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Die "Kavallerie des Proletariats"

 Am 3. Februar 1896 wurde der Steiermärkische Arbeiter-Radfahrerbund als erster Verband der Arbeiterradfahrer in Österreich in Schönbachers Gasthaus gegründet. Die Abwehrmaßnahmen gegen die geplante Verschärfung der Grazer Radfahrordnung spielten dabei eine wesentliche Rolle. Dabei wurden auch Allianzen mit den Deutschnationalen geschmiedet, wie die Nominierung von Arbeiterführer Hans Resel durch den deutsch-nationalen Radpionier und Autor A.W.K. Hochenegg zeigte. 

"Schnelle Eingreiftruppe"
Hans Resel (1861 - 1928) zählte den Protagonisten des frühen organisierten Arbeiterradelns. Er galt „als begeisterter Naturfreund, kühner Bergsteiger und schneidiger Radfahrer", betrieb die Gründung des Steiermärkischen Arbeiterradfahrer-Bundes (StARB) und leistete einen wesentlichen Beitrag dazu, dass Radfahrkultur in Fabriken und Arbeiterhaushalten Einzug hielt. Der Schneidergeselle war u.a. Grazer Gemeinderat, Landtagsabgeordneter, Landesrat, erster sozialdemokratischer Angeordneter zum Reichrat aus deutschsprachigen Teil der Monarchie, Begründer des Republikanischen Schutzbundes in der Steiermark und Mitbegründer der Zeitung der „Arbeiterwille".

Mit der Gründung von Arbeiterradfahrer-Vereinen - der erste Arbeiter-Radfahrerverein ist 1893 „Die Biene" in Wien - wurden nicht nur die bisherigen Zielsetzungen des bürgerlichen Radsports in Frage gestellt. Das Motto lautete, zumindest in den ersten Jahren: „Massensport statt Kampfrekord". Es werden auch klar politische Ziele verfolgt, wie aus den Aufzeichnungen des Weggefährten von Hans Resel, des „Arbeiterwille"-Redakteurs und nachmaligen Abgeordneten Michael Schacherl hervorgeht:

„Im Laufe der Wahlrechtsbewegung, wo es sich darum handelte, die Flugblätter aufs Land hinauszubringen, wurde von dem Gründungskomitee im `Arbeiterwille´ ein Aufruf an alle Arbeiterradfahrer zum Beitritt erlassen; besonders die Arbeiter, die bisher Mitglieder eines bürgerlichen Radfahrervereines waren, wurden aufgefordert, sich in den Dienst ihrer Klasse zu stellen, also aus der bürgerlichen Organisation auszutreten. Dies geschah und die Arbeiterradfahrer
- damals war das Fahrrad das einzige Mittel des Schnellverkehres auf den Straßen - leisteten bald während des Wahlkampfes und am Wahltage der Partei die größten Dienste." Schacherl bezeichnet die Arbeiter-Radfahrer als „Kavallerie des Proletariats".
Auch von „roter Kavallerie" ist die Rede.

Dass es bei den organisierten Arbeiterradlern nicht nur um die zeitweilige Flucht aus kärglichen Wohnverhältnissen und körperliche und geistige Erholung von der harten Werktätigkeit geht, hat die Behörde bald erkannt. Mit untauglichen Mitteln versucht sie, mit einem Vermerk zu den Satzungen der Gefahr des Missbrauchs als Vehikel der Agitation entgegen zu wirken: „Die polizeiliche Bewilligung des öffentlichen Tragens des in den Statuten beschriebenen Vereinsabzeichens ist in jenen Fällen hieramts zu erwirken, in welchen der Verein als solcher korporativ öffentlich auftritt".

Immer wieder kommt es zu politisch motivierten Zusammenstößen, bei denen die Radler als „schnelle Eingreiftruppe" dienen, etwa, als es nach der Vereitelung der Wahlrechtsreform im Landtag in Hitzendorf zu Prügeleien zwischen christlichsozialen Parteigängern des Abgeordneten Franz Hagenhofer und 60 Arbeiterradfahrern rund um Hans Resel kommt.


