Grazer Radfahrer Club
 
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Frühe Fahrmaschinen aus der Murvorstadt

Der erste bekannte Pionier auf dem Gebiet der muskelkraftbetriebenen Fahrzeuge in der Steiermark war der Grazer Geistliche Ignaz Trexler. Er baute im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts - offenbar in Zusammenarbeit mit einem Wagner in der Feuerbachgasse in der Murvorstadt - mehrere selbst fahrende Vehikel mit direktem Tret- bzw. Handkurbelantrieb.

Die Beschreibungen von Trexlers "künstlichem Wagen" fußen nur auf Zeitungsberichten: einerseits erscheinen 1784 in drei Blättern ("Wiener Zeitung", "Königl. Privilegierte Berlinische Staats- und gelehrte Zeitung", "Gotaische gelehrte Zeitungen") kurze, gleich bzw. ähnlich lautende Artikel, die offensichtlich auf derselben Vorlage basieren, andererseits geht es in einer differenten Mitteilung in einer Grazer Zeitung von 1792 möglicherweise um ein Nachfolgemodell desselben Herstellers; schließlich finden sich noch sekundäre Übernahmen und Interpretationen in diversen späteren Publikationen. Durch den Umstand, dass es keine Abbildungen, Pläne oder Skizzen der Fahrmaschine(n) gibt und auch die Beschreibungen ziemlich vage sind, lässt sich Aussehen und Funktionsweise nur sehr mutmaßlich rekonstruieren.  


Wiener Zeitung, 17.3.1784
Wiener Zeitung, 17.3.1784
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Berlinische Staats- und gelehrte Zeitung, 25.3.1784
Berlinische Staats- und gelehrte Zeitung, 25.3.1784
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"Gothaische gelehrte Zeitungen" 10.4.1784
"Gothaische gelehrte Zeitungen" 10.4.1784
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Straßenschild
Straßenschild
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"Es ist ein Pirutsch, und hat zwei Ruder"
In der "Wiener Zeitung" vom 17. März 1784 findet sich unter "Innländische Nachrichten" folgender Bericht:

"Steyermarkt. Auszug eines Schreibens aus Grätz vom 16. März: Herr Philipp Ignaz Trexler allhier hat nun schon den zweyten Wagen fertig, mit welchem man ohne Pferd eben so geschwinde fährt, als ihn ein in Trapp laufendes Pferd ziehen könnte. Es ist ein Pirutsch, und hat 2 Ruder, welche der Fahrende nur mit den Füssen zu treten hat, um sich auf seinem Wege zu halten; wenn er sich umwenden will, so ist dazu eine andere Maschine vorhanden."

Obwohl früher datiert, erscheint der offensichtlich auf dem gleichen "Schreiben aus Grätz" basierende Artikel in der Königl. Privilegierte Berlinische Staats- und gelehrte Zeitung eine Woche später (25. März 1784): 

"Hr. Phillipp Ignatz Trexler allhier hat nun schon den zweiten Wagen fertig, mit welchem man ohne Pferd eben so geschwind fährt, als ihn ein im Trapp laufendes Pferd ziehen könnte. Dieses Pirutsch hat 2 Räder, welche der Fahrende inwendig nach und nach nur mit den Füßen zu treten hat, um sich auf dem geraden Wege zu erhalten; und wenn er sich wenden und umkehren will, so ist hiezu wieder eine andere Maschine angebracht. Der erstere Wagen wurde für 20 Ducaten verkauft.“

Weitere zwei Wochen später bringen die "Gothaische gelehrte Zeitungen" (10. April 1784) einen Artikel, der praktisch wortident mit dem aus der "Wiener Zeitung" ist und auch die in der Berlinischen Zeitung enthaltene Zusatzinformation über den Erlös von 20 Dukaten für den ersteren Wagen aufweist. In einigen Details unterscheiden sich die Berichte, wobei ein Unterschied wesentlich erscheint: Statt der "Ruder" wie in den beiden anderen Artikeln tritt der Fahrende in der Berlinischen Zeitung "Räder", und zwar "inwendig und nach und nach". Ein Abschreibfehler oder eine Ungenauigkleit des Setzers?

