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Palladio-Tour im venezianischen Hinterland

Immer im August besuchen die ARGUS Steiermark-Aktiven Heidi Schmitt und Stephan Landgraf mit einer RadlerInnen-Gruppe Oberitalien abseits der Touri-Ströme: 2008 standen anlässlich seines 500sten Geburtstags die Bauten und Werke des italienischen Architekten Andrea Palladio im Mittelpunkt der RadKulTour ins venezianische Hinterland.

„Pedalare in Italia(no)" nennt sich die allsommerliche Tour, die 1990 aus einem radelnden Italenisch-Kurs der Nürnberger Volkshochschule hervorgegangen ist und die Heidi und Stephan aus ihrer deutschen Zeit "geerbt" haben. Seit 2000 organisieren die beiden die mit Kultur-Schwerpunkt versehene mehrtätige Radpartie von Graz aus. 

2008 war Vicenza Dreh- und Angelpunkt. Die Stadt zählt Vicenza mit den Villen des Palladio zum UNESCO-Weltkulturerbe, ist hierzulande aber doch eher unbekannt. Auf fünf sternförmig angelegten Touren wurden Land und Leute erkundet.

Andrea Palladio stammte aus einfachen Verhältnissen und studierte erst nach Abschluss seiner Bildhauerlehre Architektur. Daher war er beim venezianischen Adel auch nie richtig anerkannt und bekam dort nur wenige Aufträge. Dagegen prägte keiner so sehr wie er das Bild von Vicenza und Umgebung, wo er mit dem Bau öffentlicher Gebäude wie dem Verwaltungspalast und dem Olympischen Theater, mit Palazzi und vor allem mit seinen Villen schließlich zum bedeutendsten italienischen Architekten der Renaissance wurde. Im Vorfeld unserer Radtouren erkundete unsere zwölfköpfige Gruppe bei einem Spaziergang Vicenza gemeinsam mit der Stadtführerin Lorella Forcella.


Villa Porto Pedrotti
Villa Porto Pedrotti
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Brendola
Brendola
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Villa Caldogno
Villa Caldogno
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La Rotonda
La Rotonda
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Lago di Fimon
Der See von Fimon war Ziel unserer ersten Radtour. Vorbei an Palladios Triumphbogen und seiner berühmtesten Villa „La Rotonda" radelten wir auf der Riviera Berica, einem 6,5 km langen Radweg, der auf einer ehemaligen Eisenbahntrasse angelegt worden ist. Weitgehend eben, wie fast die ganze Tour ging es mitten hinein in die Berici Hügel zum Lago di Fimon, wo wir fast die einzigen Gäste waren. Ein besonderes Highlight des Tages war die Villa Aeolia in Costozza, wo es nicht nur sehr gute Eisbecher, sondern auch eine natürliche Klimaanlage gibt. Die Luftströmungen in den Spalten der Hügel werden in das Haus geleitet und sorgen dort ganzjährig für gleichbleibende Temperaturen.

Erstaunlich problemlos gelangten wir mit Bahn und Rad nach Schio. Dieses hatte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem dank Alessandro Rossi, durch Innovation und das Gespür Rossis für die Bedürfnisse seiner Arbeiter zu einem wohlhabenden Textilindustriestandort gemausert. Nicht nur die neuesten Dampfmaschinen wurden importiert, er baute auch Wohnhäuser mit Gärten, Schule, Kindergarten, Schwimmbad und Theater. In der Blütezeit arbeiteten 12.000 Menschen in der Wollverarbeitung. 2005 wurden allerdings die letzten Fabriktore geschlossen und die Produktion in den Osten verlagert - 3000 Personen waren damit ohne Arbeit.

Eine der ersten Villen des Palladio, die Villa Godi-Malinverni in Lonedo di Lugo mit ihren schönen Fresken war über einen leichten Anstieg zu erreichen. Die benachbarte etwas jüngere Villa Piovene Porto Godi wird von der gleichnamigen Contessa bewohnt, einer alleinstehenden älteren Dame. Wir durften den Garten besichtigen und hatten von dort aus eine herrliche Aussicht. Der englische Garten mit seinen natürlichen Grotten war ebenfalls sehr sehenswert.

