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Matthias RASSI: Lebenswege statt Autobahnen

Matthias Rassi
Matthias Rassi
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Zum Autor:
Jg. 1948; Pensionist und freischaffender Fahrradbote, früher Kraftfahrer; sportlicher Alltagsradler; KTM Imola Trekking, MTBs Trek, Nakita, km-Leistung 2008: 9000 km

Mein erstes Rad war ein Puch Jungmeister, Baujahr 1963. Gekauft habe ich es mit dem ersten selbst verdienten Geld als Maurerlehrling. Von da an war ich derart mobil, dass ich auch weiter entfernte Ziele erreichen konnte. Natürlich konnte ich auch schon vorher Rad fahren - erlernt hatte ich es im Alter von sieben oder acht Jahren mit Fahrrädern, die an Gasthausmauern lehnten. Ich schnappte mir das eine oder andere, wissend, dass ich mit einer Ohrfeige zu rechnen hatte, wenn ich nach der Spitztour wieder zurückkam. In meiner Familie gab es kein Rad, die Eltern hatten das Radfahren auch nie erlernt. Von zu Hause in Lindhof am Fuße der Koralpe mussten alle Wege zu Fuß zurückgelegt werden - Bus und Bahn waren zu weit weg. Zur Schule nach St. Andrä im Lavanttal hatte ich rund zehn Kilometer.

So gesehen war ich mit meiner Vorliebe für das Radfahren aus der Art geschlagen. Ich kam auch nie zu einem Moped oder Motorrad und nach der Fahrschule 1969 musste gleich ein Auto her. Wobei, das Auto wurde nie mein Verkehrsmittel zur und von der Arbeit. Schon zu der Zeit, als das einen autofreien Wochentag signalisierende Pickerl eingeführt wurde, war ich mit dem Rad unterwegs. Diese Unabhängigkeit auch von Bus, Bim und Bahn erhielt ich mir trotz wechselnder Wohnorte und Arbeitsstätten bis zur Pension.

Es gab nur einen Fall, bei dem ich das Rad stehen ließ: bei Schneefall. Bei Antritt meiner Pension kam mir die Idee, in meiner Gemeinde St. Bartholomä, einer Grazer Umgebungsgemeinde, einen Fahrradbotendienst aufzuziehen. Doch die bescheidene Werbeaktivität, die ich als „freischaffender" Fahrradbote an den Tag legte, war in Ermangelung von Nachfrage nicht erfolgreich. Das Projekt wurde vom Bürgermeister begeistert unterstützt - trotzdem musste ich es wegen fehlender Resonanz nach einigen Monaten wieder aufgeben.

Die Erfahrung, dass Radfahren weniger Prestige hat, musste ich öfters machen. So beispielsweise 1997, als ich einige Monate für eine große Transportfirma arbeitete. Man untersagte mir, mit dem Fahrrad auf das Betriebsareal zu fahren und verwies mich auf den angrenzenden Wald, wo ich es ja lassen könnte. Ich nahm mein Rad dennoch mit auf das Firmengelände und versteckte es so gut es ging. Am nächsten Tag hatte ich Brandlöcher von Zigaretten im Sattel und in den Packtaschen. Als ich meine „Kollegen" zur Rede stellte, bekam ich die Ansage: „Wir sind kein Radclub, sondern ein Lkw-Betrieb." Daraufhin habe ich gekündigt.

Gänzlich anders war die Reaktion bei meinem nächsten Arbeitgeber, wieder einer Spedition: Dort freute man sich mit mir, weil ich einen Mobilitäts-Ideenwettbewerb gewonnen hatte und belohnte mich mit € 150.- extra, die ich sofort in eine neue Regenausrüstung investierte.

Heute wohne ich, wie gesagt, in St. Bartholomä, rund 10 km von Graz und erlebe hier im Kleinen das heutige Verständnis von mobil sein: Liebe Bekannte von mir, die zwei Häuser in rund 100 Metern Entfernung bewohnen, legen diese Strecke ausschließlich mit dem Auto zurück. Eine Nachbarin, Mutter von drei Kindern, will ihr Auto ständig vor dem Haus sehen, weil es das Einzige ist, woran ihr im Leben etwas liegt, wie sie mir einmal anvertraute.

Den Niedergang von Puch und anderen heimischen Raderzeugern schreibe ich der von der Politik geförderten maßlosen Motorisierung und der - wie auch in anderen Bereichen der modernen Welt - fehlenden „Politik von unten" zu. Heute gehört Automobilität zu den „Grundrechten", um das gekämpft wird und das man mit Zähnen und Klauen verteidigt, wie die Kontroversen rund um den Spritpreis vor Augen geführt haben. Eine Leben ohne Auto - undenkbar.

Alles, was schneller als ein Ochsengespann fährt ...

