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Colette M. SCHMIDT: Die gestohlene Freiheit
oder: Psychogramm eines Fahrraddiebes

Colette M. Schmidt
Colette M. Schmidt
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Zur Autorin:
Jg. 1971 (geb. in Kitchener/CDN), Redakteurin „Der Standard", Autorin, Berufs- und Privatradlerin („keine sportlichen Gewalttouren"), Damenrad „Everest Sport" („Wenn mich wer fragt, was ich für ein Rad fahre, antworte ich: Ein altes, rotes."),  Km-Leistung 2008: Hmh? („Ich bewege mich seit über 20 Jahren, abgesehen von zwei Jahren Autobesitz, in der Stadt fast ausschließlich mit dem Rad.")

Beim siebten mir gestohlenen Fahrrad - es wurdemir im Winter 2005/06 genommen - begann ich erstmals, ernsthaft über das Täterprofil jener Menschen nachzudenken, die mir immer wieder meine Freiheit auf zwei Rädern stehlen.

Dass von mehreren Tätern auszugehen war, dessen war ich mir sicher. Auch wenn Graz eine überschaubar kleine Stadt ist und mir noch nirgendwo sonst ein Rad gestohlen wurde, reicht meine von lebhafter Fantasie angeheizte Paranoia doch nicht so weit, dass ich mir vorstellen kann, dass über etwa 20 Jahre hinweg mich ein und derselbe Fahrraddieb durch nicht weniger als acht Wohnsitze in drei Grazer Bezirken verfolgt. Also mehrere.

Wer also sind die Täter? Und welche Gemeinsamkeiten haben sie? Wissen sie wirklich, was sie mir jeweils antun, welche Zäsuren sie in einen an sich schon nicht reibungslosen Alltag hineinschlagen?

Dazu ein kurzer Exkurs, lieber Fahrraddieb, falls Sie diese Zeilen jemals lesen. Ein Exkurs zur Bedeutung, die der Drahtesel für mich hat, seit ich von einem bodennahen Dreiradler auf ein richtiges Rad aufstieg. Schon das erste Rad, das ich gebraucht von meiner Kusine in Kanada übernahm, nachdem es einige Jahre untätig an der Garagenwand meines Onkels hängen musste, wurde mir sofort zu einem erweiternden Modul des eignen Körpers. Es schenkte mir eine bis dato nicht gekannte Freiheit. Versuchen Sie doch mal, mit einem Dreiradler schnell davon zu kommen, wenn es hart auf hart geht. Die Beschleunigung des Vorankommens, des Entkommens aus der Reichweite der Erwachsenen und die Erkenntnis, dass dieses Gerät irgendwie auf mysteriöse Weise mit dem eigenen Gehirn verbunden ist, faszinierten mich. Dass es mit dem eigenen Hirn verbunden war, bewies die Art, wie man es zu beherrschen lernte. Der Klassiker: Ein Erwachsener hielt das Gefährt am Gepäcksträger fest, während man versuchte ohne Stützräder voranzukommen. So lange man dachte, gehalten zu werden, funktionierte das, auch wenn der Gangster von einem Erwachsenen eine längst ausgelassen hatte. Und um zu erkennen, dass sich Balance irgendwo zwischen den Ohren im Kopf abspielt, dazu braucht ein Kind auch keinen Neurowissenschaftler.

Dieses dunkelviolett schimmernde Rad, es war mein „Banana Bike", denn es hatte einen langgezogenen, weißen - eben bananenförmigen - Sitz, hatte mit meinem Gehirn Kontakt aufgenommen und reiste nun fast so schnell wie ein Gedanke mit mir durch die ruhigsten, kinderfreundlichsten Viertel meiner Geburtsstadt. Dort, wo die Gehsteige breit wie zweite kleine Straßen für uns Kinder viel Platz boten, um an sauberen Einfamilienhäusern vorbei zu zischen, war die Kriminalitätsrate gegen null. Dass irgendwo auf einem anderen Kontinent eines Tages Menschen dazu fähig sein könnten, mir diese Freiheit einfach heimlich, hinterhältig und immer wieder zu stehlen, wäre mir ebenso wenig in den Sinn gekommen, wie die Sorge, Winnie the Pooh könnte in Wirklichkeit ein Kinder fressender (deswegen der dicke Bauch!) Serienkiller sein.

