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Kristina EDLINGER-PLODER: Büroradeln
...und das Dilemma mit dem Chic am Bike

Kristina Edlinger-Ploder
Kristina Edlinger-Ploder
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Zur Autorin:
g. 1971, gelernte Juristin, praktizierende Politikerin (ÖVP), (Sommer-)Alltagsradlerin, 2 Steirerbikes in der Trekkingversion ("eines privat mit Korbaufbauten zum Einkaufen oder Schultaschen befördern, eines als Bürorad für Stadttermine"), Km-Leistung: ca. 1000 km/ 2008 ("80 % Stadt, 20 % Ausflüge zum Eis essen :-)")

Zugegebenermaßen haben mein Fahrrad und ich bloß eine Lebensabschnittspartnerschaft. Sobald die Temperaturen gegen Null gehen, nehme ich noch einmal alle Kräfte zusammen, schultere das Gefährt, transportiere es hinauf in den achten Stock, wo es in einem eigens dafür konzipierten Holzverbau verstaut wird. Bis sich wieder Frühlingstemperaturen einstellen, reduziert sich meine Leidenschaft für blitzendes Chrom in Form von Speichen und Lenkergabel bloß darauf, andere tapfere Pedalritter, die sich durch Eis und Schnee kämpfen, aufrichtig zu bewundern. Ich selbst ziehe beheizte Fortbewegungsmittel wie Straßenbahn und/oder Auto vor.

Der Abschied von der freien Wildbahn - in Anbetracht mancher RadfahrkollegInnen ein treffender Begriff - fällt gar nicht schwer. Umso größer ist nach den langen Wintermonaten die Freude, wieder Teil einer immer größer werdenden Community zu werden, die die Stadt und ihr pulsierendes Leben intensiver und spannender erlebt als alle anderen VerkehrsteilnehmerInnen. Wo sonst kann man den Unterbau und die Kurbelwelle eines Lastkraftwagens so unvermittelt nahe studieren, einem Artisten gleich dem Gegenverkehr am Radweg durch geschickte Gewichtsverlagerung ausweichen und Aug´ in Aug´ mit dem plötzlich auf die Straße springenden Fußgänger kommunizieren?

Bis es so weit ist, beginnt der Tag einer Frau aber mit der schwierigsten Entscheidung:

Was ziehe ich heute an?

Diese Frage ist für Frauen unter erschwerten Bedingungen zu lösen und wird von Männern nur kopfschüttelnd und mitleidig als Stammtischthema gewählt, um im Laufe des Abends wenigstens in einer Sache derselben Meinung zu sein.

Zur Verdeutlichung der Dramatik müssen Sie sich die Rahmenbedingungen vor Augen führen: Die viel gerühmte Auswahl steht gar nicht zur Verfügung, auch wenn sich der Kasten als vollgeräumt erweist. Denn für die jeweilige Saison und den bestimmten Anlass sind garantiert keine Kleidungsstücke darin zu finden.

Zweitens verändern sich die Größen der im Kasten befindlichen Kleidungsstücke permanent. Offenbar durch das eigenwillige Klima im Schrank und leider immer nur in eine Richtung: enger und kleiner.

Diese Problemlage konnte ich schon in jungen Jahren meiner Kindergarten- und Schulzeit erkennen, weshalb also durchaus von einer angeborenen Schwäche gesprochen werden kann.

Ist der Prozess zur Entscheidungsfindung doch erfolgreich abgeschlossen, hetze ich etwas verspätet die Stiegen hinunter und stehe voller Tatendrang vor dem Haus.

Eingeübt wie bei Robert Lembke anno dazumal („Welches Schweinderl hätten S‘ denn gern?... eine typische Handbewegung bitte...") beuge ich mich über das Fahrrad, um das Schloss zu öffnen. Schon keimen erste Zweifel an der Fahrradtauglichkeit des gewählten Outfits.

