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Günther TISCHLER: Fahrrad als Metapher
...für eine andere Verkehrspolitik

Günther Tischler
Günther Tischler
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Der Autor:
Jg. 1948, Raumplaner; Alltagsradler & Füßler; Hercules („Stadtrad mit  Nabendynamo!"), Klein Rennradl („im Abstellkammerl..."), Km-Leistung 2008: „Keine Ahnung"

1978: Es war die Zeit nach meinem ersten Berlin-Intermezzo, und begeistert von der verkehrspolitischen Arbeit der BI Westtangente versuchten wir im Arbeitskreis „Energie & Verkehr", initiiert von Peter Pritz (sicher noch vielen in guter Erinnerung als sehr engagierter Leiter des Afro-Asiatischen Institutes und Mitbegründer der Alternativen Liste Graz), uns in die aktuellen Verkehrsprojekte der Stadtplanung einzumischen.

„Wir", das war ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Raum- und Verkehrsplanern, Studenten, Angestellten und Stadtflaneuren; in der Kerngruppe August Gogg von der Erklärung von Graz, Franz Holzer von der TU, Norbert Kotzurek, Ziviltechniker, die IFU-Partie (= Institut für Umweltforschung, später aufgegangen im Joanneum Research, mit Tischler, Weißmann, Hagenauer) und die Kolbes (Studentenehepaar).

Ich habe sicher wieder jemanden vergessen ...

Die Hauptakteure im Amt: Planungsstadtrat Erich Edegger und sein Pendant, Verkehrsstadtrat Klaus Turek sowie autofahrende Experten (Stichwort „Planung aus der Windschutzscheibenperspektive"), im Kielwasser von Edegger sein Verkehrsplaner Gerd Sammer - und wir zwischendrin. Heiß diskutiert wurden Lösungen für eine autogerechte Stadt, die nichts (oder fast nichts) kosten sollten wie z. B. der Innenstadtring oder auch unfinanzierbare Projekte wie die Unterflurtrasse Ostgürtel.

Und dazu unsere Idee mit dem Fahrrad: Es hätte auch ein Tretroller oder sonst so ein „Gerät" sein können - Skater oder Rollerblades gab's damals noch nicht. Aber das Fahrrad war haarscharf das Richtige: Metapher schlechthin für eine andere Verkehrspolitik.

Dass dieses Ding so gut als „Kommunikationsmittel" ankommen würde, hat uns sehr überrascht: Also gut, machen wir's mit dem Radl, in ein paar Jahren ist der Hype eh vorbei ...

„Immer nur Autofahren - nein danke!"

Anfang Juni 1979 die große Fahrraddemo: Wir organisierten eine Radsternfahrt als ein buntes Spektakel mit TeilnehmerInnen aus allen Stadtteilen, einer mit Rädern randvollen Herrengasse, einem „Radhaus" - Peter Pritz hängte sein Radl vom Balkon - und großem Fest im Stadtpark. Edegger war damals ziemlich sauer, weil wir ihn nicht aufs Podium gelassen haben. Motiviert vom großen Erfolg, wurden viele Aktionen gestartet.

Anti-AKW-Pickerl wurden modifiziert („Immer nur Autofahren - nein danke!"), Sticker nach Entwürfen von Gerald Brettschuh und Walter Titz gebastelt. Wir nannten uns jetzt AVG - „Alternative Verkehrspolitik Graz", bekamen sogar den „Landesenergiepreis", protestierten in der Straßenbahn („Nur Fliegen ist teurer"), räumten den Landhaushof aus etc.

Unterwegs zu diesen Aktionen - und im Alltag - waren wir mit Puch-Radln (ich bin damals sehr stolz auf mein Puch Clubman Mixed gewesen) oder Junior-Rostlauben (Kotzureks Argument „Dös wird ma sicher net g'stohlen"). Nur Franz Holzer war ein „Edelradler": Er fuhr ein englisches „Raleigh"! Das ihm aber eh bald einmal gestohlen wurde.

