Grazer Radfahrer Club
 
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"Phänomenal Cyclist" aus Peggau
EXTRA

Rupert Riedisser, geb. 25.3.1881 in Peggau, wuchs in einer Zeit auf, in der das Fahrrad zum Inbegriff des Fortschritts und der individuellen Mobilität geworden war. 1882 wurde mit dem Grazer Bicycle-Club der dritte Radfahrerverein der österreichisch-ungarischen Monarchie gegründet, bald folgten auch Gründungen außerhalb der Städte wie beispielsweise 1889 im von Peggau nicht weit entfernten Gratwein. Schon von Anbeginn an war das Saal- und Kunstradfahren ein wichtiger Bestandteil der radsportlichen Programms in den Vereinen.

Rupert Riedisser lernte Dreher und wurde Kunstradfahrer. Eine Zeitungsnotiz von 1901 besagt, dass Ridisser (sic!) beim Grazer Radfahr-Verein "Eichenkranz" aktiv war. Bei einem Kränzchen mehrerer Radvereine im Gasthof "Zum Lamm" zeigte der "treffliche Kunstradfahrer" sein Können"und veranlasste durch seine mit Gewandtheit und Sicherheit und schöner Haltung ausgeführten Übungen die Zuseher zu lebhaftem Beifalle." 

Dass Riedisser aus dem Meer der Namenlosen vergangener Generationen herausragt, ist dem Umstand zu verdanken, dass sein akrobatisches Talent mit gewissem Marketingtalent gepaart war. Offenbar war ihm die Amateurkarriere in einem Radverein zu wenig; er machte das Kunstradfahren zur Profession und betrieb Promotion in eigener Sache, in dem er Bildpostkarten anfertigen ließ. Vier Sujets sind bekannt, die ihn selbst als Kunstradfahrer zeigen und sein Engagement in der Unterhaltungsbranche belegen. Über diese Drucksorten, die offensichtlich in größerer Anzahl in Umlauf gebracht wurden - worauf ihr heute noch recht häufiges Auftauchen bei Altwarenhändlern, Flohmärkten und Online-Börsen schließen lässt -, ist der berufliche Werdegang des Steirers in groben Linien nachzuvollziehen.

Bilderpostkarte, 1902
Bilderpostkarte, 1902
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Riedisser dürfte trotz seiner Verpflichtungen im In- und Ausland immer wieder nach Peggau zurückgekehrt sein. So ist er, sich nunmehr „Mechaniker und Artist" nennend, in der Zeit von 7.9.1915 bis 11.2.1918 in Peggau 104 (heute Magarethenstraße 6) wohnhaft, wie sich aus dem Melderegister entnehmen lässt. 1924 weist ihn ein Stempel auf einer Postkarte als „Mechaniker und Fahrradhändler, Peggau, Steiermark" aus. Vermutlich betreibt er zu dieser Zeit eine Werkstätte in einem Nebengebäude des heute noch bestehenden Wohnhauses, wo er sich eingemietet hatte.

Nur aus Erzählungen ist Riedisser den ältesten der Gemeindebewohner noch bekannt: So soll er „immer unterwegs" gewesen sein. Einmal, als er wieder in Peggau Station machte, soll er in einem Gasthaus - vermutlich auf Drängen der Gäste - ein Kunststück vorgeführt haben: Einen Einhandstand, den er auf einer leeren, auf dem Tisch stehenden Sektflasche ausführte, in die er den Mittelfinger der Standhand gesteckt hatte.

Eine Karriere in vier Bildpostkarten
Die älteste bekannte Postkarte hat Riedisser selbst geschrieben, und zwar am 5.3.1902 an die Mindener Zeitung. Sie zeigt neben einem Porträt sieben Figuren auf dem Zwei- und zwei auf dem Einrad, versehen mit dem Text: „Rupert Riedisser. Modern Bicyclist fährt „PUCH"-Rad aus Graz mit Continental-Pneumatic". Auf der Karte erbittet er einige Exemplare der Mindener Zeitung der Ausgabe vom 15.1.1902, in der sich ein Artikel über einen Auftritt von Kollegen, den Kunstradfahrern Geschwister Bleckwenn, geht.



