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Monika SAVAS: Seit drei Monaten trocken

Monika Savas
Monika Savas
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Zur Autorin:
Jg. 1962, Lehrerin, alleinerziehende Mutter dreier Kinder; Alltags- und Freizeitradlerin; Genesis Trekkingbike; radlerische Leistung: 1000 km (10-12/2008)

Was bewegt eine 46-jährige Frau, Mutter von drei Kindern, Hundebesitzerin und Eigentümerin eines Mini-Vans dazu, im Jahre 2008 vom Auto aufs Fahrrad umzusteigen?

Bei mir war der Anlass ein schlichtes kleines Buch mit dem Titel „Ohne Auto", das mir von einem Wiener Bekannten ans Herz gelegt wurde: Eine Burgenländerin beschreibt darin ihren Versuch, ein Jahr lang ganz bewusst auf ihr Kraftfahrzeug zu verzichten und alle Wege mit dem Fahrrad zu erledigen. (Dorothea Kocsis: „Ohne Auto", Planet-Verlag, Wien 2007)

Zugegeben, ich hatte eine Prädisposition aus jungen Erwachsenenjahren, als ich einige Radreisen gemacht hatte. Aber das Fahrrad als Verkehrsmittel? Ich war vor der Lektüre skeptisch, so nach dem Motto „Die Frau ist sicher eine grüne Träumerin". Irgendwie war dann aber doch die Neugier da, es selbst auszuprobieren. Vielleicht wollte ich mir auch selbst das Gegenteil beweisen - nämlich, dass es nicht funktionieren kann.

Oktober 2008, Montagmorgen, Garage auf. Rad rausschieben. Was wohl der Nachbar denkt? Er wohnt direkt gegenüber in unserer Einfamilienhauslandschaft im Süden des Grazer Bezirks Liebenau und hat mich bisher fast täglich (wie ich heute zu meiner Schande gestehen muss) mit meinem großen Auto ausfahren gesehen.

Kann sie sich das Benzin nicht mehr leisten? Auto kaputt? Zuviel getrunken - Führerscheinentzug? Egal. Zum Glück habe ich mir vor einem Jahr ein neues Trekking-Bike gekauft, sodass es zunächst einmal keine technischen Probleme gibt. Und meine Uralt-Packtaschen fanden sich auch noch im Keller - geben abgestaubt sogar noch was her.

Die ersten Aha-Erlebnisse hatte ich bald: Schon am vierten Tag meinte meine neunjährige Tochter: „Mama, du bist aber schon lange nicht mehr Auto gefahren!" Auf der Fahrt ins nächste Einkaufszentrum entlang einer vierspurigen Straße kann ich es fast nicht fassen, wie laut und stinkend mir die Autos plötzlich vorkommen. Ist eine Zumutung, denke ich mir am Rande pedalierend. Diese Straße benutze ich seit 14 Jahren regelmäßig, und erst jetzt tun mir die Leute leid, die diesen Lärm und Gestank tagtäglich aushalten müssen. Im Auto ist es deutlich leiser und der Gestank dringt auch nicht zu einem durch, wenn man drinnen sitzt. Und entlang der vierspurigen Straße war ich auch nie zu Fuß mit meinen Kindern unterwegs.

Gleich in den ersten Tagen meines neuen Radlerlebens hatte ich ein komisches Ziehen in den Unterschenkeln. Mein erster Gedanke war: Oje, schon wieder Krampfadernprobleme! Bis mir die Erkenntnis kam, dass meine Unterschenkelmuskulatur das doch intensive Treten nicht gewohnt sein dürfte - Muskelkater! Nach zwei Wochen aber war dieser Spuk vorbei.

Meine Erledigungen in der rund sechs Kilometer entfernten City habe ich bisher mit dem Auto erledigt, aus Bequemlichkeit, eher selten habe ich Bus oder Bim benutzt. Dafür ging regelmäßig ein Vormittag/Nachmittag drauf. Anfahrt ins Zentrum, mehrere Kreise im Zentrum ziehen, bis ein freies Plätzchen fürs Auto gefunden war, zum Parkscheinautomaten, zurück zum Auto, die langen Wege zu den Geschäften/Ämtern gehen, im Hinterkopf immer der Druck eines ablaufenden Parkscheins. Und schließlich die Rennerei zurück zum Auto. Und die Schlepperei der Einkäufe.

Plötzlich alles anders - und freier.

Mein Bike bringt mich direkt vor die Tür meiner Ziele, und von dort direkt auf kürzestem Weg wieder nach Hause. Zeitersparnis enorm, nur noch halb soviel Aufwand. Erste kleine Begeisterungsgedanken.

Bin wieder mal auf dieser vierspurigen Straße unterwegs, auf dem Radweg, der parallel dazu verläuft. Keine Sichthindernisse. Bei Tempo 15 sehe ich, wie sich ein Auto ungefähr 100 Meter entfernt aus einer Firmenausfahrt in die Fahrbahn einreihen will. Ja, was ist das? Der Fahrer hält mitten auf MEINEM (deutlich rot markierten) Radweg, bin nur noch 50 Meter entfernt, direkter Konfrontationskurs. Aber nein, er blickt mich direkt an und wird wohl gleich zurücksetzen, um mir nicht die Vorfahrt zu nehmen. 20 Meter davor. Nicht zu glauben, er blickt mich nicht AN, sondern durch mich HINDURCH, nimmt nur die Autos wahr!

