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Vasleska und Philipp SCHAUDY: Radlalltag anderswo

Valeska und Philipp Schaudy
Valeska und Philipp Schaudy
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Zur Autorin: Jg. 1978, Umweltsystemwissenschafterin,  Fern- und AlltagsradlerIn, z. Z. Cayenne 7000
Zum Autor:  Jg. 1973, Geograf; z. Z. Cayenne 7000
gemeinsame Km-Leistung 2008: 17.000 km
("Weltumradelung" Okt. 2006 bis Stand Feb. 2010: 55.000 km)

Unglaublich für die meisten, aber wahr - Radfahrenmacht uns immer noch Spaß! Wir haben beschlossen, diese Reise zu unserem Lebensinhalt für fünf Jahre zu machen. 41.000 Kilometer haben wir nun, Ende Jänner 2009, zurückgelegt, seit unserem Start am 9. Oktober 2006 am Nordkap. Bisher sind wir durch Europa, Vorderasien, quer durch Afrika von Nord nach Süd, rund um Australien und durch Indien geradelt. Nie in der Absicht, Rekorde aufzustellen, aber mit Zielen; immer dort verweilend, wo es uns gefällt, dennoch mit einem Plan im Kopf; und einmal im Jahr länger pausierend, um Geld für die Weiterreise zu verdienen. Vor uns liegen die Straßen Asiens, Nord- und Südamerikas, noch ca. weitere 60.000 Kilometer.

Radfahren ist für uns „der Weg", um Leute und Länder kennenzulernen. Ein Weg, der näher am Menschen und unmittelbar am Geschehen ist, der einen involviert, wo anders Reisende nur vorbeistreifen. Dass diese permanente „Close to"-Situation nicht nur erfreuliche Erlebnisse beschert, war uns vor dem Start klar - schließlich hatten wir beide schon einschlägige Erfahrung mit Fernradreisen. Bettelnde Kinderscharen im Schlepptau, Steinwürfe, Gegenden mit schießenden Banditen, der Natur immer und überall unvermittelt ausgesetzt ...

Das Radfahren ist für uns zum Alltag geworden - allerdings könnten wir uns keinen spannenderen vorstellen. Alltag auch hinsichtlich des Faktums, dass wir nicht jeden Tag von Neuem grübeln und hinterfragen, ob das, was wir tun, Sinn macht. Und wir haben einiges vom Alltag und der Alltagsmobilität in den von uns besuchten Gegenden mitbekommen. Hier Ausschnitte aus unseren Tagebüchern:

Afrika

Auf einer Piste im Sudan, variierend zwischen Sand, Wellblech und Steinen. Gut zu fahren ist sie nie. Sieben Tage sind wir mit diesem Stück beschäftigt. Im Schnitt schaffen wir 64,4 Kilometer pro Tag - am schlechtesten gerade mal 40. Wir fahren, schieben, zerren die Räder durch die Wüste Richtung Süden.

Äthiopien. Kurz vor Gondar beginnt wieder Asphalt - oh Jubel, oh Freud! Kaum motorisierter Verkehr auf der Straße. Hier läuft man zu Fuß. Auch das Rad scheint noch nicht erfunden zu sein. Alles wird getragen. Die Baumstämme, Brennholz, Wasserkanister, der Pflug zum Feld, kleine Tiere, wie zum Beispiel Hennen zum Markt ins zehn Kilometer entfernte Dorf. Nur das Großvieh darf selber gehen. Herden von Kühen, Schafen und Ziegen werden über die und auf den Straßen getrieben. Auf der Landstraße unterwegs zu sein, ist mit einem Hindernislauf zu vergleichen.

Plötzlich kommt uns ein Radfahrer entgegen. Bepackt wie wir und ebenso auf Weltreise ist Alvaro aus Spanien. Er nennt sich „Rad fahrender Clown" („Biciclown") und unterhält unterwegs kleine und große Kinder mit seinen Zauberkünsten - seine Strategie, mit den Leuten des Landes in Kontakt zu kommen. Erstaunlicherweise haben wir in dieser Woche schon drei Partien von Fahrrad-Weltenbummlern kennengelernt.

Vor kurzem trafen wir das schweizerischdeutsche Pärchen Kurt und Dorothee. Beide um die 50, seit neun Jahren per Velo unterwegs, in ein paar Monaten wollen sie zurück in Europa sein. Ebenfalls auf dem Heimweg - zurück nach England - ist Jason, den wir im Sudan getroffen haben. Er ist ein richtiger Freak - seit 13 Jahren ist er mit seinem Projekt beschäftigt - einmal um die Welt und das mit eigener Kraft! An Land per Rad und über die Ozeane im Tretboot! Wenn es über einen Fluss keine Brücke gibt, schwimmt er, denn Fähren sind für ihn tabu. Diese Langstreckenradler sind eine Inspiration für uns und  der Beweis, dass es noch andere „Verrückte" gibt.

