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Eva RÜMMELE: Von Renn- und anderen Hühnern

Eva Rümmele
Eva Rümmele
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Zur Autorin:
Jg. 1975, Sportwissenschafterin/ Personal Trainerin; Mountainbikerin/ Downhill; Rennrad Stoeger (zu Trainingszwecken), MTB Genesis (als Stadtrad), MTB Cube, MTB Downhillbike Steinbock (Eigenbau); radlerische Leistung 2008: ca. 100 km Stadt, 300 km Downhill, 500 km MTB (nicht repräsentativ, da ich einen einjährigen Sohn habe und der nächste im Anmarsch ist)

Im Jahr 2006 wurde über 100 Jahre nach der Gründungdes ersten Rad fahrenden Damenklubs in Graz, des Grazer Damen Bicycle-Club (gegr. 1893), der zweite historisch relevante Radverein für Frauen gegründet: die „velochicks".

Die Beweggründe zur damaligen Zeit waren oder sind zumindest aus heutiger Sicht relativ einfach zu verstehen: Die Frauen wollten der „Pflicht", sprich Haus, Herd und Familie, davonradeln. ;) Fast alle Radvereine akzeptierten Frauen nur als Aufputz und Bannerpatinnen. In der heutigen Zeit jedoch, in der die Frauen der Pflicht längst davongefahren sind (glaubt man zumindest) und natürlich in jeden x-beliebigen Radverein eintreten dürften, hört man des Öfteren den Satz: „Ein Radverein nur für Frauen, wozu soll das gut sein?"

Die Beantwortung dieser Frage ist nicht ganz einfach, denn: Was können die Damen in einem Radverein nur für Frauen wirklich anders machen als in einem Verein, der Männer und Frauen gleichermaßen unterstützt? Dazu einige (mehr oder weniger) gute Gründe, die mir in den Sinn kommen: Frauen und Männer haben sehr oft einen anderen Zugang zum Sport - Männer betreiben ihn, um sich mit anderen zu messen, Frauen, um zu entspannen, abzuschalten und Spaß zu haben. Um noch einmal einen historischen - männlichen - Zeugen zu zitieren: Laut dem Mediziner Otto Gotthilf von 1900 ist diese Motivlage für Frauen sogar legitim - übten sie das Radfahren jedoch aus „Emancipationsgelüsten, Eitelkeit oder Gefallsucht" aus, sollten sie sich „charakterfest" zeigen, und es bleiben lassen. Der Schluss aus dieser Haltung, die durchaus auch dem offiziellen Wording des Grazer Damen-Bicycle-Club entsprach: Man (frau) muss halt nur nach den richtigen Gründen suchen und das „Marketing" so gestalten, dass auch Mann gewisse Dinge akzeptieren kann. In manchen Angelegenheiten ist das ja auch in der heutigen Zeit noch der Fall.

Im Unterschied zur damaligen Rechtfertigungsstrategie unterstützen die „velochicks" selbstverständlich auch Frauen die aus Emanzipationsgelüsten, Eitelkeit  oder Gefallsucht Rad fahren wollen. Sondieren wir die Motivlage für die Gründung unseres Vereins weiter, so stoßen wir bald auf rollenspezifische Verhaltensmuster, die es zu durchbrechen galt: Frauen wollen nicht immer den Männern hinterher radeln, denn oft zeigen sich diese gerade dann, wenn Frauen anwesend sind, als besonders ehrgeizig. Der Zugang ist einfach ein anderer: Frauen wollen sich (z. B. bei einem Techniktraining) nicht blamieren und die Schlechtesten sein (auch wenn sie das meistens nicht sind), Männer gehen sowieso immer davon aus, dass sie die Besten sein werden. Positiv formuliert: Frauen wollen sich gegenseitig motivieren und das gelingt besser, wenn sie gehäuft auftreten (und nicht in der Minderheit sind, wie in „normalen" Radsportclubs). Und last but not least: Frauen sind eben manchmal auch ganz gerne unter sich und wollen einmal das Gefühl genießen, Männer vom Stimmrecht auszuschließen. ;)

Es gibt sicher noch einige Gründe, die für einen Radverein für Frauen sprechen, dem bis heute ca. 50 Mitglieder beigetreten sind. Jede könnte gewiss andere Motive nennen. Frauen sind eben einfach anders und Männer Gott sei Dank auch. Radwettkämpfe für Frauen waren zur Zeit des GBDC und seiner Obfrau Elise Steininger noch eher unschicklich und die Teilnahme an Wettkämpfen hätten den Affront gegen die Etikette auf die Spitze getrieben, weshalb Steininger & Co. auch Einladungen zu Rennen auch ablehnte. Frau übte sich im Reigenfahren und bereicherte mit Blumen geschmückten Rädern den einen oder anderen Korso, während bei Ausfahrten, bei denen unter sich war, schon kräftig in die Pedale getreten wurde.

Bei den „velochicks" hingegen besteht ein großer selbst gestellter Aufgabenbereich - zumindest im Bereich des Marketings - gerade eben aus der Wettkampftätigkeit. Diejenigen, die an Wettkämpfen teilnehmen sind zwar mit vier bis fünf „Rennhühner" bei weitem in der Minderzahl, die Medienpräsenz des Vereins wird aber trotzdem hauptsächlich durch sie erreicht. Der Rest des Vereins setzt sich aus „Spaßhühnern" zusammen - aus welchem Grund diese das Radfahren betreiben, geht eindeutig aus dem Namen hervor. Die Aktivitäten der velochicks reichen von gemeinsamen Ausfahrten mit anschließendem Grillen,  Mountainbike Techniktraining für alle Könnensstufen und Sparten, Radreparaturkursen bis zu Vorträgen über speziell auf Frauen ausgerichtetes Training (denn der Frauenkörper ist, wie wir alle wissen sollten, kein kleiner Männerkörper), Tapingkursen und Sportmassage und auch Langlauf- und Schwimmkurse hat es schon gegeben.

In diesem Sinn des sportlichen Multitaskings knüpfen wir wiederum an die historischen Vorbilder an, waren doch die ersten Kicker ebenso wie die ersten Skiläufer Radler und die meisten frühen Radvereine Mehr- bis Multispartenclubs, deren Mitglieder sich in allen möglichen und unmöglichen, auch in künstlerischen Disziplinen, übten. In so ferne ist es auch verständlich, dass von ihnen damals das öffentliche Leben ganz wesentlich mitbestimmt und die letzten Bande absolutistischer Kontrolle gelockert wurden. Gerade die Radvereine waren Sperrspitze gesellschaftlicher Entwicklungen im demokratischen Sinn, deren Wirkung über Sport und Köperbewusstsein, Spaß und Spiel und vor allem über die öffentliche Teilnahme der Frauen nicht zu überschätzen ist.

So gesehen haben die „velochicks" im Grunde „nur" emanzipatorische Ansätze aufgepickt, wenn auch von einer anderen, aufgeklärten Basis aus und mit anderen Akzenten als vor 106 Jahren.



Hinweise:
"Elise Steininger und die Anfänge des Damenradfahrens in Graz"
Externe Verknüpfung "Velochicks"