Grazer Trainingsschule 1897
 
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DOSSIER: Die Hochradsammlung des Joanneum


Interessierte Depot-Besucher
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Max staunt
Max staunt
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"Sein größter Schmerz ist die Altersschwäche seines Hochrades, das er nun für seine Wanderfahrten mit dem Niederrad vertauschen musste, für das er sich nie begeistern konnte". Diese Zeilen über Franz Mlaker, die 1927 anlässlich seines 60. Geburtstags im „Steirischen Radsport" zu lesen waren, werfen nicht nur ein Schlaglicht auf eine wichtige und, so scheint es, etwas schrullige Figur der frühen Grazer Radlerszene, sie erschließen auch bis zu einem gewissen Grad die Geschichte eines jener Hochräder, die sich im Besitz des Universalmuseum Joanneum befinden.

Sechs Vertreter eines Fahrzeugtyps, der einerseits die Ära des Fahrrades erst wirklich begründete, sich andererseits aber schon nach nicht einmal zwei Jahrzehnten Ende des 19. Jahrhunderts als Sackgassen-Entwicklung erweisen sollte, fristen - neben nachgefragteren Objekten wie
Erzherzog Johanns Draisine und Externe Verknüpfung das Holzrad von St. Peter am Kammersberg - im Depot in der Lastenstraße ein Schattendasein.


Mlakers Hochrad
Mlakers Hochrad
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Franz Mlaker
Franz Mlaker
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Franz Mlakers Hochrad
Franz Mlaker, geboren am 10.1.1867 in Kirchbach in Steiermark und im Zivilberuf Buchhalter und zuletzt Direktor des ehem. Bürgerspitals, lernte als 20-Jähriger, fünf Jahre nachdem in Graz erstmals ein Hochrad aufgetaucht war, Rad fahren - offenbar schnell und perfekt, denn noch in selben Jahr wurde er Gaufahrwart des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes. Der Grazer Radpionier Max Kleinoscheg hatte ihn aufs Rad gebracht, wenngleich Mlaker nicht dessen Grazer Bicycle Club (GBC), sondern dem weniger elitären Grazer Radfahrer Club (GRC) beitrat und für diesen einige Rennen, u.a. 1888 bis 1890 die steirischen Straßenmeisterschaften über 50 km, gewann. Eine Fachzeitung bezeichnete ihn 1890 als „einen unserer strebsamsten Rennfahrer unserer Monarchie" und „einen der besten Vertreter steirischen Rennsports".

Als sich 1892 konservative Kreise, die dem Herrenfahrertum huldigten und sportlich gegen eine Professionalisierung auftraten, vom GRC abspalteten und den Radverein „Grazer Tourenfahrer" gründeten, war Mlaker dabei. Gemeinsam mit Gustav Bloos prägte er die Geschicke dieses Vereins, und zwar zwischen 1897 und 1920 über viele Jahre als Obmann. Aus seinem Besitz stammt jenes Exemplar vom „Handbuch des Bicycle-Sport" von Victor Silberer und George Ernst, das von Walter Ulreich 2004 als Reprint neu herausgegeben worden ist.

Wie aus besagtem Artikel aus den 1920er-Jahren hervorgeht, hat Hochrad-Fan Mlaker doch um diese Zeit umsteigen müssen. Um welches Fabrikat es sich bei dem an das Landesmuseum geschenkten, um 1890 gebauten Hochrad handelte, ist unklar - aus den schriftlichen Berichten geht hervor, dass Mlaker verschiedene Fabrikate und Typen gefahren hat - darunter auch ein Niederrad seines Clubkollegen Johann Puch, für das er im Puch-Katalog 1892 eine positive Referenz abgegeben hatte. Erkenntlich am Sammlungsstück des Joanneum ist aber ein gröberer Schaden an der vorderen Felge, was den Verdacht nahelegt, dass Mlaker sein gutes Stück eben zu dieser Zeit über die Schenkung an das Joanneum „entsorgt" haben könnte.


Grogger-Rad
Grogger-Rad
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Lenker und Bremse
Lenker und Bremse
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Familie Grogger
Familie Grogger
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Spuren zur Familie der Schriftstellerin Paula Grogger
Einen durchaus prominenten Bezug gibt es bei einem weiteren Objekt (Nr. 01744) aus der Hochradsammlung, das in eher schlechtem Zustand ist: Es stammt aus dem Besitz von Franz Grogger, Gemischt-, Eisenwaren- und Fahrradhändler in Öblarn. Er dürfte das Hochrad wohl auch selbst gefahren sein, denn in einer Erzählung seiner Tochter Paula beschreibt er seiner nachmaligen Frau, welche Lust es bereite, auf einem Hochrad zu fahren und dass er selbst die Absicht habe, sich eines zu kaufen, wobei man dafür 300 Gulden auslegen müsse. Im Folgenden ist auch beschrieben, wie Franz einige Zeit später mit dem Veloziped/ Bicycle, offenbar schon einem Niederrad seines Freundes und Geschäftspartners Johann Puch, vorfährt und um die Hand seiner Marie anhält: "Er setzte wieder die Kappe auf. Und griff mit beiden Händen an die Lenkstange. In dieser Haltung machte er seinen Heiratsantrag." 

