Grazer Radfahrer Club
 
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Cless & Plessing: Auftritt im kurzen Hype der Kettenlosen


Firmenleitung mit Belegschaft, 1899
Firmenleitung mit Belegschaft, 1899
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Werbekarte, gel. 1898
Werbekarte, gel. 1898
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Werbekarte Rennfahrer
Werbekarte Rennfahrer
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Kuvert
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Katalog 1899, Cover
Katalog 1899, Cover
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Mit kettenlosen Fahrrädern, beworben durch schöne Jugendstil-Sujets, schaffte die Fahrradfabrik Cless & Plessing in der Grassergasse 36 (heute: Raiffeisenstraße 38-40) einen starken, aber kurzen Marktauftritt. 

Der Eisenbahningenieur und der Konstrukteur trafen einander auf einer Vergnügungsreise an der Adria: Ing. Heinrich Cless (geb. 1838 in Winnenden/Württemberg), Erbauer der Gesäusebahn und einiger ungarischer Eisenbahnstrecken sowie deutschfortschrittlicher Gemeinderat in Graz, und Ing. Rudolf Plessing (geb. 1870 in Wien), vormals technischer Direktor der
Meteor- und Graziosa Fahrradwerke, kamen überein, in Graz ein neues Fahrradwerk aufzubauen. Die Spezialität: Es sollten nur kettenlose Fahrräder gebaut werden.

Plessing war Radsport-Funktionär und recht erfolgreicher Radrennfahrer, der sich "letzter Hochrad-Straßenmeister der Steiermark" (1890) nennen durfte. Er galt als experimentierfreudig: Schon bei Albls Meteor- und Graziosa-Fahrradwerken testete er neue Werkstoffe wie Bambus, baute einen Kardanantrieb und entwickelte schon 1893 ein ovales Kettenrad ("Weckenrad"), das - verbaut in einem 13,5 kg schweren Halbrenner - dem Wieners Georg Zachariades bei der Semmering-Bergmeisterschaft einen Sieg in Rekordzeit einbrachte.

Am 12. Mai 1898 nahm ihre gemeinsame Firma die Tätigkeit offiziell auf, als offene Handelsgesellschaft wurde sie unter dem Namen "Fram-Fahrradwerke Cless & Plessing" am 8. Juni handelsgerichtlich eingetragen. Die Prokura erhielt der Grazer Radpionier und Sportschriftsteller Max Kleinoscheg (geb. 1862), der als Vertrauensmann von Cless die operative Leitung übertragen bekam. Am 1. August vermeldete man die Fertigstellung des Fabriksneubaus nach den Plänen von Architekt Josef Bullmann.  

Eröffnet wurde der Betrieb, in dem 60 Arbeiter und Angestellte beschäftigt waren, am 1. Oktober 1898. Aus  Markenschutzgründen kam der Name "Fram" vermutlich nie zum Einsatz. Die ersten Räder liefen unter "Cless & Plessing", auch die Bezeichnung "Noricum" und "Noricumwerke" wurde von Anfang an verwendet. 

Im ersten Hauptkatalog 1899 wurden die Vorzüge des kettenlosen Fahrrades genau erklärt ("In vollster Überzeugung, dass dem kettenlosen Fahrrade ... allein die Zukunft gehört") und die Qualität des für Fram-Räder verwendeten Materials - etwa „Ia Mannesmannrohre" für den Rahmen - betont. Angeboten wurden ein Herren- und ein Damenmodell in jeweils drei Größen. Außerdem waren zwei Modelle "Noricum" (Herren- und Damenrad) im Programm. Wie einer erhaltenen Rechnung von August 1899 zu entnehmen ist, kostete das Noricum Mod. I 240 Gulden. Zum Vergleich: Ein Lehrer verdiente damals im Jahr etwa 500 Gulden.

Im Gegensatz zur Grazer Konkurrenz, die den Kardanantrieb in Lizenz nach dem 1895 vorgestellten Alcatène Métropole/Paris fertigte, entwickelte Rudolf Plessing die Externe Verknüpfung Antriebseinheit selbst, allerdings in Anlehnung an das französische Vorbild. In der Fertigung wurden englische und amerikanischen Spezialmaschinen eingesetzt. Die ersten Modelle wurden auf der Fahrradmesse in Leipzig Publikum und Händlern mit einigem Erfolg vorgestellt. In Wien war Karl Schug der Vertreter, in Agram Josef Droftinca, In Lemberg W. Lukasiewicz, in Tirol bewarb man die kettenlosen Modelle mit "spielend leichter Lauf, bestes Bergrad".

