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Günter GETZINGER: Blick in die Zukunft...
Bikecity Graz 2020

Günter Getzinger
Günter Getzinger
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Zum Autor:
Jg. 1960, Universitätsmensch, unterrichtet Technikphilosophie und Technologiepolitik in Graz, Klagenfurt und Wien. Leidenschaftlicher Stadt- und Freizeitradler ohne Führerschein, KTM-Damenfahrrad („mit hohem Lenker: sehr bequem!"), Km-Leistung 2008: etwa 1500 km, z. T. mit Vitus oder Letizia im Kindersitz.

In 20 Minuten geht mein Zug nach Wien: das wird knapp. Ich sperr meine Fahrradbox bei der 3er-Endhaltestelle auf, nehme mein Radl heraus, ziehe mein kuscheliges Schaffell (im graukalten Grazer Jänner unverzichtbar!) über den Sattel und fahr los, die Krenngasse runter.

Warum ich nicht mit der Straßenbahn fahre? Gute Frage. Wo doch das Straßenbahnnetz in den letzten zehn Jahren so massiv ausgebaut wurde: Innenstadtentflechtung fertig gestellt, Südwestlinie nach Straßgang und Nordwestlinie nach Gösting fertig, Unilinie fertig, Linie 1 zweigleisig ausgebaut und nach Fölling verlängert und und und. Wo doch durch Bevorrangung, von Straßen getrennte Gleisanlagen, Beendigung des GleisparkerInnenunwesens und Ampelbeeinflussung eine so kräftige Beschleunigung gelungen ist, dass ich mit meinem Fahrrad kein Wettrennen mit dem 3er mehr wagen könnte. Wo doch der Komfort in den Bims unschlagbar ist (alles Niederflur, perfekte Klimatisierung, garantierter Sitzplatz durch Taktverdichtung: die Straßenbahnen fahren alle zwei bis drei Minuten, genügend Platz für Kinderwagen, Rollis und Trolleys). Und trotzdem: Radfahren macht mir einfach mehr Spaß. Auch wenn ich - wie etwa die Hälfte aller GrazerInnen - natürlich eine GrazCard hab, eine Jahreskarte für den öffentlichen Verkehr. Kaum zu glauben, dass noch 2007 gerade einmal 7.146 GrazerInnen eine solche Karte ihr Eigen nannten, aber hier hat wohl die GrazFamilyCard ab 2010 den Durchbruch gebracht.

Schon in der Krenngasse - kürzlich als zweihundertste Grazer Wohnstraße zelebriert - kommt mir eine Radfahrschule entgegen. Seitdem bereits Siebenjährigen erlaubt ist, nach erfolgreicher Absolvierung eines Kurses ohne Begleitung einer/s Erwachsenen durch Graz zu radeln, gehören Radfahrschulen zum Stadtbild. Sie haben mittlerweile den Autofahrschulen den Rang abgelaufen. Kinder ab fünf Jahren lernen in Kleingruppen sicheres Radfahren im Straßenverkehr. Schön, dass sich die Stadt entschieden hat, den Kindern den ersten Helm zu schenken.

