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Johannes KOREN: Der "Simultan-Stern" zu Graz

Johannes Koren
Johannes Koren
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Der Autor:
Jg. 1939, Journalist und Autor, ehem. Leiter Abteilung für Medien und Kultur, WK Steiermark, Alltagsradfahrer Scott Citybike („erworben 1997 unter  Anleitung meines Freundes Franz Deutsch, des zweifachen Siegers der Österreich-Rundfahrt, der noch immer ein Auge auf meine radlerische Ausrüstung hat"), Km-Leistung: 3200, ausschl. im Stadtgebiet von Graz (2008)

Es geschah an einem späten Jännertag in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Wie eine dunkle Glocke hatte sich der Feinstaub, gemischt mit einem unangenehmen Nebel, über Graz gestülpt. Kein Stäubchen Schnee hatte es seit Weihnachten gegeben und die Grundstimmung an diesem Vormittag war schlicht und einfach trist. Ich hatte mein Fahrrad, welches mir im Lauf der Jahre fast so etwas wie eine zusätzliche Extremität geworden war, in der Leonhardstraße an den Gitterzaun gehängt, der den kleinen Park des Palais Meran umfängt. Genau dorthin führte mich mein Weg. Er galt einer Besprechung mit dem Rektor der Musikuniversität, Otto Kolleritsch. Als ich ihn nach etwa einer Stunde verließ, hatte es unerwartet einen Regenschauer über der Stadt gegeben. Der feine Staub war auf der Straße zu einer schmierigen, dünnen Schicht geworden, die den Asphalt und die Pflastersteine überzog. Ein diabolisches Gemisch, wie sich bald zeigen sollte.

Kaum hatte ich nämlich mein Rad bestiegen und zwischen den Straßenbahnschienen die Fahrt durch die Leonhardstraße in Richtung Maifreddygasse aufgenommen, passierte es: Unachtsamkeit in Verbindung mit den Gesetzen der Physik richteten ein teuflisches Werk an. Genau dort, wo die Straßenbahn in die Maifreddygasse einbiegt, geriet ich auf dem rutschigen Boden in die Schienen und es geschah, was geschehen musste. Der Fliehkraft folgend, stürzte ich nach rechts vom Rad und flog zu meinem Glück zwischen parkende Autos. Die nachkommenden Fahrzeuge hatten nämlich auf dem rutschigen Untergrund so gut wie keine Chance zu bremsen.

Mein treuer Drahtesel hingegen verharrte in der Schiene, in die er geraten war, und fuhr so lange in die Maifreddygasse, bis auch ihn die Schwerkraft zu Boden zwang. Mir einem metallischen Scheppern verkündete er, dass er aufgehoben zu werden wünschte.

Ich erhob mich so schnell ich konnte, bemerkte, dass das Volk der Hilfreichen unter den Grazern offensichtlich ausgestorben war, schaute ich doch nur in neugierige und - wie mir schien - grinsende Gesichter. Ein Blick zu meinen aufgeschundenen Handflächen, kurze Kontrolle, ob Kopf und Knochen heil waren, und wieder auf das Rad geschwungen, welches zu meinem Erstaunen nur leichten Schaden genommen hatte. Dass mein bester grauer Anzug über dem rechten Knie einen beachtlichen Riss hatte, der den Blick auf meine blutige Kniescheibe freigab, bedeutete mir erst meine Sekretärin, die mich mit dem Ausruf „Ja wie schaun denn Sie aus!" empfing, als ich einige Zeit später in meinem Büro eintraf. Diesem Ausruf folgte der gute Rat, mich doch im Waschraum ein wenig zu säubern, davor aber noch unbedingt zu Hause anzurufen. Es sei sehr dringend, habe ihr meine Frau am Telefon gesagt.

Und wenn eine Frau einer Sekretärin etwas Dringendes ausrichtet, dann muss es schon wirklich wichtig sein. Und das war es auch.

Als ich nämlich, immer stärker von Schmerzen heimgesucht, die sich durch den weichenden Schock an die Oberfläche kämpften, meine Frau telefonisch erreichte, wurde mir die tatsächliche Wichtigkeit meines Rückrufes klar. Gab sie mir doch Kunde von dem, was ihr, etwa zu jener Zeit, als ich vor dem Parkhotel durch die Maifreddygasse segelte, zugestoßen war: Wie ich mit ihrem Fahrrad unterwegs, war sie dort, wo die Straßenbahn von der Kaistraße an der Mur in die Sackstraße einbiegt, ebenfalls auf dem schmierigen Untergrund ins Rutschen gekommen, in den Schienen gelandet und mit Karacho auf die Gehsteigkante gestürzt. Unsere Berechnungen ergaben, dass wir ungefähr zur gleichen Zeit den „freien Fall" geübt und so etwas wie einen echten „Simultan-Stern" gebaut hatten.

Das Schlimme an der Sache war, dass bei mir nur das Knie - und das ganz leicht - und die Handflächen verletzt waren, sie sich aber einen veritablen Kapseleinriss am Schultergelenk zugezogen hatte, der sie noch lange und schmerzhaft an die innige Bekanntschaft mit der Gehsteigkante in der Sackstraße erinnern sollte.