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Macht Platz, Fahrrad kommt!
"Falter Steiermark" Nr. 11/08, 12.03.2008, Seite 12

RADELN Noch ist Graz ein Radfahr-Fleckerlteppich, künftig will sich die Stadt mit Salzburg um den Titel Radlerhauptstadt raufen. Die Biker-Elite in Gestalt zweier "Veloblitz"-Boten erklärt, wo es künftig langgehen muss.

   Graz, Mur-Hauptbrücke, gegenüber dem Kunsthaus. "Meister Propper" und "Zappa" in ihren "Veloblitz"-Monturen lehnen sich auf ihre Räder. "Zum Beispiel da", deutet Meister Propper, "weiß man nicht, wie man richtig fahren soll". Wer nach der Hauptbrücke die Straße Richtung Südtiroler Platz quert, fühlt sich fehl am Platz, egal wie er es macht: Das Schild weist auf den Gehweg vor dem Kunsthaus. Nur: Dort wuseln Fußgänger, Menschen schieben Kinderwägen, Straßenbahnen bleiben stehen, Leute springen raus und laufen los, ohne links und rechts zu schauen. So wie jene, die die Drehtür des Kunsthauses ausspuckt. Wer sich hier mit dem Rad durchschlängelt, fängt schon mal ein paar Flüche. Wer aber auf die Tramschienen ausweichen will, weiß oft nicht, wohin sich so schnell dünne machen, wenn gerade die Straßenbahn all den Platz blockiert.

   Während Meister Propper und Zappa hin- und herlaufen und brenzlige Situationen nachstellen, jault eine Handbremse auf: Beinahe wäre ein Radler, von der Hauptbrücke vor die Ampel rollend, in einen vom Murradweg Kommenden gekracht. Dabei hat keiner einen Fehler gemacht, beide dürfen bis an den Straßenrand fahren. In der Praxis wird's nur leider eng, wissen Meister Propper und Zappa. Und sie müssen es wissen: Als Fahrradboten strampeln sie Woche für Woche vier- bis fünfhundert Kilometer in Graz und Umgebung herunter, Meister Propper hat es seit September auf neuntausend Kilometer gebracht. Die zwei kennen jede gefährliche Stelle und jeden Baum, der wie beim Glacis mitten auf einem Radweg lauert. Meister Propper heißt übrigens mit bürgerlichem Namen Martin Puchberger, Zappa nennt sich in echt Benjamin Duch - unter Radboten gehören Berufsnamen zum guten Ton.

   Noch ist Graz für Drahtesel-Benützer ein Fleckerlteppich mit zahlreichen Gefahrenpunkten und zu vielen No-Go-Areas. Nun aber wollen sowohl das Land als auch die neue schwarz-grüne Stadtregierung in Graz nicht weniger als die Stadt wieder zur Rad-Avantgarde hochkurbeln. Ganz im Trend - Biken ist in Zeiten von Feinstaubalarm und Klimawandel wieder chic, Freiheit und Fahrtwind sind aus einem jungen, urbanen Lebensstil nicht mehr wegzudenken.

   Dabei war Graz in den Achtzigerjahren schon einmal das unbestrittene Radler-Dorado Österreichs - dank dem legendären ÖVP-Stadtrat Erich Edegger. ",Macht Platz, Fahrrad kommt!' lautete die sanft mobile Kampfansage, die im Sommer 1980 den Asphalt in Graz - zumindest am Fahrbahnrand, wohin die Radlerinnen und Radler verdrängt waren - erzittern ließ", schreibt der APA-Journalist Wolfgang Wehap, der ein Buch über die Grazer Rad-Historie herausgab. Den ersten Radweg im Stadtpark sprayten Aktivisten in einer Nacht- und-Nebel-Aktion "illegal" auf. Dabei war auch Peter Hagenauer, langjähriger Grün-Landtagsabgeordneter, nun Neo-Gemeinderat in Graz und damit künftig selbst mitverantwortlich dafür, wie drahteselfreundlich die Stadt sich entwickelt. Für die "Sünder" hielt der junge Edegger seinen Kopf hin, sie gingen straffrei aus. Edegger legte die Basis für das Grazer Radwegenetz, unkonventionelle Maßnahmen wie das Öffnen von Einbahnen für Radfahrer 1981 wirkten bahnbrechend. Die Zahl der Radler schoss nach oben.

