radfahren ist eine günstige Form, ein Verkehrsproblem zu lösen. Das ist der Grund, warum das Land, die Ministerien und auch wir darauf setzen. Auch wenn es nicht d i e Lösung des Verkehrsproblems ist: Da hast du zumindest einen Ansatz, einen Hebel, der günstiger ist, als nur auf Straßenbahnausbau zu setzen. Die andere Geschichte ist: Bisher war Radfahren Freizeit, Hobby. Radfahren als Wirtschaftsfaktor, als Vorteil in Stausituationen in der Stadt, wo die meisten Wege unter 5 km sind - der Blick ist noch wenig geschärft. Und die Bewegungsgeschichte, die man ernst nehmen muss.

Dieser Tage hat der VCÖ die neue Radsaison ausgerufen. Offenbar geht sogar der VCÖ davon aus, dass die Räder iim Winter in der Regel im Keller stehen. Also nur bedingt ein Alltagsverkehrsmittel?

Ja, das hört man öfter: "Ich fahre schon mit dem Rad, aber im Winter nicht." Das wundert mich, weil gerade in Graz ist es ja so, dass man nur wenige Tage - ich habe zwei Tage einen Patschen gehabt -  nicht fahren kann. Das Fahrrad wird als Saisongerät gesehen - und es ist kein Saisongerät, schon gar nicht in Graz.



"Von mir erwartet man eh nichts anderes"

Wo liegen die Konflikte?

Es gibt zwei Geschichten: Fußgänger - Radfahrer. Da sage ich einmal locker, auch wenn ich intern Widerspruch höre: Die Ordnungswache werden wir da auch brauchen. Es braucht Regeln auch für Radfahrer. Wir kennen das aus holländischen Städten, wenn die Stimmung so groß wird gegen die Radfahrer, wenn die Fußgänger sich bedroht fühlen. Die andere Geschichte: Wenn mehr Radler auf der Straße fahren und nicht auf Gehsteige verdrängt werden, d.h. man muss beim Auto ansetzen. Die Frage der Platzverteilung betrifft nicht nur Fußgänger und Radfahrer, sondern auch Autos. 

Wie weit wird das gehen, bleibt es bei der Umwidmung von ein paar Parkplätzen, wie es in der Vergangenheit schon nicht möglich war. Wird es auch Enteignungen geben?

Ich habe mir das angeschaut. Da geht es meist nur um ein paar Meter. Wenn man die gleiche Haltung hat wie im Straßenbau, wo relativ großzügig enteignet wird... von dem her ist es keine große Geschichte. Natürlich braucht es Maßnahmen. Für die Busspuren werden wir ja auch nicht die Straßen verdoppeln, sondern Parkplätze oder manchmal Fahrspuren wegnehmen. Eine grüne, böse Verkehrsstadträtin kann sich da leichter durchsetzen als ein ÖVP-Verkehrsstadtrat. Ich glaube, dass diese Rollenverteilung echt nicht blöd ist: Von mir erwartet man eh nichts anderes.

Bei der Frage der Nahverkehrsabgabe haben die Grünen nachgegeben. Die Linie von Edlinger-Ploder ist da ja, zuerst schaffen wir ein gutes Angebot, dann verlangen wir was dafür. 

ÖV ausbauen und dann umsteigen ist ein Totschlagargument. In der Stadt hast du ja nicht nix. Und du hast einen Steuerungseffekt. Wobei wir ausgemacht haben: Ab sofort wird über Mobilitätsabgaben geredet und sie dem sehr wohl was abgewinnen kann. - im Gegensatz zu Rüsch. Dass man keinen Infrastrukturausbau mit Abgaben finanziert ist klar, aber den laufenden Betrieb kann man so finanzieren. 

Was wird aus dem Gratis-Leihrad, das Rüsch einführen wollte und seither im Leerlauf ist. 

Mir gefällt so was wie ein Studenten-Bike, wie das die Schweizer haben, dass man den Studis das ganze Jahr über gegen Kaution ein Rad zur Verfügung stellt. Ich bleibe bei dem Thema drauf, aber ich schaue mir an, was Sinn macht. Es hat zum Beispiel in großen Städten wie Barcelona Sinn gemacht, die bei einem Radanteil von null Prozent gestartet sind. Bei uns geht es eher darum, die Zielgruppen zu erweiteren, weil ein Grundlevel ja da ist. Man könnte da in Hotels, Tiefgaragen, Werkstätten was anbieten. Schöne, coole, hochtechnologische Räder im öffentlichen Raum wie die Citybikes haben schon was - aber ob das für Graz passt, bin ich mir nicht sicher. 



Die CvH ist "ein Wahnsinn"
Zur Grazer Situation: In den vergangenen Jahren wurden unter dem Titel Lückenschluss viele neue Lücken neu gebaut und fast alle neuen Radverkehranlagen wurden als Geh-/Radwege ausgeführt. Wie siehst du das?

