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In Steireranzug und Regengwand zum Radgipfel

Der "1. Steirische Fahrradgipfel" kann als Erfolg gewertet werden - an die 300 Interessierte, viele international anerkannte Expertinnen und Experten sowie VertreterInnen der Gemeinden und Radfahrinitiativen kamen am 17. und 18. April auf Einladung von Verkehrslandesrätin Kristina Edlinger-Ploder und dem Umweltministerium in die Grazer Messe.   


Gipfel-Start mit Landesprominenz
Gipfel-Start mit Landesprominenz
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Ben Hemmens
Ben Hemmens
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Heiner Monheim war der zugekaufte Star der Veranstaltung: Am Donnerstag mit seinen StudentInnen der Uni Trier, als er vorführte, wohin aus seiner Sicht Radfahrkampagnen gehen sollten: Lust zu machen auf´s "Aufsteigen und Losfahren". Am zweiten Tag plädierte er für eine nationale Radverkehrspolitik, wie sie Jahrzehnte vernachlässigt oder negiert worden sei: "Es darf nicht in das kommunale Belieben gestellt werden, ob es eine Radverkehrspolitik gibt oder nicht."

Monheim folgt radikal dem Credo "Gibt´s nicht gibt´s nicht" und gab auf die österreichische Klage, dass bei uns "Fahrradstraßen" wie in Deutschland laut StVO nicht möglich seien, den Tipp, Straßen zu Radwegen "ausgenommen Kfz-Verkehr" zu erklären.  

Zwischen den Kapazundern kam ARGUS Steiermark-Obmann Ben Hemmens mit seinem Alltagsrad auf die Bühne: Er veranschaulichte praxisnah Befindlichkeit und Erwartungshaltung jener, die jeden Tag, auch bei Regen (wie am nämlichen Vormittag) mit dem Rad unterwegs sind und stellte bei dieser Gelegenheit gleich seine designierte Nachfolgerin Heidi Schmitt als tägliche Radpendlerin Feldkirchen - Graz vor.

Beeindruckend auch der Auftritt von Hans van Vliet, Chef von Shimano Europe, der auch dem Motto "Klotzen statt kleckern" folgt: Ihn beeindruckt das Pariser Leihrad-Modell "Velib", wo binnen zwei Jahren 20.000 Fahrräder im Umlauf sind, die von 300 Mechanikern permanent gewartet werden. Kostenpunkt pro Rad und Jahr € 3000.


Sylvia Titze
Sylvia Titze
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Harald Rössler
Harald Rössler
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"Jo, wir san für die Radln do..."
...war der vielleicht etwas volkstümlich angesetzte Titel, den der Sekretär der Zirbenland-Gemeinde Maria Buch-Feistritz, Harald Rössler, im Steireranzug glaubhaft vermitteln konnte: Inmitten der internationalen Expertenschaft führte er zurück auf den Boden des Gemeindealltags, wo es darum geht, ein Radverkehrsnetz zu den wichtigen Zielen in 17 Ortsteilen zu entwickeln, Anrainern, von denen man Grund braucht, möglichst nicht zu vergraulen und Förderungen von den Gebietskörperschaften zu sichern.

Mit einem "Gemeinderatradausflug" wird das Radfahren auf politischer Ebene salonfähig gemacht, touristisch setzt man auf die "Generation 50+" und er, der Gemeindesekretär, der auch Standesbeamter ist, nutzt sein altes Waffenrad für die Wege zu Bauverhandlungen genauso wie zu Eheschließungen. 

Vor dem Steireranzug die Wissenschafterin: Sylvia Titze vom Institut für Sportwissenschaften an der Uni Graz  führte anhand einer Untersuchung vor Augen, welche Einflussfaktoren das Alltagsradverkehrsaufkommen beeinflussen. Neben kurzen und sicheren Routen sind dies vor allem eine Grundausstattung an Sportlichkeit und eine positive Einstellung zum Radfahren.


Gespräch in der Ausstellung
Gespräch in der Ausstellung
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Herausforderung für Gemeinden
Gastgeberin Kristina Edlinger-Ploder ließ sich von dem positiven Esprit anstecken: "Wir wollen das, jetzt gehen wir´s an, und die Hindernisse werden aus dem Weg geräumt", meinte sie und schloss sich Monheim an: "Drei Fahrräder braucht der Mensch", wobei es primär nicht um Werbung zugunsten der Fahrradindustrie ging, sondern um die unterschiedlichen Funktionalitäten in der Spezies "Drahtesel".

