Sie befinden sich:  » Argus  |  » Kultur & Kunst  |  » Buch "RadLerleben"

Hubert SUDI: Pendeln in der „fliegenden Banane“
oder: Meine Vorliebe für supereffiziente Exoten

Hubert Sudi
Hubert Sudi
Bildvergrößerung


Zum Autor:
Jg. 1962, Allgemein-Mechaniker, landwirtschaftlicher, Facharbeiter, Ökowirt, Behinderten-Fachbetreuer, Pendler, Quest (Liegedreirad vollverkleidet), Monorad (Einrad mit 2,10 Meter Durchmesser zum Reinsitzen), km-Leistung 2008: 8000

"Ist das nicht gefährlich?" „Nein! Sie dürfen es ruhig streicheln!" (Liegeradler Ulrich)

Erwischt hat es mich 1991. Da sah ich in einer Zeitung ein Liegerad (HPV = human powered vehicle). „So was brauche ich auch", war mir klar. Nach einigen Wochen Fetzenmarkt-Abklappern hatte ich die nötigen Teile beieinander. Noch einige Schweiß- und Schraubtage in der Werkstatt und mein erstes Liegerad stand auf der Straße.

Schon ein eigenartiges Gefühl, den anderen Verkehrsteilnehmern in der liegenden Position von Angesicht zu Angesicht zu begegnen! Jetzt nahm ich auch Kontakt zur internationalen Szene der Liegeradler auf. Ich wurde Mitglied beim FUTUREBIKE Club Schweiz. Es folgten Ausflüge zu verschiedenen Rennen und Treffen in Europa.

Bis 1993 veränderte ich noch einiges am Rad, z. B. die Federung vorne und hinten. Zum Schluss folgte eine Frontverkleidung (Streamer - aus einem Wäscheständer und Kunststofffolie) und ein Heckkoffer (aus Sperrholz) mit aerodynamischem Ende. Mit diesem Rad begann ich 1993 zu pendeln, 16 Kilometer von Dietersdorf nach Mureck. Ich fuhr immer schön defensiv, ganz am Straßenrand und mit einem schlechten Gewissen, weil ich die Radwege nicht benutzte.

Einmal fuhr mich, wegen meiner defensiven Am-Rand-Fahrweise ein Pkw um. Dieser Unfall endete zum Glück nur mit leichtem Sachschaden.

1993 kaufte ich mir mein erstes Liegerad: Ein Berkut 303 Dreirad mit Vorderradantrieb aus Moskau. Mit diesen beiden Rädern machten meine Frau und ich unsere erste Liegeradreise an den Plattensee/Ungarn. 1994 baute ich mir ein Flevobike, einen sogenannten Knicklenker, (Plan von Flevobike, NL).

Ab 1994 wechselte ich meinen Arbeitsplatz und pendelte nun von Dietersdorf nach Bad Radkersburg. Jetzt hatte ich 25 km einfache Strecke. Da ich nun doch um einiges weiter zu fahren hatte, suchte ich nach einer leichteren und aerodynamischeren Alternative zu meinem Eigenbau-Liegerad. Diese fand ich 1997 in Luzern. Dort holte ich mir das front- und heckverkleidete „Kingcycle" (UK) ab. Das war nun ein „Rennliegerad" mit Kofferraum und Wetterschutz (14 kg mit Verkleidung). Vergleichbar mit einem Rennrad - nur bequemer.

Im darauffolgenden Jahr besorgte ich mir noch die sogenannte „Rennsocke", eine Stoffverkleidung, die die Frontverkleidung mit der Heckverkleidung verbindet. Das heißt: Kopf draußen, Körper in der Verkleidung = Wind-, Regen- und Kälteschutz. Alles in Gelb. Bald hatte das Gefährt einen Namen: die „fliegende Banane". Inzwischen hatte sich meine Umgebung auch schon an meine komischen Räder gewöhnt und es war nichts Besonderes mehr. Nur der Morgen- und Abendverkehr war eine Herausforderung. Wie schaffe ich es als „Radfahrer" wahr und ernst genommen zu werden?