Hat man die helle, sportliche Hose genommen, ist das neonfarbene Signalband zur geordneten Verengung des rechten Hosenbeins sicher in der anderen Handtasche, dann darf man getrost mit schwarzen Ölflecken rechnen. Ging die Entscheidung jedoch zu Gunsten eines eng geschnittenen Kleides oder eines luftigen, geblümten Rockes aus, gibt es wiederum zwei mögliche Szenarien auf dem Weg ins Büro: Der morgendlichen Freude, in das gute körperbetonte Stück hineingekommen zu sein, weicht die bittere Erkenntnis, damit den Fahrradsattel kaum erklimmen zu können. Die luftige Kleiderwahl wiederum benötigt einige Akrobatik bis hin zur einhändigen Bedienung von Lenker und Schaltgetriebe, damit der weit ausladende Stoff selbst bei alltagstauglichem Tempo anderen Verkehrsteilnehmern nicht allzu neue Eindrücke in die Strumpf- und Unterwäschemode dieser Saison gibt.

In diesen Situationen denke ich lächelnd an die Fahrräder meiner Jugendtage, die am hinteren Kotflügel kleine, gestanzte Löcher hatten, in denen man den „Kittelschoner" befestigte. Das waren dünne Gummibänder, die, in einem Halbkreis angeordnet, verhindern sollten, dass der wehende Rock in die Speichen gerät. Die mangelnde Witterungsfestigkeit dieser Konstruktion trug es mit sich, dieses Teil halbjährlich zu erneuern und die kleinen Widerhaken in die immer rostiger werdenden Löcher eines verbogenen Kotblechs zu bringen.

In den letzten Jahren war ich nahe daran zu glauben, die Herausforderung Hose oder Kleid mit dem durchaus modisch gekennzeichneten Paarlauf von Hose mit Kleid darüber zu lösen. Aber auch diese Kombination kennt ihre Tücken. Bei allem Respekt vor modischen Trends werde ich das Tragen stilloser Leggings auch weiterhin auf die eigenen vier Wände beschränken. Bleiben als Variante eng anliegende Hosen, die man wiederum nur mit Müh und Not zu bekommt, indem man in liegender Weise und unter schlangenartigen Windungen am Wohnzimmerteppich die herausragenden Problemzonen des Hüftbereichs überwindet. Dann soll man noch ein zweites Kleidungsstück darüber anziehen? Spätestens jetzt ist die zu Ende geglaubte Winterdepression schlagartig als schauriges Frühlingserwachen zurück.

In diesem Moment kommt mir wieder einmal der Gedanke, dass die Menschheit trotz allen Fortschritts keineswegs in der Lage ist, dauerhaft Alltagsprobleme zu lösen. Vergleichbar dem Phänomen eines Schnupfens, der im Zuge medizinischer Forschung mittlerweile je nach Medikamentenzufuhr sieben Tage oder eine Woche dauern kann, stellt sich mein schlichtes Gemüt die Frage: Warum löst das niemand?

Die Fahrradindustrie liefert zwar Innovationen aller Art in den Bereichen Werkstofftechnik, Antriebsvariationen oder Stoßdämpfern. Dennoch fehlt eine Antwort auf die drängende Frage, wie eine Frau modisch korrekt am Fahrrad ins Büro, zu einem Termin oder zu einer Verabredung kommt.

Warum hat sich um Gottes Willen noch niemand damit beschäftigt, dass Schi- oder Motorradhelme so cool und formschön gestylt sind und Radhelme so unglaublich hässlich?

Entschuldigung, aber ganz unabhängig davon, welch edler Körper und weiser Kopf darunter steckt: Sehen wir mit Radhelmen nicht alle ein wenig wie Idioten aus?

Zurück zum Dresscode einer durchschnittlich engagierten Büroradlerin. Natürlich weiß ich, dass das Radfahren nicht wirklich schuld ist am Modedilemma. Aber es verschärft die Probleme. Mit und ohne Pedaltritt verfolgen mich die Gedanken eines unzureichend ausgestatteten Kleiderschrankes auch in den Monaten der Radabstinenz. Das Bild einer daunengeschüttelten flotten Winterjacke mit sportlichem Gürtel in der Auslage verzerrt sich vor meinem eigenen Spiegel recht schnell zum Michelin-Männchen als Beweis der lustbetonten Vanillekipferl-Attacken.

