Grazer Radfahrer Club
 
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Die Hochradsammlung im Universalmuseum Joanneum
DOSSIER


Interessierte Depot-Besucher
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Max staunt
Max staunt
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"Sein größter Schmerz ist die Altersschwäche seines Hochrades, das er nun für seine Wanderfahrten mit dem Niederrad vertauschen musste, für das er sich nie begeistern konnte". Diese Zeilen über Franz Mlaker, die 1927 anlässlich seines 60. Geburtstags im „Steirischen Radsport" zu lesen waren, werfen nicht nur ein Schlaglicht auf eine wichtige und, so scheint es, etwas schrullige Figur der frühen Grazer Radlerszene, sie erschließen auch bis zu einem gewissen Grad die Geschichte eines jener Hochräder, die sich im Besitz des Universalmuseum Joanneum befinden.

Sechs Vertreter eines Fahrzeugtyps, der einerseits die Ära des Fahrrades erst wirklich begründete, sich andererseits aber schon nach nicht einmal zwei Jahrzehnten Ende des 19. Jahrhunderts als Sackgassen-Entwicklung erweisen sollte, fristen - neben nachgefragteren Objekten wie Erzherzog Johanns Draisine und das Externe Verknüpfung 
Holzrad von St. Peter am Kammersberg - im Depot in der Lastenstraße ein Schattendasein. Vermutlich wurden sie noch nie im Rahmen einer Ausstellung der Öffentlichkeit gezeigt. 


Mlakers Hochrad
Mlakers Hochrad
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Franz Mlaker
Franz Mlaker
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Franz Mlakers Hochrad
Franz Mlaker, geboren am 10.1.1867 in Kirchbach in Steiermark und im Zivilberuf Buchhalter und zuletzt Direktor des ehem. Bürgerspitals, lernte als 20-Jähriger, fünf Jahre nachdem in Graz erstmals ein Hochrad aufgetaucht war, Rad fahren - offenbar schnell und perfekt, denn noch in selben Jahr wurde er Gaufahrwart des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes. Der Grazer Radpionier Max Kleinoscheg hatte ihn aufs Rad gebracht, wenngleich Mlaker nicht dessen Grazer Bicycle Club (GBC), sondern dem weniger elitären Grazer Radfahrer Club (GRC) beitrat. Für den Club gewann er einige Rennen, u.a. 1888 bis 1890 die steirischen Straßenmeisterschaften über 50 km. Eine Fachzeitung bezeichnete ihn 1890 als „einen unserer strebsamsten Rennfahrer unserer Monarchie" und „einen der besten Vertreter steirischen Rennsports".

Als sich 1892 konservative Kreise, die dem Herrenfahrertum huldigten und sportlich gegen eine Professionalisierung auftraten, vom GRC abspalteten und den Radverein „Grazer Tourenfahrer" gründeten, war Mlaker dabei. Gemeinsam mit Gustav Bloos prägte er die Geschicke dieses Vereins, und zwar zwischen 1897 und 1920 über viele Jahre als Obmann. Aus seinem Besitz stammt jenes Exemplar vom „Handbuch des Bicycle-Sport" von Victor Silberer und George Ernst, das von Walter Ulreich 2004 als Reprint (Maxime Verlag) neu herausgegeben worden ist.

Wie aus besagtem Artikel aus den 1920er Jahren hervorgeht, hat Hochrad-Fan Mlaker doch um diese Zeit umsteigen müssen. Bei dem um 1890 gebauten Hochrad, das als Schenkung an das Museum ging, könnte es sich um ein Wanderer 54" handeln; ein solches hat Mlaker jedenfalls 1889 oder 1890 bei Johann Puch gekauft, wobei er den Kaufpreis von 250 Gulden durch den Eintausch einer alten Maschine und einen Restbetrag in Ratenzahlung beglich. Erkennbar am Sammlungsstück des Joanneum ist ein gröberer Schaden an der vorderen Felge, was den Verdacht nahelegt, dass Mlaker sein gutes, aber unbrauchbar gewordenes Stück via Schenkung an das Joanneum „entsorgt" haben könnte.

Mlaker blieb jedenfalls Kunde bei seinem Klubkollegen Puch. 1891 führ er ein Pneumatic-Styria-Niederrad, über das er auf Aufforderung Puchs einen im Katalog 1892 veröffentlichten "Testbericht" beisteuerte. Auf das dem Publikum "aufs Wärmste anempfohlene Fabrikat" hatte er einen 12-Stunden-Rekord eingefahren. 


Familie Grogger
Familie Grogger
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Inserat vom 2.5.1898
Inserat vom 2.5.1898
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Grogger-Rad
Grogger-Rad
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Lenker und Bremse
Lenker und Bremse
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Spuren zur Familie der Schriftstellerin Paula Grogger
Einen durchaus prominenten Bezug gibt es bei einem weiteren Objekt (Nr. 01744) aus der Hochradsammlung, das in eher schlechtem Zustand ist: Es stammt aus dem Besitz von Franz Grogger, Gemischt-, Eisenwaren-, Landmaschinen und Fahrradhändler in Öblarn. Er dürfte das Hochrad wohl auch selbst gefahren sein, denn in einer Erzählung seiner Tochter Paula beschreibt er seiner nachmaligen Frau, welche Lust es bereite, auf einem Hochrad zu fahren. Außerdem äußerte er die Absicht, sich eines zu kaufen, auch wenn man dafür 300 Gulden locker machen müsse. Im Folgenden ist auch beschrieben, wie Franz einige Zeit später mit dem Veloziped bzw. Bicycle, offenbar schon einem Niederrad seines Freundes und Geschäftspartners Johann Puch, vorfährt und um die Hand seiner Marie anhält: "Er setzte wieder die Kappe auf. Und griff mit beiden Händen an die Lenkstange. In dieser Haltung machte er seinen Heiratsantrag." 

