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Historische Radfahrschule Steininger muss weichen

Der Abbruchbescheid für das Haus Kolpinggasse 12-14 ist schon länger da. Mit dem Objekt, wo die erste und wichtigste Radfahrschule der Stadt befand, verschwindet eine letzte Reminiszenz an die große Zeit des ersten Radfahrbooms und den Bicycle-Quadranten bei der Messe mit seinen Rennbahnen.   


Radfahrschule Steininger
Radfahrschule Steininger
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In Graz ist die erste Radfahrschule aus dem Jahre 1888 belegt, betrieben vom ältesten Fahrradhändler am Platz, Julius G. Sorg, auf dem Areal Schönaugasse 43. Sorg errichtete 1895 eine neue Bahn in der Elisabethstraße, während in der Schönaugasse 43, nunmehr auch Pfeifengasse 18 (heute Adolf Kolpinggasse 12-14), Carl Anton Steininger das Kommando übernahm.


Militärradfahrer-Kurs
Militärradfahrer-Kurs
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Schulbahn, Blick nach Süden
Schulbahn, Blick nach Süden
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Carl Anton Steininger (geb. 1851), ein Versicherungsbeamter, war mit seiner Frau Elisabeth von Wien nach Graz gezogen und hatte Kontakte mit der Radlerszene und der Familie Sorg geknüpft. Nun richtete er selbst in dem aus dem 17. Jahrhundert stammenden Gebäude Fahrradwerkstätte und -geschäft ein. In unmittelbarer Nähe zu Rennbahnen und Winterfahrschule in der Industriehalle (heute: Messe -  Stadthalle) gelegen, war dies bald die erste Adresse. Carl Anton war u.a. Gründungsmitglied der „Grazer Tourenfahrer", Elise war 1893 Mitgründerin und Präsidentin (1893, 1895) des Grazer Damen Bicycle-Club und Fahrlehrerin.

Als Steininger begann, strebte der erste Radboom seinem Höhepunkt zu und Graz war Schauplatz des 12. Bundestages des Deutschen Radfahrbundes (3. bis 7. August 1895). In einem Inserat in der Festschrift warb er mit der Alleinvertretung der Peregrine-Räder, der Leicester-Cycle Co. und der Flügelräder der Stahlradwerke von Ferdinand Christ & Co., Wien, sowie mit einer „gut eingerichteten Reparaturwerkstätte" . Als „Sehenswürdigkeit von Graz"  brillierte er mit einer „grossartigen Schulbahn", auf der „Unterricht zu jeder Zeit" erteilt werde. Auch in Tageszeitungen oder auf Straßenbahnen wurde inseriert.

Der Fahrplatz wurde schon unter Sorg vom Damen Bicycle-Club genutzt, 1895/96 fanden sich Mitglieder drei Mal die Woche ein, um das Schul- und Reigenfahren zu pflegen. Zu dieser Zeit ist auch das Clubheim des GDBC an dieser Adresse eingetragen. Später, 1906-08, war die Radfahrschule nochmals als Clublokal erwähnt, und zwar vom RV „Graphia". 

1896 hatte Steininger die Generalvertretung für Swift-Räder der Österreichischen Waffenfabriks Gesellschaft Steyr inne. Inserate warben 1898/99 mit der Generalvertretung der „Waffen-Räder aus der Waffenfabrik Steyr", einer „guten" Reparatur-Werkstätte und der mit 4000 m2 „größten Schulbahn Österreichs mit allen Bequemlichkeiten" und „Unterricht nur durch bewährte Lehrer". Geschäftstüchtig wurde den Vereinen für 6 Gulden in der Saison ein Package angeboten, das Aufbewahrung, Reinigung und Versicherung der Räder gegen Feuer und Diebstahl beinhaltete.

