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Angela "Zora" PILZ: Aus dem Leben einer Fahrradbotin

Angela Pilz
Angela Pilz
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Zur Autorin:
Jg. 1983, Studentin der Anglistik und Amerikanistik, sportliche Berufs-, Alltags- und Freizeitradlerin, Rennrad Puch Mistral, Canyon Roadlite WRX, Km-Leistung 2008: 2700 Botendienst/2600 Alltag/ 1500 Freizeit

Montagfrüh. Es ist noch fast dunkel draußen, aber dann doch schon hell genug, um den dichten Schneeregen zu sehen, der wie ein weißer Vorhang vor meinem Fenster hängt. Auf dem Weg in die Zentrale muss ich feststellen, dass auch die Straßenverhältnisse mies sind. Wie bin ich eigentlich nur auf diese Idee gekommen, meine Botenschichten auch im Winter mit dem Rennrad zu fahren? Ach ja, das gehört doch zum echten Botenstyle dazu.

Bis ich in der Zentrale bin, ist mir eiskalt und obwohl Regenhose und Regenjacke die schlimmste Nässe abhalten, spüre ich schon, dass meine Füße diese Schicht nicht trocken überleben werden. Natürlich, genau heute ist keine Zeit für einen gemütlichen Tee in der Zentrale. Es sind wieder einmal eher wenige FahrerInnen da, weil ein paar krank geworden sind ... als sie in der Früh zum Fenster hinausgeschaut haben. Also kriege ich sofort meinen ersten Auftrag, keine Zeit zum Aufwärmen.

Der Auftrag ist extrem dringend. Ich beeile mich also trotz widriger Umstände. Als ich vor dem Haus stehe, in dem die Abholung zu machen ist, überlege ich kurz, wo ich mein Rad abstellen soll. An der Hausmauer prangt nämlich ein nicht zu übersehendes, leuchtend gelbes Schild: „Fahrräder anlehnen verboten". Ich erspähe einen Fahrradständer, doch der ist zu weit weg - zum Spazierengehen ist jetzt echt keine Zeit - und außerdem ist er einer von der Marke „Felgenknicker". Ich entscheide mich also doch für die Hausmauer - dauert ja nur eine Minute.

Als ich das Paket abhole, sagt mir der Auftraggeber noch einmal, wie dringend dieser Auftrag ist und wie sehr ich mich bitte beeilen soll. Ok, ich werde also direkt zur Empfängerin fahren und auf dem Weg keine anderen Aufträge annehmen. Als ich wieder vor dem Haus stehe, sehe ich, dass irgendjemand mein Rad kopfüber in eine große Papiermülltonne gesteckt hat. Grrrr ..., dabei hab ich das Rad ja eh nicht am Schild angelehnt.

Am Weg zur Empfängerin des Päckchens spüre ich, wie meine Hände und Füße vereisen. Ich komme über die Elisabethstraße auf das Glacis. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich der Radweg, der aufgrund der Wetterverhältnisse nicht besonders einladend aussieht. Außerdem muss ich nur ein kleines Stückchen Richtung Geidorfplatz fahren, um dann gleich einmal rechts zur Kundschaft zu gelangen. Ich beschließe also, nicht für ein paar Meter die Straßenseite zu wechseln, nur um dann erst recht wieder die stark befahrene Straße queren zu müssen. Plötzlich hupt neben mir ein Autofahrer. Mich erschreckt das unerwartete und laute Geräusch so, dass ich mein Rad verreiße und fast in den Randstein des Gehsteiges fahre. Gut, das hat mir wieder einmal bestätigt, dass es für meine eigene Sicherheit am besten ist, schön weit in der Mitte der Fahrbahn zu fahren. An der nächsten Ampel lässt der Autofahrer sein Fenster runter, beschimpft mich und gestikuliert wild Richtung Radweg. Ich gebe ihm noch schnell einen Hinweis auf die Sonderbestimmungen für Rennräder in der StVO, die auch die Radwegpflicht betreffen, bevor unser nettes Gespräch durch die nächste Grünphase unterbrochen wird.

Als ich das Haus, in dem sich die Empfängerin meines Päckchens aufhalten soll, erreiche, riskiere ich einen Blick auf die Uhr. Gut, ich war wirklich schnell. Ich finde das Schild der Firma, zu der ich so eilig muss, und laufe in den 4. Stock, da ich keinen Lift entdecken kann. An der Eingangstür zu dem Büro läute ich. Es rührt sich nichts. Ich läute noch einmal, warte, läute noch einmal, warte wieder. Da sehe ich das Schild, das an der Tür hängt: „Wir sind derzeit auf Urlaub. In dringenden Fällen erreichen Sie uns unter der Nummer ..." Soviel also zur Dringlichkeit meines Auftrages.

Ich nehme das Päckchen wieder mit. Die Abholung für meinen nächsten Auftrag ist ganz in der Nähe. Im Büro ist es schön warm. Meine Bewegungen sind eher langsam, damit ich die Wärme möglichst lange auskosten kann. Ich spüre jetzt zumindest, dass meine Zehen noch dran sind. Der Kunde gibt mir Geld und schickt mich einkaufen. Einen Liter Milch, acht Flaschen Bier und zwei Flaschen Wein, beauftragt er mich flüsternd. Aber nicht von irgendeinem Geschäft, sondern genau von diesem bestimmten, auch wenn es die Dinge natürlich in jedem Supermarkt geben würde. Ach ja, und wenn ich zurückkomme, soll ich die Milch schön sichtbar auf seinen Tisch stellen, das Bier und den Wein am besten gut verpackt und schön leise und unauffällig unter dem Tisch durchschieben.