Ein um 1900 entstandenes Foto, das die Familie Grogger mit Zwei- und Dreirädern zeigt, wird von der Schriftstellerin als "ein Dokument für unser Familienleben" genau beschrieben. Das Hochrad hat Franz Grogger offensichtlich behalten und seinem Arzt Jakob Neubauer vermacht, der es seinerseits 1958 im Zuge einer Übersiedelung dem Landesmuseum widmete.   

Über die anderen Hochräder gibt vorläufig nur spärliche Hinweise. Zwei Objekte sind aus Holz gebaut und dürften Wagner-Anfertigungen sein. Eines, das durch die dreiseitigen Holzklotz-Pedale auffällt, ist ein Geschenk von Anna Wisiak (Nr. 23447), das andere (Nr. 23367), bei dem Gabel und Lenkstange sind aus einem Stück Holz gemacht ist, wurde vom Joanneum von Stefan Pauritsch aus Wieselsdorf angekauft. Bei beiden Objekten sind die Räder mit Eisen beschlagen und die Sättel mit Leder bezogen.



Holzrad, vermutlich hergestellt von einem Wagner
Holzrad, vermutlich hergestellt von einem Wagner
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Holzrad aus Wieselsdorf
Holzrad aus Wieselsdorf
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Pedale
Pedale
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Dreiseitige Holzpedale
Dreiseitige Holzpedale
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Stahl-Hochrad
Stahl-Hochrad
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Detail Stahl-Hochrad
Detail Stahl-Hochrad
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Eggenberger Hochrad
Eggenberger Hochrad
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Achsenlaterne
Achsenlaterne
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Teile von "Singer & Co." und "Lucas & Son"
An einem der weiteren Stahlrohrrahmen-Räder (Nr. 23448) - Donator Karl Beikert - fällt ein Nagelzieher hinter der Stangenbremse auf, ein anderes, mit Vollgummireifen ausgestattetes Modell (Nr. 02729),  dürfte aus englischer Produktion stammen oder zumindest aus Teilen englischer Provenienz assembliert worden sein, worauf ein Schriftzug auf der Sattelfeder („Singer & Co.") hinweist. Dieses Objekt, der optisch schönste der kleinen Sammlung, zeichnet sich durch eine dunkelviolette Emaillierung, schöne Details wie eine an der vorderen Achse hängende Petroleumlaterne („King of the Road" von Lucas & Son, Birmingham) und gedrechselte Holzgriffe sowie einen verhältnismäßig guten Erhaltungszustand aus. Es wurde 1963 um 1.500 öS von Anton Hammer in Graz-Eggenberg erworben und könnte wohl früher im Fuhrpark des Eggenberger RV seine Dienste getan haben.

Insgesamt sind die sechs Hochräder nicht im besten Zustand, vor allem was die Gummiteile betrifft.

Neben den Hochrädern gehört noch
die Draisine des Erzherzog Johann, ein Prunkstück unter den Vorläufern des Fahrrades (um 1820), zur Kunstgeschichtlichen Sammlung. Komplettiert wird der fahrradhistorische Bestand des LMJ mit dem Externe Verknüpfung Holzrad des Almhirten Rupert Graimer aus der Volkskundlichen Sammlung.

Literatur und Quellen
GROGGER, Paula: Der Paradeisgarten. Geschichte einer Kindheit, Graz 1980
MEISENBICHLER, Hans: Werden und wirken des Steirsichen Radfahrer-Gauverbandes, in: Steirischer Radsport 26.6.1926
SILBERER, Victor, ERNST, George: Handbuch des Bicycle-Sport. Reprint von 1886, hg. von Walter Ulreich, Leipzig 2004, Nachwort

Mündl. Information Wolfgang Neubauer
Inventarkarten Kunsthistorische Sammlung des Universalmuseum Joanneum
Katalog Styria 1892
Protokollbuch Grazer Tourenfahrer, Protokollbuch und Protokollbuch für den Fahr-Ausschuß des Radfahrer-Vereins „Grazer Tourenfahrer" (Graz 1892-1914/1911)
Steirischer Radsport 20.1.1927, Zum 60. Geburtstag von Franz Mlaker

Weitere Fotos unter http://www.altesrad.net/ unter "Fahrradmarken/ Unbekannt" 

WW