... bläute uns seinerzeit jener Polizeioffizier ein, den ich bei der Berufskraftfahrer-Ausbildung erlebte. Ich, der von Berufs wegen selber im Lkw saß und zigtausende Kilometer heruntergespult habe, kenne die Gesetze der Fahrphysik aus eigener Anschauung - und von beiden Seiten, aus der Lkw-Kabine und vom Fahrradsattel aus. Darin begründet sich auch mein Verhältnis zu Maßnahmen nicht nur der aktiven, sondern auch der passiven Sicherheit: In der aktuellen Situation bin ich für die Helmpflicht beim Radfahren (wie auch bei bestimmten Sportarten), weil mir die Vorbildwirkung einfach zu kurz greift, um über eine Gewöhnungsphase zur Akzeptanz zu kommen. Diese Position vertrete ich nach einem selbst er- oder besser: über-lebten Unfall, bei dem mich ein überholender Pkw leicht touchiert hatte und ich schwerstens zu Sturz kam, sowie nach mehreren Beinahe-Unfällen.

Umgekehrt würde ich jeder Radlerin und jedem Radler eine Bevorzugung zukommen lassen wie z. B. einen überdachten Abstellplatz, Umkleideraum und Dusche, Radservice, und zwar im Wissen, dass so den Problemen mit den Parkplatzressourcen auf dem Betriebsgelände und der Verkehrsbelastung auf den Straßen konkret entgegengewirkt wird. Mindestens gleich wichtig erscheint mir aber auch aus Arbeitgebersicht, dass radelnde MitarbeiterInnen zwar nicht ausgeruht, dafür aber „aufgeladen" zur Arbeit erscheinen und dabei durch das tägliche Training und die damit verbundene Abhärtung weniger bis gar nicht krankheitsanfällig sind. Ich weiß schon, dass man sich selbst nicht als Maßstab nehmen sollte, aber ich sage es, wie es ist: Ich war in meinem ganzen, 45 Jahre dauernden Arbeitsleben nie krank.

So oft, so weit, so langsam wie möglich

Allerdings hatte ich mehrere Sportverletzungen. Zu meinen radsportlichen „Taten" zählen diverse MTB- und Radmarathons. U.a. fuhr ich fünf Mal die „Tour de Mur" und 17 Mal den Wildoner Radmarathon. Im Vordergrund steht -mittlerweile stand - für mich aber die Ausdauerleistung im Alltag, die Beweglichkeit und Geschmeidigkeit im Sinne eines umfassenden Mobilitätsbegriffes. Und wo geht das besser, als am werktäglichen Weg zur und von der Arbeit. Das Problem unserer Zeit und der Volksgesundheit ist ja die Immobilität, das Überall-hin-bewegt-Werden statt sich selbst zu bewegen. Ich mit meiner Karriere als Lkw-Fahrer weiß Bescheid: Sport und Alltagsradeln waren für mich der überlebenswichtige Ausgleich zum Job.

2006 erhielt ich vom Land Steiermark für meine Idee, Arbeitgeber sollten MitarbeiterInnen, die mit dem Rad kommen, mit einem zusätzlichen Urlaubstag belohnen, den 1. Preis im Bewerb „Besser leben". Dabei fand ich die Idee gar nicht so großartig, sondern nur logisch und konsequent. Dass sie meines Wissens bis heute von keinem Betrieb umgesetzt wurde, steht auf einem anderen Blatt.

„So oft, so weit, so langsam wie möglich", eine Regel von Dietmar Millonig, die ich verinnerlicht habe. Sie hat mich weggeführt von der in jungen Jahren ausgeschöpften Möglichkeit, durch Sport und Training Höchstleistungen zu erbringen und mir das Risiko von bleibenden Schäden und der Einseitigkeit der Bewegungsform, wo nur der Geist und der Ehrgeiz die Leistung abverlangt, vor Augen geführt. Mit 45 hatte ich es im Kreuz und die Gelenke schmerzten - heute bin ich, nicht zuletzt dank der Behandlung von Sportarzt Eduard Lanz, beschwerdefrei und mache mit 61 Übungen, die wesentlich Jüngere nicht schaffen.

"Wer gut alt werden will, muss früh damit anfangen"

(Prof. Helmut Aiglsreiter)

Ich bin heute - und schon lange - fest der Überzeugung, dass Sport vom Grundgedanken her - abgesehen vom Spaßfaktor - der Beweglichkeit und Geschmeidigkeit bis ins hohe Alter dienen soll. In meinem Fall ist es Karate Do-Shotokai. Eine weiche und doch dynamische Kampfkunst, in der es keinen Wettbewerb gibt und wo besonders auf die Entwicklung des Qi als fließende Lebensenergie geachtet wird. Daneben gefällt mir noch das Boarden - Wind- und Eissurfen sowie Snowboarden.

Ich bin mir sicher, dass eine radelnde Gesellschaft das momentane Gesundheitswesen völlig verändern würde und im öffentlichen Verkehr dadurch wesentlich kleinere Einheiten unterwegs wären. Auch wenn es nach einer Vision klingt und symbolhaft gemeint ist: Durch den starken Radverkehr würde auf einmal die Wegbreite (für das einzelne Individuum) zunehmen und statt von Autobahnen könnte man von Lebensbahnen sprechen.