Als C.A. Steininger 1903 während eines Kuraufenthalts in Monaco früh starb, musste seine Witwe Elisabeth, die noch etliche Jahre an der Adresse Pfeifengasse 26 lebte, Konkurs anmelden. Das Geschäft wurde von einem Karl Weber erworben und ging unmittelbar danach samt Waffenrad-Vertretung an Carl Adolf Friebe. Dieser hatte ab 1883 gemeinsam mit seinem Vater Ernest das freie Mechanikergewerbe in der Elisabethingergasse 22 ausgeübt und 1886 das Nähmaschinengeschäft Tetek in der Sporgasse 21 erworben, wo er 1894 auch ins Fahrradgeschäft einstieg. Bei der Fabrik am Dominicanerriegel hatte er ein "schöne abgeschlossene Fahrbahn" errichtet, DEinrichtungen, die dann die offenbar in die Pfeifengasse übersiedelt wurden. 1905 betrieb C.A. Friebe in der Pfeifengasse neben der Fahrschule auch eine „Werkstätte für Automobil u. Fahrradbau".

Carl Adolf Friebe starb 1914. Seine Witwe Johanna führte die Geschäfte weiter, bis sie Sohn Ferdinand (geb. 1894) nach der Heimkehr aus dem Weltkrieg 1918 übernahm. 1921 wurde der Standort Pfeifengasse aufgelassen.





Übungen anno 1939
Übungen anno 1939
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Objekt 2009
Objekt 2009
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Pläne für ein "RAD-HAUS"
Ab 1926 firmierte August Rutter für einige Jahre unter der Adresse. Er betrieb eine Radfahrschule und eine „Räderleihanstalt". Zu dieser Zeit wird der Übungsplatz auch als Eislaufplatz verwendet. Durch Zeitzeugen gesichert ist, dass hier noch 1939 Radfahrunterricht erteilt wurde. Helene Kirchheim, Jg. 1935, erinnert sich:

"Ich habe mit 4 1/2 Jahren ein Rad bekommen, das war eine Sensation. Da war hier, wo jetzt der Zubau der Finanz ist, ein Kreis mit einem Kreuz durch, so wie heute die Verkehrskindergärten sind, wo man Rad fahren lernen konnte. Es war daneben nur so ein kleines Hütterl, so wie die Vereinshäuser sind. Meine Mutter und ich sollten Rad fahren lernen. Die Mutter ist in die Brennessel gefallen und ich hab´s erlernt. Meine Mutter ist nie mehr Rad gefahren und ich bin mit meinem Vater weiß Gott wohin gefahren. Der Herr Adolf war der Lehrer in weißer Uniform mit pomadeglattem Haar."

In der Folge wurde das Objekt als Wohnhaus genutzt, die umliegenden Flächen mit dem Fahrplatz verkauft und anderen Nutzungen zugeführt. Die Liegenschaft in Mitten des zentrumsnahen, dicht verbauten Gebietes im Bezirk Jakomini wurde zum Spekulationsobjekt.

Im Jahr 2000 gründete sich, unterstützt durch ARGUS und beflügelt von der "Velocity Conference" im Jahr davor, der Verein "RAD_HAUS - Verein zur Förderung eines RadlerInnenzentrums in Graz" mit dem Ziel, ein historisches Objekt für radlerische Zwecke - vom Museum bis zum Fahrradboten-Zentrale mit Cafe - zu etablieren. Dabei hoch im Kurs war die ehemalige Radfahrschule Steininger. Schon damals wurde klar, dass für das Objekt keinerlei Denkmalschutz bestand. Nach einer Machbarkeitsstudie, die auch vom Bezirk unterstützt wurde, löste sich der Verein allerdings bald - wegen der Aussichtslosigkeit auf Realisierbarkeit - wieder auf.

Aufmerksam gemacht auf die bevorstehende Demolierung hat nun die KPÖ: Sie kündigte an, eine Unterschriftenaktion gegen den Abriss zu initiieren und forderte die Erhaltung und eine Unterschutzstellung des wertvollen Gebäudes. Zumal schon seit zwei Jahren ein Abbruchbescheid vorliegt eine gut gemeinte, aber wohl vergebliche Bemühung.

Literatur
Wolfgang Wehap: frisch, radln, steirisch - Eine Zeitreise durch die regionale Kulturgeschichte des Radfahrens, Graz 2005
Grazer Tagblatt 5.8.1894, 4 (Friebe)
Festschrift XII. Bundestag des Deutschen Radfahrerbundes, Graz 1895
Grazer Morgenpost 6.7.1895
Tourenbuch der Steiermark für Radfahrer, Ausgabe 1899
Protokollbuch "Grazer Tourenfahrer"