Grazer Trainingsschule 1897
 
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Cless & Plessing: Weg mit den Ketten


Werbekarte, gel. 1898
Werbekarte, gel. 1898
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Werbekarte Rennfahrer
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Kuvert
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Katalog 1899, Cover
Katalog 1899, Cover
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Durch die Erzeugung kettenloser Fahrräder mit Kardanantrieb und vor allem durch die schönen Jugendstil-Sujets, mit denen sie beworben werden, schaffte die Fahrradfabrik von Cless & Plessing in der Grassergasse 36 (heute: Raiffeisenstraße 38-40) einen starken, aber kurzen Marktauftritt. Gemeinderat Heinrich Cless (geb.1838 in Winnenden/Württemberg) und der vormalige Direktor der Graziosa-Fahrradwerke, Rudolf Plessing, (geb. 1870 in Wien), Mitglied des GRC und des GBC und erfolgreicher Radrennfahrer, taten sich geschäftlich zusammen: Sie begannen ihre gemeinsame Tätigkeit am 12. Mai 1898 und meldeten die endgültige Fertigstellung ihres Fabriksneubaues am 1. August den Behörden. Als Architekt hatte Josef Bullmann die Pläne für die Fabrik entworfen.

Das Unternehmen wurde am 8. Juni als offene Handelsgesellschaft unter dem Namen "Fram-Fahrradwerke Cless & Plessing" handelsgerichtlich eingetragen, die Prokura erhielt der Grazer Radpionier und Sportschriftsteller Max Kleinoscheg (geb. 1862). Eröffnet wurde der Betrieb mit 60 Arbeitern und Angestellten, der auch unter dem Namen „Noricumwerke" firmierte, am 1. Oktober 1898. Aus  Markenschutzgründen kam der Name "Fram" vermutlich nie zum Einsatz. Die ersten Räder liefen nur unter "Cless & Plessing", später wurde die Bezeichnung "Noricum" verwendet. 

Im ersten Hauptkatalog (1899) wurden die Vorzüge des kettenlosen Fahrrades genau erklärt ("In vollster Überzeugung, dass dem kettenlosen Fahrrade... allein die Zukunft gehört") und die Qualität des für Fram-Räder verwendeten Materials - etwa „Ia Mannesmannrohre" für den Rahmen - betont. Angeboten wurden ein Herren- und ein Damenmodell in jeweils drei Größen. Außerdem waren zwei Noricum-Modelle (Herren- und Damenrad) im Programm. Wie einer erhaltenen Rechnung von August 1899 zu entnehmen ist, kostete das Noricum Mod. I 240 Gulden.

Im Gegensatz zur Grazer Konkurrenz, die den Kardanantrieb in Lizenz nach dem 1895 vorgestellten Alcatène Métropole/Paris fertigte, entwickelte man die Antriebseinheit selbst, allerdings in Anlehnung an das französische Vorbild. In der Fertigung wurden engleische und amerikaischen Spezialmaschinen eingesetzt. Die ersten Modelle wurden auf der Fahrradmesse in Leipzig Publikum und Händlern mit einigem Erfolg vorgestellt.




Noricum Mod. I
Noricum Mod. I
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Rechung 1899
Rechung 1899
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Damenrad 1899
Damenrad 1899
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Heutige Zahnradfabrik Kumera
Heutige Zahnradfabrik Kumera
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Draisgasse
Draisgasse
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Sand im Kardangetriebe
Doch die Goldgräber-Ära in der Fahrradbranche war an der Jahrhundertwende schon vorbei, und der Marktauftritt der Kettenlosen von Cless & Plessing erfolgte zu einer Zeit, als andere Hersteller am Platz diese Neuerung schon im Programm hatten. Wie Cless-Sohn Max in der Firmen-Chronik schrieb, musste man zudem erkennen, dass die Nachfrage nach den teureren „Chainless", vor allem bedingt durch billigere Importe aus Deutschland, zu gering war, um rentabel produzieren zu können. 

