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Edith TEMMEL: Vom Kurbelfahrrad mit gläsernen Flügeln

Edith Temmel
Edith Temmel
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Zur Autorin:
Jg. 1942, Künstlerin, Gelegenheitsradlerin

In meiner Kindheit hat mich immer die Art der Inbetriebnahme von Autos fasziniert, welche man in alten Filmen sehen kann: Zuerst setzt sich der Fahrer oder die Fahrerin, sportlich gekleidet mit Mantel und Schal, energiegeladen hinter das Lenkrad eines Sportwagens, ähnlich wie ein Pilot ins Cockpit eines flotten kleinen Flugzeuges. Da sitzt er nun. Er drückt auf den Starter, oder dreht den Schlüssel, damit die Zündung einsetzt. Nichts passiert. Er probiert es noch einmal. Und noch einmal. Der Fahrer rückt sich den Hut zurecht, schaut nach rückwärts, ob wohl nirgends ein schadenfroher Beobachter lauert, womöglich gerade der eifersüchtige Konkurrent/ die eifersüchtige Konkurrentin. Noch ein Versuch. Wieder ohne Erfolg. Der Fahrer entsteigt dem Auto, holt aus dem Kofferraum eine relativ große, unhandliche eiserne Kurbel und steckt ein Ende irgendwo im unteren Bereich des Motors in einen Metallzapfen. Mit heroischer Anstrengung dreht er nun ein paar Mal am anderen Ende die Kurbel.

Das Fahrzeug beginnt zu husten, schüttelt sich wie ein gerade vor dem Gartenschlauch geflohener Hund und steht nun zitternd auf seinen vier Rädern da. Triumphierend läuft der Fahrer in Windeseile mit der Kurbel wieder nach rückwärts, befördert lässig das nun wesentlich leichter wirkende Werkzeug in den Kofferraum, hält mit der einen Hand seinen Hut fest, während er mit der anderen Hand seinen Schal, welcher zwischendurch am morastigen Boden schleifte, in einer hoheitsvollen Geste um den Hals nach hinten wirft. Mit der dritten Hand sollte er nun auch gleichzeitig die Wagentüre öffnen - nun, es geht schon, die Hand ist wieder frei, der Fahrer steigt ein, startet - und ab die Post.

Von rückwärts sieht man noch ein Ende des langen Schals fröhlich flattern, die Morast-Flecken im Stoff trocknen ja schnell im Fahrtwind.

Solche Szenen haben mich immer sehr erheitert. Vor allen Dingen wurde der Eindruck suggeriert, man könne jedes Vehikel wie ein Blechspielzeug mittels Drehschlüssel und Stahlfeder aufziehen. Die nun auf diese Art gespeicherte Energie entlade sich daraufhin federleicht oder raketenhaft schnell über Motor und Räder und ließe sich gar mit einer einzigen Fingerbewegung beliebig steuern.

Auch ein Flug-Vehikel ist mir in Erinnerung, welches ich in einem alten Stummfilm gesehen habe. Riesige gerippte Flügel waren mit einem Fahrrad-ähnlichen Gerät kombiniert. Darauf saß ein Mann in sportlichem Dress, welcher mächtig in die Pedale trat. Mit großer Anstrengung strampelte der Mann immer schneller bis das Ding in Fahrt geriet und vom vorbei streichenden Wind eine Handbreit vom Boden erhoben wurde. Die Landung jedoch erfolgte einigermaßen unsanft und ließ jede Spur von Eleganz vermissen.

Solche Beispiele beflügelten damals meine kindliche Fantasie und so wünschte ich mir zum Geburtstag sehnlichst etwas, das ich damals für mich erreichbar wähnte und doch ein Instrument war, das mich der Erdschwere entheben würde - ein Fahrrad.

Da sich mein Schulweg mittels Straßenbahn als äußerst zeitaufwendig herausstellte, bekam ich eines Tages wirklich zum Geburtstag ein Fahrrad geschenkt. Eine liebe Freundin der Familie nahm sich viel Zeit und brachte mir das Radfahren bei. Alle Kinder in der Nachbarschaft radelten am Samstagnachmittag im Seitengässchen um die Wette, manchmal hatten sie auch einen Fußball dabei, und dann ging es hoch her. Nun war ich ebenfalls stolze Besitzerin eines Drahtesels und durfte der Rasselbande zugehören. Das war ein Spaß! Mit einiger Übung konnte ich, so wie die anderen auch, freihändig fahren oder über eine kleine Sprungschanze hüpfen.

Mein Schulweg gestaltete sich von nun an wesentlich erfreulicher und ich genoss das Gefühl der Selbstständigkeit, war nicht mehr vom Fahrplan der Straßenbahn abhängig.

Mein Fahrrad behielt ich auch noch lange über die Schulzeit hinaus, bis es mir leider eines Tages abhanden kam. Es wurde mir untreu. Vielleicht ist es, das brave Eselchen, mit einem fremden „Herrl" mitgegangen. Ich war ihm nicht böse deswegen, absolvierte die Fahrschule und kaufte mir ein Auto.

Dies ist nun einige Jahrzehnte her.

