Doch die Goldgräber-Ära in der Fahrradbranche war an der Jahrhundertwende schon vorbei, und der Marktauftritt der Kettenlosen von Cless & Plessing erfolgte zu einer Zeit, als andere Hersteller am Platz diese Neuerung schon im Programm hatten. Wie Cless-Sohn Max in der Firmen-Chronik schrieb, musste man zudem erkennen, dass die Nachfrage nach den teureren „Chainless", vor allem bedingt durch billigere Importe aus Deutschland, zu gering war, um rentabel produzieren zu können. Im April 1899 vermeldete man die Fertigstellung des tausendsten Fahrrades, dürfte zu diesem Zeitpunkt aber schon auf Lager produziert haben. Zumindest lässt die Rahmennummer 716 bei einem im August ausgelieferten Noricum Mod. I diesen Schluss zu. Im Jahre 1900 wurde der Belegschaftsstand halbiert, der schlechte Geschäftsgang zwang die Unternehmensleitung, sich nach einem anderen Standbein umzusehen. Man fand dieses in der Produktion von Zahnrädern und Getrieben. Beim Fahrrad verbreiterte man das Programm - es wurden auch Räder mit Kette gebaut, seit 1900 wurde dem gewerblichen Kundenkreis ein (kettenloses) Transportdreirad offeriert - und man setzte auf Motorisierung: 1902 wurde das erste Motorrad hergestellt, mit dem zwar einige sportliche Erfolge eingefahren werden konnten, dem kommerzielle aber der Durchbruch versagt blieb und nie in Serie ging. 1903 wurde das neue Modell „Noricum kettenlos" mit Freilauf und Rücktrittbremse angeboten. Im Jahr darauf kam es aufgrund des katastrophalen Jahresabschlusses in der Fahrrad- und Motorradabteilung zum Zerwürfnis zwischen Fritz Cless, der seinem Vater gefolgt war, und Rudolf Plessing, der in der Folge Ende 1904 aus dem Unternehmen ausschied. Ihm wurde vorgeworfen, das Fahrradgeschäfts völlig vernachlässigt zu haben. Cless entschied sich, die Fahrraderzeugung einzustellen und sich ganz auf die Zahnrad- und Getriebefertigung zu konzentrieren. Vor allem im Zuge der Elektrifizierung der Bundesbahnen erfuhr diese Sparte dann tatsächlich einen Aufschwung. 1906 landete man mit den noch lagernden Fahrradteilen einen nachträglichen kleinen Erfolg: Aus den Stahlrohrbeständen fertigte man 5.000 „Leobener Stahlrodeln" für das Wiener Sporthaus Mitzi Langer. Zur weiteren Firmengeschichte: Während beider Weltkriege war das Unternehmen in der Rüstungsproduktion aktiv, zweimal - 1928 und 1992 - schlitterte es in die Insolvenz. 1992 kaufte die deutsche Firma Kachelmann GesmbH den Betrieb, der 2000 vom finnischen Unternehmen Kumera Drives Oy übernommen wird. Die Fabrik in der Raiffeisenstraße firmiert nunmehr unter Kumera Antriebstechnik GmbH und setzte 2008 mit 55 Mitarbeitern 5,5 Mio. Euro um. Erzeugt werden Maschinen für die Metallerzeugung, Walzwerkseinrichtungen und Gießmaschinen sowie Sondergetriebe und Zahnräder. Was das Schicksal der Protagonisten Cless, Plessing und Kleinoscheg betrifft, blieb nur Prokurist Max Kleinoscheg bis ins hohe Alter - er starb im 79. Lebensjahr 1940 - dem Fahrrad treu. Rudolf Plessing trat dem neu gegründeten Steiermärkischen Automobilclub bei, ging zu Böhler nach Kapfenberg und übernahm dann die Artilleriewerkstätte, wo er Geschütze konstruierte. Er lebte bis 1938 und ruht am Kapfenberger Stadtfriedhof. Widerpart Fritz Cless (geb. 1878) überlebte seinen 1910 verstorbenen Vater Heinrich nur um sechs Jahre. Der letzte Spross der Industriellenfamilie, Max, starb 1952. Das Familiengrab der Cless befindet sich - wie auch die letzte Ruhestätte Kleinoschegs - am Evangelischen Friedhof Graz-St. Peter. Literatur und Quellen: Cless, Max: 50 Jahre Noricumwerke Cless Graz 1898-1948 "Macht Platz, Fahrrad kommt!", Geschichte und Geschichten zum Radfahren in Graz, Fahrrad-Geschichtswerkstatt Graz 1999 Gewerbeakten des Stadtarchivs Graz, Recherchen Gernot Fournier Bicycle Archiv Ulreich Mitteilungen und Informationen 3/93, Graz - das österreichsiche Coventry, Teil 2 Firmendatenbank Kreditschutzverband von 1870 WW |
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