Vorbei am Sacre Coeur - ich treffe dort einen Biking Bus, Schulkinder, die morgens gemeinsam zu festen Zeiten eine festgelegte Route in die Schule fahren, alle an dieser Strecke wohnenden Schulkinder schließen sich dem Biking Bus an - sausen an der Ecke Schörgelgasse/Petersgasse die ersten „Elektrischen" an mir vorbei, Richtung Innenstadt: Seitdem die ersten sechs Grazer Stadtbezirke zur Umweltzone erklärt wurden, in welcher der Betrieb von Verbrennungsmotoren verboten ist, sind viele auf Elektro- oder Hybridautos umgestiegen. Erfreulich: auch elektrisch betriebene Scooter, Skateboards und Bikes sind im Kommen und alle teilen sich mit den Elektroautos und den „klassischen" Fahrrädern die Fahrbahn. Die Autos sind eindeutig in der Minderzahl - im Modal Split hat der Umweltverbund aus BimBahnBus, Fahrrad und FußgängerInnen seit 2018 die 75% deutlich überschritten (zum Vergleich: 2004 waren es nur 53%!) - wohl auch, weil viele PendlerInnen überhaupt auf Öffis umgestiegen sind oder an den Endhaltestellen Bike and Ride nutzen. Regional ist man mit Bahn und Bus unterwegs, innerstädtisch mit Fahrrädern, die über Nacht sicher in den an allen Endhaltestellen installierten Fahrradboxen verwahrt werden. Aber auch andere Kombinationen gibt es: Viele PendlerInnen radeln - nachdem seit einigen Jahren die PendlerInnenpauschale und die PendlerInnenbeihilfe nur noch an ÖV-NutzerInnen und RadlerInnen ausbezahlt werden - zu einer GVB-Endhaltestelle und stellen dort entweder ihr Rad in eine Box und steigen auf Öffi um oder nehmen, weil sie es an ihrem Arbeitsplatz brauchen, ihr Rad mit Bim und Bus mit. Möglich geworden ist das durch einfache bauliche Veränderungen an den Öffis. Diese Umstellung bei PendlerInnenpauschale und PendlerInnenbeihilfe - im Verein mit der Abschaffung der Wohnbauförderung für Einfamilienhäuser und einer drastischen Einschränkung der Widmung von Bauland in Graz-Umgebung - hat übrigens ein kräftiges Wachstum von Graz bewirkt, wir halten mittlerweile bei 337.000 EinwohnerInnen. Ergebnis sind deutlich weniger PendlerInnen, mit ein Grund warum Graz nun die Landeshauptstadt mit den niedrigsten Feinstaubwerten ist. Graz ist schon fast ein Luftkurort!

Die „Haarnadelkurve" in die Schörgelgasse ist rasch genommen, schon kommen mir zwei Gefährte entgegen, die man in den letzten Jahren auch vermehrt im Stadtbild sieht. Ein klug konstruiertes Lastenfahrrad, mit dem sich sowohl (bis zu drei!) Kinder komfortabel und sicher transportieren lassen als auch Güter aller Art. Mit diesen Rädern, die es jetzt schon in großer Formenvielfalt gibt, erledigen viele mittlerweile auch ihren Wochenendgroßeinkauf. Und auch eine Reihe von Zustelldiensten schätzt diese Gefährte. Beachtlich, dass früher Kindertransport und Wochenendeinkauf gerne als Argumente für den Autokauf genannt wurden...

Ein paar Meter weiter kommt mir ein querschnittgelähmter Radfahrer entgegen, deutlich schneller unterwegs als ich, ist doch sein Fahrrad eine modulare Kombination aus Rollstuhl und Liegefahrrad. Geniales Getriebe, ultraleichte Bauweise, schickes Design!

Auch ich lege nun einen Zahn zu und überquere zügig den Dietrichsteinplatz. In der Reitschulgasse überhole ich eine Fahrradrikscha, die auf dem Weg zum Jakominiplatz ist, ihrem zentralen Standplatz. Hier haben neue Materialien und Getriebe (und ein bisschen Luxus, wie Sitzplatzheizung) den Durchbruch gebracht, neben der systematischen Bevorrangung und Bevorzugung nicht motorisierter VerkehrsteilnehmerInnen in Graz.

Am Jakominiplatz ist für mich als Radler - wie auch schon in früheren Jahren - höchste Achtsamkeit geboten: Durch die kräftige Taktverdichtung sind noch mehr Bims und Busse als früher unterwegs, noch mehr Schienen muss ausgewichen werden. Glücklicherweise hat man einige „Bypasses" für Radler eingerichtet und hat mir meine liebe Frau zum 60er kürzlich ein SUB geschenkt: ein „Sports Utilities Bike" mit extra breiten Reifen!