Aber auch Edegger fuhr Rad, war fleißig und hatte kurz darauf mit Gerd Sammer den Entwurf eines Radwegekonzeptes fertig. Wir schlugen in einer Stellungnahme ein „Sofortmaßnahmenprogramm" vor. Aber als 1980 das „Grazer Radwegekonzept" noch immer nur Papier war, riefen wir im Juni wieder zu einer Fahrraddemo, zum „Radschlag '80" auf: Hauptforderung war die rasche Herstellung eines Basisnetzes entsprechend Edeggers Radwegekonzeptes sowie die Öffnung einiger Einbahnstraßen für den Radverkehr. Quasi als Best-Practice-Beispiel für unbürokratischen Radwegebau wurde in einer Nacht- und Nebelaktion im Stadtpark eine Radwegverbindung aufgepinselt und tags darauf während der Fahrradsternfahrt feierlich eröffnet. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Anzeigen wegen Sachbeschädigung und Amtsanmaßung (aber diesmal ohne große Presse) und Vorladung in die Polizeidirektion.

Erich Edegger, der schlaue Fuchs mit guten Beziehungen zur Grazer Polizei, vermittelte bzw. bot uns einen Deal an: Die Stadt zieht die Anzeigen zurück, wenn wir dem Straßen- und Brückenbauamt die aus Waschmaschinenkartons gebastelten Markierungsschablonen überlassen. Und dann ein politischer „Geniestreich" von Edegger: Er band uns in die „Arbeitsgruppe Radwege", bestehend aus Vertretern der Straßenbauabteilung, Polizei, Wirtschaftskammer und dem Planungsbüro Sammer mit ein. Wir sind uns dabei sehr wichtig vorgekommen, waren schwer beschäftigt und quasi „ruhiggestellt".

In dieser AG sind Welten aufeinandergetroffen - Ordnungshüter, Technokraten, Planer und Lobbyisten auf der einen Seite und wir „Chaoten" auf der anderen. Herausgekommen ist eine durchaus konstruktive Arbeit und eine gewisse gegenseitige Wertschätzung - und später sehr angenehme Erinnerungen. Erich Edegger misstraute seinen Planern bzw. dem Straßenbauamt (Tenor: „Dös hamma no nie so g'macht, dös geht net"), ging bei strittigen Bauprojekten manchmal in der Nacht heimlich nachmessen, und siehe da, es ging sich dann doch aus ...

Velocity

Graz, am Bahnhof, kurz vor der Abfahrt des Zuges mit Kurswagen nach Hamburg: Wir sind am Weg nach Bremen zum großen Fahrradkongress. Viele Leute am Perron. Ein Mann verabschiedet sich sehr einfühlsam von seiner Frau. Ist das nicht unser Planungsstadtrat? Auf der Velocity Conference treffen wir ihn wieder, als Referent in Workshops und in Diskussionsrunden. Nachher kommen wir in einem Weinkeller (in Bremen!) zusammen und es entsteht – weit weg vom politischen Geschäft in Graz – eine persönliche Freundschaft, eine gute Vertrauensbasis. 1981 beschloss der Gemeinderat endlich das Radwegekonzept. Die jährlichen Ausbaukosten für das Grundnetz, ca. 1,2 Mio. Euro, sollten aus der Parkraumbewirtschaftung kommen.

Bald darauf arbeiteten wir am Aufbau der Alternativen Liste. Nach dem Einzug als Gemeinderat der ALG ins Stadtparlament wurde das Verhältnis zu Edegger ernster, professioneller. Die Unbekümmertheit und Unverbindlichkeit der früheren Zusammenarbeit wich der Realität einer gewissen politischen Konkurrenzsituation.

Aber wir brauchten uns weiter gegenseitig: Bei Sitzungsunterbrechungen im Gemeinderat wurden Insiderinformationen ausgetauscht, gemeinsame Strategien besprochen. Und meistens war es Edegger, der auf uns zugekommen ist, mit einem „Bitte macht‘s wieder was, ich brauch eure Unterstützung, sonst fahrt der Wirtschaftsbund wieder über uns drüber ...“. Das war dann die „Achse Edegger – Tischler“, weniger offensichtlich im Gemeinderat und kaum offiziell in seinem Büro, aber immer zwischendurch am Rathausgang, in Sitzungspausen ...