Als ich wieder draußen bin und mich auf den Weg ins Geschäft machen will, komme ich fast nicht mehr in meine Radhandschuhe hinein, weil meine Hände nass geworden sind, als ich den Sattel abgewischt habe. Meine Finger stecken fest und ich krieg sie erst nach langem Abmühen ganz hinein - jedes Mal das gleiche, diese Handschuhe sind einfach nicht zum Botenfahren gemacht.

Am Weg zu diesem bestimmten Geschäft kommt mir ein anderer Fahrradbote entgegen. Ich kann ihn nicht erkennen, da er komplett vermummt ist und man nur seine Augen sehen kann - so ähnlich muss ich wohl auch aussehen. Ich erkenne allerdings sein Rad, es ist Wundertroll auf seinem Fixie. Ja, wir erkennen uns alle über unsere Räder. Von den meisten BotInnen kenne ich ja auch nur die Funknamen. Der Bote grüßt, indem er einen Arm und das gegenüberliegende Bein parallel zu seinem Fahrrad ausstreckt, und ist auch schon wieder vorbei.

Im Geschäft angekommen, muss ich mich anstrengen, dass ich die Bier- und Weinflaschen überhaupt noch in meinen Rucksack hineinbekomme, da das nicht zustellbare, dringende Paket doch etwas größer und schwerer als avisiert war. Endlich geschafft. Jetzt ist mein Rucksack dafür so schwer, dass ich ihn fast nicht mehr alleine auf den Rücken bekomme. Ich wanke zu meinem Rad und mache mich auf den Rückweg, um meine schwere Fracht wieder loszuwerden. Wie's der Teufel will, führt mich mein Weg dann auch noch über die Münzgrabenstraße stadteinwärts. Der Zustand auf meinem Rad ist aufgrund des Gewichtes ohnehin schon etwas instabil - ich fühle mich recht unbeweglich in den Kurven und etwas schwerfällig beim Bremsen. Nun kommt auch noch der lustige Schienenparcours dazu. Immer wieder muss ich die Straßenbahnschienen queren, um nicht, in der Mitte fahrend, von den AutofahrerInnen angehupt zu werden oder mit dem Pedal an der Gehsteigkante hängen zu bleiben. Jede Querung ist ein Erlebnis für sich - und knapp hinter mir einige Autos, die anscheinend nur darauf warten, mich zu überfahren, falls ich stürze, denn sonst würden sie wohl mehr Abstand halten. Ich überwinde die Münzgrabenstraße zwar langsam, aber sturzfrei und merke, dass auch der Schneeregen etwas nachgelassen hat - was allerdings das Spritzwasser nicht davon abhält, durch die Öffnungen für die Metallplatten auf der Sohle meiner Radschuhe ins Innere zu gelangen.

Nachdem ich auch diesen Auftrag erledigt und mich von meiner schweren Last befreit habe, verspricht mir der Dispatcher in der Zentrale einen ganz leichten Auftrag. Ich bekomme Hausnummer, Firmenname, Stockwerk und Name des Auftraggebers und starte los. Wirklich, ich erhalte nur ein kleines adressiertes Briefkuvert, das zu einer Firma in Eggenberg gehen soll. Guten Mutes starte ich. Als ich an der richtigen Adresse ankomme und die Adresse genauer in Augenschein nehme, erkenne ich, dass der „Run" nur auf den ersten Blick ein einfacher war. Ich stehe vor einem riesigen Gebäudekomplex, der offensichtlich von vielen Stockwerken und Gängen durchzogen ist. Auf meinem Kuvert steht allerdings nur ein Nachname - keine Abteilung, kein Stockwerk. Ich finde einen Eingang, stelle mein Fahrrad ab und frage die erste Person, die ich antreffe, nach Frau Maier, deren Name auf meinem Kuvert steht. Die hilfsbereite Person weist mir den Weg und ich bin erleichtert, dass Frau Maier so bekannt ist, dass ihr Nachname für die Identifikation und Lokalisierung ausreicht.

Ich muss in den 4. Stock. Oben angekommen, wird mir erklärt, dass ich zwar im 4. Stock, aber im falschen Gang sei. Ich müsse noch einmal hinunter ins Erdgeschoss, dann in den anderen Gang und wieder hinauf. Ich akzeptiere wieder einmal mehr die seltsame Architektur mancher Häuser und folge den Anweisungen. Als ich im vermeintlich richtigen 4. Stock ankomme, werde ich allerdings wieder in den Keller geschickt. Ich werde davon in Kenntnis gesetzt, dass es in dieser Firma zwei Frau Maier gibt und dass ich leider, leider... Oft ist das Schicksal einfach hart.

Nachdem ich mein Kuvert endlich ordnungsgemäß losgeworden bin, nehme ich den erstbesten Eingang aus dem Gebäude heraus. Draußen angekommen, muss ich dann eine Weile suchen, bis ich wieder bei dem Eingang angelangt bin, vor dem aus ich zu meiner Odyssee gestartet war und wo ich mein Fahrrad abgestellt hatte.

Ich steige aufs Rad und bin bereit für meinen nächsten Auftrag.