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Wolfgang WEHAP: Emmas schnittige Sänfte

Wolfgang und Emma Wehap
Wolfgang und Emma Wehap
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Zum Autor:
Jg. 1959, Volkskundler und Journalist, Leiter des Graz-Büros der Austria Presse Agentur (APA), Vorstandsmitglied der ARGUS Steiermark, Alltags- und Tourenradler, Hercules Cabrero Light, Cube Overland (leider gestohlen), Oldtimer (Puch, Junior); Leistung 2008: ca. 1600 km Stadt/ 1000 km Land (z. T. inkl. Kinderanhänger)

Als Emma zur Welt kam und im zarten Alter von elf Wochen ihren ersten größeren Radausflug erlebte, war der Grundstein. Ich als passionierter Radler - laut meiner Mutter muss das genetisch bedingt sein, weil mein Opa, weiland Oberwerksmeister bei Puch, auch ein großer Radler war - hätte mir ja nie gedacht, dass ich Kinderfahrradanhänger einmal tatsächlich in der Praxis testen würde. In der Theorie habe ich ja oft darüber geschrieben, auch darüber, dass die praktischen Transporter in der Steiermark de jure erst ab 2001 erlaubt waren, weil davor eine erforderliche Einzeltypisierung, für die es aber grundsätzlich kein Okay der Prüfstelle gab, eine legale Benutzung verhinderte. Und das zu einer Zeit, als viele Vorarlberger Gemeinden bereits den Ankauf förderten. (Soviel zum Thema seltsame Blüten des Föderalismus.)

Ein Kinderfahrradsitz kam für mich nie in Frage. Also ein Anhänger, im elterlichen Jargon kurz „Hänger". Nicht billig, aber schnittig und komfortabel war er, der Chariot Cougar-1 - „eins" für Einsitzer, denn ein Zweisitzer hätte sich infolge abgeschlossener Familienplanung ohnedies nicht amortisiert. Erstanden bei  Bicycle, waren wechselweise Ulli oder ich mit Klein-Emma als Passagierin im Schlepptau unterwegs, zur Tagesmutter, auf den Lend-Markt, zum Mini-Gottesdienst, zum Kernölkaufen nach Kalsdorf, auf Tour mit FreundInnen. Ab und zu wurde und wird er auch zweckentfremdet, wenn sein Stauraum - ohne Passagierin - für einen größeren Einkauf herhalten muss.

In der Stadt machen überholende Kfz brav einen weiten Bogen um unser mittels Wimpel augenfälliger gemachtes Gespann. Über Land pflügen Emma und ich regelrecht durch Wälder und Felder. Die Zuwaage hinten fällt dabei kaum ins Gewicht, außer es geht bergauf. Der einzige Nachteil, der mir einfällt: Die Kommunikation ist etwas schwierig. Ist der Nachwuchs unruhig, bedarf es oft serieller Kurzstopps, um die Face-to-Face-Situation herzustellen. In der Regel „liest" Emma aber in ihren Bilderbüchern, schaut sich die Gegend an, trällert ein Liedchen oder schläft, wozu das sanfte Geschaukel animiert.

Das Staunen des Publikums hat mit der größeren Verbreitung von Anhängern abgenommen. Wohl gibt es noch immer neugierige Blicke, aufmunterndes Zuwinken und interessierte Anfragen („Ist das nicht gefährlich?"), doch sind solche Transportlösungen inzwischen akzeptiert und gehören zum normalen Straßenbild.

Heute fährt Emma natürlich auch schon selber Rad. Mit zwei bekam sie ein Laufrad, das sie wenige Wochen später schon gut beherrschte. So gut, dass sie mir schon bald einmal ausbüxte. Da habe ich geschimpft, und seither machen wir die Runde um den Block gemeinsam - sie per Rad, ich per pedes, oftmals im Trab hinterher.

Der Umstieg auf das erste Kinderrad war mit drei dann eigentlich nur Formsache und bedurfte dank des bereits geschulten Gleichgewichtssinns keiner Stützräder. Mittlerweile umfasst Emmas Fuhrpark bereits zwei Fahrräder unterschiedlicher Größe, das (alte, aber noch immer verwendete) Laufrad, einen Scooter und diverse Dreiräder und sonstige Vehikel aus dem Hausgemeinschaftspool. Ausgewählte Bilderbuchliteratur, PlaymobilradlerInnen und Filme wie ihr Lieblings-Musikvideo „Love Generation" (Bob Sinclair), in dem ein blondgelockter Bub mit seinem BMX-Rad quer durch die USA radelt, komplettieren die frühkindliche „rädliche" Mobilitätserziehung.