"Phänomenal Cyclist"
"Phänomenal Cyclist"
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Mehrbildpostkarte, 1926
Mehrbildpostkarte, 1926
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Riedisser vor Riesenrad
Riedisser vor Riesenrad
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Grüße von Tochter Hanni
Grüße von Tochter Hanni
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Mit dieser Karte als Beleg kann als erwiesen gelten, dass Riedisser sehr früh sein kunstradfahrerisches Talent zu Geld gemacht hat und zumindest ihm deutschsprachigen Raum auf Tournee war. Durch die von Wilhelm Oppermann in Hannover-Linden fotografierte und verlegte Karte fand Riedisser auch Eingang in das Buch „Hannover fährt Rad", in dem er als einer „im Bunde" dreier Kunstradfahrer erwähnt wird, die hier zu gewisser Berühmtheit kamen. Vielleicht waren es auch Engagements über Vermittlung des in Hannover ansässigen Reifenherstellers und Werbepartners „Continental", die den Steirer in norddeutsche Lande führten.

Die zweite Karte, um bzw. vor 1920 aufgelegt, präsentiert Rupert Riedisser als „Phänomenal Cyclist" (engl. korrekt "phenomenal") mit der Werbebotschaft für Puch und Continental Pneumatic. Abermals ist der Kunstfahrer im Porträt, allerdings gezeichnet in einem Speichenrad, zu sehen; daneben ist er bei der Ausübung von fünf Figuren auf dem Zweirad, darunter einem Lenkerhandstand, abgebildet.

Darauf, dass sich Riedisser in dieser Zeit viel in Deutschland aufhielt bzw. zeitweilig hier seinen Wohnsitz hatte, deutet auch hin, dass seine Tochter Johanna (geb. am 4.3.1910) in Erfurt zur Welt kam. Über Johannas Mutter gibt es leider keine Informationen.

Die Karte von 1926, hergestellt von den Brüdern Lenz in Dobl bei Graz, zeigt Riedisser wieder im Porträt, mit drei Kunststücken auf dem Zweirad - Sprünge über ein Seil und einen liegenden Menschen und eine Figur auf einem Tisch - sowie auf einem hohen Einrad. Der Text auf der Vorderseite lautet: „Rupert Riedisser Kunstradfahrer fährt auf Puch-Rad mit Semperit".

Abgesehen vom Wechsel der Reifenmarke ist auf dieser Karte im Vergleich zu den Vorgängersujets klar erkennbar, dass es sich bei den Figuren um Varieté- oder Zirkusdarbietungen handelt. Adressiert ist die in der Sammlung Walter Bradler erhaltene Karte übrigens an einen Herrn Anton Pelzmann in Schladming, bei dem sich Riedisser in einigen, mit Schreibmaschine verfassten Zeilen für die „gemütlichen Stunden in Schladming" bedankt.

Aus ziemlich der gleichen Zeit stammt schließlich die vierte Karte, die den Artisten im gleichen Porträt wie 1924 sowie auf dem hohen Einrad vor dem Riesenrad in Wien und auf dem Zweirad mit einem „Sprung vom Tisch" zeigt. Der dazugehörige Text verweist wieder auf Puch und Semperit sowie nun auch darauf, dass der Portätierte Mechaniker in Peggau ist und bei ihm „neue Fahrräder, Fahrradgummi, Reparaturen billigst" zu haben sind.  

Einiges spricht also dafür, dass Riedisser in seinen späteren Jahren wieder in Peggau sesshaft wurde und hier dem Mechanikergewerbe nachging. Aus den Meldedaten geht hervor, dass seine Tochter Johanna, bei der unter Beruf ebenfalls "Artistin" vermerkt wurde, von 1939 bis 1956 in Peggau 152 gewohnt hat. Das Haus ist inzwischen abgerissen worden.

Literatur/Quellen
Euhus, Walter: Der Beginn des Radfahrens in Hannover, in: Brockmann, Karin/ Brüdermann, Stefan/ W. Euhus, Thomas Schwark: Hannover fährt Rad -Geschichte, Sport, Alltag, Braunschweig 1999, 9-24, 15. 
Alpenländische Sport-Zeitung, Amtliches Blatt des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes, des Kärntner Radfahrer-Gauverbandes und des Verbandes Steirischer Skiläufer, Beilage zum Grazer Tagblatt, Ausgabe vom 15.2.1901
Mindener Zeitung vom 15.1.1902
Ansichtskarte „Gruss aus Graz", Lith. Druck und Verlag v. E. Presahn in Graz, Sammlung Walter Bradler; Bildpostkarten Rupert Riedesser, Slg. Bradler, Slg. Franz Wild, Peggau, Bicycle Archiv Ulreich (BAU), Hinterbrühl

Melderegister der Marktgemeinde Peggau, Information Franz Wild

WOLFGANG WEHAP