Und dennoch ist Radfahren befreiend. Diese düsteren Gedanken der fehlgeleiteten Entscheidung des gewählten Outfits und der modischen Accessoiresauswahl verschwinden nämlich bei der ersten Ausfahrt, wenn die frische Zugluft das Gefühl von Bewegung in freier Natur vermittelt. Man gestaltet den Weg ins Büro als schlenderndes und beschauliches Szenario, das es zulässt, Menschen auf der Straße nicht nur zu erkennen, sondern sie auch freundlich winkend zu grüßen. Man fühlt sich ein bisschen als Umweltschützerin, CO2-Vermeiderin und tut der eigenen Gesundheit etwas Gutes. Man ist meist schneller und kann den Insassen in den Blechkarossen auch so manches Schnippchen schlagen. Und wenn es nur eine klitzekleine Abkürzung ist, man fühlt sich überlegen.

Meine persönliche Bürostrecke ist Beispiel dafür. Nach einem kurzen Stück des triumphierenden Vorbeiradelns auf der Busspur lasse ich die Autoschlange hinter mir und tauche in die 30er-Zone ein. Spätestens in diesem Revier beginnt die erste wohltuende Aufwachphase. Beim Einbiegen in dieses sonderbare Stadtgebiet von Tempo 30 kreisen die Gedanken oft um die Person Erich Edegger, diesen wagemutigen Abenteurer, der bereits in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts dem aufstrebenden Automobil die Zunge zeigte und sich der Kultur des Fahrrads im Alltag widmete. Ich glaube nicht, dass Erich Edegger sich viele Gedanken über sein modisches Outfit am Fahrrad gemacht hat. Nicht nur, weil er ein Mann war, vielleicht auch, weil er den Blick für das Wesentliche hatte.

Grazerinnen und Grazer fast aller Altersgruppen, sozialer Schichten und ideologischer Flanken betrachteten kopfschüttelnd den radelnden Erich, der sich noch erdreistete, mit den 30er-Zonen neumodernen verkehrspolitischen Aktionismus nach Graz zu holen. Er ersparte uns übrigens damit mehrere Schilling- und auch Euromillionen für den Radwegeausbau und vergrößerte das Radverkehrsnetz der Stadt quasi über Nacht um hunderte Kilometer.

So gehen auch Teile meiner Hausstrecke durch das Herz-Jesu-Viertel auf Edeggers Konzept zurück. Wie viel intensiver erlebt man auf dem Fahrrad den Eindruck eines Unterrichtsbeginns, wo hunderte Kinder wie kleine Ameisen plappernd und gestikulierend um das Schultor drängen. Wie gut kann man Gerüche und Farben eines Kaiser-Josef-Platzes wahrnehmen, der gerade frühmorgens mit kaffeetrinkenden Allesverstehern und kompetenten Einkaufsexperten seine reizvollste Zeit erlebt.

Vorbei an den ehrwürdigen Mauern der Oper, die noch den Atem der letzten Abendvorstellung in sich trägt, den hektischen Umsteigerummel auf dem Jakominiplatz links liegen lassend, biegt man in die Schmiedgasse, den Brennpunkt und die Herausforderung innerstädtischen kombinierten Rad- und Fußgängerverkehrs. Wann immer ich gemächlichen Tritts diese Gasse entlang fahre, wundere ich mich über die garantierten Debatten um Meter und Sekunden. Eine geschätzte Breite von neun Metern sollte ausreichen, um ein vernünftiges Fortkommen von RadfahrerInnen und FußgängerInnen zu arrangieren. Stattdessen bietet sich meist eine Gemengelage aus mehr oder weniger rücksichtsvollen VerkehrsteilnehmerInnen, Vorurteilen und fest einzementierten Standpunkten.

Ziel erreicht!

Als eine, die den Begriff „Morgenmuffel" nicht nur versteht, sondern auch authentisch leben kann, ist diese kurze Strecke des städtischen Aufwachens immer wieder Anlass, meinen Kolleginnen im Büro frischer und fröhlicher entgegentreten zu können. Ich komme sozusagen schon mit Betriebstemperatur in die heiligen Hallen und höre gespannt die launigen Debatten über Stauzeiten und Ampelschaltungen, um mich zufrieden in den Kreis meiner Kolleginnen einzureihen, die, Bestätigung suchend, erklären: „Ich wusste heute nicht, was ich anziehen sollte..."