Jeder RadlerIn ihre Villa - Zwölf Villen standen am Mittwoch auf dem Programm. Jedoch wurden bei diesem Villenmarathon, darunter ebenfalls eine Reihe von Palladio-Villen, nur die beiden bedeutendsten von innen besichtigt. Bei dieser Dichte an Kultur war das Fahrrad das optimale Verkehrsmittel, mit dem man alle paar Kilometer einfach anhalten konnte. Die Villa Caldogno, ein wahres Schmuckstück, wurde vor kurzem mit viel Liebe von der Gemeinde Caldogno restauriert. Es sind fast alle Fresken der Entstehungszeit erhalten geblieben. Signor Ottavio, ein Pensionist, der an allen Arbeiten beteiligt war, führte uns, natürlich als einzige Gäste, temperamentvoll und fachkundig mit sehr viel Engagement.

Ebenfalls sehr schön, aber mit viel Stuck in den Zimmern, war die berühmte Villa Rotonda in Vicenza. Sie war aber wesentlich überlaufener. Die Villa ist im unteren Teil bewohnt und daher nur an einem Tag in der Woche überhaupt zu besichtigen.

Padua und Soave
Ein Abstecher per Bahn und Rad in die berühmte Stadt des Heiligen Antonius mit der Scrovegni-Kapelle und ihren frisch restaurierten Giotto-Fresken durfte natürlich auch nicht fehlen. Da die Besucherzahlen stark limitiert sind, mussten 15 Minuten zur Besichtigung reichen. Trotzdem hat sich der Besuch mehr als gelohnt. Giotto hat Anfang des 14. Jahrhunderts erstmals Landschaft und Perspektive in die vorher ikonenhafte sakrale Malerei eingeführt. Faszinierend ist vor allem die Leuchtkraft der Farben in diesen Bibelszenen vor strahlend blauem Hintergrund. Nach einer Mittagspause in Abano Terme radelten wir zur Abbazia di Praglia. Dort wurden wir mit weiteren Besuchern von einem strengen älteren Benediktinermönch durch die große Anlage geführt. Unserer Radlgewand wurde allerdings nicht beanstandet.

Im Schloss von San Martino trafen wir noch dessen letzte Bewohnerin. Es war allerdings nie von Hochadel bewohnt, sondern diente in früheren Zeiten als Kaserne, da Padua und Vicenza einst verfeindet waren. Um die Jahrhundertwende hat man dort Wohnraum für zehn Familien geschaffen. Die Signora war die letzte aus dieser Zeit und kümmert sich heute noch um das Anwesen. Das darin untergebrachte archäologische Museum beherbergt Fundstücke aller Art aus dem Fluss Bacchiglione, in dem über die Jahrtausende nicht mehr benötigte Gegenstände entsorgt wurden, bzw. durch Hochwasser dort hinein gerieten. Im kleinen Einfamilien-Weingut von Daniele Costalunga in Castenero gab es abschließend noch eine Weinverkostung, die durch Brot, Schinken und Käse verfeinert wurde.

Ein wichtiger venezianischer Künstler hatte uns noch gefehlt, nämlich Giambattista Tiepolo. Er hat in Montecchio Maggiore in der Villa Cordellina seine Spuren hinterlassen. Die Villa wurde Mitte des 18. Jahrhunderts von Giorgio Massari nach palladianischem Vorbild erbaut. Mit uns waren dort nur wenige Gäste und wir konnten so in aller Ruhe die Fresken, ein Spätwerk Tiepolos betrachten. Am Nachmittag wurde es dann doch trotz all unserer Bemühungen, den Weg so flach wie möglich zu führen, etwas hügeliger. Wir wurden jedoch immer wieder mit herrlichen Ausblicken, vor allem in Brendola, belohnt.

Mit ein wenig Schieben erreichten wir aber dann Soave, wo zum Abschluss noch eine Weinprobe auf uns wartete. Hier erlebten wir einen deutlichen Kontrastpunkt zum Vortag. Die Cantina die Soave produziert nämlich den Wein von 2000 Weinbauern der Genossenschaft und ist daher eher ein Massenbetrieb. Das Zielpublikum sind deshalb vielmehr Großhändler und weniger radelnde IndividualkundInnen. Zurück ging es dann per Zug, der mit den 12 Rädern zwar etwas überlastet war, uns aber wieder problemlos mitnahm.

Wer Lust hat, im nächsten Jahr mit ARGUS Steiermark italienische RadKulTour zu erradeln: Vom 23.08. - 29.08.2009 steht die Umgebung von Fidenza bei Parma am Rande des Apennins auf dem Programm. Nähere Infos gibt es im Anschluss an die Tourvorbereitung nach Ostern 2009 auf www.graz.radln.net oder bei argus-stmk@gmx.at

Heidi SCHMITT, Stephan LANDGRAF