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Martin ORTHACKER: Fixed Gear und kalkuliertes Risiko

Martin "Sic" Orthacker
Martin "Sic" Orthacker
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Zum Autor:
Jg. 1976, Radfahrer Berufs-, Alltags- und Rennradler, Fuhrpark: 2 x Rennrad (Trek für Rennen, Cube Ex-Botenbike), 2 x Mountainbike (Specialized fürs Gelände, Newton als Zugmaschine für den Kinderanhänger), 1 x Fixie („für immer und überall - außer zum Anhängerziehen, das lässt mich meine Gemahlin nicht...") Km-Leistung 2008: „beschämend wenig" („insgesamt wohl mehr als zweimal um die Erde")

„Tust du noch immer radlfoahrn?" Wenn ich alte Bekannte, Schulkollegen beispielsweise, nach langer Zeit wiedertreffe, dauert es nicht lange, und ich höre diese Frage, nicht selten mit einem etwas abschätzigen Unterton. Meist bejahe ich sie einfach, um nicht weiter ausholen zu müssen. Denn wie sollte ich in wenigen Worten erklären, was Radfahren für mich bedeutet und warum man es sogar zum äußerst abwechslungsreichen Beruf machen kann.

Das konnte ich mir vor 15 Jahren übrigens auch noch nicht vorstellen. Damals war ich noch Schüler, und durch einen etwas älteren Freund wurde ich auf den Fahrradbotendienst Veloblitz aufmerksam. Wir waren beide schon, angestachelt von unseren radelnden Vätern, etliche Radmarathons gemeinsam gefahren und mein Trainingspartner hatte begonnen, als Bote für ebendiese Firma zu fahren. Ich stellte mich nach einiger Zeit auch dort vor und konnte bald die ersten Aufträge übernehmen.

Zunächst sah ich die ganze Sache in erster Linie als Training - allerdings als bezahltes. Ich war ein- bis zweimal pro Woche unterwegs, in den Ferien entsprechend öfter. Zuerst wollte ich mir nur ein wenig Taschengeld dazuverdienen, aber bald merkte ich, dass das nicht nur „ein Job" war. Und ich stellte auch fest, dass sich Fahrradboten nicht wirklich einordnen lassen. Obwohl: Von den verschiedensten Seiten kamen (und kommen) die verschiedensten Vorschläge...

Irre. Leistungssportler. Lebensmüde. Akrobaten. Rowdies. Wandelnde Stadtpläne. Freaks. Trendsetter. Vielfraße. Retter. Outlaws.

Was sind wir?

Genau - von allem etwas, allerdings in wechselnder Reihenfolge und mit unterschiedlicher Gewichtung. Wobei das mit dem „wir" nicht ganz so einfach ist - zwar einen uns dieselbe Tätigkeit und der Hang zu etwas, was man wahrscheinlich gemeinhin als milden Wahnsinn bezeichnen würde, aber unterschiedlicher können die Geschichten und Beweggründe hinter den einzelnen Fahrerinnen und Fahrern wohl kaum sein.

Was also sind meine eigenen Beobachtungen?

Für Menschen, die gerade einmal mit dem Rad zur Arbeit fahren (wenn überhaupt), ist es schlichtweg unvorstellbar, fünf oder mehr Stunden mit dem Rad bei jedwedem Wetter unterwegs zu sein und dabei 100 oder mehr Kilometer zurückzulegen. Auf der anderen Seite sehen uns „echte" Radrennfahrer mitleidig an, meinen, wir würden ohnehin nur „die Füße bewegen", wären keine Sportler. Nun gut, wer sich als Mittagsjause während einer Doppelschicht des Öfteren ein Kebap genehmigt, den Feier-Abend wörtlich nimmt und sonst auch eher Schinderei als gezieltes Training betreibt, kann kein Sportler sein. Aber, wenn man mit einer Kanone in den Wald schießt, weiß man zwar nicht, was man trifft, aber irgendein Baum ist sicher dabei. So sind auch viele Botenfahrer und Botenfahrerinnen im Wettstreit mit „echten" Sportlern nicht ganz chancenlos. Besonders amüsant ist es, wenn man unterschätzt wird, nach dem Motto: „Eh nur ein Bote"... Hängt man sich in den Windschatten eines Rennradlers und funkt gut hörbar (aber nicht einmal als Provokation gemeint) in die Zentrale, „Ich rolle mal gemütlich in die Stadt hinein", kann es schon passieren, dass der Vordermann schneller und schneller und schneller und schneller wird...

Gegen das Sportler-Sein spricht auch unsere gezielte Vorbereitung auf gelegentliche 24-Stunden-Rennen - die sehen dann, wenige Tage vor einem solchen Rennen, für das wir noch jemanden für eine Vierer-Staffel brauchen, so aus: „Hast du am Wochenende schon was vor...?"

