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Gunther HASEWEND: City-Cruisen mit dem Dreirad -
Mein Nahverkehrsmittel ohne Führerschein

Der Autor:
Jg. 1942, Landesbaudirektor a.D., OWT (= OberWelschTeufl), Alltagsdreiradler, Kynast Dreirad, schwarz, Jahresleistung: ca. 1800 km (2008)

Die Geschichte meines Dreirades beginnt in Nordgriechenland: Aus den Freundschaften mit den TU-Zeichensaal-Kollegen der 60er-Jahre haben sich viele Urlaube ergeben. Ohne Hotel, aber mitten im Leben der Dörfer und Städte, am Meer und in den Bergen.

In den Kleinstädten sind mir zwar wenige, aber umso ungewöhnlichere Dreiräder mit Drahtkörben zwischen den Hinterrädern aufgefallen: Benutzer waren zumeist Hausfrauen mit ihrem Einkaufsgut, oft tratschend nebeneinander fahrend oder auf Zuruf einer Freundin gepäcklos in ein Kafedaki an der Straße einkehrend. In Summe eine sehr gemütliche Erscheinung.

Nachdem ich davon in meiner nächsten Umgebung in der Landesbaudirektion erzählt und wahrscheinlich geschwärmt hatte, stand am Faschingdienstag des Jahres 1995 ein solches Dreirad mit Drahtkorb, ganz in rot, auf meinem Schreibtisch in der Landhausgasse 7.

Dieses Gebraucht-Exemplar hatte mein lieber, inzwischen leider verstorbener Freund Wiesler Fritz* mit Unterstützung meines Umgebungs-Chefs Gollner Manfred aufgetrieben - beide ungefähr mit dem Kommentar, dies sei das einzig richtige Fahrzeug für einen Landesbaudirektor ohne Führerschein. Auf diesen hatte ich nämlich immer aus der südsteirischen Überzeugung heraus verzichtet, dass Geld für einen Weinkeller wichtiger ist als für ein Auto.

Für dieses erste rote Dreirad habe ich in meiner vertrauensseeligen Grundeinstellung, dass damit ohnehin niemand fahren bzw. auffallen will, kein Absperrschloss verwendet. Nach zwei Jahren wurde es mir gestohlen.

Im August 2002, zu meinem Sechziger, haben alle meine technischen Hofrats-Freunde wieder unter Anleitung des Gollner Manfred einen zweiten Anlauf gestartet: Unter der Bedingung, dass ich Sperrschloss und Versicherungs-Polizze vorwies, wurde mir mein jetziges elegantes „schwarzes Dreirad samt Plastik-Korb" vom Büro auf die Landhausgasse gestellt.

Ganz neu, deutsche Marke Kynast, von der K&Ö-Rad-Abteilung beschafft und bis heute von Pichler Horst bestens gewartet. Ohne ihn hätte ich keine Chance, so unbekümmert durch die Stadt zu fahren: Er sorgt (sich) um das komplizierte Innenleben der Gänge und Übersetzungen meines Dreirads engagiert und professionell. Deshalb hat er von mir den Vulgo-Namen „Dr. Pichler", auf südsteirisch „Pichla-Dokta", bekommen.

Und nun zu den Vorteilen meines besonderen Gefährts:

1. hat man ein gehobenes Sicherheitsgefühl im Verkehrsgeschehen - sowohl gegenüber dem Auto als auch gegenüber dem Fußgänger. Beim Auto spüre ich mehr Beachtung im Verkehrsgeschehen - ähnlich wie gegenüber einem Behinderten-Fahrzeug.

Am Dreirad ist weniger Geschwindigkeit möglich - daher schnellere Reaktion mit kleineren Radien gegenüber dem Fußgänger, ohne sich am Boden abstützen zu müssen. Ganz zu schweigen vom kommoden Warten vor den Ampeln, mit verschränkten Armen und ohne Bodenkontakt oder vom stressfreien Mobil-Gespräch zwischen zwei Allee-Bäumen stehend. Und wenn ich, wie im heurigen Winter, in Kälte mit leichtem Schneetreiben auf glatten Fahrbahnen unterwegs bin, dann habe ich das sicherste Fahrrad unter mir.

2. sind die gehobeneren Transportmöglichkeiten anzuführen, natürlich begünstigt durch meinen zentralen Wohnstandort am Kaiser-Josef-Platz - ohne Auto, nur mit Dreirad!

Wenn ich Samstag vormittags mit Freunden bei einem lustigen Standler auf meinem Kaiser-Josef-Dorfplatz stehe und meine Frau Tülin ruft mich vor dem Kassa-Anstellen vom Hofer am Lendplatz oder vom Spar bei K&Ö oder vom Billa am Jakominiplatz an, dann braucht sie nichts Eingekauftes zu tragen: Ich bin schnell dort und mein Plastik-Korb übernimmt einen ganzen Wochen-Einkauf!

Der Personentransport ist mit dem Plastik-Korb zwar offiziell verboten, aber an einem schönen Sommerabend habe ich meine Frau nach einem Konzert vom Minoritensaal in nur elf Minuten bis auf unseren Dorfplatz vis a vis der Oper mitgenommen. Dabei hat sie verkehrt im Plastik-Korb sitzend und rundum winkend sogar die Polizei zum Lachen gebracht.

