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Heidi SCHMITT: Wo viel Licht ist, . . .
Radlerdisziplin auf dem Prüfstand

Heidi Schmitt
Heidi Schmitt
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Zur Autorin:
Jg. 1964, Biologin, Forschungsmanagement, Med-Uni Graz, Obfrau Radlobby ARGUS Steiermark, Allroundradlerin, Fuhrpark: Bremer Manufaktur plus Transportanhänger Cargo Croozer (Alltag), Steirerbike (Touren), Hercules Estrella, Venice, Faltrad Brompton, km-Leistung 2008: ca. 7000 (4500  Alltag/2500 Freizeit)

Da staunte die Polizistin nicht schlecht. Der Radler kam ohne Licht, dafür mit einer Dose Bier in der Hand daher. Anhaltung. Wie es denn ums Licht bestellt sei, fragte die Inspektorin. „Ah ja, Entschuldigung,  ich hab eh eins dabei." Sprach's, leerte die Dose und kramte gut gelaunt eine winzige Taschenlampe mit schwächlichem Licht aus der Jackentasche. „Was  haben Sie denn getrunken?" - „Noch nicht viel heute, so fünf, sechs Bier." - „Dann werden wir blasen müssen." - Das Vortestgerät zeigte 0,75 Promille. Der Radler freute sich, schaltete die Notbeleuchtung ein und durfte weiterfahren.

Natürlich ein Extremfall. Doch man erlebt schon einiges mit RadlerInnen, vor allem, wenn es um die Ausstattung ihrer Gefährte geht.* Rund die Hälfte glaubt, ganz oder teilweise aufs Licht verzichten zu können, und jene, die eines mit sich führen, tun dies mitunter in abenteuerlicher Weise. Da blinkt es rot an der Gesäßtasche, kreist analog der Pedalbewegung an einem Bein oder leuchtet weiß an der Stirn oder am Gurt der Umhängtasche, allerdings manchmal nach oben leuchtend und wohl nur für Außerirdische sichtbar. „Aber  ich hab᾿ doch ein Licht!", empört sich eine Kontrollierte - dabei ist dieses an der Sattelstütze angebracht und von der im Korb liegenden Tasche so verdeckt, dass es nur nach einer Suchaktion zu finden ist.

Erstaunlich, dass die Mode- und Schmuckindustrie die Leuchtdiode noch nicht entdeckt hat. Hier wenigstens sind die Grazer RadlerInnen ihrer Zeit voraus: Wie ein leuchtendes Rubincollier getragen, prangt ein rotes Licht am Bande oder es erstrahlt eine weiße Lampe wie ein glitzernder Bergkristall am Hals. Auch Lämpchen in der Stickerei der Hose gibt es, dazu Blinkarmbänder. All diese Accessoires sind hübsch, aber natürlich als einzige Lichtquelle nicht wirklich korrekt. „Ah so?", gibt es meist überrascht zur Antwort.

Legendär sind die Ausreden. „Heute ist es ausnahmsweise später geworden - daheim habe ich ja ein Licht."oder: „Ich wollte schon Batterien kaufen, aber ich komme  einfach nicht dazu." Oder der Dauerbrenner: „Gerade früher ist es noch gegangen." - auch wenn sich schon bei flüchtigem Hinschauen zeigt, dass längst der Rost den Kabelrest angenagt hat. Bei manchen Rädern nimmt es wunder, dass sie überhaupt noch fahren. Bei antiken Exemplaren (obwohl Leonardo da Vinci das Fahrrad definitiv nicht erfunden hat, Anm.) montiert man Reflektoren immer mit der Befürchtung, die dünnen, rostigen Speichen könnten zerbrechen. Als ob die Ketten noch nie in ihrem langen Leben einen Tropfen Öl gesehen hätten, die Pneus flach wie Flundern, die Kotbleche, so vorhanden, quietschend und klappernd. Da ist es schon passiert, dass ein Radler nur deshalb im dynamischen Wiegetritt daherkam, weil er ohne Sattel unterwegs war. Einige wiederum verblüffen durch verwegene Bremstechniken - ohne jegliche Bremsanlage muss man diese auch entwickeln. „Ich wohne ja gleich zwei Straßen weiter", lautet die Entschuldigung.

Einigermaßen originell war auch die Antwort eines handyfonierenden Radlers auf die Frage des kontrollierenden Polizisten, wie er sich das Handzeichengeben vorstelle: „Ich fahre eh nur geradeaus."

Mehrere werden angesichts der weithin sichtbaren Kontrolleure plötzlich zu Rad schiebenden Fußgängern oder kreuzen auf die andere Straßenseite, wiederum andere nutzen die Gelegenheit für eine Gratisreparatur - und kommen immer wieder, mit den Rädern der ganzen Familie auf dem Autodachträger.

Wir, die „Missionare des Lichts", sind am Posten mit guten Tipps, Reflektoren und Schokis für die Braven. Funktionierendes Licht und funktionierende Bremsen machen Sinn, im eigenen Interesse, beten wir vor.

Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, die Grazer RadlerInnen haben ein eher schlampiges Verhältnis zu ihren Vehikeln. Das Radputzen und Selberwarten ist wohl eine seltene Veranstaltung - kein Vergleich zu den „Carlovers" mit Abo in der „Autowasch-Arena" (zwei tatsächliche Adressen in Puntigam). Freilich gibt es auch Ausnahmen: Velophile Schrauber und Schrubber (in der Regel Männer), die im Ausleben ihrer Passion das Pendant zu den „Pufferküssern" am Schienenfahrzeuge-Sektor sind.

Die Kreativeren der Grazer Szene trifft man in der Fahrradküche, einer Selbsthilfewerkstatt, wo man Radkultur pflegt und sich einmal die Woche zum kollektiven Montieren einfindet. Hier sind durchaus Frauen anzutreffen, aber auch eher in der Minderheit. Tallbikes, Transportfahrräder, Fixies oder Fahrradanhänger usw. werden hier kreiert oder ganz normale Radreparaturen durchgeführt. Ein Hort optischer Genüsse ist das Cruiser-Geschäft am Glacis. Was es da an chromblitzenden coolen Teilen gibt!

Aber, wie gesagt, derart liebevolle Beziehungen zum Drahtesel sind die Ausnahme.

Zurück zum Einsatz in der Dämmerung: Wichtig sind uns auch die Sozialkontakte, die sich ergeben. Die meisten sind nach dem ersten kurzen Schreck ja froh, dass es sich eh um kein Planquadrat mit harten Sanktionen handelt, und sind - außer, sie sind im Terminstress - gerne bereit zu einem Austausch. Damit ist nicht ein zwischengeschlechtlicher gemeint, aber auch solche sollen sich schon ergeben haben... Man lernt verschiedene RadlerInnen kennen, ihre Gepflogenheiten, ihre Anliegen und Ideen, glaubt verschiedene Muster zu entdecken, etwa dass die Lichtdisziplin an der Bertha-von-Suttner-Brücke besser ist als am Lendplatz.

Kennt man die Codes und Strategien der RadlerInnen, lässt sich auch dieses deviante Verhalten deuten. Der Grad der Lichtdisziplin hängt wohl damit zusammen, wie viel Licht man wirklich braucht, und da ist es ein Unterschied, ob man auf dem schlecht bis gar nicht beleuchteten Murradweg nach Süden unterwegs ist, ober ob man durch die City über den Lendplatz kreuzt.

Was bis zu einem gewissen Grad auch die Undiszipliniertheit, oder sagen wir: die Tendenz zu leichten Regelverstößen, erklärt. RadlerInnen richten sich nach den realen Gegebenheiten im Verkehr, suchen sich dort, wo es geht, ihre Vorteile, flüchten dort, wo es brenzlig wird, auf den Gehsteig, üben sich in der Regel in hohem Maß in Selbstverantwortung, weil sie wissen, dass sie im Ernstfall den Kürzeren ziehen.

Weil sie flexibel und anpassungsfähig sind (vielleicht auch bald in Sachen mehr Licht!), kleben sie nicht unbedingt an Gesetzestexten und Vorschriften, die ohnedies aus dem Jahre Schnee und nur für Kfz-LenkerInnen gemacht sind. Aus dieser leicht anarchistischen Ader heraus ergeben sich dann - im Verein mit einem gewissen Prozentsatz tatsächlich rücksichtsloser schwarzer Schafe, wie es sie halt leider unter allen Spezies von VerkehrsteilnehmerInnen gibt - Reibereien mit der Obrigkeit und anderen StraßenbenützerInnen, sodass sich ein ambivalentes Stereotyp in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung eingegraben hat: RadlerInnen sind zwar sportlich, umweltbewusst und sympathisch, aber gleichzeitig rücksichts- und disziplinlos.

Dann kommt noch, möchte ich behaupten, ein gewisser Neid mancher Motorisierter dazu: Sie wollen nicht einsehen, warum sich ein „Habenichts" (gegenüber einem viel Steuer bezahlenden Besitzer eines teuren Autos) herausnehmen kann, was einem selbst, dem der Führerschein so sehr ans Herz gewachsen ist, verwehrt bleibt. Freilich können die Freiheiten, die sich RadlerInnen einfach nehmen, auch als Reaktion auf eine subjektiv empfundene Schlechterstellung gedeutet werden.

Im Zweifelsfall würde ich mich aber der Meinung jenes über lange Jahre aktiven Verkehrssicherheitsexperten anschließen, der mir jüngst - unter vorgehaltener Hand - sein eigenes Radler-Motto verraten hat: „Oftmals ist Disziplinlosigkeit eben die kreativere Lösung."

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* Die ARGUS Radlobby führt seit 2006 gemeinsam mit der Polizei und Mechanikern von Bicycle regelmäßig „Licht- und Technik-Checks" in Graz durch, die vom Verkehrsressort des Landes und von der Stadt unterstützt werden. Ziel ist die Hebung des Bewusstseins um die Fahrradausrüstung im Sinne der Verkehrssicherhet.