Über Schmiedgasse, Joanneumring und Neutorgasse erreiche ich den Andreas-Hofer-Platz, der nun endlich in neuem Glanz erstrahlt: Im Herzen des Platzes steht - in Wow-Architektur errichtet - das BikerCenter, eine Art senkrechte Shoppingmall, in der es alles ums und übers Radl(n) gibt. Neben den Österreich-Headquarters einiger mächtiger Fahrradlobbygruppen und den Flagshipstores der berühmten Fahrradmarken mit ihren ultraschicken Designerbikes findet man im Grazer BikerCenter aber auch eine von Bicycle betriebene professionelle Fahrradwerkstatt, in der - innovativ! - auch selber reparieren möglich ist und Kurse zum Selbstbau von Fahrrädern angeboten werden. Man findet einen Fahrradverleih, eine Liftgarage für Fahrräder, natürlich einen Standplatz für Fahrradrikschas und seit kurzem ist dort auch jene Servicestelle des Magistrats untergebracht, welche die Verschrottungsprämie für Autos abwickelt: Für ein Auto, das man hier zur Verschrottung abgibt, bekommt die ganze Familie funkelnagelneue Fahrräder eigener Wahl sowie ein Österreichticket, also einen Freifahrtausweis für alle öffentlichen Verkehrsmittel in Österreich, gültig für zwei Jahre. Natürlich muss sich die Familie im Gegenzug dazu verpflichten, in den nächsten drei Jahren auf ein Auto zu verzichten. Die Rückfallquote ist äußerst gering.Der Andreas-Hofer-Platz ist so zum Grazer Zentrum fürs Fahrrad und allem was dazu gehört geworden.

Auf der Tegetthoffbrücke sehe ich gerade das Luftkissenboot „Edegger" muraufwärts „fliegen". Auch dieses neue öffentliche Verkehrsmittel wird von PendlerInnen gerne genutzt, besonders bewährt hat es sich - gemeinsam mit der „Stingl" - darüber hinaus im Shuttledienst vom und zum Flughafen. Seitdem die Fahrradmitnahme in Flugzeugen so unkompliziert geworden ist und die „Stingl" wie auch die „Edegger" selbstverständlich Fahrradabteile haben, nehmen immer mehr Fluggäste ihre Fahrräder mit nach Graz. Und schön, dass die Acconci-Murinsel nun als Terminal ihre endgültige Bestimmung gefunden hat. Schön auch, dass dabei der Individualverkehr, nämlich Paddler und Ruderer, die vor allem in der Früh und am Abend (als PendlerInnen und FreizeitsportlerInnen) die Mur frequentieren, berücksichtigt wurden.

Durch Belgiergasse und Vorbeckgasse gelange ich in die Annenstraße. In ihr wird mir wieder so richtig bewusst, wie sehr die RadfahrerInnen in Graz die Hegemonie im Verkehr übernommen haben. In der „Anni" - nach vielem Hin und Her endlich zur Radzone (Razo) erklärt - wimmelt es geradezu von Fahrrädern aller nur vorstellbaren Formen und Typen: Citybikes, Mountainbikes, Laufräder, die ManagerInnenräder der Bayerischen Räder Werke (und natürlich auch jene mit dem Stern vorne drauf...), Pedersonräder, Lastenfahrräder, Einräder, Liegefahrräder, SUBs und die neuesten George-Clooney-Räder für SeniorInnen. Kein Wunder, dass Graz der Radlerstadt Groningen 2019 den European Bike Award abgejagt hat. Und kein Wunder, dass Magna sich nach anfänglichem Zögern von der Automobilproduktion verabschiedet und die Fahrradproduktion (nach 40 Jahren Pause!) wieder hochgefahren hat. 22 Millionen Qualitäts-Fahrräder wurden im letzten Jahr von 16.000 Beschäftigten in Graz gefertigt.

Knapp vor der Kreuzung Annenstraße/Bahnhofgürtel - nach der Neugestaltung des gesamten Bahnhofsviertels entsprechend den Anregungen des Grazer Kinderparlaments ist dieser Stadtteil nun wohl die begehrteste Wohnadresse von ganz Graz geworden - geht's in den Untergrund: Eine gemeinsame Unterflurtrasse führt Bim und RadfahrerInnen direkt zu den Bahnsteigen des Grazer Hauptbahnhofs. Ich gleite mit meinem Fahrrad noch über einen kurzen Travelator direkt in den Radwaggon meines Zugs und überlasse mein Fahrrad - nicht ohne mein Sattelfell vorher in sichere Verwahrung genommen zu haben - der Schaffnerin. Den früher zeitraubenden Ticketkauf hat meine RFID-bewährte GrazCard beim Einsteigen übernommen.

Schließlich sinke ich - leicht erhitzt - in meinen Sitzplatz. Jetzt hab ich ein Nickerchen verdient: nur eine Stunde, denn dann fährt der Pendolino-Railjet schon in Wien Meidling ein.