   Nach Edeggers frühem Tod 1992 aber pflegte niemand das Erbe ernsthaft weiter. "Viele Lücken von damals klaffen noch immer", beschwert sich Hagenauer, "die einst begrüßten Provisorien nerven mich heute". Radfahrer fühlten sich in Graz "verarscht". Andere Städte zogen Graz als Rad-Avantgarde davon, zum Beispiel Salzburg. Mit dem Ergebnis, dass dort der Anteil des Fahrrades an allen zurückgelegten Wegen von zwölf Prozent im Jahr 1995 auf derzeit 18 bis zwanzig Prozent kletterte. In Graz dagegen stagniert die Quote seit Anfang der Neunziger beinahe: Lag sie 1991 bei 13 Prozent, so sind es jetzt auch nur 15. In Kopenhagen und Amsterdam liegt sie bei knapp dreißig und im niederländischen Groningen gar bei stolzen 42 Prozent.

   Der Gerechtigkeit halber gehört gesagt, dass Graz im Österreich-Vergleich immer noch die Nummer zwei ist, denn in Linz beträgt der Radanteil mickrige sieben Prozent, in Wien gar nur fünf. Auch eine Umfrage des Verkehrsclub Österreich (VCÖ) ergab, dass Graz nach Salzburg die zweit-radfreundlichste Landeshauptstadt sei. Der VCÖ sieht auch gute Chancen, dass Graz den Radanteil in den kommenden vier Jahren auf zwanzig Prozent erhöht. Um den Titel der Biker-Hauptstadt werde sich Graz allerdings mit Salzburg matchen. VCÖ-Experte Martin Blum: "Da sich Salzburg weiter verbessern wird, muss sich Graz sehr anstrengen." Denn noch gibt es an allen Ecken und Enden alle Hände voll zu tun.

   Der größte Mangel, erklären die Berufsradler Zappa, 25, und Meister Propper, 24: Es gibt kein durchgängiges Radwegenetz. "Im Vergleich etwa zu München ist es in Graz nicht möglich, die Stadt von Norden nach Süden in einem Stück zu durchqueren - und schon gar nicht von Osten nach Westen", weiß Zappa. Durch die Innenstadt tritt es sich noch recht bequem, danach heißt es aber improvisieren. Will man vom Zentrum zum Bahnhof, so gilt es die Annenstraße zu überwinden, und die kombiniert Enge mit vielen Autos und Straßenbahngleisen. "Die Schienen sind die Fallen schlechthin", sagt Zappa. Fast jeder Grazer kennt jemanden, den es schon einmal erwischte. Die Folgen: zumindest Schock, schwere Gehirnerschütterungen, langwierige Schulterverletzungen.

   "Kein Anschluss" lautet auch das Motto, wenn ein Radler vom Gries- zum Jakominiplatz will. Beide liegen nicht gerade irgendwo am Stadtrand, dennoch muss man x-mal mit der Kirche ums Kreuz oder ist ständig mit einem Pedal im Kriminal. Oder die Conrad-von-Hötzendorf-Straße: Da kommt man gut bis zum Stadion, dann wird es aber dünn. "Dabei sind hier die Wohnviertel - und die Leute, die aufs Rad umsteigen sollen", gibt Zappa zu bedenken. Auch hapert es an den Wegweisern, "es ist nicht immer leicht, die zum Teil versteckten Routen zu finden", sagt Ben Hemmens, Obmann der Radlobby Argus in der Steiermark.

   Der Mangel an Komfort ist das eine - tragischer ist, wenn die Sicherheit leidet, Stichwort Tramschienen. Die Website "Radfalle" der Grazer Grünen zeigt Dutzende Gefahrenquellen in der Stadt. Typische Beispiele: fehlende Sicht darauf, ob ein Fahrzeug daherkommt, plötzlich endende Radwege oder besonders ungünstige Stellen fürs Linksabbiegen. Auch Zappa wurde erst kürzlich von einem Auto "aufgegabelt". Die Situation schildert er als "Klassiker: ein Linksabbieger, der im letzten Moment noch schnell drüberzieht". Die Folgen fielen noch glimpflich aus, es war "nur" ein Knie leicht geprellt. Allerdings auch nur, weil er warmgefahren und gut gedehnt gewesen sei: "Für Otto Normalradfahrer wäre das vermutlich anders ausgegangen."

