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Klaus HÖFLER: Geständnis eines "Ausgenommenen"

Klaus Höfler
Klaus Höfler
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Zum Autor:
Jg. 1972, Journalist „Die Presse", Alltagsstadtradler („zwecks beruflicher Mobilität und aus privater Bequemlichkeit"), Steirerbike (aktiv), Mountainbike (karenziert), Km-Leistung 2008: keine Aufzeichnung („ständig - per Rad - auf der Flucht...")

Ich hasse Radfahrer! Wenn sie so vor der Stoßstange herumschlingern, den Weg partout nicht freigeben wollen für die hupende Autoschlange hinter ihnen. Selbstverliebt die halbe Straße blockieren, in einem Tempo dahintümpeln, dass man eigentlich gleich zu Fuß gehen könnte. Dazu in jeder noch so engen Einbahnstraße diese Geisterfahrer-Attacken unter dem Deckmantel der „Ausgenommen Radfahrer"-Amnestie. Echt nervig!

Und erst bei Regen: Die eine Hand am Lenker und dort an einer - dank Nässe - ohnehin dilettierenden Backenbremse; in der anderen Hand ein von Windstössen gehäutetes Regenschirmskelett. Jedes Abbiegemanöver mutiert zum Himmelfahrtskommando, jede Pfütze zur Aquaplaning-Falle. Schlimmer geht's nimmer! Oder im Winter: Eingepackt in Hauben und Kapuzen, die das Sichtfeld auf die Breite eines Bierdeckels schrumpfen lassen, eiern die Hardcore-Strampler durch Matsch und Flocken, rutschen auf Zebrastreifen, schleudern über Straßenbahngeleisen und glauben, ganz besonders harte Hunde zu sein. Schmarren! Wandelnde Unfallursachen sind sie. Eine Gefahr für Leib, Leben und Lieblingskarosse. Also mir können sie gestohlen bleiben, diese Radfahrer!

Solange ich nicht selbst im Sattel sitze.

Dann nämlich werde ich zum unerbittlichen Pedalo-Fundamentalisten. Dann bin ich der ungekrönte König der Straße, der Velo-Mudschaheddin, der ungebremste Vorrang-Ritter. Dann hat sich mir allesunterzuordnen - entweder, weil mir das „Ausgenommen Radfahrer"-Taferl das Recht dazu gibt: Gegen die Einbahn, in Fußgängerzonen oder auf (kombiniert benutzbaren) Gehsteigen zu strampeln. Oder aus Mitleid. Weil man als Radfahrer halt zum schwachen (Straßenverkehrs-)Geschlecht und damit geschützt, zumindest aber bevorzugt behandelt gehört. Oder weil man sich einfach die Freiheit des Unregelbaren nimmt. „Ausgenommen Radfahrer" steht ja nicht umsonst auf all den Gebots- und Verbotstafeln, die die Verkehrsströme leiten. Und ich gestehe: Es lebt sich ganz prächtig im gesetzlosen Raum. Als Anarcho-Hardliner. Als Sattel-Rowdy, für den alles gilt - nur keine Regeln. Denn - ihr lieben Radfahrer da draußen: Sind wir uns ehrlich! Wenn man sich an all die Vorschriften, Verbote und Verunmöglichungen halten würde, könnte man ja Spinnweben zwischen den Speichen züchten. Dabei heißt es ja immer noch Rad FAHREN und nicht Rad STEHEN.

Also weg mit dem Korsett der Straßenverkehrsordnung, her mit dem Recht des Schnelleren! Und das sind wir Radler immer noch. Da eine Lücke zwischen dahinstauenden Kolonnen, dort eine Abkürzung durch parkende Autos. Irgendwo geht᾽s immer noch ein Stück weiter. Bis man ganz vorne ist. Wer steht, verliert. So werden mit ein bisschen Übung und dem nötigen Maß an Unverfrorenheit  irgendwannauch rote Ampeln nur mehr zu einem gut gemeinten Tipp, zumindest kurz das Tempo zu reduzieren, bevor man in die Kreuzung einfährt.

Auch Fußgängerzonen lassen sich ab einer gewissen Mindestgeschwindigkeit fast barrierefrei durchbrausen, weil selbst konfliktfreudigste Fußgänger-Emanzen im letzten Moment zur Seite springen, bevor sie gnadenlos niedergecheckt werden. Derart lassen sich immer neue Streckenrekorde aufstellen. Sei es, man wählt einen Short-cut durch einen städtischen Park, sei es durch die kurzzeitige Vereinnahmung eines Gehsteigs. Oder einfach nur im Windschatten einer Straßenbahn durch die Einkaufsmeile. Nichts und niemand kann einen bremsen. Auch die nächtliche Finsternis nicht. Gerade sie nicht - sofern man unbeleuchtet durch Fußgängerzonen, Grünflächen oder Gasserln sprintet. Die im Dunkeln sieht man nämlich nicht. Geschweige denn, dass man sie zu fassen kriegt.

Hupt da wer? Nur weil man wieder einmal rechts an einer dahinröchelnden Autoschlange vorbeigeradelt ist. Schimpft da wer? Nur weil man sich in der Fußgängerzone durch eine Gruppe von Passanten gesprengt hat.

Das alles darf man nicht? Das alles kann man ja nicht machen? Richtig! Und gerade deswegen muss es irgendwer tun. Denn wer sich immer an die Regeln hält, konserviert das Mittelmaß, lähmt die Entwicklung. Limits sind da, um gebrochen zu werden. Schlag nach bei Adam und Eva (oder - im Sinne, Unmögliches möglich zu machen - den Schaudys).

An dieser Stelle könnte man eine ganze Latte einschlägiger lebensphilosophischer Weisheiten als rechtfertigendes Verhaltenscredo für den Outlaw abliefern. Von „Only the good die young!" über „No risk, no fun!" bis zu „Das Böse ist immer und überall!". Denn böse sind wir echten Urban-Cowboys, ja das stimmt. Scheren uns einen feuchten Stiefel um Regeln und Richtlinien. Nötigen die Konkurrenz hinter den Lenkrädern zu eindeutiger Fingergymnastik (entweder mit dem Zeigefinger an der Schläfe oder dem Nachbarfinger Richtung Himmel). Erzwingen erbostes Schimpfen und Toben unter verschreckten Fußgängern oder aufgeregtes Bellen von infarktgefährdeten Vierbeinern. Als überzeugter „Extrem-Ausgenommener" können sie einen alle kreuzweise.

Es ist die Endphase eines zum Scheitern verurteilten Beziehungsgeflechts, das von gegenseitiger Achtung ausgeht, sich in wechselseitige Verachtung auswächst und schließlich in offenem Hass mündet. Und man hasst sie über kurz oder lang alle: Die Autofahrer. Die Fußgänger. Die Hunde. Die Kinderwagen. Die anderen Radfahrer.

Wie bitte? Sie hassen Radfahrer wie mich? Recht haben Sie. Ärgern sie sich nur. Nur wird es ihnen nichts helfen. Ich bin trotzdem schneller am Ziel. Ätsch!