Gerade die Conrad-von-Hötzendorfstraße ist ein Wahnsinn, wenn du den Leuten über die Zehen fährst bei den Hauseinfahrten. Da musst du absteigen. Auch in der Eggenberger Allee ist es eine komische Lösung geworden. Ich glaube, dass es manches Mal nicht anders geht. Da ist die Frage, wie schütze ich die Fußgänger? Grundsätzlich gehört aber der Radler auf die Fahrbahn. Das heißt auch: Reduzierung von Geschwindigkeit und Herausnehmen von dem Druck, dass Autos immer Vorrang haben.

Ich glaube nicht, dass wir ein flächendeckende Radwegesystem brauchen. Wir brauchen Radrouten, ein paar gut ausgebaute und gut beschilderte Achsen, alles andere kann man über Tempo 30, verkehrsberuhigte Zonen, Busspuren abwickeln.

Ich selber fahre fast immer auf der Fahrbahn, kaum auf dem Radweg. Sicher, ich werde oft angehupt, da kriegst die die volle Wucht der Aggressionen von Autofahrern. Aber ich sehe nicht ein, warum ich da rauf, runter, rauf, runter soll, wenn ich es eilig habe.

Ein wichtiges Thema ist die Raumplanung, die Stadtentwicklung, die ja nicht in deinem Ressort ist...

...aber sehr eng mir (in Person von Eva-Maria Fluch, Anm.) gegenüber sitzen wird. Es ist es halt oft nicht vereinbar, ohne Auto zu sein und im Grüngürtel zu wohnen. Da ist Park & Ride ein Ansatz, die Radmitnahme im öffentlichen Verkehr muss besser werden. Wenn ich nach Leibnitz fahre, möchte ich nicht streiten müssen, ob ich ein Rad mitnehmen darf oder nicht. Das muss immer möglich sein und wenn es voll ist, ist es voll und man muss mehr an Kapazitäten zur Verfügung stellen. Dass man auch nicht immer ein Auto braucht, um aus der Stadt herauszukommen, muss auch noch stärker bewusst  werden. 

Infrastruktur ist die eine Seite, öffentliche Wahrnehmung und öffentliches Bewusstsein die andere. Da spielt das Fahrrad ja eine eher untergeordnete Rolle.

Man muss Zeichen setzen, Leute im öffentlichen Leben - ich mache es ja auch bewusst, ich mache es ja nicht nur, weil ich gerne radfahre -, Lehrerinnen und Lehrer, die den Kindern das Radfahren näherbringen. Es geht um mediale, aber auch persönliche Vermittlung.  

Versuch, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen, ist die Critical Mass. Du warst ja auch schon dabei. Ist das eine unterstützenswerte Veranstaltung?

Alles, was abseits von einer bewussten Gefährdung von anderen und sich selbst stattfindet, ist begrüßenswert. Richtig ist, dass der Raum in der Stadt sehr einseitig verteilt ist und das wird aufgezeigt. Ich finde es nur schade, wenn man sich auf diesen Zweikampf einlässt. Es geht nicht um eine Machtdemonstration, es geht darum, bewusst zu machen, dass die Straße nicht nur dem Autofahrer gehört, dass Rücksichtnahme gefordert ist.

Was wird es bei Rücker geben, das es bei Rüsch nicht gegeben hätte?

Ich möchte schon auch Unkonventionelles ausprobieren. Ich möchte weniger diesen klassischen Lückenschluss-Radwegeausbau. Eher eine Durchdringung der Stadt mit Möglichkeiten zum Radeln. Beim politischen Willen muss ich nicht so viel abstimmen wie in der ÖVP.

Hast du schon mit deinen Beamten gesprochen? 

Ich habe mit dem Straßenamt immer wieder zu tun gehabt und immer wieder kleine Lösung abseits der Tagesordnung gefunden. Ich habe mich schon immer wieder mit den Dingen beschäftigt, bevor ich jetzt in das Amt gekommen bin. Jetzt herrscht im Bauamtsgebäude natürlich helle Aufregung, weil zwei Frauen als Chefinnen kommen. Im Vorfeld hat ein maßgeblicher Beamter, wie ich gehört habe, gemeint: "Wenn die Rücker kommt, gehe ich in Pension". Aber prinzipiell bin ich kein schwieriger Mensch, wir werden eine Form der Kooperation finden.



Ersten Patschen mit 10 gepickt

Was fährst du für ein Rad/ für Räder?

Ich habe ein zusammengebasteltes Mountainbike, aus hochwertigen Teilen, das gehört hergerichtet. Dann habe ich unlängst ein Stadtrad bei Bicycle gekauft, ganz schnell, ein Hercules. Ich wollte eigentlich mein wunderbares KTM reparieren lassen, aber das hätte 300 Euro gekostet. Das habe ich gleich ein Neues genommen.

Du fährst auch in der Freizeit?

Ja, mit dem Mountainbike, ein bisserl im Gatsch, meist in der Südsteiermark. Ich bin ein Bergtyp, eine Klettererin.

Hast du schon einmal Patschen gepickt?

Ja klar. Ich glaube, ich war 10, als ich den ersten gepickt habe. In unserer Wohnstraße haben wir dauernd an den Rädern herumgeschaubt. bei meinen Kindern ist das leider anders. Die fahren zwar mit dem Fahrrad, im Sommer, aber das wars dann auch schon.

WW