Ein um 1900 entstandenes Foto, das die Familie Grogger mit Zwei- und Dreirädern zeigt, wird von der Schriftstellerin als "ein Dokument für unser Familienleben"  beschrieben. Das Hochrad hat Franz Grogger offensichtlich behalten und seinem Arzt Jakob Neubauer vermacht, der es seinerseits 1958 im Zuge einer Übersiedelung dem Landesmuseum widmete.   

Über die anderen Hochräder gibt es nur spärliche Hinweise. Zwei Objekte sind aus Holz und dürften Wagner-Anfertigungen sein. Eines, das durch die dreiseitigen Holzklotz-Pedale auffällt, ist ein Geschenk von Anna Wisiak (Nr. 23447), das andere (Nr. 23367), bei dem Gabel und Lenkstange aus einem Stück Holz gemacht ist, wurde vom Joanneum von Stefan Pauritsch aus Wieselsdorf angekauft. Bei beiden Objekten sind die Räder mit Eisen beschlagen und die Sättel mit Leder bezogen.



Holzrad, vermutlich hergestellt von einem Wagner
Holzrad, vermutlich hergestellt von einem Wagner
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Holzrad aus Wieselsdorf
Holzrad aus Wieselsdorf
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Pedale
Pedale
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Dreiseitige Holzpedale
Dreiseitige Holzpedale
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Stahl-Hochrad
Stahl-Hochrad
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Detail Stahl-Hochrad
Detail Stahl-Hochrad
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Eggenberger Hochrad
Eggenberger Hochrad
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Achsenlaterne
Achsenlaterne
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Teile von "Singer & Co." und "Lucas & Son"
An einem der weiteren Stahlrohrrahmen-Räder (Nr. 23448) - Donator Karl Beikert - fällt ein Nagelzieher hinter der Stangenbremse auf, ein anderes, mit Vollgummireifen ausgestattetes Modell (Nr. 02729), dürfte aus englischer Produktion stammen oder zumindest aus englischen Teilen assembliert worden sein, worauf ein Schriftzug auf der Sattelfeder („Singer & Co.") hinweist. Dieses Objekt, das optisch schönste der kleinen Sammlung, zeichnet sich durch eine dunkelviolette Emaillierung, schöne Details wie eine an der vorderen Achse hängende Petroleumlaterne („King of the Road" von Lucas & Son, Birmingham) und gedrechselte Holzgriffe sowie einen verhältnismäßig guten Erhaltungszustand aus. Es wurde 1963 um 1.500 öS von Anton Hammer in Graz-Eggenberg erworben und könnte wohl früher im Fuhrpark des Eggenberger RV seine Dienste getan haben.

Insgesamt sind die sechs Hochräder nicht im besten Zustand, vor allem was die Gummiteile betrifft.

Neben den Hochrädern gehört noch die Draisine des Erzherzog Johann, ein Prunkstück unter den Vorläufern des Fahrrades (um 1820), zur Kunstgeschichtlichen Sammlung. Komplettiert wird der fahrradhistorische Bestand des UMJ durch das Externe Verknüpfung 
Holzrad des Almhirten Rupert Graimer aus der Volkskundlichen Sammlung.

Literatur und Quellen
Paula GROGGER, Der Paradeisgarten. Geschichte einer Kindheit, Graz 1980
Hans MEISENBICHLER, Werden und wirken des Steirsichen Radfahrer-Gauverbandes, in: Steirischer Radsport 26.6.1926
Victor SILBERER, George ERNST, Handbuch des Bicycle-Sport. Reprint von 1886, hg. von Walter Ulreich, Leipzig 2004, Nachwort

Maschinen-Verkaufs-Buch 1889/1890, Steiermärkisches Landesarchiv, Archiv Graz-Stadt, K-087-H-0597, Werbematerial Puch
Mündl. Information Wolfgang Neubauer
Inventarkarten Kunsthistorische Sammlung des Universalmuseum Joanneum
Katalog Styria 1892, Sammlung Egon Lampl
Protokollbuch Grazer Tourenfahrer, Protokollbuch und Protokollbuch für den Fahr-Ausschuß des Radfahrer-Vereins „Grazer Tourenfahrer" (Graz 1892-1914/1911)
Steirische Alpen-Post Nr. 18, 2.5.1898 (Inserat Grogger)
Steirischer Radsport 20.1.1927, Zum 60. Geburtstag von Franz Mlaker

Weitere Fotos unter
http://www.altesrad.net/ unter "Fahrradmarken/ Unbekannt" 

WW