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Werner SCHANDOR: Kunsters Kosmos

Werner Schandor (mit Werner Kunster)
Werner Schandor (mit Werner Kunster)
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Zum Autor:
Jg. 1964, PR-Berater, Texter und Autor, Herausgeber des Magazins „schreibkraft" Alltagsradler („zu jeder Jahreszeit und bei jeder Temperatur, so lange es nicht aus Kübeln gießt"), Merida Freeway 9800, Bj. 2006 („Tolles Rad, und schön ist es obendrein!"), radlerische Leistung 2008: ca. 1000-1200 km (Stadt)

Eine Fahrradwerkstätte seines Vertrauens zu finden, ist gar nicht so einfach. Die eine liegt ab vom Schuss; bei der anderen wird man angestänkert, wenn man das defekte Rücklicht (Standlichtautomat) reparieren lassen will (wörtlich: „Bin ich denn Elektriker?!"); die dritte ist so überlaufen, dass einem auch bei kleinen Eingriffen allen Ernstes zugemutet wird, eine ganze Woche ohne den Drahtesel auszukommen; und bei der vierten schließlich sind nur Dilettanten am Werk, da kann man drei Mal hingehen, die schaffen es nicht, den Kettenwerfer richtig einzustellen und zu fixieren. - Wie gut ist es da, dass es die Werkstatt des Herrn Kunster gibt, wo einem Pedalisten in Not rasch und kompetent geholfen wird!

Kunsters Werkstatt liegt in einem Innenhof in der Grazer Mondscheingasse. Die Grazer Innenhöfe sind ja Welten für sich. So ist auch die Werkstatt des Werner Kunster ein eigener Kosmos, ein „Universum spezial" mit dem Titel: Der letzte Hort der guten, alten Fahrradmechanik. Hat man einmal den Weg dorthin gefunden, wird man beim nächsten Mal vom milden, diffusen Licht förmlich in den Hof gesaugt, in dem die Werkstatt liegt.

Die Übergabe des defekten und die Abholung des reparierten Fahrrades passiert meist vor den heiligen Hallen Kunsters, nämlich im Freien vor der Werkstatt, wo die Fahrräder der Kunden parken. Herr Kunster sagt einem, wie lange die Reparatur dauern wird und was sie ungefähr kosten wird. Für gewöhnlich bekommt man sein Rad schneller als erhofft wieder und zahlt für die Heilung weniger als erwartet. Das ist auch ein Grund, warum sich diese Werkstatt unter Grazer Radlern so großer Beliebtheit erfreut, und warum wir den Tag fürchten, an dem Herr Kunster sich in den Ruhestand begeben wird.

Als passionierter Amateurfotograf hat es mich schon lange gereizt, Herrn Kunster bei der Arbeit zu fotografieren, solange er ihr noch nachgeht. In dieser Umgebung könnten gute Bilder entstehen, dachte ich, inmitten der Patina der kleinen Werkstatt, wo Fahrradöl die Wände geschwärzt hat und alte Fahrradschläuche und -reifen vor der Werkstatttür zu einer Skulptur aufgetürmt sind wie ein Readymade der Sanften Mobilität.

Im Juni 2008 habe ich es dann endlich gewagt, Herrn Kunster zu fragen, ob ich ihn mit der Kamera in der Werkstatt besuchen dürfe. Ich fürchtete, womöglich aufdringlich zu wirken, aber siehe da: Der Mechaniker war erfreut über die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde. Und er outete sich ebenfalls als Amateurfotograf, wenn auch a. D. Dereinst habe er bei einem Fotowettbewerb einer Handelskette sogar einen Preis gewonnen, erzählt Kunster. „Drei Bilder habe ich eingeschickt. Dann habe ich die Benachrichtigung bekommen, dass ich unter die Besten gekommen bin, und dass die Siegerbilder in der Firmenzentrale in Wien ausgestellt werden." Dass er nicht nach Wien gefahren ist, um die Ausstellung anzuschauen, reue ihn bis heute. Zu gerne hätte er nämlich erfahren, mit welchem der drei Bilder er den Preis gemacht hat, räsoniert er, während er sich das erste Rad vorknöpft.

Ich gehöre einer Generation an, die noch nicht gänzlich aufs Wegwerfen kaputter Dinge fixiert ist. Als Kind habe ich sämtliche Patschen und andere Defekte an meinem Rad selbst repariert, Achsbruch und Schäden am Kugellager ausgenommen. Aber als ich Herrn Kunster als Meister seines Fachs so zuschaue, wird mir wieder klar, warum es für einen Erwachsenen mit knappem Zeitbudget völlig sinnlos ist, derlei Mühen auf sich zu nehmen. Wenn Kunster einen Patschen flickt, dann dauert das ganze Zeremoniell ungefähr zehn Minuten, und am Ende ist nicht nur der Patschen geflickt, sondern gleich auch der Achter aus der betreffenden Felge rausgedreht worden. Selbst wenn ich die gleichen Werkzeuge zur Hand hätte, würde ich bei dieser Arbeit unter eineinhalb Stunden nicht davonkommen, und ich würde fluchen, mir die Hände aufschürfen und wäre letztlich nervlich und körperlich verausgabt. Bei Kunster dagegen schaut so ein Standardeingriff total leicht aus, der neue Schlauch fügt sich wie von selbst in den Mantel, jeder Handgriff sitzt, und hast du's nicht gesehen, dreht sich das aufgepumpte Laufrad schon wieder um die eigene Achse.

Bei der Arbeit ist Kunster ganz bei der Sache, wirkt konzentriert und entspannt zugleich. Dazwischen erzählt er mir die Stationen seines Berufslebens: In den späten 1950er-Jahren Fahrradmechanikerlehre in der Leonhardstraße, später Wechsel in die Mondscheingasse, Übernahme der Werkstatt in der Mondscheingasse in den 1980er-Jahren. Und dass er der letzte gelernte Fahrradmechaniker der Steiermark ist, der noch arbeitet, erwähnt er auch, denn den Lehrberuf Fahrradmechaniker gäbe es seit den 1960ern nicht mehr.

50 Jahre lang repariert Herr Kunster also schon Fahrräder, es müssen mittlerweile Zehntausende sein, die er wieder auf Trab gebracht hat. Von den Arbeitsjahren her könnte der 65-Jährige längst in Pension gehen, aber er ist nicht der Mensch, der zu Hause sitzen und Däumchen drehen will. Seine Werkstatt ist schließlich nicht nur Werkstatt, sondern auch ein Treffpunkt, wo Herr Kunster von alten Freunden und Bekannten besucht wird. Als ich bei ihm bin, genießt er es, meine Anwesenheit zu erklären, wobei er ein wenig flunkert: „Der Herr interviewt und fotografiert mich, weil er ein Buch über mein Leben schreiben will." Herr Kunster kostet das ungläubige Staunen seines Freundes aus, der auf einen Sprung vorbeischaut.

Ein Buch wird's zwar nicht, aber ich finde es gut, dass auf diese Weise zumindest ein kurzer Text über ihn in einem Buch erscheint - als kleines Dankeschön für die schnellen Reparaturen und für die netten Stunden, die ich im Sommer 2008 in seiner einzigartigen Werkstatt verbringen durfte.



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