Edeggers historischer Verdienst

In dieser für uns „wilden Zeit" ist es dem Team Edegger/Sammer mit Unterstützung des Münchner Soziologen Werner Brög gelungen, die Verkehrspolitik in Graz beispielgebend für Österreich auf neue Beine zu stellen. Dieser Paradigmenwechsel vom Leitbild „autogerechte Stadt" zum Leitbild „menschengerechte Stadt" ist ihm großartig gelungen, ist sein historischer Verdienst und findet sich im „GIVE" (Konzept für Grazer Integrierte Verkehrsentwicklung) wieder. Dieses GIVE ist auch heute noch das gültige Strategiepapier für die Grazer Verkehrspolitik.

Die alte, aber auch die inzwischen nachgewachsene Verkehrsplanergeneration blickt oft mit wehmütigenAugen zurück in die „Edegger-Zeit", wo innerhalb weniger Jahre eine neue Verkehrspolitik mit Radwegenetz, Einführung von flächendeckend Tempo 30, verkehrspolitischen Leitlinien, Konzept „Platz für Menschen" möglich war. Von dieser Dynamik konnten wir in den vergangenen beiden Jahrzehnten nur noch träumen.

Ich muss zugeben, dass mich in der Folge andere Themen stärker beschäftigten als die Grazer Verkehrspolitik: Das Thema Wasserverschmutzung (Mur) und Grundwasserverunreinigung in Liebenau und Puntigam zum Beispiel.

Während meines zweiten Berlinaufenthaltes - ich hatte das Glück, an der TU als Assistent zu arbeiten - hab ich von Freunden erfahren, dass Erich Edegger ganz überraschend gestorben ist. Auch wenn er uns manchmal mit seiner „Zuckerbäcker-Genauigkeit" ganz schön auf die Nerven gegangen ist, der Herr Stadtrat, so denke ich heute noch oft an seine ehrliche und bescheidene und für Politiker eher untypische Art. Und er hat schließlich mit seinen couragierten Entscheidungen die Weichen gestellt für ein Graz mit Lebensqualität.

Seither betrachte ich die Grazer Radverkehrspolitik eher nur noch aus der Distanz, melde mich hin und wieder, wenn irgendwelche Blödsinnigkeiten in meiner Umgebung passieren oder ich zu einer Diskussion eingeladen werde, wo ich dann wieder aus der „guten alten Zeit" erzähle. Ja, damals, da waren einzelne Personen, ihre Positionierung innerhalb ihres Umfeldes und ihre Konstellation zu- und untereinander der Nährboden für Entwicklungen, die man dem oft als „Pensionopolis" verschrienen Graz gar nicht zugetraut hätte.

Ansonsten bin ich natürlich auch beruflich - ich betreibe ein Ingenieurbüro - mit Verkehrskonzepten und Umweltplanungen befasst und persönlich „intermodal" mit verschiedenen Verkehrsmitteln unterwegs. Die Arbeit an der „Basis" haben andere übernommen: Sie haben es im Widerstreit der inzwischen noch akzentuierter auftretenden Interessen, unter dem Druck verschärfter ökonomischer Interessen und unter der Vorgabe immer engerer Platz- und Geldressourcen in der Stadt sicherlich nicht leicht. Das gilt für die Politik und Verwaltung gleichermaßen wie für die AktivbürgerInnen und NGOs und soll quasi im Nachsatz klarstellen, dass das Lob des Vergangenen nicht die Bemühungen des Heute schmälern soll. Mit dem zweiten Nachsatz, dass Verbesserungspotenzial, auch im Sinne von Mut zu unpopulären Maßnahmen (z.B. Enteignungsverfahren, wenn‘s wirklich nicht anders geht), allemal in ausreichendem Maße gegeben ist.



Hinweis:
Geschichte: Renaissance mit Umwelt- und Fitnessbewegung