Bericht No. 4 in der "Gräzer Bürgerzeitung" von 1792 schließlich bezieht sich wohl auch auf Trexler und eine von ihm konstruierte Fahrmaschine; unklar ist, ob einfach die acht Jahre zurückliegende Erfindung aufgegriffen wird oder ob es sich um die Beschreibung eines neuen Modells handelt: 

"In London und Paris sind schon öfters Wägen verfertigt worden, die ohne Pferde mittelst einer Feder, oder Walze und gespannten Sailen, oder auf andere verschiedene Art gefahren werden können. Allein keine dieser Erfindungen wurde bisher zu mehreren nachgeahmt. Nun wird auch hier ein derley Wagen von einer ganz neuen Erfindung verfertigt. Dieser wird durch das Hauptrad, welches von einem einzigen Manne ohne zu viele Mühe mit Händen und Füssen gedrehet werden kann, ganz leicht gefahren werden können. Auch zum Ausweichen ist das Lenken auf die leichteste Art angebracht. Liebhaber der Mechanik können solchen bei dem Wagner in der Feuerbachgasse in der Murvorstadt sehen, sie werden das einfache und leichte Triebwerk dieses Wagens gewiß bewundern. Der Erfinder davon ist ein Geistlicher (...)." 

Abweichend von der Schilderung acht Jahre zuvor kann das "Hauptrad" mit Händen u n d Füßen bewegt werden. Es wird auf die gute Lenkbarkeit eingegangen, die "andere Maschine", von der früher als Notwendigkeit fürs Umwenden die Rede war, kommt nicht vor.

Später wurden diese Berichte wiederholt aufgegriffen, 1890 in den "Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes" auf Zusendung eines Herrn Lange, Bürgerschullehrer in Graz, in der Ausgabe 1894 von "Meyers Conversations-Lexikon", wo man die Notiz aber der "Spenerschen Zeitung" (Berlin) zuschreibt, und 1896 in der "Radfahr-Chronik" (München), wobei hier aus dem „Giornale di Genova" zitiert wird: "Der verwegene (intrepido) Trexler, welcher im Jahre 1784 das erste Bicycle baute, ahnte sicher nicht den raschen Fortschritt und die Veränderungen seiner Erfindung, als er die Strassen von Graz mit seinem Holzfahrrad durchfuhr, einen höllischen Lärm verursachend, und bewundert und mit Beifall begrüsst von seinen Mitbürgern."

In der "Radfahr-Chronik" betonte man im Kommentar zum Artikel mit dem Titel "Nicht Drais, sondern Trexler!" die Pionierleistung, ohne jedoch zusätzliche Informationen zu liefern: „Wir geben den Bericht der erwähnten italienischen Zeitung besonders deshalb wieder, weil wir durch ihn so ganz neue Mitteilungen über die Erfindung des Fahrrades erhalten, wonach der Ruhm, diese gemacht zu haben, nun auch der als so überaus sportfreundlich bekannten Hauptstadt der grünen Steiermark zukommt, ohne dass dort bisher jemand davon etwas gewusst hat!"

Diese Schilderungen aus zweiter Hand können beim Bemühen um eine Rekonstruktion außer Betracht gelassen werden: Das nunmehr ohne erkennbare Begründung zum "Bicycle" und "Holzfahrrad" mutierte Fahrzeug wurde als Beleg für eine überregional bedeutende Pionierleistung im Radfahrwesen und die gewaltige seither geleistete Weiterentwicklung zurechtgebogen.  

Vorläufer von Drais´ vierrädriger Fahrmaschine?
Mit Trexlers "künstlichem Wagen" (so die Bezeichnung im Register der "Gothaische gelehrte Zeitungen") hat sich 1997 in einer kleinen Abhandlung Matthias Kielwein befasst, der über den 1930 erschienenen Ratgeber "Das Fahrrad" von Paul Reibestahl auf den Artikel in der "Berlinischen Staats- und gelehrte Zeitung" aufmerksam wurde. Er analysiert, dass es sich, obwohl von zwei Rädern die Rede ist, mit Sicherheit nicht um ein "Zweirad" gehandelt hat: "Beschrieben werden vielmehr diejenigen zwei Räder eines wahrscheinlich drei- oder vierrädrigen Wagens, die der Fahrer mit den Füßen antreibt. Wie der genaue Mechanismus aussieht wird, ebenso wie die Details der Steuerung ['...eine andere Maschine...´], leider nicht erwähnt. Die Verwendung des Wortes `inwendig´ beim Antrieb zeigt deutlich, daß die beiden erwähnten angetriebenen Räder nebeneinander und nicht einspurig laufen."

Bemerkenswert findet Kielwein, dass es sich nicht um ein rein repräsentatives Luxusgefährt zu handeln scheint - wie zu jener Zeit andernorts belegt - , sondern um ein als Individualverkehrsmittel taugliches Gebrauchsfahrzeug. "Dieser Muskelkraftwagen von Philipp Ignatz Trexler kann deshalb vielleicht als ein wieder in Vergessenheit geratener Vorläufer der vierrädrigen Fahrmaschine von Drais aus dem Jahre 1813 angesehen werden, die schon als wirkliches Verkehrsmittel konzipiert war." 

