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Ernst SITTINGER: Vom Elend des Alltagsradl(n)s.
Ein Sportgerät ist kein Verkehrsmittel - oder doch?

Ernst Sittinger
Ernst Sittinger
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Jg. 1966; Jurist, Journalist, Kabarettist; Mitglied der Chefredaktion „Kleine Zeitung"; Alltags- und Bergradler; MTB Trek 8500, Merida Matts 2000, Steirerbike First Edition, Puch Clubman 1977, KTM Herrenrad 70er-Jahre, Basso Rennrad 80er-Jahre; 2008: 3500 km Stadt/ 4200 km Berg (85 000 Hm)

Unsere Gesellschaft steht im Spannungsfeld zwischen Fitness-Wahn und Bewegungsfaulheit.Wenn es etwa darum geht, bei einem Triathlon 100 Kilometer Rad zu fahren, lassen sich tausende Hobbysportler weder durch Wind oder Wetter noch durch Gebrechlichkeit an der Teilnahme hindern. Sie zahlen sogar eine Startgebühr, um sich in ihrer Freizeit bis an den Rand des Zusammenbruchs abzurackern. Und sind am Ende froh, wenn es statt des 94. Platzes dann doch der Rang Nr. 63 in der Altersklasse „Masters III" geworden ist.

Sind aber die täglichen Verkehrsgewohnheiten zur kritischen Überprüfung aufgerufen, dann werden all die zähen Eisenmänner (und -frauen) plötzlich butterweich. Ein Arbeitsweg von vielleicht elf oder 15 Kilometern gilt ohne Auto als völlig unbewältigbar. Es kann schließlich niemandem zugemutet werden, derart enorme Entfernungen mit Muskelkraft zurückzulegen! Erstens ist es ja fast immer zu kalt oder zu heiß, zweitens könnte es regnen oder es liegt noch Schlamm vom letzten Guss auf den Wegen.

Drittens der Schweiß!! Eh klar: Man kann nicht wie ein Schwein im Büro erscheinen. Vor die Wahl gestellt zwischen Schweißgeruch und Autoqualm wählt man lieber Letzteren: Bevor die eine Stinkerei das Image gefährdet, soll lieber die andere die Gesundheit und Umwelt ruinieren. Man stinkt lieber tödlich als eklig. 

Bitte kräftig Abgas geben!
Die Ausredenliste gegen das Stadtradfahren lässt sich beliebig fortsetzen: Schweres Gepäck, Einkauf auf dem Nachhauseweg, vielleicht die Kinder abholen müssen, Auswärts- oder Abendtermin. Keine Zeit für ein subjektiv so langsames Verkehrsmittel (auch wenn's in der Stadt fast immer schneller geht als mit dem Auto). Räder können auch gestohlen werden. Wenig Luft im Reifen. Die Batterie für das Rücklicht ist auch schon schwach... Ja, und Radfahren ist auch sehr gefährlich! Wegen der vielen Autos nämlich. Die machen auch die Atemluft viel zu schlecht fürs Radeln. Und als paradoxe Intervention setzt man sich dann lieber gleich selbst in die Blechkiste, um wieder kräftig Abgas zu geben. Und am Wochenende gibt's die nächste Challenge: Erstdurchquerung des Gleinalmtunnels ohne künstlichen Sauerstoff.

Diese Beobachtungen sollen nicht von einer moralisch überlegenen Warte aus getroffen werden. Denn viele der geschilderten Mechanismen und Denkweisen habe auch ich an mir selbst erlebt. Ich war lange ein Betroffener des Paradoxons: Eine Mountainbike-Tour mit 2000 Höhenmetern mutete ich mir gerne zu, die 40 Höhenmeter starke Anfahrt ins Büro strampelte ich nur widerwillig herunter. Und das liegt ganz bestimmt nicht am Büroklima.

Motivation durch Herzinfarkt
Woran es liegt? Ich denke, es gibt psychologische und faktische Komponenten. Erstere sind rasch besprochen: Dass wir als Spezies nicht gerade zu den beweglichsten Tieren zählen, liegt auf der Hand. Oder zum Beispiel am Beckenrand: In jedem Schwimmbad kann man erkennen, dass wir nicht zu den Hechten, sondern zu den Karpfen zählen. Man könnte auch sagen: Wir sind faul. Oder positiv und zeitgemäß ausgedrückt: Wir müssen eigens motiviert werden, um uns zu bewegen.

