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Impressionen aus China: Schwindende Radlerschwärme
Alltagsbeobachtungen am Rande einer Dienstreise

China, Land der RadfahrerInnen? Ja, vielleicht vor 20 oder 10 Jahren, eventuell noch am Land, im unterentwickelten Westen. Die Wirtschaft im Reich der Mitte brummt, in Zentren wie Shanghai und Peking ist für das Fahrrad immer weniger Platz. Ein Lokalaugenschein am Rande einer kurzen China-Reise bestätigt diesen Befund, birgt aber auch den einen oder anderen Hoffnungsschimmer.   


Eierhändler
Eierhändler
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Leihradstation
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Auffälliges Piktogramm
Auffälliges Piktogramm
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Straßenkehrerin
Straßenkehrerin
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Gegensätze
Gegensätze
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Neue Ansätze in Hangzhou
Die "kleine" 3-Millionen-City Hangzhou (Provinz Zheijang) gilt als grüne und junge Stadt, Wohngegend der Reichen und beliebt bei Touristen. Hier findet auch die "China International Sustainable Economy Industrialization Expo" statt, zu der ich im Gefolge einer steirischen Wirtschaftsdelegation anreiste.

Radverkehrstechnisch weisen die properen breiten Boulevards beidseitig breite Nebenfahrbahnen für RadlerInnen und MopedfahrerInnen auf, wobei letztere faktisch durchgängig elektrifiziert sind. Die lautlose Szenerie nimmt sich geradezu gespenstisch aus, wenn man an das Geknatter in anderen asiatischen Städten denkt. Nicht ungefährlich für unbedachte bzw. nicht eingeweihte FußgängerInnen. Beleuchtete Zweiräder machen sich bei Dunkelheit rar - die E-Unterstützten wollen Strom sparen, so wird mir bedeutet, und die RadlerInnen scheinen sich solidarisch erklärt zu haben.  

Was überrascht: Ein gut bestücktes und engmaschiges Externe Verknüpfung 
Leihradsystem, das vom öffentlichen Transportunternehmen bereitgestellt wird und funktional an jenes in Wien oder Paris erinnert. Die Räder machen einen soliden Eindruck, mit einer Karte kann man direkt am Sperrmechanismus die Freigabe erwirken oder die Ausleihung beenden. Überraschend ist diese Entdeckung insofern, weil man annehmen möchte, dass in China ohnedies jedeR ein Rad hat und daher ein Verleihsystem nicht wirklich benötigt wird. Doch hier dürfte wohl der lokal wichtige Binnentourismus eine Rolle spielen.

Nicht dass in Hangzhou das alte Bild von den Radlertrauben an den Kreuzungen und den dichten Zweirad-Schwärmen in den Straßen bestätigt würde - das Auto dominiert auch hier. Dennoch, los ist in dieser offensichtlich wohlhabenden Stadt schon einiges am Bike: Der öffentliche Reinigungsdienst bedient sich quasi fahrender Mülltonnen, Transportdreiräder sind auch hier häufig zu sehen, wenngleich auch viele schon unterstützt von einem Elektromotor, viele Falt- und Miniräder neuer Generation fallen neben den roten Leihrädern auf. 

Das Getriebe im Straßenraum erscheint "smooth", sodass ich mir für eine Stunde ein (schlecht gewartetes) Giant Bike vom Hotel nehme, um die Gegend zu erkunden. Ohne weiteres kann man sich in den Strom der Radelnden und elektrisch Dahingleitenden einordnen, die - generell gerechtfertigte - Warnung vor dem rauhen und kaum erkennbaren Regeln folgenden Fahrstil chinesischer FahrzeuglenkerInnen erweist sich hier als unbegründet. Wie auch die Warnung eines Bekannten vor ausspuckenden Langsamfahrern.      

Radkunst
Radkunst
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Transporte aller Art
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Straßenszene
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Mobile Verkaufsstände
Mobile Verkaufsstände
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Shanghai
Die 20-Millionen-Boomtown Shanghai empfängt uns mit vielspurigen Autobahnen und Stau. Vor meinem geistigen Auge taucht die Schlusssequenz des Films
"Beijing Bicycle" (2001) auf, als der junge Protagonist sein zwar zurückerobertes, aber völlig demoliertes Fahrrad an Autokolonnen vorbeiträgt - eine Metapher für das Ende des selbstverständlichen Massenverkehrsmittels Fahrrad.

Auf vielen Hauptverkehrsadern gilt Radfahrverbot, dass hier der Radverkehr nicht wirklich erwünscht ist und systematisch verdrängt wird, bekommt man überall zu spüren. Offiziell setzt die Stadtverwaltung auf U-Bahn und (O-)Busse. Der Radverkehrsanteil dürfte sich in seiner Abwärtstendenz schon jenem von Graz oder gar jenem vom Wien angenähert haben. Da wirkt die Installation von Externe Verknüpfung Ai Weiwei in dem Hochhaus, das die von uns besuchte Bar Rouge beherbergt, wie ein trauriger Nachruf auf eine vergangene Kulturtechnik. Auch wenn sie den Titel "Forever Bicycles" (Externe Verknüpfung Fahrradmarke aus Shanghai) trägt.  

