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Günther HUBER: Konstante Veränderung

Günther Huber
Günther Huber
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Zum Autor:
Jg. 1952, Gastronom, Alltags- und Freizeitradler, Alpha Trekking Bike, Km-Leistung: ca. 2000 (2008)

Im Jahr 2002, eines Morgens entlang der Mur: Ich steige ab von meinem Fahrrad und blicke voll Anerkennung auf das, was sich vor meinen Augen in der Mur abspielt. Vor einigen Tagen noch lagen die vielen Einzelteile aus Stahl und Eisen, ohne Sinn zu geben, am Ufer der Mur. Heute überrascht mich der schwimmende Körper der Insel nach einem Arbeitstag auf meinem Weg nach Hause auf dem Wasser. Und nun bin ich live dabei, als mit mehreren Kränen eine Rampe zu Wasser gelassen wird, die fortan das rechte und linke Ufer des Flusses miteinander verbinden soll.

Mit dem Radl ist man nicht nur do, sondern man ist mitten drin. In anderen Worten: Rad zu fahren ist mehr als Fortbewegung. Es ist ein Verkehrsmittel, das einen direkt ins Geschehen einbindet, an den Veränderungen einer Stadt teilhaben und das Leben im Vergleich zum Autofahren bewusster und intensiver erleben lässt.

Genau das habe ich auf meinem Weg von unserer Wohnung hin zum Landhauskeller im Herzen der Grazer Innenstadt. Seit zwanzig Jahren fahre ich auf meinem Weg zur Arbeit immer über die Keplerbrücke die Mur entlang über den Franziskanerplatz in die Schmiedgasse. Vor allem in den letzten Jahren hat sich viel verändert. Von meinem Fahrradsattel aus konnte ich die vielen Großbaustellen wie die Murinsel, das Kunsthaus und den Bau der Kastner & Öhler-Tiefgarage vom Anfang bis zum Ende mitverfolgen. So wurde ich zum Zeitzeugen, während mir der Wind durchs Haar pfiff.

Das tut er einmal mehr, einmal weniger, der Wind. Die Jahreszeiten sind gerade an der Mur noch deutlicher zu erkennen als anderswo. Das zeigt sich ganz deutlich an den verschiedensten Veränderungen am Schlossberg. Die Kraft der Natur blinzelt mitten im Stadtgeschehen durch, wenn im Frühjahr die ersten Blumen zwischen den Felsen der Bergwand ihre Blüten entfalten. Der tägliche Weg am Rad lässt mich an diesem Prozess teilhaben. Schon wenn ich mit dem Rad aus der Haustüre komme, den kalten Lenker in der Hand, bekomme ich ein erstes Gefühl, wie der Tag heute wird. In den nächsten Minuten auf meinem Weg zum Landhauskeller kann ich mich auf meinem Fahrradsessel auf diesen Tag einstellen.

Der Weg führt mich zuerst von der Keplerstraße über die Keplerbrücke. Manchmal muss ich schmunzelnd an jene bizarren Situationen zurückdenken, als es in diesem Abschnitt noch keine eigene Trasse für die Straßenbahn gab, so dass alle Autos in der Einbahn halten mussten, bis die Straßenbahn durch war. Gelegentlich kam es vor, dass jemand die vermeintliche Stille nutzte, um aus der Parklücke zu entweichen. Nur um dann erschrocken und fassungslos der Straßenbahn gegenüber zu stehen.

Am Kai angelangt sende ich den Gebäuden des berühmten Architekten Günther Domenig einen stillen Gruß. Die moderne Architektur, die Altehrwürdiges gut mit Neuem verbindet, führt heute in die Grazer Altstadt hinein. Ich radle weiter und nähere mich dem nächsten architektonischen Wunderwerk: der Grazer Murinsel. Das vom Künstler Vito Acconci für die Kulturhauptstadt 2003 entworfene Projekt brachte einen phantastischen neuen Kunstraum mitten in die Öffentlichkeit. Nicht in Museen abgeschlossene, sondern direkt - auch vom Radl aus - erlebbare Kunst.

Am Weg begegnen mir bekannte Gesichter. So wie ich machen andere Menschen dieselben Schritte jeden Tag und legen tagtäglich die gleiche Strecke zurück. Alles scheint konstant, aber genauso konstant ist die Veränderung. Am deutlichsten zeigen das die Baustellen. Der Bau der Kastner & Öhler-Tiefgarage war ein beeindruckendes Erlebnis, dem ich Schritt für Schritt beiwohnte. Das riesige, alte Gebäude wurde von scheinbar Zündholz-dünnen Pfeilern in die Luft gehalten, während darunter die Garage entstand. Täglich erwartete ich den Einsturz des Gebildes, täglich trat er nicht ein.

Das Schöne am Fahren auf dieser kurzen Strecke ist, die Entwicklungen mitzumachen. Neugierig wägt man am Anfang ab, wie der Bau am Ende wohl aussehen wird, erkundigt sich in den Medien über das geplante Vorhaben und wohlwollend fällt einem plötzlich eines Tages auf: Es ist vollbracht. Etwas Neues ist geschaffen.

Meine Eindrücke auf dem Weg zur Arbeit auf dem Rad sind tatsächlich vielfältig. Diese tägliche Strecke verbindet moderne und sehr alte Elemente, sie verbindet vorher und nachher - es wird einem bewusst: Diese Stadt lebt und pulsiert.

Schließlich tauche ich ins Zentrum ein. Am Franziskanerplatz ist immer viel los, besonders im Sommer grüßen mich die Bewohner der Stadt von allen Ecken und heißen mich willkommen. Jetzt bin ich in der Nähe des Landhauskellers und damit fast angekommen. Zuletzt biege ich in die Schmiedgasse ein, wo meine zweite Heimat liegt, mein Betrieb, und dort anzukommen ist jedes Mal aufs Neue eine Freude.



Link:
http://www.landhauskeller.at