Über die Grenze nach Kenia. 534 Kilometer Schotterpiste von feinster kenianischer Machart, das ist der „Trans East African Highway". Grober Schotter, feiner Schotter, große Steine, kleine Steine, Sand und Staub. Mit dem Fahrrad ist die Strecke kaum zu befahren. An unserem schlechtesten Tag haben wir einen Schnitt von 6 km/h und abends gerade 50 Kilometer zurückgelegt. Dazu kommen permanent starker Gegenwind, hunderte von Tse-Tse-Fliegen, die uns in die Waden beißen, und die Hitze mit über 40 Grad.

Wir kommen in ein Dorf. Alles strömt zu Fuß oder mit dem Rad zum Markt. Auf die Fahrräder schnallt man Zuckerrohrstangen, Holzkohlesäcke, gackernde Hühner, ganze Bananenstauden. Manch einer fährt nur zum Einkaufen, jedoch ebenso bepackt: Mama sitzt vorne auf der Stange, die beiden Kinder sitzen auf dem gepolsterten Gepäcksträger hinter dem kräftig in die Pedale tretenden Papa.

Kleine Kinder spielen auf der Straße mit selbst gebastelten Autos. Geformt aus Draht, rollend auf bunten Rädern aus Verschlüssen von Plastikflaschen. Ein größerer Schuljunge fährt stolz auf einem Fahrrad aus Holz.

Manchmal wird es eng, wenn ein Bus glaubt, einen entgegenkommenden LKW überholen zu müssen, obwohl wir gerade von einem Minibus überholt werden. Aber generell verhält sich der Schwerverkehr uns gegenüber sehr fair und es wird großräumig ausgewichen, aus den Fenstern gewunken und lachend der Daumen nach oben herausgestreckt.

Malawi ist grün und fruchtbar und, wenn wir vom Seeufer des riesigen Malawisees wegfahren, auch sehr gebirgig. Kaum motorisierter Verkehr, die Straßen sind ein einziger Radweg! Ja, wir sind wieder in einem der ärmsten Länder Afrikas unterwegs. Aber nicht nur vom Verkehrsaufkommen distanziert sich Malawi von Tansania und Kenia. Seitdem wir Äthiopien hinter uns gelassen haben, laufen „endlich" wieder hysterisch schreiende Kinder mit „Giv-e-me! Giv-e-me money!!" an die Straße und hinter den Rädern her. Manchmal ist es fast zu viel ... Sobald die Leute allerdings über das Kindesalter hinausgewachsen sind, sind sie extrem freundlich, hilfsbereit, ... einfach nett.

Australiens Ostküste

Radwege und -streifen sind in Australien so gut wie nicht existent. Die meiste Zeit ist ohnehin kein Verkehr. Doch wenn die Straßen voller sind, gilt für viele Autofahrer das ungeschriebene Gesetz des Stärkeren, und sie tendieren dazu, uns sehr knapp zu überholen. Was uns im Gegenzug dazu bewegt, auf unserm Recht zu beharren, dass uns die halbe linke Spur gehört - was wiederum den Verkehr blockiert, da jeder, der uns überholen will, eine freie rechte Spur braucht, um ausscheren zu können. Wie auch immer, es passieren Wunder, und plötzlich gibt es einen Radweg - meist entlang von Stränden und manchmal sogar in Städten.

Eine perfekte kleine Straße für Radler, jedoch die Aufund Abfahrten, wenn man Straßen zu queren hat, sind nur im Schleichgang zu bewältigen, da sie viel zu steil sind oder überhaupt über eine Gehsteigkante führen - und natürlich haben alle Autos im Querverkehr Vorrang. Kein einziger Radweg ist ausgeschildert, deshalb müssen wir ständig Leute fragen. Der Weg teilt sich in drei verschiedene Richtungen ohne irgendeine Beschilderung. Und natürlich ist jetzt wieder niemand hier, den man fragen könnte. Es ist zum aus der Haut fahren!

