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Peter GRABENSBERGER: Eine kleine, feine Sicht der Welt

Peter Grabensberger
Peter Grabensberger
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Zum Autor:
Jg. 1954, Leiter des Grazer Kulturamtes, Alltags- und Genussradler, Simplon, Km-Leistung 2008: ca. 3.000

Mein Verhältnis zu dieser Fortbewegungsart ist rasch beschrieben: Ich bin bekennender Radfahrer, der mehr oder minder jeder Wetterlage trotzt und getreu dem Motto, es gäbe kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung, winters wie sommers auf zwei Rädern nicht motorisiert unterwegs ist. Wobei dieses Unterwegssein mit je rund einer halben Stunde Fahrzeit von Zuhause zum Arbeitsplatz inmitten der fahrradgeprüften Stadt Graz fest umrissen ist. Dass alle weiteren Wege innerhalb der Stadt ebenfalls mit dem Fahrrad absolviert werden, ermöglicht es, bei allen Terminen pünktlich zu sein. Womit wir bereits bei einem der Vorteile des Radelns im Stadtgebiet sind: Welche/r NutzerIn anderer Mobilitätsmittel kann von sich behaupten, im wahrsten Sinn des Wortes im letzten Augenblick zu starten und dennoch der knappest berechneten Zeitvorgabe zu entsprechen?

Die mit Graz wohl vertraute Schriftstellerin und Übersetzerin Ilma Rakusa definiert in ihrem Essaybändchen „Langsamer!" (Literaturverlag Droschl, Essay 54, 3.Auflage, Graz-Wien 2005), als Vorzüge langsamen Reisens die „Sinnlichkeit des Erlebens, das räumlich-gegenständliche Anschauen, die wache Wahrnehmung, das Jetzt-Gefühl".

Soeben zu frühmorgendlicher Stunde mit dem Fahrrad entlang der Mur unterwegs gewesen, bewahrheitet sich für mich diese literarisch gewordene Formulierung. Ilma Rakusa bemüht Goethe im Gespräch mit Eckermann und zitiert ihrerseits: „Man muß (!) mit der Natur langsam und läßlich (!) verfahren, wenn man ihr etwas abgewinnen will."

Die Entdeckung der Langsamkeit ist Titel eines 1983 erschienenen Romans des deutschen Schriftstellers Sten Nadolny, nicht von ungefähr in eine Zeit rasanter Ultra-Mobilität hinein gedacht und verfasst. Und wäre der Protagonist nicht der englische Kapitän und Polarforscher John Franklin, der wegen seiner Langsamkeit mit der Schnelllebigkeit seiner Zeit nicht Schritt halten kann - wenngleich er „trotzdem" zum großen Entdecker wird -, es böte sich sicher auch ein Fahrradfreak als Alternative an. Denn selbst im Schnellen bietet Radfahren noch Naturerleben pur, und sei es der Bodenkontakt, den wir radelnd suchen und zugleich zu verhindern bemüht sind.

Denn das Radeln in der Stadt bietet Kuriosa, wie sie mir nur einmal passiert sind - im Großen und Ganzen glimpflich verlaufen, versteht sich, und vielleicht im milden Rückblick der Geschichte auch noch geschönt.

Wie eine morgendliche Fahrt in der frühsommerlich beschienenen Brucknerstraße, als plötzlich Kühlendes auf der Gesichtshaut unterm Helm zu prickeln begann. Die Reaktion des Straßenbautrupps brachte rasch die Erklärung: Ein Schlauch mit Kaltbitumen - dem Himmel sei es gedankt, kein glühender Asphalt - versprühte seinen Inhalt vorerst unbemerkt auf die gesamte, nicht gesperrte Fahrbahnfläche inklusive passierende Objekte. Der Lacherfolg für den solcherart Markierten war ein unendlicher, denn auch die sonst liebenswerte Sekretärin im rathäuslichen Büro hielt sich vor Lachen nicht. Noch heute dankt der Fahrradfreund der Hautklinik am LKH, wo ein ebenfalls lachendes ÄrztInnenteam in wenigen Minuten den Geschwärzten von seiner Pigmentierung befreite.

