EXTRA
1890 wird von den im Raum Judenburg und Knittelfeld abgehaltenen Herbstmanövern der k. u. k. Armee berichtet, dass bei der 11. Infantrie-Brigade der Einsatz von drei Unteroffizieren auf dem Rad als Ordonanzen, darunter A. Brosch, Mitglied des AtRV, vom 9. Feldjägerbataillon, geplant war. Der wirkliche Durchbruch hinsichtlich einer militärischen Nutzung gelang mit dem Distanzrennen Wien - Berlin 1893. Schon der Aufruf in der Radfahr-Chronik (VI/16/1893, 629) lässt keinen Zweifel an der Intention, „... in erster Linie zu zeigen, dass der Radfahrsport seinen Jüngern nicht nur zur angenehmen Erholung, zu einer vornehmen Spielerei zu dienen hat, dass er vielmehr auch berufen ist, im Dienste des Vaterlandes seine praktische Verwendbarkeit zu beweisen." Die Demonstration gelang: Verglichen mit dem Pferderennen unter Offizieren vom Jahr davor, als der Sieger 71 Stunden benötigte, brauchten die schnellsten Racer kaum die halbe Zeit. Ebenso demonstrativen Charakter mit militärischem Hintergrund hatte eine Relaisfahrt, bei der ebenfalls 1893 15 Radfahrer die Strecke Wien - Graz - Klagenfurt (391,5 km) in 17 Stunden zurücklegten. Diese Leistungen überzeugen sowohl die zuvor skeptischen deutschen wie auch die österreichisch-ungarischen Militärs. Bei der k. u. k. Armee wurden Fahrräder in den Herbstmanövern 1894 ausgiebig getestet. Als Ausbildungsstätte etablierte sich nun Graz: Der erste Kurs wurde 1895/96 von Lieutnant Franz Smutny abgehalten. Im Gegensatz zur bisherigen Meinung, im Bedarfsfall könnten genügend Radfahrer mit ihren eigenen Maschinen rekrutiert werden, verfolgte der Grazer Kurs mit seinen 28 teilnehmenden Unteroffizieren und Soldaten das Ziel, aus dem aktiven Stand Militär-Radfahrer heranzubilden. In diesem und in den folgenden Kursen sollten in erster Linie Militärradler für den Ordonanz- und Meldedienst, aber auch für andere Aufgaben, die bisher bei der Kavallerie angesiedelt waren, geschult werden. Bei den Herbstmanövern an der ungarisch-steirischen Grenze wurde der Kurs als Radfahrdetachment „in vollständig kriegsmäßiger Ausrüstung" mit Kavallerie-Karabiner und Infanterie-Seitengewehr unter Oberlieutnant Leber im 31. Feldjäger-Bataillon eingesetzt. Im abschließenden Manöver war das Detachment durchwegs dem 8. Husarenregiment zugeordnet. Während des fünfwöchigen Einsatzes wurden jeweils 2400 bis 2800 km zurückgelegt. Die Bedenken, die pneumatischen Reifen könnten der Belastung nicht gewachsen sein, konnten dabei zerstreut werden. Auch die Industrie witterte ihre Chance: Die Österreichische Waffenfabriksgesellschaft (ÖWG) in Steyr stellte spezielle Swift-Räder unentgeltlich zur Verfügung, bei denen die blanken Teile dunkel brüniert und die Tretkurbellager höher gelegt waren. Auch die von Johann Puch & Comp. gebauten Räder fanden Anklang, während das von Benedict Albl bereitgestellte Modell nicht entsprach. Nicht positiv verlief auch der Test von zusammenlegbaren Rädern der Grazer Fa. Albl und der Wiener Curjel und Greger: Das Handling beim Zerlegen und Zusammenbauen erwies sich als mühsam, die Trageweise als unbequem und hinderlich. |
Dennoch setzten Konstrukteure wie Puch weiter auf das Klapprad und fanden in Filipp Czeipek, Lehrer an der k. u. k. Infanterie-Cadettenschule in Graz einen glühenden Fürsprecher: In einer Abhandlung von 1897 berichtete er, dass das neue, mit 26-Zoll-Rädern ausgerüstete Puch-Modell nur noch 12,5 Kilogramm wiege und in 30 Sekunden zusammengeklappt und noch schneller wieder zusammengebaut werden könne. Außerdem konnte bei Bedarf hinter dem Sattel ein zweiter Sitz für einen Passagier angebracht werden. Der unbestreitbare Vorteil des Klapprades: In mit dem Fahrrad schwierigem Gelände konnte man die Maschine wie einen Tornister schultern. Auch wenn die Erprobung in Manövern 1896 in nur geringem Umfang erfolgt sei, „erbrachte sie immerhin den vollgiltigen Beweis, dass nur das zusammenklappbare Rad für den Krieg brauchbar ist." Auch von positiven Erfahrungen während eines Manövers bei Radkersburg wurde berichtet. Doch es sollte noch einige Jahre