Verlässt man die Hauptstraßen und Businessdistrikte, in denen ein Office Tower nach dem anderen emporwächst, und dringt in die älteren Viertel vor, ist die Situation anders: Hier gibt es Autoverkehrsbeschränkungen, in den schmalen Gassen mit ihren Garküchen und bunten Verkaufsständen dominieren FußgängerInnen und ZweiradlerInnen. Das Fahrrad wird für den Personentransport (nicht selten zu zweit oder gar dritt) und den Gütertransport verwendet, viele alte Gefährte mit abenteuerlichen Aufbauten und überbordenden Ladungen, die zum Teil auch gleich als Verkaufsstände dienen, schlängeln sich durch die engen Gassen. Müll, vor allem gebrauchte Kartonagen, sowie Lebensmittel scheinen die hauptsächlich beförderte Fracht zu sein.  


Jianguomen Waidajie
Jianguomen Waidajie
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In den Hutongs
In den Hutongs
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Seitengasse
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Putztrupp am Tien´anmen
Putztrupp am Tien´anmen
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Kunstrikscha
Kunstrikscha
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The Fortune Wheel
The Fortune Wheel
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Originality Square
Originality Square
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Beijing
Die Gruppe ist heute nach Tianjin aufgebrochen, wo u.a. eine Öko-Modellstadt in der Größenordnung von Graz vom Reißbrett umgesetzt werden soll. Öko ist akutell hoch im Kurs, wenngleich die reklamierte Nachhaltigkeit sich oft als relativ und oberflächlich erweist. Ich entscheide mich für privates Sightseeing in Beijing. Schon am Vortag habe ich vom Bus aus gesehen, dass der Unterschied zu Shanghai nicht sehr groß ist: Auf den Stadtautobahnen (6 Ringe!) ist kein Platz mehr für Radverkehr, finden sich auf den breiten Fahrbahnen dann doch Radspuren, sind diese oft zugeparkt.  

Ich nehme die U-Bahn und lerne nach dem zweiten Zug, der ohne mich von der Guaomo Station abfährt, dass man hier ohne Anstellen und Vordrängen selbst außerhalb der Rushhour nicht weiterkommt. Im Lama Tempel bekomme ich ein SMS aus der Tianjin-Gruppe: "Schade, dass du nicht hier bist. Die wollen hier eine grüne Stadt bauen, wo die Menschen mit dem ÖV und dem RAD (!) fahren! Das Rad ist hier nicht mehr Verkehrsmittel der Armen, sondern ein umweltfreundliches Verkehrsmittel". Ich bin in der Vergangenheit - ist dort ist die Zukunft?

Ich löse mich aus der Ehrfurcht gebietenden Umgebung, lasse den Räucherstäbchenduft zurück und schlage mich in die Hutongs. Diese Viertel bestehen aus traditionellen, niedrigen, in sich geschlossenen Behausungen, die an westliche Bungalows im verdichteten Flachbau erinnern. Anlässlich Olympia sollen etliche geschleift worden sein. 2005 lebte noch die Hälfte der Bevölkerung Pekings in den Hutongs, in Externe Verknüpfung 
Wikipedia liest man (Stand 2005): "Es ist abzusehen, dass schon in wenigen Jahren kaum noch originale Hutongs im Stadtzentrum anzutreffen sein werden, vermutlich jedoch bald als Museumsdorf zu besichtigen sein dürften."  

Nach einer Tour durch die Verbotene Stadt und der Tortur der lästigen Bettler und Krimskramsverkäufer entronnen, nehme ich die Dienste eines Rikschafahrers in Anspruch: Ein Stück Weges in Peking mit einer Fahrradrikscha, dass ist für eine veloaffine Langnase wohl Pflicht, oder? Mein Chauffeur hatte meine romantische Vorliebe wohl erkannt und unverschämte 70 Yuan für ca. 1 km bis zum Tian´anmen-Platz herausverhandelt. Als ich ihn am Ende der Fahrt um ein gemeinsames Foto bat, nahm er die übergebenen 100 Yuan-Schein, lachte und trat in die Pedale - ohne den Wechselbetrag herauszurücken. Um dieses Geld, rund 10 Euro, wäre ich in Graz mit der Fahrradrikscha locker vom Zentrum bis zum Liebenauer Stadion gekommen, denke ich mir. Naja, selber Schuld.  

Apropos Transportfahrräder. Anfang Jänner war in Basel die Ausstellung Externe Verknüpfung "Chinetik" zu sehen, die sich mit dem Kulturgut der "Lastkähne" auf Pekings Straßen befasste, dargestellt als Kulturobjekte im Original und als Kunstobjekte in künsterischer Bearbeitung. Lutz Windhöfel dazu im Katalog: "Das kometenhafte Wirtschaftswachstum der letzten zwanzig Jahre wie auch der Modernisierungsschub, den die Olympischen Spiele von 2008 auslösten, ersetzen dieses Fahrzeug zunehmend mit der elektronisierten Mechanik des Autos. 1997, als Littmann Kulturprojekte erste Tricycles ankaufte, sah man sie noch überall. 2008, als man die vorbereitenden Arbeiten in Beijing und China abschloss und das Museum Tinguely die Schau zu zeigen beschloss, waren Tricycles bereits eine Rarität."

