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Walter MÜLLER: Semper et ubique

Walter Müller
Walter Müller
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Jg. 1956, Psychologe, Redakteur „Der Standard"; 90 Prozent Alltagsradler („seit  dem Besitz eines Riese- und Müller-Rades auch 10 Prozent Genussradler"); Müller und Riese, ein ("wegen der eklatanten Qualitätsmängel") ausrangiertes Falter-Rad; 2008: ca. 1500 km

Manchmal denke ich: Die Metamorphose zum Radsein dürfte schon weit fortgeschritten sein. Womöglich habe ich schon einen Grad jenseits der 50 Prozent erreicht - wenn ich die Molekulartheorie des Dorfpolizisten Fortrell aus dem irischen Dorf Dalkey als Orientierung heranziehe. Sergeant Fortrell erläutert in Flann O'Briens Traktat „Der dritte Polizist" seine über Jahre bei unzähligen Patrouillengängen gewonnenen Erkenntnisse über die physische Beschaffenheit irischer Landbewohner. „Wenn Menschen", fabuliert der Sergeant, „die meiste Zeit ihres  natürlichen Lebens damit verbringen, die steinernen Feldwege mit eisernen Fahrrädern zu befahren", dann führe das dazu, „dass sich die Persönlichkeit der Menschen mit der Persönlichkeit ihrer Fahrräder vermischt." Dies sozusagen als Resultat des wechselseitigen Austausches von Atomen.

Die Atome des Radsattels verbinden sich mit den Atomen des Hinterns des Radlers. Je länger man also auf dem Rad sitzt, desto intensiver läuft der Austausch der Atome. Rad und Fahrer verschmelzen ineinander und wechseln die Identitäten. Man solle sich über die „hohe Anzahl von Leuten in dieser Gegend nicht wundern, die halb Mensch und halb Fahrrad sind", warnt Fortrell seine whiskeygeeichten Gesprächspartner.

Einen kenne er, Michael Gilhaney, der bereits „in der  Gefahr schwebt, ein Fahrrad zu sein". Ein Briefträger hierorts in Dalkey, schätzt Sergeant Fortrell, komme in etwa auf 72 Prozent Rad. Mit meinen 50 Prozent bin ich schon nahe dran.

Ob sich die Flann O'Brien'sche Molekulartheorie auch außerhalb seiner Romane verifizieren lässt, bedarf noch eingehender Studien, die an mir beobachteten Veränderungen lassen aber zumindest eine gewisse Plausibilität des Grundtheorems der „Rad-Mensch-Verschmelzung" erahnen. Ein deutliches Indiz: Ich bin ständig auf dem Rad. Semper et ubique. Frühling, Sommer, Herbst und ja: auch im Winter. Der Verschmelzungsgrad, der sich längst in leichten Entzugserscheinungen bei längerer Radabstinenz, die sich durch Urlaubs- oder Dienstreisen ergeben, ist bereits verdächtig weit fortgeschritten.

Eine ernste Sache also.

Es geht ja in der Tat nicht ums Vergnügen, um sportliche und körperliche Ertüchtigung. Radfahren ist eine nüchterne transportpragmatische Angelegenheit. Es geht um die tägliche Aufgabe, möglichst schnell und bequem von A nach B zu gelangen. Jahreszeit hin oder her.

Eventuelle Fitnesskomponenten sind dabei nicht von vorneherein einkalkuliert, aber durchaus angenehme Begleiterscheinungen. Sie laufen sozusagen nebenbei mit. Wobei die Fitness bei der Radfahrbewegung ja ein Paradoxon darstellt: Man bewegt sich und kann dabei bequem sitzen bleiben. Bitte: welche Sportart hat das noch zu bieten? Gut: Rudern vielleicht, aber das wiederum ist verkehrstechnisch in der Stadt nur von beschränktem Nutzen.

