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"Die Dummen fahren Auto" (Interview mit H. Monheim)
"Falter Steiermark" vom 23.04.2008, Seite 7

   Seit mehr als 40 Jahren propagiert der deutsche Verkehrswissenschafter Heiner Monheim das Fahrrad. Auch für Graz hat er provokante Ratschläge.

   Graz kennt der Fahrradenthusiast Heiner Monheim schon seit seiner Jugend, für den früheren Grazer Vizebürgermeister und Verkehrspolitiker Erich Edegger (ÖVP) war er als Berater tätig. Vergangene Woche weilte Monheim, der an der Universtität Trier lehrt, auf einem "Radgipfel" in Graz. Er hofft, dass in der Stadt nun erneut fahrradpolitische Akzente gesetzt werden.

   Falter: In weiten Teilen Europas ging in den vergangenen Jahrzehnten der Fahrradanteil am Gesamtverkehr drastisch zurück. Weshalb?

   Heiner Monheim: In den späten Fünfzigern betrug der Fahrradanteil etwa im Ruhrgebiet um die 40 Prozent, danach ist er auf drei Prozent gesunken. Das hat mit der Faszination Auto und dem "Wirtschaftswunder" zu tun. Niemand hat damals etwas für das Image des Fahrrades, des schwarzen und schweren "Drahtesels" getan. Obwohl in den Sechzigerjahren jährlich drei Millionen Räder verkauft wurden, schrieben damals Verkehrsgutachter dreist, dass das Fahrrad sowieso verschwinden würde. Die Politik war total autobegeistert und ist es heute immer noch. Mittlerweile haben sich allerdings die Räder sehr vorteilhaft verändert. Die Fahrradindustrie ist also ein bisschen aufgewacht, auch wenn sie immer noch viel zu wenig in die Werbung investiert, um Politik und Kunden von der riesigen Umwelt- und Klimarelevanz des Fahrrades zu überzeugen.

   Aber es gibt dennoch Beispiele, dass der Niedergang aufgehalten wurde?

   Das hängt ganz stark von lokalen Eliten ab. In reichen Ländern gilt: Je intelligenter eine Stadt, desto höher der Fahrradanteil. Kluge, innovative und kreative Leute fahren Fahrrad, die Dummen fahren Auto. Universitätsstädte wie Oxford, Bologna und Münster sind Fahrradstädte. Kluge Leute wissen längst, dass das Fahrrad das Verkehrsmittel der Zukunft ist.

   Wie hat sich Graz als Fahrradstadt entwickelt?

   Graz hat wie viele Universitätsstädte früh angefangen mit der Fahrradförderung, Verkehrsberuhigung, Tempo 30, der Weiterentwicklung der Straßenbahn und der Vergrößerung der Fußgängerzone. Später erlahmte dann der Eifer, leider auch bei der Fahrradförderung. Jetzt scheint wieder Schwung in das Thema zu kommen, zum Glück. Die kompakte Universitätsstadt Graz könnte ihren Radverkehrsanteil mit Sicherheit noch verdoppeln.

   Was ist zu tun?

   Zuerst mal in Kommunikation und Werbung investieren. Und sich dann bei den Kleinigkeiten engagieren, die an vielen Stellen gleichzeitig Fortschritte bringen. Reine Baumaßnahmen helfen nur wenig. Man muss die Radfahrer in den Fahrbahnen integrieren, sie gehören nicht an den Rand. Auch Graz könnte ein dichtes Netz von Fahrradstraßen haben: Dafür würden die Straßen in Tempo-30-Zonen einfach als Radwege ausgewiesen, mit Ausnahmeregelungen für den Anliegerautoverkehr. Die aufwendigen Maßnahmen kann man dann auf die Hauptverkehrsstraßen beschränken. Da kann man den Platz zu Gunsten eigener Streifen für den Radverkehr ummarkieren.

   Angriffe auf die Autofahrer also?

   Nein, für die bleibt immer noch genügend Platz. Wir brauchen mehr solche Integrationslösungen mit Radfahrspur, Fahrradstreifen oder Shared Space. Das ist ohnehin ein faszinierendes Konzept: Da räumen Sie alle Verkehrszeichen und Markierungen weg, es gibt keine Privilegien mehr, man muss sich im Verkehr nach den Regeln sozialer Koexistenz vertragen. Das EU-Projekt zu Shared Space zeigt wunderbare Ergebnisse. Ein ganz anderes aktuelles Vorbild für eine breit angelegte, erfolgreiche Sofortstrategie ist Vélib' in Paris: 20.000 kommunale Fahrräder wurden auf 2000 Stationen über die Stadt verteilt. Jedes dieser Fahrräder wird täglich elf Mal verwendet. Zugreifen und losfahren! Hunderte Leute sind beschäftigt, dass diese Fahrräder immer und überall bereit sind. Eine Supergeschichte. Das wäre auch eine gute Idee für Graz.

HERWIG HÖLLER