Stopp. Entgeistert blickt er mir nun direkt in die Augen, da ich nur einen halben Meter vor der Fahrertüre zum Stehen gekommen bin.

Exkurs: Mit meinen Emotionen im „normalen" Leben war ich bis jetzt noch nie angeeckt, ich bin eine besonnene Frau. In den paar Monaten auf dem Fahrrad aber kamen (negative) Gefühle in mir hoch, die ich bislang in dieser Intensität bei mir nicht kannte. Nämlich richtige Wutgefühle. Über „Autler", die mir in diesen wenigen Monaten absichtlich und immer wieder den Vorrang nahmen, mich schnitten, Radwege verstellten und und und.

Eine damit zusammenhängende Erkenntnis machte ich gleich in den ersten Wochen meines „trockenen" Lebens: Finde dich damit ab, dass viele AutofahrerInnen unerschütterlich daran glauben, ihnen gehöre die Asphaltwelt. Da haben motor- und PS-lose Gefährte keine Rechte, oder, anders ausgedrückt, sie müssen sich ihnen unterordnen. Vielleicht aus der unbewussten Überlegung heraus: Wer statt mit vier Rädern nur mit zwei fährt, der hat auch nur die halben Rechte. Die Motorradfahrer (die echten „Biker", deren „arme Verwandte" die RadlerInnen sind) können diesen Mangel mit atemberaubender Beschleunigung und maschinellen Kraftpaketen unter ihren Allerwertesten kompensieren.

Im Rückblick kann ich sagen, dass ich sicher einmal pro Woche in eine sehr gefährliche Situation geraten bin und gerate - und das schuldlos. Weshalb ich auch immer Ängste ausstehe, wenn meine Kinder (sechs und neun Jahre alt, der Große - 14 Jahre - verweigert sich meinen radlerischen Ambitionen) dabei sind - sie verlassen sich auf ihre Rechte, so wie sie es im Verkehrsunterricht in der Schule gelernt haben. Und das kann sehr schnell schlimm ausgehen.

Nach und nach lerne ich neben der mehr oder minder angenehmen Fortbewegung von A nach B viele mir unbekannte Stadtteile kennen, da ich öfter die (fast) autofreien Flächen benutze, die für uns Radfahrvolk geschaffen wurden: Radwege und Radfahrstreifen.

Apropos unbekannte Stadtteile: Als Nicht-Insider tut man sich schwer, mit Radkarte und sparsamer Beschilderung zurechtzukommen. Ich hatte - wie sich später herausstellte - das Pech, Opfer eines Alleingangs einer Grazer Umgebungsgemeinde zu werden, als ich versuchte, ein Einkaufszentrum im Süden anzusteuern. Der erste Versuch scheiterte, weil ich angenommen hatte, die in der Radkarte eingezeichneten Radrouten müssten sich auch in einer Wegweisung niederschlagen. Beim zweiten Versuch stieß ich dann auf gelb-orange (statt der üblichen grün-weißen) Schilder, die noch dazu nicht im rechten Winkel zur Fahrbahn, sondern parallel zum Radweg angebracht waren. Immerhin gelangte ich ans Ziel. Zurück zeigte sich jedoch, dass es sich offenbar um eine Rundkurs-Beschilderung (für touristische Zwecke?) handelte, denn selektive Suche nach Gelb-Orange führte mich in die Irre. Frustriert bin ich auf der Hauptstraße (not-)gelandet und fragte mich, wie sowas möglich ist. Da ist wohl der Verantwortliche nie auf dem Rad gesessen, um sein Werk auch praktisch zu testen. Nachher erhielt ich von RadlerfreundInnen die Aufklärung: Blöder Alleingang der Gemeinde, sollte bald behoben sein. Wirklich ein Ausnahmefall?

Entgegen meinen Erwartungen hatte und habe ich keine Probleme, den Einkauf für unseren Vier-Personen-Haushalt mit dem Rad zu transportieren. Im Gegenteil, da der Platz beschränkt ist, lasse ich eigentlich Überflüssiges im Geschäft zurück. Und das bedeutet mehr Geld in der Tasche!

1000 km bin ich in drei Monaten geradelt. Wäre ich die mit dem Auto gefahren, wäre ich einiges Geld losgeworden. Aber das ist nur ein Aspekt, wenn auch kein unwesentlicher.

Summa summarum bin ich sehr froh, dass ich über das eingangs erwähnte Buch gestolpert bin. Das Radeln macht einfach viel Spaß, und der überwiegt bei Weitem die vereinzelt auftretenden Schwierigkeiten. Unser Auto steht fast nur noch traurig und fast überflüssig in der Garage (und blockiert viel Platz, den ich lieber für unsere Räder hätte). Geöffnet wird diese fast nur noch, um unseren Fahrrädern Ausgang zu gewähren. Falls es mal gar nicht anders geht, setze ich mich nur noch sehr widerwillig ins Auto und freue mich schon darauf, den nächsten Weg per Fahrrad machen zu können.