"Wir wollen uns in den kommenden fünf Jahren auch beim Radwegebau auf das Alltagsradeln konzentrieren", betonte die Landesrätin, die gleichzeitig eine "Kampfansage" an Salzburg machte, das ja Graz als österreichische Radlerhauptstadt abgelöst hat (16 zu 14 Prozent im Radverkehrkehrsanteil). Sie räumte außerdem ein, dass es für die Vorbilder nicht ausreiche, auf dem Rad für ein Foto zu posieren; diese müssten schon auch hin und wieder wirklich Rad fahrend zu sehen sein. 

An die Gemeinden richtete Edlinger-Ploder die Aufforderung, dass höhere Ansprüche in der Wartung zu erwarten seien: "Es wir immer mehr auch im Winter gefahren, in Graz ist das Rad bis vielleicht auf eine Woche benutzbar, daher wird ein großer Brocken in Sachen Streuung und Schneeräumung auch von Radverkehrsflächen auf sie zukommen, was bisher kein Thema war".

Bei Diskussion Wolken am Schönwetter-Gipfel
In Workshops wurden am Nachmittag dann spezielle Themen wie "Planung in Gemeinden" oder "Qualitätsverbesserung" bearbeitet. Überzeugend die Beiträge des Vorarlbergers Martin Reis "Gut geparkt ist halb geradelt" und des Tirolers Ekkehard Allinger-Csollich, der über die Incentives des Landes in Sachen Radverkehrsförderung in den Gemeinden berichtete.  

Etwas hitzig wurde es in der abschließenden Podiumsdiskussion: Eine Reihe kritischer Anfragen, etwa den Fahrradtransport in öffentlichen Verkehrsmitteln betreffend, verärgerten die Landesrätin, die gereizt kundtat, wenig Verständnis für Kettenschmiere auf Designer-Klamotten der Business-Kunden zu haben. Das gab Gemurre. Doch die nächsten Redner wie das Grüne Urgestein Peter Hagenauer und Ben Hemmens lenkten wieder ein und anerkannten die insgesamt positive Entwicklung in der Steiermark, so dass der 1. Steirische Radgipfel doch ein Schönwettergipfel blieb. Und das nicht nur wegen der aufwendigen Inszenierung, die von kostenloser Teilnahme und Unterlagen über Abendprogramm mit Kabarett bis zu adäquat designten Kugelschreibern und Menükarten ging.   

"Wir sind am Anfang"
Im Anschluss an den offizielle Programm brachte ARGUS die Radverkehrskoordinatoren, also die Verwaltung, und die Lobbys, also die Radfahrinitiativen, in einem Workshop zusammen. "Wir stehen am Anfang", gab Martin Eder, seit kurzem Radverekehrskoordinator des Umweltministeriums und zuständig für die Umsetzung des "Masterplan Radfahren" (2006), zu. Anders als in der Schweiz, wo, wie Oskar Balsiger, Velobeauftragter des Kanton Bern, berichtete, seit 1990 ein Zusammenschluss der Radverkehrskoordinatoren für wichtigen Austausch untereinander sorgt, ist eine ähnliche Struktur in Österreich noch nicht einmal im Aufbau. Leider war auch der angekündigte Vertreter des Verkehrsministerium, das ja auch eine für den Radverkehr zuständige Abteilung bekommen soll, nicht zur - seitens der Veranstalter zugegeben ÖVP-lastigen - Veranstaltung gekommen.

Wie Uwe Redecker, Radverkehrsbeauftragter von Kiel, vor Augen führte, ist auch die Kompetenzlage sehr unterschiedlich: Während in Österreich auf Gemeindeebene teilweise ehrenamtlich gearbeitet wird und in Städten und Ländern auch verschieden stark verankerte und mehr oder minder unabhängige Beauftragte/ Koordinatoren tätig sind, hat diese Funktion im Wechselspiel mit einem schlagkräftigen Radforum un Sachen Radverkehrspolitik jedes Pouvoir. Ähnlich die Situation bei den Lobbys: War lange die ARGUS Radlobby einzige Organsiation mit nationalem Vertretungsanspruch, gibt es in jüngster Zeit Bestrebungen, auf einer Plattform gemeinsam mit anderen Radfahr-Initiativen wie IG Fahrrad oder BürgerInneninitiative Mountainbike ein gemeinsames Sprachrohr zu finden, das es unter http://www.radlobby.at/ auch in einer ersten Version schon online gibt.    

Alle Referate finden sich als Download unter http://www.radland.steiermark.at

(ARGUS)