Arbeiterradfahrer, Knittelfeld, 1899
Arbeiterradfahrer, Knittelfeld, 1899

ARV Kraubath 1923
ARV Kraubath 1923
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"All frei!", nicht mehr "All heil!"
Gemäß des Ziels „der Loslösung der Arbeiter aus dem Schlepptau des Bürgertums" werden 1897-99 zahlreiche Ortsgruppen des Steiermärkischen Arbeiterradfahrer-Verbandes gegründet. Ab 1910 kommen Ortsgruppen des 1899 gegründeten Verbandes der Arbeiter-Radfahrvereine Österreichs VARVÖ dazu, zum Teil mit klingenden Namen wie „Freiheit", „Wandervogel" oder „Frisch auf". Der VARVÖ hat in seinem Abzeichen neben Handschlag und Hammer sowie Rad eine Freiheitsgöttin mit Jakobinermütze als Zitat der französischen Revolution. Er wird 1927 in Arbeiter Radfahrerbund Österreichs ARBÖ umbenannt, 1932 in Arbeiter Rad- und Kraftfahrerbund Österreichs.

Bestimmte Gast- und Kaffeehäuser werden als Einkehrstellen empfohlen - etwa das Lokal List in Mürzzuschlag -, das in Wien gegründete Fahrradhaus „All frei" hat später, in der Zwischenkriegszeit, auch Filialen in Leoben und Knittelfeld.

Die Arbeiter-Radfahrervereine sorgen für Radfahr-Unterricht, organisieren gesellige Zusammenkünfte und widmen sich dem Reigen- und Tourenfahren. Vor allem aber kümmern sie sich in Zeiten, in denen die Kranken- und Unfallversicherung oder Rechtsschutz noch in den Anfängen stecken, um „Gewährung von Unterstützungen an verunglückte Mitglieder; Gewährung eines Rechtsschutzes durch Beistellung eines Advocaten in durch das Radfahren herbeigeführten Klagefällen", wie es etwa in den Statuten des 1902 gegründeten Arbeiter-Radfahrer-Vereins „Wanderer" heißt.

Die Vereine werden mit „Großfamilien" verglichen, eine zusammengeschweißte Gruppe, in der persönliche Verbindungen entstehen und sich so manche Ehe anbahnt. (ARBÖ 1984, 30) Ausfahrten folgen, wie bei den bürgerlichen Vereinen, genauen formalen Kriterien: „An der Spitze radelte der Fahrwart, und gleich dahinter kam der Bannerwart mit dem schweren Banner und einer prächtig bestickten Schärpe. Anschließend radelten die Frauen, und erst dann folgten die Männer. Das Schlusslicht bildete der Zeugwart, der eine große Luftpumpe mitführte. Immer wieder gab es Pneudefekte. Auch ein Mann mit dem Trinkhorn war mit von der Partie. Radfahren machte Durst. Eine besondere Aufgabe hatte der Trompeter zu erfüllen (...). Die Trompetensignale gingen ins Ohr, sie hatten verschiedene Bedeutung - beispielsweise dann, wenn man in der Kolonne aufschließen oder beim Wirtshaus absitzen sollte."

Als Vereinsgruß der bürgerlichen Radfahrer war „All Heil!" üblich, was bereits Anfang der 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts, also mit Entstehen der ersten Bicycle-Vereine, eingeführt wurde. Die Arbeiterradfahrer wählten, wohl um sich abzugrenzen, „All Frei!". Das Vereinsabzeichen ist rund, hat einen weiß emaillierten Rand mit dem Namenszug und in der Mitte ein rot emailliertes Wappen mit Handschlag und Hammer in Metall.

Literatur/ Quellen:

ARBÖ Gestern - heute - morgen, Wien (1984); ARBÖ - 80 Jahre ARBÖ-Ortsklub Zeltweg, (1993); 100 Jahre ARBÖ Voitsberg 1898-1998, f.d. Inhalt verantw. GR Ludwig Leth; Unser Jahr 100. Vom Verband der Arbeiter-Radfahrervereine Österreichs... zum Auto-, Motor- und  Radfahrerbund Österreichs ARBÖ 1999, Wien.

SCHACHERL, Michael: ARBÖ Gestern - heute - morgen, Wien (1984)

Deutsch-österreichischer Radfahrer II/18/1890