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Andrea STANITZNIG: Ein Leben im Sattel

Zur Autorin:
Jg. 1983, Journalistin bei der „Kleinen Zeitung", Selten-Radlerin

Andrea Stanitznig
Andrea Stanitznig
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Tini Pölzl
Tini Pölzl
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„Rad fahren ist nicht gleich Rad fahren", meint Christine „Tini" Pölzl und lehnt sich zurück. Widersprechen gilt nicht. Mit ihren rüstigen 80 Lenzen weiß Tini nämlich ganz genau, wovon sie spricht. Fast ihr ganzes Leben lang ist ihr geliebtes Waffenrad ein Teil von ihr. Und sie weiß deshalb, dass es zwei Kategorien von Radfahrern gibt: Die Sportler, die mit ihren modernen Mountainbikes kreuz und quer durch die steirische Hügellandschaft unterwegs sind. Und dann gibt es noch die Radler, die sich ganz ohne sportliche Hintergedanken in den Sattel schwingen. Sie gehört zu Zweiteren. „Ich denke mir nichts beim Radfahren, ich fahre einfach."

Mit bis zu 40 Kilogramm Last auf dem Gepäcksträger und unzähligen mit Einkäufen oder Krimskrams gefüllten Plasticksackerln, die von jeder nur erdenklichen Aufhängemöglichkeit baumeln, ist die radelnde Zeitungsausträgerin durch den „Großraum" Zettling unterwegs. Allein ihre morgendliche Von-Haus-zu-Haus-Strecke ist 20 Kilometer lang. Und auch alle restlichen Wege, die über den Tag anfallen, werden auf zwei Rädern absolviert. Insgesamt dürfte sie in ihrem Leben rund eine Million Kilometer gefahren sein. „Ich liefere seit 60 Jahren Zeitungen aus. An jedem einzelnen Tag. Da erlebt man im Sattel schon einiges", lacht Tini und taucht in ihre Erinnerungen ab. 

Ja, damals, in den 40ern, da hatte das Rad noch einen anderen Stellenwert als es heute hat. „Für uns ist es immer ein Fortbewegungsmittel gewesen. So selbstverständlich, wie sich die Leute heutzutage ins Auto setzen, so selbstverständlich haben wir uns immer aufs Rad gesetzt." Und damals wusste man sich auch zu helfen: Wenn es einmal zu steil aufwärts ging und der Gepäcksträger vollbepackt war, musste eben der Milchwagen zu Hilfe kommen. „Wenn der meine Tour gekreuzt hat, habe ich mich einfach hinten drangehängt und mich ziehen lassen".

Und auch bei schlechtem Wetter oder im Winter wurde das Fahrrad nicht im Keller verstaut. „Bei Regen oder Schnee schiebe ich es eben neben mir her. Das ist immer noch einfacher, als Einkäufe zu tragen." Und dann waren da noch die „Weiberausflüge": Samt Schwägerin und Freundinnen wurde regelmäßig ins Blaue geradelt statt, wie heute, in Kaffeehäusern zu sitzen. „Wie gesagt, wir hatten kein Auto. Aber eigentlich hat uns das auch nicht gestört. Wir hatten ja unsere Räder."

Übrigens: Nicht nur Tini selbst, sondern auch ihr geliebter Drahtesel ist ein wahres Unikat. Das alte Waffenrad - Baujahr unbekannt - hat sie vor einer halben Ewigkeit gebraucht erstanden. Wird etwas kaputt, wird am Fetzenmarkt nach günstigen Ersatzteilen gesucht. „Ich kann alles selbst einbauen", meint die Besitzerin stolz und deutet auf ihr kunterbunt geflicktes und gepicktes Schmuckstück. Von modernen und dementsprechend teuren Modellen hält sie wenig. „Das ist doch alles nicht notwendig. Ich habe nie ein ganz neuwertiges gekauft und bin in meinem Leben auch mit drei Fahrrädern ausgekommen", winkt Tini ab. Wer Rad fahren will, der braucht ihrer Meinung nach keine 21 Gänge, sondern einfach die Liebe zum Zweirad.

Auch wenn die 80-Jährige für ihr stattliches Alter bewundernswert rüstig ist („Das habe ich nur dem In-die-Pedale-treten zu verdanken"), stellt sich doch die Frage, wie lange sie noch auf zwei Rädern unterwegs sein will. Sie selbst hat sich ebenfalls schon Gedanken darüber gemacht. Und ist zu einer ganz einfachen Antwort gelangt: „Ich will ehrlich sein. Mich bekommt man erst aus dem Sattel, wenn ich tot davon herunterfalle."



Hinweis:

Kleine Zeitung: "In 57 Jahren zehn Mal um die Welt" (2008) 
Externe Verknüpfung Kleine Zeitung: "Ich wach immer noch um drei auf" (2014)