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"Radfahrer werden zu Anarchisten"
"Der Standard" (Geld Standard) vom 24.04.2008, Seite 43

Die Menschen werden immer älter, betreiben Fitness bis ins hohe Alter. Parallel dazu steigen auch die Freizeitunfälle. Die Versicherungen verweisen auf einschlägige Vorsorgeprodukte, von der Pflichtversicherung für Radfahrer bis zur privaten Unfallversicherung.
  
   Der Chef der VAV Versicherung, Norbert Griesmayr, fordert angesichts der steigenden Zahl verletzter Radfahrer für diese eine Pflichtversicherung. Es sei schon "bemerkenswert, wie sich das Verhalten von Menschen ändere, sobald sie auf einem Fahrrad sitzen", wundert sich Griesmayr. "Viele Radfahrer sind auch Autofahrer. Wenn sie ein Auto lenken, befolgen sie selbstverständlich die Straßenverkehrsordnung. Als Radfahrer werden sie zu Anarchisten, die Vorschriften nicht gelten lassen, über Gehsteige und Zebrastreifen flitzen, sich und andere gefährden und die simpelsten Vorsichtsmaßnahmen missachten."

   Diese Pflichtversicherung würde Schäden abdecken, die von Radfahrern verursacht werden. Derzeit geschieht das über die Haushaltsversicherung, in der eine Haftpflichtversicherung inkludiert ist. Allerdings sei die Versicherungssumme viel zu niedrig, und manche Radfahrer besitzen nicht einmal den Schutz einer Haushaltsversicherung", sagt Griesmayr. Betroffen davon wären etwa jüngere Leute, die noch keine Wohnung haben und nicht mitversichert sind, sagt Uniqa-Vorstand Elisabeth Stadler.

   Alfred Biegl von der Wiener Städtischen kann dem Vorschlag einer Pflichtversicherung wenig abgewinnen. Da habe Griesmayr "übers Ziel hinausgeschossen", denn es gebe mehr Fälle, bei denen Radfahrer verletzt würden als umgekehrt. Und im Übrigen sei der Verwaltungsaufwand viel zu groß, so Biegl. Wie bei der Kfz-Versicherung müsste die An- und Abmeldung der Behörde gemeldet werden, und die Kosten dafür hätte der Kunde zu tragen. Die Haushaltsversicherung deckt in der Regel Schäden bis zu einer Höhe von 730.000 Euro ab. Die VAV und die Städtische bieten eine Standarddeckung von 1,5 Mio. Euro.

   Zum Vergleich: Für Pkws gilt in Österreich derzeit eine Pflichtversicherungssumme von sechs Mio. Euro. In Deutschland decken Privat-haftpflichtversicherungen drei Millionen Euro ab. Griesmayr: "Die Pflichtversicherung für Radfahrer sollte mindestens diese drei Millionen Euro haben." Auch die Generali hält die derzeitige Regel für ausreichend, zumal 98 Prozent ihrer Kunden eine Haushaltsversicherung hätten, bei der mitversicherte Personen und Sachschäden in der Deckung enthalten sind.

   Unfallversicherung

   Einig sind sich die Versicherungsprofis aber über die Sinnhaftigkeit einer privaten Unfallversicherung. Mit dem geänderten Freizeitverhalten und der längeren Lebenserwartung stiege auch die Unfallgefahr. Passieren Unfälle in der Freizeit, beim Sport oder im Haushalt, so übernimmt zwar die Sozialversicherung die Behandlungskosten, "für etwaige Folgeschäden gibt es aber keine Leistungen", sagte Emma Kovacs von der Generali. Derartige Leistungen gibt es von der Sozialversicherung nur bei Arbeitsunfällen. Die private Unfallversicherung zahlt Kur- und Rehab-Aufenthalte und leistet Geldzahlungen in Form einer Rente oder als Kapitalleistung; oder sie finanziert einen rollstuhlgerechten Umbau des Hauses.

   "Drei Viertel aller Unfälle passieren in der Freizeit, beim Sport oder zu Hause", sagt Stadler von der Uniqa. 2006 erlitt jeder zehnte Österreicher einen Freizeitunfall.

Claudia Ruff