Doch weit gefehlt wäre es zu glauben, dass Emma nicht auch gerne Auto fährt. Mit ihren ersten Worten hat sie zwar - ganz nach dem Geschmack von Papa - „Auto stinkt!" zusammengeklaubt, inzwischen schätzt sie aber durchaus die Vorzüge des automobilen Fortkommens. Immer öfter bekomme ich, wenn wir radeln, von hinten ein ungeduldiges „Schneller!" zu hören und ernte Unverständnis, wenn ich mich im Duell mit motorisierten VerkehrsteilnehmerInnen nicht durchsetze - zumindest nicht bis zur nächsten Kreuzung. Mich schmerzt natürlich, wenn auf die Frage „Willst du mit dem Papa mit dem Fahrrad mitfahren oder mit der Mama mit dem Auto?" ihr Daumen zu meinen Ungunsten nach unten geht. Dieser Tage überraschte sie mich zudem mit der Ankündigung, sie möchte gerne bald den Führerschein machen - und meinte damit definitiv nicht den Radführerschein.

Aber immerhin, die Wahlmöglichkeit ist gegeben. Nicht wie in anderen Familien, wo die Kinder die Welt von klein auf nur aus der verengten Windschutzscheibenperspektive erleben, wo Bequemlichkeit in Verbindung mit der Gewohnheit des Kutschiertwerdens später einmal andere Arten der Fortbewegung kaum noch vorstellbar macht. Brrrmdada - und aus!?

Ich tröste mich damit, dass zu starke Erziehungsversuche eh nur gut gemeint, also das Gegenteil von gut sind. Ganz im Sinne des lebenslangen Lernens, das auch für Verkehrsmittelwahl und -verhalten gilt, wollen weiter und immer wieder überzeugende Gründe vor Augen geführt werden. Das fängt bei neueren Einrichtungen wie dem Radfahrtraining in Volksschulen und schon davor bei der Vorbereitung auf das Radfahren mit Laufrädern in Grazer Kindergärten an und hört im Grunde auch mit dem Erwachsensein nie auf, schon deshalb nicht, weil es heute eine weitgehende Wahlfreiheit zwischen den Verkehrsmitteln gibt und die Lebenssituationen öfters wechseln.

Seien wir uns ehrlich: Welche velocipedale Biografie verläuft schon geradlinig und idealtypisch? Ich gestehe, gar so leuchtend war mein Beispiel in jungen Jahren ja auch nicht. Heute ist es mir peinlich, wenn ich zurückdenke, wie ich im Gymnasium den Werkerziehungsprofessor auf seinem rostigen Waffenrad verachtete und ihn beim Hausplanzeichnen mit zwei Garagen provozierte - eine für mein Alltagsauto und eine für den Freizeit-Porsche.

Diese Pläne habe ich Gott sei Dank nie realisiert, und das Rad habe ich bald wiederentdeckt. Auch wenn ich zwischendurch nicht bei der Stange geblieben war, es sozusagen Brüche im Rahmen der radfahrerischen Kontinuität gegeben hatte: Eine Grunddisposition war vorhanden und ganz offensichtlich auch die nötigen Andockimpulse, die mich wieder in den Sattel gebracht haben. Und diesmal sollte meine Mobilitäts-Vita nachhaltig ins (fast rein) Radlerische gelenkt werden.

Es wird schon was dran sein an Mutters These, dass die Liebe zur Radlerei vererbbar ist. Sie mag noch häufiger in die Wiege gelegt sein, weil damit erste Erfahrungen von Freiheit und Selbstständigkeit verbunden sind. Meist aber erkaltet sie dann im Laufe einer Mobilitätskarriere, wenn andere (motorisierte) Verkehrsmittel und deren viel versprechende und beworbene Eigenschaften in den Vordergrund rücken. Gesellschaftliche Anforderungen und Erwartungen sowie eine zunehmend autogerecht gebaute Umwelt bestärken diese Entfremdung.

Doch der Prozess ist reversibel. Es kommt vor, dass man sich später wieder des Radls, der selbst bestimmten Fortbewegung erinnert, erkennt, auch was für den Körper tun zu müssen und dies mit dem Weg zur Arbeit kombiniert oder sich einfach den Stress des Stop-and-go-Verkehrs inklusive Parkproblemen in der Stadt nicht mehr antun will. An solchen Zäsuren, Kursüberprüfungen, die im Zusammenhang mit Veränderungen beim Wohnen, im Beruf oder in der Familie stehen können, ist es hilfreich, wenn begleitende Angebote von außen da sind, wenn ehemalige wie neue RadlerInnen mit Tipps und Tricks  ab- bzw. in den Sattel zurückgeholt werden. Aber das ist eine andere Geschichte und interessiert Emma, die gerade mit ihrem neuen Rad im Hof kreist, noch nicht. Weil sie schon überlauert hat, was mir ein Anliegen ist, lässt sie mich - nach den Dämpfern der vergangenen Tage - versöhnlich wissen: „Das macht Spaß. Ich möchte immer nur Radfahren." Um sich engelsgleich rückzuversichern: „Bist du stolz auf mich, Papa?".

Sicher. Dem Nachwuchs in einer schnittigen Sänfte Fahrgefühl und Umwelt nahe zu bringen, ist zumindest ein guter Anfang - wenn auch ohne Garantie.