Man ruht also entspannt im Sattel und bewegt seine Muskulatur. Dieser Mechanismus funktioniert immer, auch im Winter. Aber zu dieser Jahreszeit in Gang gesetzt, löst er nach wie vor verständnislose Reaktionen der Inhaber klimatisierter Transportmittel aus. Im Winter Rad zu fahren, ist in den Augen der Autofahrer so, als ob man im Sommer im Stadtpark Langlaufschi anschnallen würde. Beides firmiert unter der Kategorie „absurd". Wer immer also bei winterlichen Temperaturen per Rad auf Straßen unterwegs ist, muss mit Anteil nehmenden Blicken seiner Mitmenschen, die um das mentale Wohl besorgt sind, rechnen. Denn ganz dicht könne man ja wohl nicht sein, sich bei Minustemperaturen auf das Rad zu setzen.

Dem muss schlicht entgegengehalten werden: Weicheier, Stubenhocker, Fernwärmejunkies, Bodenheizungsfreaks! Es gibt, wie wir wissen, kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung. Man geht im Winter ja auch spazieren, warum also nicht Rad fahren? Und an der Bim-Haltestelle friert einem sicher mehr ab als auf dem Radsattel. Und das sei den Stadtplanern und Finger-an-die-Stirn-Tippern auch mal gesagt: Wir fahren eben nicht aus Jux und Tollerei oder als Folge einer geistigen Störung. Sondern einfach, um wie immer schnell zur Arbeit, zum Einkaufen, ins Beisl, zu Freunden zu kommen. Die Bewegung am Rad - selbstverständlich nicht stundenlang - hält den Körper in Schwung und auch warm.

Aber da ist auch die Panikmache der Autolobbyisten, wonach Radfahren im Winter verantwortungslos sei und den städtischen Verkehr störte. Sie müssten höllisch aufpassen auf die Winterradler. Na und? Ist es eine Zumutung, auch andere Verkehrsteilnehmer (ja, Radfahrer sind auch Verkehrsteilnehmer!) zu dulden? Jeder Radler ist sich des Risikos bewusst und weiß in der Regel - wie Autofahrer - die Gefahren einzuschätzen.

Eigentlich dreht sich die heiße Debatte im Winter nur um den Schnee. Der Vorwurf: Wie gedankenlos Radler seien, bei Schneefall und im Matsch unsicher dahinzuzockeln. Aber wie oft liegt denn tatsächlich Schnee auf der Straße? So schnell kann der gar nicht vom Himmel fallen, sind schon die Salzstreuer unterwegs. Und wenn's wirklich einmal nicht geht, dann geht man ohnehin zu Fuß, fährt mit Tram, der U-Bahn oder - soll sein - einmal mit dem Auto.

Ansonsten weiß der Großteil der Radfahrer längst, wie man sich am besten durch den Winter manövriert. Es gibt optimal designte winterfeste Ausrüstung, jeder weiß, wie das Rad justiert werden muss, um sicher zu sein. Meines verfügt etwa über einen bei winterlichen Licht- und Witterungsverhältnissen unentbehrlichen Nabendynamo. Zugegeben: Gutes, sicheres Rad ist teuer. Aber da verblüfft es immer wieder, wie passionierte Autofahrer ein hochachtungsvolles Pfeifen mit diesem unterschwelligen „Wau-du-musst-es-ja-haben"-Ton anstimmen, wenn man bekennt, dass das Fahrrad gute 1.800 Euro gekostet habe. Erst die Gegenfrage, ob 1.800 Euro bei der Auswahl der Autositze oder sonstiger Ausstattungsextrawünsche des neuen Autos eine Rolle gespielt hätten, relativiert die Sache wieder.

Im Übrigen nutzt eh alles nix: Denn wer mit dem Fahrrad bereits eine gewisse atomare Verbundenheit eingegangen ist, es also zu einem Austausch zwischen Rad und Physis des Radlers gekommen ist, dem bleibt ohnehin keine Wahl mehr. Der muss raus, auch wenn es draußen stürmt und schneit. Das aber bringt zu guter Letzt auch noch einen gesundheitlichen Mehrwert. Die Verkühlungsrate sinkt durch die Abhärtung, durch das Ausgesetztsein schwankender Tempertauren, signifikant. Die gesundheitliche Stabilisierung wirkt natürlich auch auf die mentale Ebene.

Denn, wie uns Albert Einstein mitgegeben hat, ist das Leben ja dem Radfahren gleich. Man muss sich ständig vorwärts bewegen, wenn man das Gleichgewicht nicht verlieren will.