Einerseits war das verkleidete Liegerad als „Exot" hilfreich - es wird bemerkt und führt zu positiven Reaktionen. Andererseits gibt's großes Unverständnis: „Dürfen Sie damit auf der Straße fahren?" Hupen und verzweifeltes Zeigen in Richtung Radweg. „Das ist ja gefährlich!" und vor allem: „Man kann Sie nicht sehen!" Das hab ich bei einem Rad mit 1,3 Meter Höhe, 80 Zentimeter Breite und 2 Meter Länge nie verstanden. Zusätzlich noch in auffallendem Gelb! Kann man nicht sehen?!?

Ein Motorradfahrer gab mir schließlich den entscheidenden Tipp. Als Zweiradfahrer muss man seinen Platz auf der Straße auch benutzen, „in Besitz nehmen". Die halbe Fahrbahn gehört mir! Also nicht ganz am Rand picken, Verkehr beobachten, bei Gegenverkehr etwas nach links und riskantes Überholen der Pkw wird vermindert. Seit ich diesen Rat beherzige, gibt es viel weniger brenzlige Überholmanöver.

Die Aussage von Verkehrsprofessor Hermann Knoflacher „Das Auto macht den Menschen zum Vierbeiner" kann ich nur bestätigen. Auch ich merke eine Veränderung, wenn ich im Auto sitze. Die wichtigste: keine Zeit. Dadurch ist jeder langsamere Verkehrsteilnehmer ein Hindernis. So sehe ich mein tägliches Radfahren auch als kleinen Beitrag zu einer Image-Kampagne für langsamere, schwächere Verkehrsteilnehmer.

2002 machte ich einen entscheidenden Schritt in Richtung Alltagstauglichkeit. Ich kaufte mir ein gebrauchtes Velomobil, ein „Quest" aus den Niederlanden. Ein Dreirad mit Vollverkleidung, Kopf innen, voll gefedert, drei 20-Zoll-Räder, 35 kg Gewicht, optimierte Aerodynamik. (In der Ebene brauche ich für 40 km/h 158 Watt - mit dem Rennrad reicht das gerademal für 30,4 km/h.) Das war die völlige Wetterunabhängigkeit. Also wirklich Autoersatz. Nie mehr nachdenken müssen, welche Kleidung ich wählen soll, weil es regnen, stürmen oder schneien könnte.

Zwei Jahre lang renovierte ich das Rad und baute alles für meine Bedürfnisse um. Zuerst Anpassung an Pkw-Standards: Positionsleuchten, Abblend- und Fernlicht, Blinker, Bremslicht, Nebelschlussleuchte, Warnblinkanlage. (Im Original besitzt das Rad nur eine einfache Fahrradbeleuchtung.) Schließlich schnitt ich noch einen Kofferraumdeckel ins Heck, um praktischer an den Stauraum zu kommen.

Fazit nach 5 Jahren: Das optimale Gefährt für meine Zwecke. Zuladung und Wettertauglichkeit sind für den täglichen Weg zur Arbeit oder für einen Einkauf ausreichend.

Einzig eine weiche Schneefahrbahn ist ein Hindernis, das passiert aber maximal an 5 Tagen im Jahr.

Und die Rückmeldungen aus der Umgebung und von anderen Verkehrsteilnehmern? Leider unverändert. Die Einwände gegen das tägliche Radfahren im Alltagsverkehr haben sich noch immer nicht geändert: a) gefährlich „...er besteigt das Gestänge des Todes!" (Reinhard P. Gruber aus „Nie wieder Arbeit"), b) „Man kann dich nicht sehen.", c) „Behinderung des motorisierten Verkehrs".

Wobei „Behinderung" etwas Individuelles ist: Ich habe in den letzten 16 Jahren noch keinen Pkw länger als eine Minute behindert.

In den letzten 15 Jahren fuhr ich 120.000 Kilometer mit dem Rad. Wobei ich praktisch „nur" zur Arbeit fahre. Durch das tägliche Radfahren ist es für mich zur Routine geworden und keine „Anstrengung" oder „Überwindung", im Gegenteil - es ist Genuss und Luxus!

Auch die Wirtschaftlichkeit ist ein Faktor: Das „Quest" erspart mir einen eigenen Pkw.

In meinem Fall sind das 55 km/Tag = ca. 8000 km/Jahr x 0,42 Euro Kilometergeld = 3360 Euro Ersparnis gegenüber Pkw/Jahr. Ich brauche ca. 1 Stunde länger/Tag und habe dafür aber 1 ¾ Stunden Ausdauertraining.



Hinweis:
http://www.h2-info.at