   Dass sie vielfach immer noch als Verkehrsteilnehmer zweiten Ranges gelten, kriegen Radler auch atmosphärisch zu spüren. Warum dürfen Autos für Ladetätigkeiten in die Herrengasse fahren, Radboten aber nicht? "Ich verzweifle auch ein bisschen an den latenten Aggressionen der Autofahrer gegen uns", sagt Zappa. "Will man ins Gespräch darüber kommen, warum einen jemand so geschnitten hat, wird zuerst einmal blockiert, oder es setzt Verbalattacken." Kürzlich endete das damit, dass ein Fahrer, der Zappa gefährlich nahe gekommen war, die Tür aufriss und nach ihm trat. "Man hat ja keinen Wind gesät, dass man Sturm ernten müsste", schüttelt er den Kopf. "Vielleicht sind sie wütend, weil sie im Stau stehen und wir gemütlich an ihnen vorbeifahren", glaubt Meister Propper. Zum Alltag gehört auch, dass Pkw-Lenker Autotüren aufreißen, ohne sich vorher umzuschauen. Meister Propper hat erst vor Kurzem eine Tür "an die Luftröhre" gekriegt. Noch eine Unsitte: Autos, die den den Radfahrern zugedachten Platz einfach "kassieren" und auf Radwegen parken. "Sehr häufig und oft gefährlich", weiß Hemmens von Argus - können Radler doch nicht schmecken, dass nach der nächsten Biegung ein Lieferwagen im Weg steht.

   Was also gehört getan? Zappa: "Man will Leute aufs Rad bringen und tut gleichzeitig wahnsinnig viel dafür, dass auch der Autoverkehr ungestört im Fluss bleibt." Beides wird wohl nicht ohne Abstriche gehen. Manche Plätze, wünschen sich die Veloblitzer, sollten für Autofahrer gesperrt werden, der gesamte Jakominiplatz zum Beispiel. Als Zeichen für die Wende zu Gunsten zwei- statt vierrädriger Gefährte wünscht sich der Grüne Peter Hagenauer ein "Denkmal für den unbekannten Radfahrer". Grund dafür hätten seiner Meinung nach viele, etwa die Wirtschaftskammer dafür, dass die Radler die Straße für den Wirtschaftsverkehr frei machen, die Gebietskrankenkasse als Dank für weniger Feinstaubopfer, und die Landesregierung sowieso, denn, fragt Hagenauer: "Was kostet ein Meter Straße oder ein Meter Tunnel im Vergleich zu einem Meter Radweg?"

   Ins selbe Horn stößt auch "Critical Mass", eine internationale Bewegung, die "die unreflektierte Dominanz der Autos aufzeigt". Regelmäßig rollt eine Radler-Truppe durch weltweit knapp hundert Städte und nimmt sich "den Raum, der uns im Alltagsverkehr verweigert wird". Motto: Autos machen Lärm, wir machen Musik, und: "We aren't blocking traffic, we are traffic." In Österreich ist Critical Mass nicht nur in Wien und Linz, sondern auch in Graz angekommen.

   Dabei soll ab jetzt für Grazer Pedalritter ohnehin wieder alles runder laufen. Vor wenigen Wochen verkündete ÖVP-Verkehrslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder ihren "Radschwerpunkt 2008". Ihr Ziel: "Die Steiermark zum Radland Nummer eins und Graz wieder zur Fahrradhauptstadt Österreichs zu machen." Unter anderem legt die Steiermark als erstes Bundesland ein Fünf-Jahres-Konzept vor, schon heuer blühen auch Graz mehrere Radweg-Ausbauten, etwa von Andritz nach Gösting. Und jetzt sitzt in Graz auch noch eine neue schwarz-grüne Regierung, die ebenfalls "das Rad neu erfinden" will: Bis 2010 wollen ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl und seine grüne Vize Lisa Rücker jährlich je vier Millionen Euro in den Ausbau der Radwege stecken, wovon je die Hälfte das Land und die Stadt blechen.

   Ganz oben auf der Liste finden sich schon lang geforderte Lückenschlüsse wie Verbesserungen in der City, beim Nahverkehrsknoten Don Bosco und in St. Peter. Die Annenstraße soll laut Rücker zur Einbahn werden und damit mehr Platz für Fußgänger und Radler geschaffen werden. Und: Künftig dürfen Radler durch Parks fahren und nächtens durch Fußgängerzonen, so der Plan. Wichtig an der neuen Freiheit sei, von Anfang an mögliche Konfliktsituationen zwischen Radlern und Fußgängern zu vermeiden - das lehre die Erfahrung in anderen Städten.

   Rücker kann sich vorstellen, dass die Ende des Vorjahres geschaffene Ordnungswache verstärkt ein Auge darauf hat, dass Radler unter Fußgängern sich gebührlich benehmen. Das sollte kein Problem sein, müssten doch bei der Stadtwache durch die neue Freizügigkeit in Parks ohnehin Kapazitäten frei werden: Allein im Jänner belehrten die Wächter 2.100 Radler. Die Bösen waren ordnungswidrig in Parks gestrampelt.

GERLINDE PÖLSLER
Mitarbeit: Martina Pock