Im April 1899 vermeldete man die Fertigstellung des tausendsten Fahrrades, dürfte zu diesem Zeitpunkt aber schon auf Lager produziert haben. Zumindest lässt die Rahmennummer 716 bei einem im August ausgelieferten Noricum Mod. I diesen Schluss zu. Im Jahre 1900 wurde der Belegschaftsstand halbiert, der schlechte Geschäftsgang zwang die Unternehmensleitung, sich nach einem anderen Standbein umzusehen. Man fand dieses in der Produktion von Zahnrädern und Getrieben. Beim Fahrrad verbreiterte man das Programm - es wurden auch Räder mit Kette gebaut, seit 1900 wurde dem gewerblichen Kundenkreis ein (kettenloses) Transportdreirad offeriert - und man setzte auf Motorisierung: 1902 wurde das erste Motorrad hergestellt, mit dem zwar einige sportliche Erfolge eingefahren werden konnten, dem kommerzielle aber der Durchbruch versagt blieb und nie in Serie ging.

1903 wurde das neue Modell „Noricum kettenlos" mit Freilauf und Rücktrittbremse angeboten. Im Jahr darauf kam es aufgrund des katastrophalen Jahresabschlusses in der Fahrrad- und Motorradabteilung zum Zerwürfnis zwischen Fritz Cless, der seinem Vater gefolgt war, und Rudolf Plessing, der in der Folge Ende 1904 aus dem Unternehmen ausschied. Ihm wurde vorgeworfen, das Fahrradgeschäfts völlig vernachlässigt zu haben. Cless entschied sich, die Fahrraderzeugung einzustellen und sich ganz auf die Zahnrad- und Getriebefertigung zu konzentrieren. Vor allem im Zuge der Elektrifizierung der Bundesbahnen erfuhr diese Sparte dann tatsächlich einen Aufschwung. 

1906 landete man mit den noch lagernden Fahrradteilen einen nachträglichen kleinen Erfolg: Aus den Stahlrohrbeständen fertigte man 5.000 „Leobener Stahlrodeln" für das Wiener Sporthaus Mitzi Langer. 

Zur weiteren Firmengeschichte: Während beider Weltkriege war das Unternehmen in der Rüstungsproduktion aktiv, zweimal - 1928 und 1992 - schlitterte es in die Insolvenz. 1992 kaufte die deutsche Firma Kachelmann GesmbH den Betrieb, der 2000 vom finnischen Unternehmen Kumera Drives Oy übernommen wird. Die Fabrik in der Raiffeisenstraße firmiert nunmehr unter Kumera Antriebstechnik GmbH und setzte 2008 mit 55 Mitarbeitern 5,5 Mio. Euro um. Erzeugt werden Maschinen für die Metallerzeugung, Walzwerkseinrichtungen und Gießmaschinen sowie Sondergetriebe und Zahnräder.

Was das Schicksal der Protagonisten Cless, Plessing und Kleinoscheg betrifft, blieb nur Prokurist Max Kleinoscheg bis ins hohe Alter - er starb im 79. Lebensjahr 1940 - dem Fahrrad treu. Rudolf Plessing trat dem neu gegründeten Steiermärkischen Automobilclub bei, ging zu Böhler nach Kapfenberg und übernahm dann die Artilleriewerkstätte, wo er Geschütze konstruierte. Er lebte bis 1938 und ruht am Kapfenberger Stadtfriedhof. Widerpart Fritz Cless (geb. 1878) überlebte seinen 1910 verstorbenen Vater Heinrich nur um sechs Jahre. Der letzte Spross der Industriellenfamilie, Max, starb 1952. Das Familiengrab der Cless befindet sich - wie auch die letzte Ruhestätte Kleinoschegs - am Evangelischen Friedhof Graz-St. Peter.

Literatur und Quellen:
Cless, Max: 50 Jahre Noricumwerke Cless Graz 1898-1948
"Macht Platz, Fahrrad kommt!", Geschichte und Geschichten zum Radfahren in Graz, Fahrrad-Geschichtswerkstatt Graz 1999
Gewerbeakten des Stadtarchivs Graz, Recherchen Gernot Fournier
Bicycle Archiv Ulreich Mitteilungen und Informationen 3/93, Graz - das österreichsiche Coventry, Teil 2
Firmendatenbank Kreditschutzverband von 1870

WW




Plakat Cless & Plessing
Plakat Cless & Plessing
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Plakat Noricum, 1900
Plakat Noricum, 1900
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Plakat Racer, 1900
Plakat Racer, 1900
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