Die Radwege (wenn man es schafft, sie nicht zu verlieren) „enden" oder „verlaufen sich" letztendlich irgendwo im dichten Verkehr, und wir finden uns in Gegenden, wieder, in die wir nie wollten oder haben durch die Zick-Zack-Irrfahrt komplett die Orientierung verloren. Die einzigen Straßen, auf denen „Radwege" funktionieren, sind Autobahnen. Auf diesen ist es - komisch, aber wahr - erlaubt, zu radeln. Auf allen Autobahnen der Welt gibt es Pannenstreifen. Hier sind sie als Radwege ausgeschildert und tragen sogar aufgemalte Fahrräder am Asphalt. Perfekt! Und man kann sich auch nicht verfahren, denn die Richtung ist wirklich eindeutig :-) Aber dann hört die Autobahn auf und die Straße ist wieder schmal - natürlich gibt es jetzt auch keinen Pannen... äh... Radstreifen mehr - meistens nicht einmal eine ausreichend breite Schulter, auf der man fahren könnte. Uns ist klar, warum hier niemand Fahrrad fährt - nicht einmal rund um die Universitäten oder in den Innenstädten.

Im Nordwesten Australiens

In Kununurra, dem letzten Ort bevor es in den Schotter (der Gibb River Road) geht, bunkern wir Lebensmittel für zehn Tage und senden (mit einer Touristengruppe) Proviant für weitere zehn Tage zum einzigen Roadhouse in der Mitte der Strecke. Kaum haben wir den Asphalt verlassen, erwarten uns Sand, Wellblech und vor allem Staub. Freundlich winken Fahrer und Beifahrer, wenn sie in ihren 4X4-Fahrzeugen an uns vorbeidonnern, uns in eine dicke orange Wolke hüllen und Steine bis an den Kopf schleudern. 90 Prozent aller Fahrzeuge bremsen keinen km/h herunter, wenn sie vorbeifahren. Das Verhalten auf der Straße schwächeren Verkehrsteilnehmern gegenüber ist in ganz Australien sehr rüpelhaft. Hier auf der Piste ist es am schlimmsten - uns unverständlich! Zum Glück nimmt die Verkehrsdichte ab. Dennoch ist diese unasphaltierte Strecke mühsam und wir hoppeln langsam dahin.

Die Natur um uns lässt uns allerdings jede Strapaze vergessen. Flaschenbäume neben der Straße, Hügel und Felswände in rot-orange. Fast täglich kommen wir an Schluchten vorbei bzw. machen wir Abstecher dorthin. Steile Wände, klares sprudelndes Wasser, gesäumt von Palmen - kleine Oasen im heißen, trockenen Nordwesten Australiens. Wasserbecken laden zum Schwimmen und Abkühlen ein und Wasserfälle massieren unsere Schultern. Oft sind wir völlig alleine, schwimmen lange durch Schluchten und entdecken wunderschöne Winkel. Wir zelten an kleinen Bächen neben Palmen, springen zum Ausklang des Tages noch einmal ins Wasser und sitzen abends lange am wärmenden Lagerfeuer, da es nachts bis auf wenige Grade über null abkühlt.

Indien

Jayesh, unser Freund in Trivandrum, holt uns - nach einem langen Flug von Australien nach Indien - am Flughafen ab und hat für uns eine Unterkunft organisiert. Wäre er nicht hier gewesen, wir hätten dem Taxifahrer nie geglaubt, dass wir in die richtige Richtung, sprich Innenstadt, fahren - schmale, unbeleuchtete Gassen, in denen Pfützen stehen und Müll in den Ecken liegt. Wir bleiben zwei Tage, bevor wir aufbrechen.

Die Räder gehören wieder zusammengebaut und wir genießen unsere ersten Eindrücke in Indien - Menschengewühl, fremde Gerüche, bunte Farben, Tempel und das phantastische Essen! Dann starten wir Richtung Norden.

Wer am lautesten hupt, gewinnt, beziehungsweise überlebt. Das ist die Verkehrsregel Nr. 1 auf Indiens Straßen. Alles fährt buchstäblich kreuz und quer. Überladene Lkws, klapprige Busse, kleine Pkws, Motor- Rikschas und Pferdekutschen. Überholt wird am liebsten in Dreierreihen in der Kurve. Erstaunlicherweise geht es sich meistens irgendwie aus.

Über die Kreuzung rollt ein Bettler. Er hat keine Beine, so sitzt er auf einem Brett mit alten Kugellagern als Räder dran, das er mit den Armen vorwärts treibt. Durch den Straßenstaub und Schmutz. Wasserbüffel werden an ihm vorbei aufs Feld getrieben. Er ruft „Happy Journey", als wir auf unseren bepackten Fahrrädern vorbeirollen. An langsameren Verkehr ist man hier gewöhnt, und zum Glück ist auch der schnelle Verkehr nicht sonderlich schnell.

Allerdings sind hier im Süden Indiens kaum Fahrräder zu sehen - widersprüchlich zum Klischee, dass Indien ein Fahrradland sei? Ob man so wenig Radfahrer sieht, weil der Süden ein reicher Landesteil ist, oder ob die Räder in Indien wirklich am Aussterben sind, werden wir in den nächsten Wochen herausfinden...



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