Nach meiner Ankunft in Österreich schaffte es ein einziges Fahrrad, mir nicht gestohlen zu werden. Ich war sieben, als ich mein erstes rot glänzendes Puch-Kinderfahrrad geschenkt bekam. Ein besonders liebenswertes Detail war ein kleines zotteliges weißes Hündchen (viel später assoziierte ich es eher mit Whisky-Flaschen), das als Aufkleber auf der Lenkstange befestigt war. Dieses Rad blieb mir, bis ich es als Erwachsene einem Nachbarskind weiterschenkte.

Doch dann begann die Zeit der Verluste - womit ich wieder zu Ihnen komme, Fahrraddieb. Eine Vorliebe für bestimmte Modelle, konnte ich bei Ihnen nie ausmachen. Sie räumten mir sämtliche gebrauchte und ein neu gekauftes Modell vor Wohnungen, Arztpraxen, Redaktionen, Hörsälen, abends vor einem Theater und immer wieder vor meiner Wohnung weg. Ja, sie alle waren abgesperrt, denn ich bin von Natur aus ein misstrauischer Mensch und mittlerweile traue ich auch Winnie the Pooh so einiges zu. Jedes Mal erschütterte mich neben dem finanziellen Verlust diese Anhaltung jeglicher Aktion mitten im Alltag, die Sie damit auslösten. Meine Termine zwischen den verschiedenen Lebensbereichen wie zunächst Uni und Arbeit, später dann Kinder und Arbeit oder Kinder, Kinder und Arbeit, waren stets knapp bemessen, irgendwelche Pannen nicht vorgesehen. Zeit für einen Stau oder zum Parkplatzsuchen und Parkscheinausfüllen? Sicher nicht. Abgesehen davon will ich keine Giftpartikel in die Luft stoßen, wann immer ich mich fortbewege.

Ich versuchte den gemeinen Attacken zu entkommen. Ich schnallte meine Räder mit immer teureren, schwereren Schlössern an Radständer, Verkehrstafeln, Parkbänke, Zäune oder Hydranten, stellte sie im Stiegenhaus ab - umsonst. Als in den Achtzigern die Räder in Österreich plötzlich englischsprachig wurden, stieg ich vom altmodischen Damenrad auf ein sportliches Mountainbike für Herren um, das den Vorteil hatte, dass seine breiten Reifen nicht in Straßenbahnschienen stecken blieben. Ein Vorteil, den wohl auch andere zu schätzen wussten. Es hatte ein abnehmbares, batteriebetriebenes Licht. Dieses blieb mir nach einigen Monaten als einzige Erinnerung. Danach versuchte ich es mit einem etwas grazileren Citybike, das mir ebenso ans Herz wuchs. Weg! Nach nur sieben Wochen. Vor der Oper. Lieben Sie Klassik? Oder warten Sie, bis Sie wissen, dass die Vorstellung begonnen hat und Sie sicher mindestens zweieinhalb Stunden nicht von der Radbesitzerin gestört werden?

Tipps, wie jener, immer auch das Vorderrad mit dem Schloss mit abzuschließen, erwiesen sich als wenig hilfreich. Statt nur den Rahmen oder einen Reifen zu klauen, nahmen Sie so eben das ganze Ding - samt dem teuren Schloss. Ja aber wohin eigentlich? Was machen Sie mit meinen Rädern? Weiter verkaufen, damit fahren, in einen Fluss werfen, als Ersatzteillager verwenden? Oder werden Ihnen die Räder auch wieder gestohlen. Dann wäre so ein Rad doch etwas wie ein Kettenbrief. Ein tröstlicher Gedanke.

Oder gibt es irgendwo einen schaurigen Raum in irgendeinem Keller, in dem Sie ein „Colettes-Räder-Memorialroom" eingerichtet haben? Ein Keller wie in diesen Thrillern aus Amerika ... oder eben wie unter einem österreichischen Einfamilienhaus irgendwo in Niederösterreich. Sind Sie ein Bastler?