dauern, bis sich die Idee durchsetzte: 1906 beauftragte das Reichskriegsministerium die ÖWG und die Styria-Werke mit dem Nachbau des italienischen Modells Rossi-Melli, im Folgejahr wird bei beiden Firmen ein kleines Kontingent bestellt. Auch wenn noch eine Reihe anderer Fabrikate mit starrem Rahmen erprobt wird, wie etwa eines von Noricum, ersetzt das Klapprad bis zum Ersten Weltkrieg das normale Militärrad. In erster Linie dürften die Radfahrer-Einheiten mit Material von der ÖWG und Puch ausgerüstet gewesen sein. Puch erhielt außerdem ein Patent auf ein Klapprad, das zu einer fahrbaren Bahre umzufunktionierbar war und auch tatsächlich zum Einsatz kam. Die Entwicklung des Einsatzes von Fahrrädern bei der k. u. k. Armee: 1898 wurde beim Infanterieregiment Nr. 27 eine Versuchs-Radfahrerabteilung aufgestellt, 1908 bis 1911 bestanden drei Radfahrerkompanien, davon eine in Graz. 1912 kam es zur Aufstellung dauernder Formationen: Jeweils die vierte Kompanie der Feldjäger-Bataillone Nr. 11, 20, 24 und 29 wurden in Radfahrer-Einheiten umgewandelt. Die Feuerkraft wurde erhöht: Neben den Repetierstutzen der Mannschaft wurden jeweils auch zwei Maschinengewehre mitgeführt. Im 1. Weltkrieg 1914-1918 kamen Radfahrer-Kompanien auf österreichisch-ungarischer Seite zunächst an der russischen Grenze im Raum Gorlice zum Einsatz. 1915, inzwischen zum Radfahrer-Jägerbataillon Nr. 1 umgewandelt, wurden die Einheiten an die italienische Front verlegt und in den Garnisonen Monfalcone, Cormons, Rovigno und Gradisca verwendet. Wie es im Bericht eines Offiziers heißt, sind die Radler zunächst in Gorlice, später im italienischen Hochgebirge, wo die Räder klarerweise nutzlos waren, eingesetzt worden. Von allen Kommanden sei das Fehlen größerer Radfahrerformationen anlässlich des Durchbruchs von Karfreit bedauert worden. Ebenfalls zum Einsatz kam das aus Freiwilligen bestehende „Freiwillige Radfahrerbataillon", dessen Mannschaften sich hauptsächlich aus Graz, Leitmeritz und Budapest rekrutierten. Diese Einheit wurde dann in das k. u. k. Radfahrerbataillon Nr. 2 umgewandelt, in eine Sturmtruppe umgebildet und an der Piave eingesetzt. „Hierbei erlitt es gräßliche Verluste und viele Grazer ruhen in einem Friedhofe zirka 12 Kilometer südlich San Dona di Piave", berichtete der Offizier, der diese Einheit eine Zeitlang als stellvertretender Kommandeur geführt hat. Insgesamt sollen im Ersten Weltkrieg auf allen Seiten 250.000 Soldaten auf Fahrrädern, vor allem als Melder, zum Einsatz gekommen sein. |
| Traurige Bilanz | |
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Den ersten Weltkrieg überlebten auch viele Radvereine nicht: Jene, die sich nicht anderen Organisationen angeschlossen oder sich freiwillig aufgelöst haben, sind durch den Blutzoll unter den Mitgliedern und die Notzeit nach dem Krieg so geschwächt, dass sie die Tätigkeit stillschweigend einstellten. In der Ersten Republik werden im Bundesheer im Zuge gemischter Brigaden wieder Radfahrbataillone aufgestellt, nicht jedoch in der Steiermark. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges, der trotz "Blitzkrieg" und Konzentration auf Panzer- und Luftstreitkräfte das Fahrrad noch immer einer bedeutende Rolle spielte, galt die Steiermark als wichtigster Produzent von Truppenfahrrädern - neben Puch kamen sie von "Junior" (Graz) und Assmann (Leibnitz). Literatur: Burckhart, Julius: Das Rad im Dienste der Wehrkraft, in: Paul Salvisberg (Hg.): Der Radfahrsport in Wort und Bild (München 1897), 2. erg. Nachdruck, München 1998 Czeipek, Filipp: Das Zweirad und seine militärische Verwendung, Graz 1897 Krause, Alfred: Radfahrer im Weltkrieg. Das k.u.k. Radfahrer-Jägerbaon Nr.1 im Weltkrieg, Artikelserie in: Der Radfahrer 1934/35 Ulreich, Walter: Das Steyr-Waffenrad, Graz 1995
Rabenstein, Rüdiger: Radsport und Gesellschaft. Ihre sozialgeschichtlichen Zusammenhänge in der Zeit von 1867 bis 1914, Hildesheim, München, Zürich 1991 Deutsch-österr. Radfahrer II/17/1890 Ö. Illustrierte Zeitung 20.5.1897, 20.7.1913
Radfahr-Chronik VI/35/1893, VIII/37/1895 WW |