Tags darauf gibt mir Journalistenkollege und Künstler Martin Behr (G.R.A.M.) eine Preview zur Gemeinschaftsausstellung Externe Verknüpfung "Mifan" ("Reis"), in der 15 österreichische Künstler in der Anniart Gallery im Dashanzi Kulturdistrikt ihre Reflexionen auf den Alltag in China präsentierten. Wieder finde ich das Fahrrad thematisiert, etwa von Rainer Prochaska, der mit einer (E-Motor unterstützten) Fahrradrikscha in Peking unterwegs war und sie in Reaktion auf die Umwelt zu einer lebenden Collage erweitert hat. Im Freien entdecke ich eine Installation aus Laufrädern, die mit Fähnchen verschiedener Länder versehen sind, u.a. in Rot-weiß-rot. In der zeitgenössischen Kunst ist das Fahrrad offenbar Gegenstand der Auseinandersetzung - als Referenz an Kulturgut von gestern.

Weitere Fotos aus Hangzhou, Shanghai, Beijing

Epilog
Eigentlich hatte ich mich gefreut, nach den vielen Stunden im Flugzeug vom Flughafen Thalerhof nach Hause radeln zu können. Doch inzwischen war es kalt geworden, es regnete in Strömen, und so schlug ich das Angebot meines privaten Taxidiensts nicht aus. Ich herzte meine Lieben, wuchtete mein nasses Bike auf das Autodach - und ärgerte mich leicht über das Fehlen einer überdachten Radabstellanlage am Grazer Flughafen. Die kleinen, überschaubaren Probleme a la Graz hatten mich wieder.

Beim Nachlesen über das Thema fiel mir ein Artikel über die Externe Verknüpfung Geschichte des Radfahrens in China auf, in dem die allgemeine Einschätzung von China als "Land der Fahrradkultur" relativiert wird - ausschlaggebend für den relativ späten Aufstieg zum Verkehrsmittel Nr. 1 seien Wirtschaftlichkeit und Verfügbarkeit gewesen. In einer heute extrem dynamischen Entwicklung, die trotz großer Geschichte wenig Bodenständigkeit als Backup hat, wird das Fahrrad als Verkehrsmittel - wie auch das traditionelle Nahrungsmittel Reis oder die alten Hutong - zur Seite geschoben, wenn Werte wie Wohlstand und Status anders besser erreicht und gezeigt werden können. 

1986 meinte der englische Journalist und Autor Externe Verknüpfung Simon Worrall in einem Aufsatz im "London Magazine" über das Radfahren in China emphatisch: "Instinktiv, als ob man einem ungeschriebenen Code folgte, fällst du in das vorgegebene Tempo, die Knie auf und ab bewegend zeitgleich mit deinem Nachbarn, vermischt mit dem großen Fluss der Radler, der die Straßen hinunterfließt, für eine Weile Teil der größten kollektiven Bewegung auf der Welt."  Wie anders die Diagnose in einem Beitext zur Ausstellung Externe Verknüpfung "Chinetik" in Basel, ein knappes Viertel Jahrhundert später: "Die Geschwindigkeit des Wandels ist zu schnell, um ihr mit dem Fahrrad noch bei zu kommen." 

Noch 1992 ließ sich der Grazer Werbefachmann Arthur T. Schmoll zu der Fehleinschätzung in Bezug auf die Mobilitätsentwicklung hinreißen: "Die bunten Plakate überall im Land zeigen, dass China kein "schlafender Gigant" bleiben will, sondern Anschluss an die Handelsgepflogenheiten des Westens sucht. Mit seiner Fahrradkultur wird es aber sicherlich eigenständig bleiben... Anm. d. Red.: In einer späteren Version des Artikels wurde im letzten Satz vorsichtigerweise das Adverb "sicherlich" durch "hoffentlich" ersetzt.

"Es schaut so aus, als müsse China (oder eigentlich jedes Entwicklungsland) all die Fehler machen, die im Westen gemacht wurden, um daraus zu lernen und dann wieder zu den verträglicheren Verkehrsarten zurückzukehren", meint Christoph Tasotti, ein alter Bekannter mit verkehrspolitischem Background aus Graz, der seit zehn Jahren in Wuxi, einer Stadt nahe Shanghai wohnt.

Nach Schilderung von Christoph wird kaum etwas für Radfahrer oder Benutzer öffentlicher Verkehrsmittel getan: "Von der Regierung wird ganz klar der Autoverkehr gefördert - das ist gut für das Wirtschaftswachstum". Rekorde in Autoproduktion und bei Neuzulassungen - 12 Millionen 2009 - sprechen eine deutliche Sprache. Doch es gibt heute auch einige wenige Anzeichen in Richtung nachhaltigere Entwicklung, wo das Fahrrad in neuem Kontext seinen Platz wieder finden könnte.     

WOLFGANG WEHAP (ARGUS)