Aber ich halte Sie eigentlich nicht für einen gänzlich bösen Menschen. Eine Beobachtung spricht nämlich sehr für Sie: Kein einziges meiner Räder wurde je gestohlen, so lange ich einen Kindersitz auf dem Gepäcksträger hatte oder den Anhänger hinten dran, in dem ich jahrelang meine Töchter umherzog. Irgendwie müssen Sie ein Herz für Kinder haben. Das ehrt Sie, Fahrraddieb. Kaum allerdings montierte ich die Kinderutensilien ab, weil meine Mädels selbst ohne Erwachsenenhand am Gepäcksträger zu fahren begannen: Weg!

Mein Sohn ist jetzt eineinhalb und im kommenden Frühling werde ich wieder den alten Sitz seiner Schwestern auf dem Gepäcksträger montieren - Waffenstillstand, ok?

Einen Kollegen von Ihnen, Fahrraddieb, durfte ich übrigens im Vorjahr kennenlernen: Den viel seltener vorkommenden Einraddieb. Meine Töchter haben nämlich beide innerhalb von mehreren sommerlichen Zirkusschulen, die sie besuchten, Einrad fahren gelernt und beide auch ein solches bekommen. Jenes der älteren hatten wir vor unserer Wohnungstüre im ersten Stock, wo nur wir wohnen, abgestellt. Als es eines Tages weg war, ärgerten und wunderten wir uns. Denn wer kann schon Einrad fahren? (Außer meine überaus talentierten Töchter natürlich.) Was sollte das? Wer muss ausgerechnet so etwas stehlen? Ich wünschte dem Einraddieb, dass er schon beim Versuch aufzusteigen auf die Nase fallen möge.

Wir hatten den Vorfall schon fast vergessen, außer in den wiederkehrenden Augenblicken, da meine Tochter fragte, wann ich ein neues Einrad zu kaufen gedenke, da läutete es eines Abends - Monate später - an unserer Wohnungstüre. Ich erschrak, als ich zwei Polizisten sah und zählte kurz im Geiste nach, ob alle meine Kinder zuhause wären. Doch halb hinter den Beamten versteckt machte ich einen Bruchteil einer Sekunde später einen jungen - durchaus hübsch und freundlich aussehenden - Mann aus. Und in seinen Händen: Das Einrad! In tadellosem Zustand! Der junge Mann entschuldigte sich höflich, erzählte, er habe einige Monate in der Sigmund-Freud-Klinik zugebracht und es ginge ihm nun besser. Davor aber habe er während eines akuten Schubs das Einrad vor unserer Tür geklaut. Er wolle es uns nun zurückbringen und mich bitten, von einer Anzeige abzusehen. Was ich, um die Genesung des Mannes nicht zu gefährden, auch tat. So macht man das, Fahrraddieb!

Wer sich übrigens zumindest psychologische Unterstützung holen will, dem unbekannten Dieb des eigenen Fahrrades eine Nachricht hinterlassen möchte, mit anderen Opfern Kontakt aufnehmen will oder auch mit einem Finderlohn (kann etwa eine Kiste Bier sein), die Chance auf das Wiederauftauchen des Drahtesels erhöhen will, sollte auf die Website http://www.ifindmybike.net/ gehen! Die von einem Grazer eingerichtete Plattform ist ein virtueller Raum des kleinen Trostes, den nur die spenden können, die das Unrecht der gestohlenen Freiheit am eigenen Körper erlebten.

Trost spendet ja auch oft die Kunst. Und da gibt es einen schönen Film von Vittorio de Sica, der vor über 60 Jahren gedreht wurde. Er heißt „Ladri di biciclette - Fahrraddiebe". Und die Geschichte des römischen Tagelöhners Antonio Ricci, der versucht, seine Kinder vor Hunger zu bewahren, beweist: Jeder kann so schnell mit einem Fuß, oder eben einem Rad, im Kriminal landen - auch ohne moralische oder psychische Probleme. Antonio wird - nachdem ihm sein eigenes Fahrrad gestohlen wurde (ja: Täter sind oft auch Opfer) - zur Verzweiflungstat getrieben, selbst ein Rad zu stehlen.

Ich tröste mich manchmal mit dem Bild Antonios, wenn mir wieder ein Rad gestohlen wurde, und hauche dem Unsichtbaren nach: „Viel Glück! Aber vielleicht stehlen Sie das nächste Mal bitte mal ein Auto!"