Die erste Externe Verknüpfung Drais´sche Fahrmaschine von 1813 hatte vier Räder und eine direkte Kraftübertragung über ein Tretrad, das starr mit den Hinterrädern verbunden war. Beim Wiener Kongress führte der Erfinder 1814 eine verbesserte Version vor: Die Hinterachse war zu einer Kurbelwelle geschmiedet, in die der Fahrer trat, gelenkt wurde mittels Lenkstangen und Hebel über die vorderen Räder. 
Skizze der Fahrmaschine I von Drais
Skizze der Fahrmaschine I von Drais
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Spekulationen über den Antrieb
Dass das Treten der Trexlerschen Fahrmaschine"inwendig nur mit den Füßen" (Gothaische) bzw. "innwendig nach und nach nur mit den Füßen" (Berlinische) erfolgte (ein Detail, das in der "Wiener Zeitung" keine Erwähnung fand, Anm.), kann als Hinweis dafür gewertet werden, dass die Räder von Trexlers Fahrmaschine ebenfalls nebeneinander lagen und es sich daher auch um ein mehrrädriges Gefährt handelte. Der zur Charakterisierung verwendete Gattungsname Externe Verknüpfung "Pirutsch" war die damalige regionale Bezeichnung für einen meist zweirädrigen leichten offenen (Pferde-) Wagen.

Kielwein führt zudem ins Treffen, dass zu dieser Zeit in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine intensive Auseiandersetzung mit den theoretischen Grundlagen des Wagenbaus, insbesondere des Reibungsproblems begann. Auch das Konzept eines einspurigen Fahrzeugs wurde angedacht, aber, und das ist der springende Punkt, bisher nachweislich erst durch die Laufmaschine 1817 realisiert. Drais verzichtete dabei auf den mechanischen Antrieb seiner früheren mehrrädrigen Modelle zugunsten ausbalancierter, durch wechselweises Abstoßen der Beine erzielbarer reibungsärmerer und schnellerer Fortbewegung. Die Kombination aus mechanischer Kraftübertragung auf das Zweirad gelang erst in den 1860er-Jahren mit dem Veloziped (Tretkurbelrad).

Unter Berücksichtigung der bekannten Entwicklungsgeschichte ist es also unwahrscheinlich, dass Trexlers "künstlicher Wagen" ein Zweirad war. Ziemlich sicher dürfte es sich also um ein drei- oder vierrädriges Vehikel ähnlich der Draisschen ersten Fahrmaschine handeln, das direkt über die Hinterräder oder auch mit den Händen bewegt werden konnte. Irritierend ist allerdings die in zwei Zeitungen verwendete Formulierung "2 Ruder, welche der Fahrende mit den Füßen zu treten hat", was ja eher für einen Antrieb über Hebel auf das "Hauptrad" sprechen würde. Möglicherweise hatte das Gefährt, um die Spekulationen noch weiterzutreiben, neben dem Haupt- und einem zweiten Rad auch kleine Stützräder ähnlich dem Vehikel des Langenwanger Schlossers Pontasegger. Dieses gehörte aber, wie auch die Konstruktionen des Grazer Hauptmannes Pistotnik schon der nächsten Generation an selbstfahrenden Räderfahrzeugen an, die als Vorläufer und Nebenlinie des zweirädrigen Vélocipèdes elaboriertere Antriebe und eine leichtere Bauweise aufwiesen.  

Literatur
Hans-Erhard LESSING, Automobilität. Karl Drais und die unglaublichen Anfänge, Leipzig 2003, 120f, Was die Gutachter sagen
Matthias KIELWEIN, Eine frühe Fahrmaschine (1784) und ein kleiner Exkurs in die Vorgeschichte des Fahrrades, in: Der Knochenschüttler, Zeitschrift für Liebhaber historischer Fahrräder und Hilfsmotoren,  No. 8, 3. Jg., Winter 1997
Wiener Zeitung 17. März 1784, Nro. 22 (549), Innländische Nachrichten
Königl. Privilegierte Berlinische Staats- und gelehrte Zeitung (inoff. auch Vossische Zeitung), 37stes Stück, 25.3.1784
Gothaische gelehrte Zeitungen, 29. Stück, 10. April 1784, 243
Gräzer Bürgerzeitung 22.6.1792
Mittheilungen des Steirischen Radfahrer-Gauverbandes 25/15,10.1890, Notizen
Radfahr-Chronik (Beilage zu Radfahr-Humor) IX/39/12.2.1896, 552, „Nicht Drais, sondern Trexler!"

Meyers Conversations-Lexikon, Bd. VI, 5. Aufl., Leipzig-Wien 1894, 144 (zit. in: Hilde HARRER, Grazer Radfahrvereine 1882-1900, Graz 1998, 7)

WOLFGANG WEHAP