Da war die plötzlich aufgestoßene Autotür am Straßenrand, die den ohnedies nur langsam Tretenden zu einem Wunderflug über die Lenkstange hinweg veranlasste; vorerst ohne die Schmerzen zu verspüren, die der Schock hintanhielt. Dem Flugaspiranten waren dabei die Rippen geprellt worden, was er allerdings erst viel später merkte. Dass bei der Schilderung solcher Unglücke die Mitmenschen nur kurz Entsetzen mimen, dafür umso länger zum Humor tendieren, war das eigentlich Schmerzende im Brustbereich. Nein, keineswegs ein Seelenschmerz, sondern das Mitlachen war es, das die Unfallfolgen wochenlang in Erinnerung rief.

Doch was sind solche unliebsamen und doch belustigt rezipierten, glückhaft verlaufenen Malversationen gegenüber dem vielen Schönen, das nur beim Radfahren erlebt werden konnte? Auf dem Tempel des Apoll in Delphi war einst die Aufforderung vermerkt gewesen: „Erkenne dich selbst". Selbsterkenntnis war somit als Basis jedes sinnvollen Denkens definiert, wurde letztlich sogar zum Ursprung der Philosophie. Wer zu früher Morgenstund' oder spätabends die Möglichkeit hat, mit dem Fahrrad unterwegs den Tag vorweg oder im Nachhinein zu rekapitulieren, möchte meinen, die ersten griechischen Philosophen müssten Radfahrer gewesen sein.

Oder nehmen wir einfach die Erkenntnisse, die uns Kajetan Franz von Leitner in „Vaterländische Reise von Grätz über Eisenerz nach Steyer" 1789 (nachzulesen im Österreichischen Bundesverlag, Wien 1983) mitgibt: „Man hat oft gesagt, ein Fremder könne ein Land besser beschreiben als ein Eingeborener. Ich widerspreche nicht, daß (!) jener scharfen Blick, Unparteilichkeit, Vergleichungsvermögen und so manches in einem höheren Grade besitzen kann als dieser; aber verlässliches (!) Nachrichten darf man sicher von einem Eingeborenen eher erwarten als von einem fremden Reisenden. Übrigens steht jener zu seinem Gegenstande auch in einem ganz andern Verhältnis als dieser..."

Auch da könnten wie in so vielen anderen Situationen die Erlebnisse einer Drahteselfreundin oder eines Pedalfreaks von heute Pate gestanden sein. Einfach aus dem Sattel betrachtet, der eine kleine, feine, entschleunigte Weltsicht möglich macht.

Von Leitner ist der Weg nicht weit zu Johann Gottfried Seume, dem spätaufklärerischen Fußreisenden, der auf dem Weg von Grimma bei Leipzig nach Syracusa auf Sizilien 1801 auch durch Graz gekommen ist: Abgesehen davon, dass er bemerkte, dass die Grätzer im Durchschnitt viel besser Deutsch sprechen als die Wiener, macht ihn auch seine empirische Verknüpfung von Fortbewegungsart und Lebenseinstellung interessant: „Sowie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich um einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt. Man kann niemand mehr fest und rein ins Angesicht sehen, wie man soll: man thut notwendig zu viel oder zu wenig". Wobei man korrekterweise sagen muss, dass die ersten Fahrräder (Bicycles) auch „Wagen" genannt wurden und es im Seume-Zitat als Metapher auf das soziale Gefälle zwischen „denen da oben" und „denen im Straßenstaub" weiter heißt: „Fahren heißt Ohnmacht, Gehen Kraft. Schon deshalb wünschte ich nur selten zu fahren, und weil ich aus dem Wagen so bequem und freundlich einen Groschen geben kann."

Diese kleine Auswahl an Klassikern waren keine Radler. Sie hätten aber welche gewesen sein können, hätte es damals diese wunderbare Erfindung schon gegeben. Ihnen eigen sind langsames und lässliches Verfahren mit der Umwelt, verlässliches Nachrichtgeben über den Zustand derselben, eigene Erdung in Sachen sozialer Wahrnehmung und Humanität - Tugenden, die RadlerInnen für sich in Anspruch nehmen dürfen, ohne großspurig daherzukommen. Diese Zuschreibungen dokumentieren auch ihre Verwandtschaft mit den Zufußgehenden, jenen, die, wie man selber, der Spezies der Nichtmotorisierten oder der sogenannten schwachen (besser: ungeschützten) VerkehrsteilnehmerInnen angehören.