Nachdem unser Team aber regelmäßig auf den vorderen Rängen zu finden ist, dürfte diese Herangehensweise nicht die schlechteste sein, zumal es bei diesen Rennen ja nicht zuletzt darum geht, sich immer wieder überwinden und quälen zu können. Und Spaß zu haben, sprich, die Sache nicht allzu ernst zu nehmen, schadet sicher auch nicht. Dass man auch zum „echten" Sportler werden kann, bewiesen mittlerweile schon zwei ehemalige Kollegen, die am Race Across America teilnahmen und es erfolgreich beendeten.

Unvorstellbar für Schreibtischtäter und Normalität für Sportler sind aber auch die Mengen an Nahrung, die man nach einem anstrengenden Tag - man muss schon sagen - vernichten kann. Ein halbes Kilo Nudeln (Trockenmasse...) ist da schnell mal weg. Eine Fahrerin, die damals noch daheim wohnte, erzählte mir vom Vorschlag ihrer Eltern: Sie wollten sie „bestechen", nicht mehr zu fahren, denn das wäre billiger gewesen als die Übermenge „Treibstoff", die sie als Fahrradbotin benötigte...

Dass das Botenfahren nicht nur aus der körperlichen Komponente besteht, müssen neue Leute bei uns immer wieder feststellen. Wenn sie anfangs mit einem langjährigen Boten mitfahren, um wertvolle Tipps zu bekommen, sehen sie schnell, dass es theoretisch recht einfach ist, sich eine Route durch die Stadt zu planen, dem Funk zu lauschen, passende Aufträge für sich herauszuhören, in die bestehende Route einzubauen, Abrechnungsmodalitäten zu klären und nicht zuletzt auf den Straßenverkehr zu achten. Praktisch kommt der Faktor „Puls 180" dazu, und schon ist gar nichts mehr einfach.

Ja, der Straßenverkehr... Verschrien als Geisteskranke, in den Medienberichten stets die schwarzen Schafe - doch die Unfallstatistik spricht für uns. Was auf den ersten Blick wie der pure Wahnsinn aussieht, ist das vielzitierte kalkulierte Risiko. Weshalb sollte ich Gesundheit und Einkommensquelle aufs Spiel setzen? Während ein Auto Knautschzone und Gaspedal hat, muss ich mich bemühen, mich möglichst flüssig im Verkehr fortzubewegen und Gefahren auszuweichen. Das sieht vielleicht waghalsig aus, aber allerhöchstens für mich - ich könnte mich nicht erinnern, jemals ein übermotorisiertes SUV in seinem Fortkommen ernsthaft behindert oder gar gefährdet zu haben...

Es gibt ein Sprichwort: „Wird dem Esel zu wohl, geht er aufs Eis tanzen". Anders lässt es sich wahrscheinlich nicht erklären, wie ich (und viele Boten vor mir) auf die Idee komme, mit nur einem Gang und ohne Freilauf radzufahren - man hat nur einen Gang für sämtliche Geschwindigkeiten, und die Pedale kreisen immerfort, auch bergab und in Kurven. Im Fachterminus heißt das „Fixed Gear" oder kurz „Fixie", im Prinzip eine alte Technik, wie sie vor Erfindung des Freilaufes und der Schaltung üblich war. Mein „Fixie" ist im übrigen die Reinkarnation eines Puch „Vent Noir", das in seinem früheren Leben das Rennrad meines Vaters war und so an die 30 Jahre alt sein muss.

Dass man sich dabei eine gewisse Kunstfertigkeit aneignet, beweisen Wettbewerbe bei nationalen und internationalen Botenmeisterschaften, die sich „trackstand" oder „backward circle" nennen - stehen auf dem Rad bzw. rückwärts Kreise fahren. Vor einer roten Ampel kann es leicht passieren, dass der Autofahrer hinter mir panisch um sein Auto fürchtet, wenn ich vor oder gar neben ihm freihändig auf dem Rad stehe. Ein - und wieder sind wir bei den „Echten" - echter Kunstradfahrer lächelt nur milde über solchen Dilettantismus. Rückwärts Kreise fahren? Machen Kunstradfahrer auch. Auf dem Hinterrad und freihändig. Zumindest fahren sie keine 24-Stunden-Rennen, versuche ich mich bei meinen Versuchen zu trösten.

Wenn ich wochenends die bunten Zeitungen durchblättere, in denen von Society-Events berichtet wird, von neuen hippen Firmen in der Stadt, von erfolgreichen Betrieben - dann liest sich das oft wie unsere Kundenliste. Als Fahrradbote geht man in vielen wichtigen Firmen, Ämtern und Behörden ein und aus - und ist doch unsichtbar, „nur der Bote". Man wird höchstens mehr oder weniger freundlich gebeten, man möge doch nicht auf den Teppich tropfen - sei es Schweiß oder auch nur Regenwasser.