Voriges Jahr hatte ich beruflich in der schönen norddeutschen Stadt Paderborn zu tun. Die Werkstatt der Glasmalerei, in welcher ich arbeitete, liegt am äußersten nordöstlichen Stadtrand. Man fragte mich, ob ich denn vielleicht ein Fahrrad zur Verfügung gestellt haben wolle, um in dieser schönen Jahreszeit die Gegend zu erkunden. Das freundliche Angebot war sehr verlockend und ich nahm es dankend an. Selbstbewusst führte ich das schwarze Ding an seiner Lenkstange in den hinteren Hof des Gebäudes. Das Vehikel kam mir einigermaßen gediegen, um nicht zu sagen schwergewichtig, vor. Keine Spur von Eleganz. Dieses Stahlross verhielt sich im Vergleich zu meiner Vorstellung von Rad wie ein braves Pinzgauer Pferd zum feurig tänzelnden, abenteuerlustig schnaubenden Araberhengst. Pinzgauer dagegen sind eben Ackerpferde.

Ich versuchte also, diesen Gaul zu besteigen. Es war mir, als ob er wieherte.

Ein verstohlener Blick zur oberen Fensterfront gab mir die Gewissheit, dass niemand heimlich hinter dem Vorhang steht, um meine kläglichen Versuche hämisch zu beobachten.

Nach einigen Versuchen schaffte ich es, einigermaßen die Balance zu halten und das Ding in Bewegung zu setzen. Der Gaul schien zu schnauben und tat gerade so, als wollte er mit den Hinterhufen ausschlagen. Einen fremden Gaul soll man ja nicht beschädigen, also mussten meine eigenen Kniescheiben herhalten. „Rodeo ist ein Spazier-Ritt", dachte ich mir und versuchte, tapfer zu sein.

Wo waren die Zeiten, wo ich noch behände und schnell mit großer Geschicklichkeit mein Fahrrad steuerte?

Die alten Filme fielen mir wieder ein und ich wünschte sehnlichst eine eiserne Kurbel herbei, um dieses störrische Vehikel zum Laufen zu bringen.

Ein mit Muskelkraft betriebenes „Kurbel-Fahrrad" sollte man erfinden. Wäre doch ganz einfach: Die Stahlfeder müsste wie der Motor eines Mopeds im Inneren des Drahtesels verborgen bleiben. Den Zapfen sollte der Konstrukteur gleich unter dem Gepäcksträger anbringen. Die Kurbel sollte selbstverständlich etwas handlicher ausgeführt sein. Die größte Attraktion an diesem Fahrzeug wären jedoch ein Paar ausklappbare gläserne Flügel, welche das Ding in die Lüfte heben. Ich erinnere mich an jenen alten, weißbärtigen Herrn, welcher an der Lenkstange seines Fahrrades etliche Kinder-Windräder montiert hatte. Er war ein bekanntes Unikum im Grazer Stadtbild. Vielleicht hatte er ähnliche Gedanken.

Neidisch dachte ich an die Schwärme von radfahrenden Ausflüglern, welche wie wendige Fischlein die schattigen Radwege dieser Stadt am Wochenende bevölkerten.

Ob gutes Zureden hilfreich wäre? Sollte ich mir den „Pferde-Flüsterer" zum Vorbild nehmen? Sollte ich wie einst Winnetou Iltschi das geheime Wort ins Ohr flüstern, und es mache daraufhin einen riesigen Sprung in die Lüfte? Es flöge wie ein feuriges Ross über den Wolken dahin, wetteifernd mit Buraq, dem Pferd Mohammeds, welches geradewegs ins Paradies galoppiert, wenn es nicht gerade vom Erzengel Gabriel gebraucht wird für den Pendlerverkehr zwischen Mekka nach Jerusalem und retour. Es flöge in Windeseile in luftigen Höhen, alle Hindernisse überwindend, gleich dem schnaubenden weißen Hengst Akbusat, welcher mit seiner Zauberkraft die bösen Mächte zwischen Himmel und Erde besiegt.

Es flöge dahin, das stählerne Ross - keine Rede mehr von einem Drahtesel -, galoppierte tänzelnd an den einfältigen Fischlein vorbei, stemmte die Vorderbeine bravourös zur Courbette wie die weißen Spielzeugpferde der Wiener Hofreitschule. Alle würden rufen: „Welch ein herrliches Tier!"

Mein Pinzgauer sah mich blöde an. Er muss wohl meine Gedankengänge erahnt haben. Er wackelte mit keinem Ohr und ließ mich gottergeben endlich aufsteigen.

So habe ich, mühsam und hoffentlich unbeobachtet, meine Lektion gelernt.

Schön langsam wagte ich mich dann doch in die grüne Freiheit der sommerlichen Umgebung Paderborns.

Mein geplanter Ausflug in den nahe liegenden Naturpark Eggegebirge wurde vorerst von einem lang anhaltenden Gewitter vereitelt. Am darauffolgenden Sonntag begab ich mich jedoch vorsichtig auf einen der sechs Paderborner Radrundwege, um die schöne alte Stadt zu erkunden. Diese Radrundwege „umgeben die Kernstadt wie Blütenblätter eine Blume", heißt es im Werbetext der Tourismus-Information, was ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann.

Letztendlich genoss ich diese kleinen Ausflüge sehr. Mein Pinzgauer stand mir in dieser Zeit treu zur Seite und beförderte mich, wohin auch die Reise ging, ohne zu murren.

Gerade, als mir das Radfahren wieder Spaß machte, ging die Zeit in Paderborn zu Ende. Der diesjährige City-Triathlon wird wohl ohne uns stattfinden. Ich tätschelte meinem schwarzen Pferd zum Abschied noch einmal zärtlich den Stahlrosshals. Es war mir wieder, als ob es wieherte.

Diesmal klang das Wiehern eher erleichtert.



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http://www.edith-temmel.at