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Harald RÖSSLER: Radlfoahrn "im Dienst"
in einer Landgemeinde

Harald Rössler
Harald Rössler
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Jg. 1970, Gemeindeamtsleiter und Standesbeamter in Maria Buch-Feistritz, Bez. Judenburg; Alltags-, Freizeit-, Kurzstreckenradler; ein recyceltes Steyr Waffenrad („Alter schwer zu sagen, aber sicherlich älter als ich"), neues Citybike („für schnellere Ausfahrten mit meiner Familie und bei längeren Strecken"), 2008: ca. 1000 km

Wos, wer is des do mit dem Radl? Da Standesbeamte..." Aber dazu etwas später. Beginnen wir unsere Geschichte im Jahre 1995. Damals trat ein 25-jähriger, mittelmäßig sportlicher, aber dem Radfahren nicht abgeneigter junger Mann den Dienst als Amtsleiter der 2300-Einwohner-Gemeinde Maria Buch-Feistritz im Bezirk Judenburg an. Besagte Person war ich und mir fiel an meinem ersten Arbeitstag eine große Urkunde im Zimmer des Bürgermeisters auf mit der ehrenvollen Bezeichnung „Fahrradfreundliche Gemeinde 1993".

Also dachte ich mir, wenn schon „fahrradfreundlich", dann auch ich. Und so verwendete ich eigentlich ab diesem Zeitpunkt für alle Fahrten zur Bank, zur Post usw. das vorhandene Dienstrad - in rosa gehalten und aufgrund der Mitbenutzung durch meine Kolleginnen und Kollegen schon etwas lädiert.

Dieses „geschundene" Vehikel war im Einsatz bis..., ja bis es eines Tages, nachdem es die Nächte immer im Freien verbringen durfte, einen neuen - nicht rechtmäßigen Besitzer unbekannten Namens und Herkunft fand - GESTOHLEN.

Es hätte nunmehr die Möglichkeit gegeben, dem Bürgermeister und den Damen und Herren des Gemeinderates unser Mitarbeiterleid zu klagen und um den Ankauf eines neuen Rades zu ersuchen. Dieses Ansuchen wäre sicherlich positiv behandelt worden - sind die Verantwortungsträger doch ständig bestrebt, den Radverkehr für die Bevölkerung, aber auch für die Touristen (R 2) auf- und auszubauen. Aber, so dachte ich mir, NEUES Rad - nach einiger Zeit vielleicht wieder NEUER (= nicht rechtmäßiger) Fahrer. Als ich so meine Überlegungen bzw. Befürchtungen den Mitarbeitern unseres Altstoffsammelzentrums klagte, versprachen diese mir, mein Problem zu lösen, wenn ich nur einige Tage Geduld hätte.

Und wirklich, siehe da, es wurde eine Lösung gefunden. Im Altstoffsammelzentrum wurden ZWEI alte sogenannte „Waffenräder" zur Entsorgung abgegeben und daraus entstand EIN, zwar sehr nostalgisches, aber voll funktionsfähiges „neues" Dienstrad. Und noch dazu ziert der steirische Panther das neue Gemeindegefährt. Kosten: eine Jause für die „Zusammenbauer". Also sind auch die Steuerzahler nicht belastet.

Somit begann ein neues Fahrradzeitalter in der Gemeinde. Angespornt durch den äußerst angenehmen Fahrkomfort entschloss ich mich, ab sofort noch mehr Dienstfahrten in der näheren Umgebung (Radius ca. 5 km)  mit meinem Waffenrad durchzuführen. Auch bei den Gemeinderats-Radrundfahrten bin ich mit meinem Oldtimer stets dabei.

Natürlich gab es auch schon die eine oder andere lustige Episode. Zwei möchte ich auszugsweise wiedergeben.

Sommer 2005, 30° Celsius, Baustellenbesprechung bei der gerade im Umbau befindlichen Ortsdurchfahrt. Also, nichts wie aufs Rad und bei angenehm kühlendem Fahrtwind Richtung Treffpunkt. Allerdings nur bis zu dem Augenblick, wo ich im Baustellenbereich ankam und mich folgende Worte stoppten: „Host du die Baustöllentofl net gsegn? Drah um und schleich di mit dein oltn Gorn, sonst grob mas glei mit die Kanalröhrl mit ein!" (Übersetzung, etwas höflicher formuliert: „Haben Sie die Baustellenabsperrtafeln nicht gesehen? Bitte wenden Sie und fahren Sie bitte wieder mit Ihrem etwas älteren Fahrrad, ansonsten muss ich Ihr Fahrrad gemeinsam mit den Kanalrohren vergraben!")

Keine zehn Meter von diesem Stopp entfernt sah ich bereits den Bauleiter, der mit hochrotem Kopf erkannte, dass ich eigentlich der Vertreter des Auftraggebers bin und zum vereinbarten Gesprächstermin erscheine. Obwohl ich über diesen Vorfall herzhaft lachen musste, erfolgten mehrere eindringliche Entschuldigungen seitens des Bauleiters und des mittlerweile die Verwechslung erkennenden Bauarbeiters. Wie die Aussprache Bauleiter - Bauarbeiter verlief, ist mir nicht bekannt, denn ich verließ bereits davor mit meinem Rad die Baustelle.

Die zweite lustige Geschichte begann an einem Samstag im Wonnemonat Mai. Eine standesamtliche Trauung stand an und ich schwang mich auf mein Fahrrad. Dem Ereignis entsprechend und dem Brautpaar angepasst war ich mit meinem Steireranzug bekleidet. Sicherlich ein nostalgisches Bild: Standesbeamter im Steireranzug am Waffenradl. Obwohl ich nahezu eine halbe Stunde vor dem angesetzten Termin vor dem Standesamt vorfuhr, waren bereits die ersten Hochzeitsgäste, Jugendfreunde des Bräutigams, aus dessen südsteirischer Heimat eingetroffen. Diese meinten, ich gehöre zur Gruppe der sogenannten „Mautspieler", in manchen Gegenden auch „Absperrer" genannt. Und so wurden mir natürlich umfassend die „Jugendsünden" des Bräutigams erzählt.

Diese kleine Verwechslung, die wohl - wie schon im ersten Fall - mit der Kategorisierung in standes- und nicht standesgemäße Fortbewegungsmittel zu tun hat -  hatte zur Folge, dass ein Raunen durch die Freundesrunde des Bräutigams ging, als ich den Trauungssaal betrat und meine wirkliche Funktion erkennbar wurde. Der Bräutigam war nicht weniger erstaunt darüber, woher ich ein solches „Insiderwissen" über ihn hatte, kam er doch aus einer völlig anderen Gegend.

Beim anschließenden Empfang hörte ich oftmals die eingangs zitierten Worte: „Wos, wer is des do mit dem Radl? Da Standesbeamte..."