Als Dispatcher, sprich Telefonist und Funker, sitze ich wenigstens im Trockenen, ich muss nicht mit Autofahrern Freundlichkeiten austauschen, und Lunge und Beine fühlen sich geradezu angenehm an. Ich brauche mich nur entscheiden, welcher der extrem dringenden Aufträge wirklich dringend ist, darf mir aussuchen, welches der drei läutenden Telefone ich abhebe und wie ich herausfinde, was der Kunde wirklich von uns will - damit ich unter Umständen verhindern kann, dass wieder einmal ein Fahrradbote vor einer zwei Meter langen Rolle Kunstrasen steht, die es zu transportieren gilt. Auch wenn viele von uns bisweilen von nahezu krankhaftem falschem Ehrgeiz („ICH schaff das schon...") befallen sind, könnte so ein Auftrag möglicherweise zu kleineren Problemen führen. Hilfreich ist es, wenn ich mir die Fahrtrouten von 15-20 Botinnen und Boten merke, damit ich die offenen Aufträge den richtigen Fahrern anbieten kann. Ja, GPS-Ortung wäre fein, stünde aber im Widerspruch zu deren Selbständigkeit. Freigeister lassen sich nicht gern kontrollieren.

Denn jede/r kann tun und lassen, was er oder sie will, so lange nur die angenommenen Aufträge erledigt werden. Wenn es bei manchen Kollegen (Kolleginnen sind da zumeist vernünftiger) am Vorabend mal länger gedauert hat, kann es schon passieren, dass ich Schwierigkeiten bekomme, alle Aufträge loszuwerden - aber was wäre das Leben ohne Herausforderungen. Dass diese Freiheiten nicht schamlos ausgenutzt werden, liegt wohl an so etwas wie Berufsehre, denn außer etwas Sarkasmus beim nächsten Einsatz hat man nichts zu befürchten.

Eine Frage stellt sich in diesem Zusammenhang natürlich immer wieder: Wie motiviere ich jemanden, der schon fünf Stunden durch den Schneeregen geradelt ist oder auch von der Sommersonne gegrillt worden ist, neuerlich aufs Rad zu steigen und beispielsweise von Andritz zum Flughafen zu fahren (...und übrigens, es sollte in den nächsten 45 Minuten passieren...)?

Glücklicherweise kommen solche „Herausforderungen" eher selten vor.

Sollte es ausnahmsweise zu langweilig werden oder der Dispatcher besonders gut aufgelegt sein, werden über Funk Geschichten von Straßennamen erörtert, „Standard"-Rätsel gelöst und jedes Mal aufs Neue festgestellt, dass Wikipedia doch etwas äußerst Nützliches ist. Aber eigentlich ist der Job ein sehr abwechslungsreicher und sogar ein oft unterhaltsamer - man darf mit ungewöhnlichen Menschen ungewöhnliche Probleme lösen - und noch viel öfter ganz triviale.

Trotz allem bin ich jedesmal (und leider immer seltener, da ich kaum noch die Zeit dafür finde) froh, wenn ich wieder ins Kalte und Nasse oder in die Sommerhitze hinaus kann. Noch viel froher bin ich natürlich in den zwei Wochen im Jahr, in denen das Wetter perfekt ist. Wobei ich ja zugeben muss, dass wir in Graz im wahrsten Sinne des Wortes eher auf der Sonnenseite sind. Übrigens sind wir wohl eine der wenigen Berufsgruppen, die glücklich darüber sind, wenn das Wetter während der Woche besser ist als am Wochenende...

Und wenn ein Berufsradler einen Tapetenwechsel braucht? Dann übt er seinen Beruf eben im Urlaub aus. Etwa als Rennradtourenführer in südlichen Gefilden. Da kommen einem dann die Motivationsfähigkeit eines Dispatchers und die Belastbarkeit eines Fahrradboten sehr gelegen - wenn man Hobbyrennfahrer über steilste Berge und weiteste Strecken führen muss und dabei immer lächelnd so tut, als ob einen das vollkommen unbeeindruckt ließe. Dafür trifft man auch dabei - wie beim Botenfahren - bekannte Gesichter, wenn man etwa plötzlich neben einem gewissen Eddy Merckx dahinradelt, der von einer Hotelgruppe dazu eingeladen wurde, mit deren Gästen eine kleine Tour zu fahren. Angesichts solcher Prominenz bin ich dann als gemeiner Tourguide doch gerne einmal unsichtbar...

Mittlerweile habe ich mit zwei Partnern, die auch „nur" Boten waren, Veloblitz übernommen und wir sehen ganz neuen Herausforderungen entgegen, doch sollte jemand fragen:

Ja, ich tu noch radlfoahrn.



Hinweis:
http://www.veloblitz.at