Wie gesagt, die Gaude ist die Ausnahme, und nachdem ich bekennender La Strada-Fan bin, habe ich dort mit meinem Dreirad auch schon ausgeholfen - der Saxophon-Clown einer excellenten Straßen-Band hat den Vorteil des Verkehrtsitzens in meinem Plastik-Korb schnell erkannt und wir sind zur allgemeinen Freude langsam durch die Herrengasse und ihre Seitengassen gekreist.

Und wie wird das Dreirad vom Publikum aufgenommen?

Von den Kleinen: „Mama, schau, cool!" Was würden sie sagen, wenn ich meinen kleinen weißen Westi-Hund „Raki", benannt nach dem türkischen Edelbrand, mit schwarzer Schnauze und ebensolchen Augen in den schwarzen Plastik-Korb setze?

Von den Alten: „Fährt man leicht damit?" Probefahrten nur auf Parkplätzen ohne Autos! Meine anschließende Erklärung: Es handelt sich um ein geheimes Trainings-Gerät für ältere Marathonläufer.

Am meisten werde ich von Teilnehmern aus Stadtführungs-Gruppen angesprochen: „Wo und wie kriegt man das?", „Wieviele Kilometer schaffen Sie damit am Tag?". Ich verrate nicht, dass ich damit auch schon am Sulmtal-Radweg zwischen Weinbauschule Silberberg und der Auffahrt nach Kitzeck unterwegs war.

Nochmals zur Transportkapazität meines Dreirads: Wie es der Zufall will - oder hat das auch der Gollner Manfred ausgemessen? - passen genau drei südsteirische Weinschachteln (18 Flaschen!) schmalseitig schräg aufgestellt in meinen Plastik-Korb - dann geht kein Zeigefinger mehr dazwischen.

Das passt genau zu meiner ÖBB-Rückfahrts-Kapazität aus der alten Heimat Südsteiermark (Spielfeld 22.10 h - Ehrenhausen 22.14 h - Leibnitz 22.22 h) mit der neuen S-Bahn: Ich trage nämlich nur zwei Schachteln - die beiden Grundnahrungsmittel Welsch und Zweigelt - und den dritten Platz bekommt das Jausensackerl, zumeist mit einer Kernölflasche.

3. komme ich damit zur wichtigsten Zusatzfunktion meines Dreirades: Zubringer zur neuen „ESSS-Bahn"! Durch meine nachberuflichen und privaten Baustellen nutze ich dieses System zwischen Leoben/Eisenerz - Leibnitz - Thalerhof - Wies und Wien sehr intensiv.

Rechnerischer Exkurs: Kostenmäßiger Zubringer-Vergleich Kaiser-Josef-Platz zum Hauptbahnhof bei ungefähr gleichem Zeitaufwand von 15 bis 20 Minuten und gleichem Gepäck: Taxi zweimal € 10,00, Tramway zweimal € 1,80, Dreirad (Glacis, Lendplatz, Keplerstraße) zweimal € 0,00.

Wobei ich mich schon heute auf den in fünf Jahren verdoppelten Rad-Parkplatz vor dem Hauptbahnhof, überdacht mit Photovoltaik-Dächern, sehr freue!

Erklärung zur Übertreibung „Neue ESSS-Bahn": dies steht für „Erweitertes Straßenbahn-System Steiermark", weil damit zur Schnelligkeit neben den überregionalen Zugverbindungen auch die zumindest stündlich gesicherte Fahrmöglichkeit im Zentralraum Steiermark zum Ausdruck gebracht werden soll. Nach einem Monat durchschnittlicher Nutzung weiß man die Fahrpläne, wie bei seiner Straßenbahn, auswendig.

Zurück zum Dreirad in Graz: mit seinen aufgezeigten Vorteilen nutze ich es natürlich nicht nur für periodisches Kreisen in der Innenstadt, sondern auch für sinnvolle Ausfahrten in die Peripherie. Beispiel: Halbtägiger Preisvergleich für Büro-Stellagen zwischen Hali-Möbel in der Wiener Straße und Petermax am südlichen Ende der Münzgrabenstraße. Oder: Vom Empfang im Schloss Eggenberg am Vormittag zur Sechziger-Feier eines Freundes zu Mittag in der Landwirtschaftlichen Fachschule Haidegg am Ende des Ragnitztales im Osten der Stadt.

Und der Zusatznutzen bei diesen Fahrten durch Graz? Unter Einhaltung der Verkehrsregeln habe ich auf diesem Aussichts-Rad sicher weite Möglichkeiten, die Schönheiten unserer Stadt intensiver als andere aufzunehmen, die schönen Fassaden der Häuser im Herz-Jesu-Viertel, die neue Architektur im Westen oder in der Schubertstraße oder den schönen Schlossberg-Anblick vom Radweg an der Mur oder andere interessante Situationen den Stadtpark und den Ring-Radweg entlang.

Wenn ich dann zurückkehre auf meinen „international gastfreundlichsten Dorfplatz", benannt nach dem Kaiser Josef, mit seinen genau nord-süd ausgerichteten Geschäftslokalen in europäischer Mischung von Finnland über Belgien und Italien bis zur Türkei und in einem gastfreundlichen Standl, Tschecherl oder Vinothekerl Platz nehme, dann kann vielleicht ein kleiner Nachteil meines Dreirads zum Vorschein kommen:

Wenn es wo steht, weiß jede oder jeder, wo ich bin!

Aber trotzdem bleibe ich bei meiner durchgehenden Behauptung: Mein Dreirad ist das gemütlichste Fahrzeug, das es auf dieser Welt gibt.

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* Nach südsteirischem Sprachgebrauch setze ich den Vornamen immer nach dem Nachnamen.