Motivation kommt entweder erst in Gestalt des Herzinfarktes oder schon früher.

Womit wir bei den faktischen Komponenten des stadtradfeindlichen Klimas sind. Denn Motivation kann gerade auch aus einer hervorragenden Ausstattung bestehen. Für den Sektor des Freizeitsports ist das eine Binsenweisheit. Da gibt es die besten Klamotten, die schrillsten Farben, die erlesensten Materialien, das perfekte Feintuning für Mensch und Fahrrad-Maschine.

Umso erstaunlicher ist, dass sich bisher niemand die Mühe macht, für den Bereich des Stadtradfahrens ähnliche Angebote zu machen. 

Das Elend der City-Räder
Gut, in den Prospekten werden eilfertig sogenannte „City-Räder mit Komplettausstattung" angeboten. Aber das Meiste davon ist ein Glumpert, dass es eine Schande ist. Wer es nicht glaubt, mache den simplen Test: Das für die Alltagstauglichkeit und den Spaß-Faktor wichtigste Kriterium des Fahrrades ist sein Gewicht. Dieses wird aber bei City-Rädern in den Werbeprospekten gar nie bekannt gegeben. Und das aus gutem Grund: Die monströsen Gefährte wiegen meist zwischen 16 und 26 Kilogramm. Knackwürste aus Bad Tölz
Während also bei Mountainbikes mit beinahe grotesken technischen Raffinessen um wenige Dekagramm gefeilscht wird - zehn bis elf Kilogramm Rad-Gewicht sind Standard, es geht auch darunter -, mutet man dem Stadt-Biker bis heute zumeist schwere Schrottware aus der Waffenrad-Ära an. Wie soll da Freude aufkommen? Ähnlich traurig sieht es bei sämtlichem Zubehör aus. Und die Kleidung ist überhaupt ein eigenes Kapitel: Bei Sportkleidung wird auf Luftdurchlässigkeit, Schnelltrocknung, optimales Körperklima, Winddichtheit und auf ebenso praktische wie leichte Regen-Tools geachtet. Aber vom Design und vom Schnitt her sind die Trikots leider so abgefahren schrill, dass sie nicht einmal als Backoffice-Outfit oder für den casual Friday taugen. Normal gebaute Biker sehen in diesen Klamotten aus wie eine Knackwurst auf Sommerfrische in Bad Tölz. Radfahren zur Arbeit mag heute sozial akzeptiert sein, aber wer im passenden (weil bewegungs-tauglichen) Turngewand im Büro erscheint, kann einpacken.

Mumien im Anzug
Umgekehrtes gilt für Anzüge, Hemden und sonstiges Business-Outfit: Die Büromode wird gnadenlos für bewegungslose Mumien, sprich: Autofahrer geschneidert. Es kam noch niemand auf die Idee, zwei Zwecke zu verbinden: sozialverträglich-modisches Aussehen und annehmbare klimatische Körperbedingungen für den sportlichen Träger. Die Werbebezeichnung „sportlicher Schnitt" hat mit Sport leider so viel zu tun wie der Sportwagen. Daher mein flehentlicher Appell: Modeschöpfer aller Länder, schöpft! Eine Marktlücke erwartet euch.

Fazit: Wollen wir Stadtradfahrer endlich zahlreicher werden, brauchen wir nicht nur gut gepflegte, breiteRadwege (die aber natürlich auch). Es muss auch das Angebot rundherum stimmen - vom Rad über die Bekleidung bis zu brauchbaren Taschen/Rucksäcken, die den Benützer nicht gleich wie einen Pauschaltouristen oder Fahrradboten aussehen lassen. Das alles wär auch was für die Politik - etwa für den nächsten Design-Preis.

Rad-Mutant aus dem Selbstbau
Ich selbst habe das Rad-Problem für mich übrigens gelöst. Indem ich ein wunderbar leichtes, hochwertiges Mountainbike so umgebaut habe, dass es voll city-tauglich wurde - also Nachrüstung mit Kotblechen, Glocke, Licht, Gepäckträger, Fahrradkorb und wintertauglichen Warmhalte-Griffen. Die schwerste Komponente ist jetzt das massive Fahrradschloss. Weil diese Art Rad-Mutant nämlich leider gar so schwer erhältlich ist!