Die verwendeten Werbemittel waren durchaus bemerkenswert: Die Plakate, Inserate und Bildpostkarten trugen ästhetisch ansprechende und witzig gemachte Jugendstil-Sujets, entworfen von Spitzenleuten der aufblühenden Gebrauchsgrafik wie Fritz Schön und Brynolf Wennerberg; man verstand sich auch schon auf Product Placements, z.B. 1900 beim Besuch des Kaisers in Görz, als abwechselnd vier Bürger in Tracht auf blumengeschmückten Noricum-Rädern den Wagen begleiteten und damit mediale Aufmerksamkeit fanden.  



Echte Hingucker ...
Echte Hingucker ...
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Noricum-Werbeplakate ...
Noricum-Werbeplakate ...
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 aus der Zeit um 1900
aus der Zeit um 1900
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Noricum Mod. I
Noricum Mod. I
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Damenrad 1899
Damenrad 1899
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Rechung 1899
Rechung 1899
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Freilauf, Rücktritt und Gangschaltung

Doch die Goldgräber-Ära in der Fahrradbranche war knapp vor der Jahrhundertwende schon vorbei, und der Marktauftritt mit den Kettenlosen erfolgte zu einer Zeit, als andere Hersteller am Platz diese Neuerung schon im Programm hatten. Wie Cless-Sohn Max in der Firmen-Chronik schreibt, musste man zudem bald erkennen, dass die Nachfrage nach den teureren Chainless, vor allem bedingt durch billigere Importe aus Deutschland, zu gering war, um rentabel produzieren zu können. 

Im April 1899 vermeldete man die Fertigstellung des tausendsten Fahrrades, dürfte aber schon auf Lager produziert haben, worauf die Rahmennummer 716 bei einem im August ausgelieferten Noricum Mod. I hindeutet. Cless musste Eigenkapital nachschießen, schon im Jahre 1900 wurde der Belegschaftsstand halbiert. Der schlechte Geschäftsgang zwang die Unternehmensleitung, sich nach einem anderen Standbein umzusehen und fand dieses in der Produktion von Zahnrädern und Getrieben.

Eine Ankündigung des Katalogs 1902 im "Radfahr-Sport" will glauben machen, Cless & Plessing habe die trostlose Lage der Branche übertaucht, verfüge über reichlich Aufträge und neue tüchtige Vertreter auch im Ausland. In Wien war Karl Schug Hauptvertreter. Man verbreiterte das Programm und baute nun auch Räder mit Kette, dem gewerblichen Kundenkreis offerierte man ein (kettenloses) Transportdreirad und setzte auf Motorisierung: Im Sommer 1902 wurde das erste Motorrad hergestellt, mit dem zwar durch Ernst Bittner einige sportliche Erfolge eingefahren werden konnten, das aber nie in Serie ging, weil die dafür notwendigen Investitionen nicht bewältigbar schienen.

1903 wurde das „Noricum kettenlos" als Neuheit in Österreich-Ungarn nach dem Patent des Marineingenieurs Josef Schaschl (Pola) mit während der Fahrt wechselbarer Übersetzung sowie Freilauf und Rücktrittnabenbremse angeboten: Mittels Schalter am Oberrohr (bei Damenrädern mittels Seilzug vom Gubernal) konnten die Kegelräder gewechselt werden, d.h. man verfügte über eine Zwei-Gang-Schaltung. Offeriert wurden die drei Übersetzungsvarianten 100:62, 90:56 sowie 80:51. Ein Patent, das übrigens nicht ganz neu war: es stammte aus 1897, wurde 1899 von den
B. Albl Meteor Fahrradwerke gekauft und wanderte dann an Cless & Plessing. 





Universalrad mit ...
Universalrad mit ...
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... wechselbaren Kegelrädern
... wechselbaren Kegelrädern
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Patent Schaschl
Patent Schaschl
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Inserat Noricum-Motorzweirad
Inserat Noricum-Motorzweirad
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Heutige Zahnradfabrik Kumera
Heutige Zahnradfabrik Kumera
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Draisgasse
Draisgasse
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Standort überlebte mehrere Krisen
Im Jahr darauf, 1904, kam es aufgrund des katastrophalen Jahresabschlusses in der Fahrrad- und Motorradabteilung zum Zerwürfnis zwischen Heinrich Cless, seinem Sohn Fritz, der seinem Vater nachfolgte, und Rudolf Plessing. Plessing wurde vorgeworfen, das Fahrradgeschäft vernachlässigt zu haben, worauf dieser Ende 1904 aus dem Unternehmen ausschied und in einem Schiedsgerichtsverfahren seine Anteile verlor. Fritz Cless, nunmehr Alleininhaber, entschied sich, die Fahrraderzeugung einzustellen und sich ganz auf die Zahnrad- und Getriebefertigung zu konzentrieren. Vor allem im Zuge der Elektrifizierung der Bundesbahnen erfuhr diese Sparte dann tatsächlich einen Aufschwung.

1906 landete das Unternehmen mit den noch lagernden Fahrradteilen einen nachträglichen kleinen Erfolg: Aus den Stahlrohrbeständen fertigte man 5.000 „Leobener Stahlrodeln" für das Wiener Sporthaus Mitzi Langer.

Zur weiteren Firmengeschichte: Während beider Weltkriege war das Unternehmen in der Rüstungsproduktion aktiv, zweimal - 1928 und 1992 - schlitterte es in die Insolvenz. 1992 kaufte die deutsche Firma Kachelmann GesmbH den Betrieb, der 2000 vom finnischen Unternehmen Kumera Drives Oy übernommen wurde. Die Fabrik in der Raiffeisenstraße firmierte nunmehr unter Externe Verknüpfung 
Kumera Antriebstechnik GmbH und setzte 2011 mit 50 Mitarbeitern 6,7 Mio. Euro um. Erzeugt wurden Maschinen für die Metallerzeugung, Walzwerkseinrichtungen und Gießmaschinen sowie Sondergetriebe und Zahnräder. In jüngerer Vergangenheit erfolgte eine weitere Spezialisierung auf Getriebeeinheiten.

Was das Schicksal der Protagonisten Cless, Plessing und Kleinoscheg betrifft, blieb nur Prokurist Max Kleinoscheg bis ins hohe Alter - er starb im 79. Lebensjahr 1940 - dem Fahrrad treu. Rudolf Plessing fuhr Motorradrennen und trat dem neu gegründeten Steiermärkischen Automobilclub bei. Er ging zu Böhler nach Kapfenberg und übernahm dort die Artilleriewerkstätte, wo er Geschütze konstruierte. Er lebte bis 1938 und seine sterblichen Überreste ruhen am Kapfenberger Stadtfriedhof. Widerpart Fritz Cless (geb. 1878) überlebte seinen 1910 verstorbenen Vater Heinrich nur um sechs Jahre. Der letzte Spross der Industriellenfamilie, Max, starb 1952. Das Familiengrab der Cless befindet sich - wie auch die letzte Ruhestätte Kleinoschegs - am Evangelischen Friedhof Graz-St. Peter.

Literatur und Quellen

Max CLESS, 50 Jahre Noricumwerke Cless Graz 1898-1948
Ilse WIESER, Taliman E. Sluga, "Macht Platz, Fahrrad kommt!", Geschichte und Geschichten zum Radfahren in Graz, Fahrrad-Geschichtswerkstatt Graz 1999
Amtsblatt der Wiener Zeitung 24.01.1899, 248 (Patent Schaschl)
Allgemeine Automobil-Zeitung 22.5.1904, 21
Allgemeine Sport-Zeitung 7.10.1900, 1112 (Kaiser in Görz)
Innsbrucker Nachrihcten 30.3.1899, 7 (Inserat)
Mittheilungen des Oesterreichischen Touren-Club (Oe.-T.-C .) Nr. 7/1903, 4f
Radfahr-Sport 31.1.1902, 21 (Ankündigung Katalog)
Wiener Sport-Tagblatt 5.9.1935, 5 ("Weckenrad")
Wiener Zeitung 18.6.1898, 27, Firma-Protokollirungen
Stadtarchiv Graz, Gewerbeakten Cless & Plessing, Recherchen Gernot Fournier (1999)
Bicycle Archiv Ulreich Mitteilungen und Informationen 3/93, Graz - das österreichische Coventry, Teil 2
Kaiserliches Patentamt Patentschrift Nr. 118302/ Klasse 63A, Vorrichtung zum abwechselnden Kuppeln zweier auf einer Welle sitzender Zahnräder eines Wechselgetriebes, inbes. für Fahrräder, 4.3.1901 (patentiert im Deutschen Reiche 1.4.1900)
Firmendatenbank Kreditschutzverband von 1870

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